Pressemitteilung für "Unterm Strich. Karikatur und Zensur in der DDR"
Eine Ausstellung der Stiftung Haus der Geschichte / Zeitgeschichtliches Forum Leipzig
Erstpräsentation im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig 22. April bis 16. Oktober 2005
"Eine gute Pointe muss eben sitzen!" Diese Faustregel jeder Satire hatte in der DDR einen Hintersinn, den der Berliner Zeichner Manfred Bofinger 1970 in einer Karikatur unverblümt offenbarte: Er legte den Satz einem Sträfling in den Mund und spielte so darauf an, dass die wirklich treffenden Pointen in der SED-Diktatur nicht erlaubt waren – kein Wunder, dass auch die Zeichnung selbst unveröffentlicht blieb. Gleichwohl fanden Karikaturen gerade in der DDR ein großes Publikum. Ausstellungen zogen in den 1980er Jahren sogar Zehntausende Besucher an, weil sie zum Thema machten, was die staatlich gelenkten Medien verschwiegen. Die Wanderausstellung "Unterm Strich. Karikatur und Zensur in der DDR” bietet mit Zeichnungen, Dokumenten und Filmen einen unterhaltsamen Gang durch die Geschichte der DDR.
Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus ist in Deutschland das Bedürfnis nach kritischen Karikaturen groß. Satirezeitschriften nehmen Traditionen der 1920er Jahre auf. Auch in der DDR sind Karikaturen beliebt. Die Machthaber nutzen sie für ihre Propaganda. Seit den 1950er Jahren entstehen ungezählte Feindbilder, gerichtet gegen Gegner im In- und Ausland. "Zerrbilder" malen das westliche Leben in düsteren Farben, "Wunschbilder" verherrlichen den "Sozialismus". Die Funktionäre nehmen Anstoß an kritischen Karikaturen, verbieten die Veröffentlichung und bestrafen die Verantwortlichen. Mit typischen Propagandazeichnungen zeigt die Ausstellung das stereotype Weltbild der SED. Zahlreiche Beispiele beanstandeter oder verbotener Karikaturen veranschaulichen die Grenzen des Erlaubten und dokumentieren die Willkür der Zensur. "Schubladenarbeiten", die nicht veröffentlicht werden konnten, verweisen auf die allgegenwärtige "Schere im Kopf".
Doch die Menschen in der DDR wollen Karikaturen sehen, welche die Probleme beim Namen nennen. Seit den 1970er Jahren decken die Zeichner immer offener den Gegensatz zwischen Anspruch und Wirklichkeit im Land auf. In Ausstellungen sind Blätter zu sehen, die den Alltag aufs Korn nehmen: Mängel der Planwirtschaft, Willkür der Behörden, soziale Probleme, Umweltzerstörung und Sorgen um den Frieden. Die Wanderausstellung "Unterm Strich” gibt diesen Zeichnungen, die versteckte, aber oft auch erstaunlich deutliche Kritik üben, breiten Raum. Sie erinnert an die legendären Karikaturenausstellungen in Berlin, Leipzig und Greiz.
Friedens- und Umweltthemen greifen auch Oppositionsgruppen in der DDR auf. In ihren Untergrundzeitschriften erscheinen viele Zeichnungen mit mutiger Kritik, welche die Ausstellung erstmals angemessen würdigt. Im Herbst 1989 bricht sich der Unmut Bahn. Nach dem Ende des SED-Regimes zeichnen viele Künstler aktuelle Karikaturen. Kritisch kommentieren sie den Ruf nach der deutschen Einheit, skeptisch begleiten sie den Prozess der Vereinigung im Jahr 1990. In der Ausstellung sind ausgewählte Karikaturen des Umbruchs zu sehen, die oft überraschend aktuell wirken.
"Unterm Strich” gibt tiefe Einblicke in Wesen und Wirklichkeit der SED-Diktatur. Wer die DDR erlebt hat, wird vieles wiedererkennen, wer nicht, kann vieles besser verstehen. Schmunzelnd Geschichte erleben!
Buch zur Ausstellung
Unterm Strich. Karikatur und Zensur in der DDR, hrsg. v. Stiftung Haus der Geschichte, Leipzig 2005, 19,90 Euro.