06 - Wirtschaftspolitik im 'real existierenden Sozialismus'
Anspruch und Wirklichkeit
Das bessere Leben im Sozialismus ist zwar in der Propaganda allgegenwärtig, wird jedoch im Alltag immer wieder infrage gestellt. Walter Ulbricht kündigt auf dem VI. Parteitag 1963 den Beginn einer Wirtschaftsreform an: das "Neue Ökonomische System" der Planung und Leitung der Volkswirtschaft (NÖSPL). Mehr Verantwortung und materielle Anreize sollen Arbeiter und Betriebsleitungen stärker motivieren. Die Produktpalette in den Geschäften erweitert sich durch Erzeugnisse der Chemieindustrie und technische Haushaltsgeräte.Die Einbeziehung der Frauen in die »gesellschaftliche Produktion« gilt seit Gründung der DDR als der wichtigste Schritt zur Gleichberechtigung. Neben ideologischen Überzeugungen ist die Integration der Frau in den Arbeitsprozess aber auch ökonomische Notwendigkeit. Vor dem Hintergrund anhaltenden Arbeitskräftemangels startet die SED-Regierung in den sechziger Jahren eine Bildungsoffensive, unter anderem mit Frauenförderungsplänen und der Einführung des Frauensonderstudiums 1963 für berufstätige Mütter. Am traditionellen Frauenbild und Rollenverständnis ändert sich in dieser Zeit auch in der DDR nur wenig. 1971 löst Erich Honecker Walter Ulbricht in der Leitung von SED und Staat ab. Honecker verspricht auf dem VIII. Parteitag 1971 die »Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik«. Eckpfeiler der neuen Politik sind sozialpolitische Maßnahmen und der Wohnungsbau, doch die Reformansätze zeigen nur kurzfristig Wirkung.Häufige Versorgungsengpässe und schlechte Qualität verdeutlichen immer mehr die desolate Wirtschaftslage - Anspruch und Wirklichkeit klaffen weit auseinander. Die SED bietet Waren aus westlichen Industrieländern gegen Devisen in Intershops und zu überhöhten Preisen in Delikat- und Exquisit-Geschäften an. Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung nimmt zu.




