09 - Prager Frühling und Opposition in der DDR

    Protest und Suche nach Alternativen


    Realität und Verheißungen des DDR-Sozialismus klaffen immer weiter auseinander. Enttäuscht suchen kritische Künstler und Intellektuelle in den siebziger Jahren nach einem anderen Weg. Robert Havemann, Altkommunist, Chemiker und Philosoph, kämpft für einen »demokratischen Sozialismus« und wird zu einer Symbolfigur der DDR-Opposition. Die SED ist jedoch nicht bereit, kontroverse Diskussionen im Land zuzulassen. Sie reagiert hart auf die öffentliche Kritik, erteilt Havemann Berufsverbot und verhängt Hausarrest. Prominente Künstler und Schriftsteller protestieren und werden zur Strafe ausgebürgert oder verlassen freiwillig das Land. Sie wollen sich nicht länger von den SED-Funktionären gängeln lassen.Der evangelische Pfarrer Oskar Brüsewitz verbrennt sich 18. August 1976 auf dem Marktplatz von Zeitz. Er will damit ein Zeichen setzen gegen die politischen Verhältnisse in der DDR, speziell gegen die atheistische Jugenderziehung, und für eine stärkere Opposition seiner Kirche gegen das repressive System des Staates. Seine Tat löst eine heftige Diskussion unter den evangelischen Landeskirchen aus, die sie zur Reflexion ihrer politischen Haltung zwingt. Auf die Forderung des Staates, Brüsewitz als Psychopathen hinzustellen, gehen nur wenige Theologen ein, die Mehrheit stellt sich auf die Seite des Oppositionellen. Die Spannungen zwischen Staat und Kirche nehmen weiter zu.Der Liedermacher Wolf Biermann erfährt von seiner Ausbürgerung während einer Tournee durch die Bundesrepublik am 16. November 1976. Gegen diesen Akt staatlicher Willkür protestieren nun auch viele Künstler, die bisher nicht im Widerspruch zur SED standen. Es ist der erste offene Protest ostdeutscher Intellektueller seit den fünfziger Jahren.

     

    Friedens- und Umweltgruppen

    Anfang der achtziger Jahre spitzt die Kontroverse um die Stationierung von Mittelstreckenraketen in Europa die Gegensätze zwischen den Militärblöcken zu. Die SED versucht, alle Lebensbereiche - vom Kindergarten bis zum Betrieb - in der DDR zu millitarisieren. Dagegen protestieren Wehrdienstverweigerer und unabhängige Friedensgruppen: »Schwerter zu Pflugscharen« wird zum Symbol für diese Bürgerbewegung und ihre Forderung nach glaubhaften Abrüstungsschritten.Für die Partei- und Staatsführung der DDR hat die ökonomische Entwicklung eindeutig Vorrang vor Fragen des Umweltschutzes. Landeskulturgesetz, Umweltministerium und SED-Propaganda verdecken nur die Probleme der Verschmutzung von Luft, Boden und Wasser. Angesichts der zunehmenden Umweltverschmutzung bilden sich Gruppen, die auf die desolate Umweltsituation aufmerksam machen wollen und so die staatliche Geheimhaltung unterlaufen.Die SED-Führung sieht in beiden Bewegungen eine erneute Kampfansage der Systemkritiker. Sie diskriminiert und verfolgt die »Störenfriede«, die mit Hilfe einiger engagierter Pfarrer ein Forum für ihre Arbeit unter dem Dach evangelischer Kirchengemeinden finden.





     

    Hoffnung auf "Glasnost" und "Perestroika"

    Die Reformpolitik Michail Gorbatschows bietet ab Mitte der achtziger Jahre die Chance für eine Öffnung in der Sowjetunion und eine Demokratisierung in den mittelosteuropäischen Staaten. In Polen, wo seit 1980 die Gewerkschaft »Solidarnosc« zur Massenbewegung heranwächst, ist der Reformdruck am größten. Hier tritt sogar die Opposition im Frühjahr 1989 in die Regierung ein. In Prag klagt die Bürgerrechtsbewegung Charta 77 die in der KSZE-Schlussakte versprochenen Freiheiten ein. Auch in der DDR knüpfen viele Menschen die Hoffnung auf Reformen und auf eine politische Veränderung an diese Entwicklung. Reisen in die Reformländer des Ostblocks verstärken den Trend. Da die SED sie nicht gänzlich verbieten kann, werden sie zu einem heiklen Problem für das DDR-Regime.Die SED ist jedoch weiterhin unfähig, Reformen zuzulassen, ihre Führung weigert sich starrköpfig, mit politisch Andersdenkenden zusammenzuarbeiten: Bei der traditionellen Demonstration zu Ehren von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht verhaftet die Staatssicherheit im Januar 1988 Gegendemonstranten, die Meinungsfreiheit in der DDR einfordern. Im Herbst desselben Jahres verbietet die Zensur kritische sowjetische Zeitschriften und Filme, zum Beispiel die viel gelesene Zeitschrift Sputnik. Das harte Vorgehen der Staatssicherheit gegen die Druckerei der Ost-Berliner Umweltbibliothek löst schließlich eine Protestwelle in Ost und West aus. Das Drucken und Verbreiten von Untergrundpublikationen, nach dem russischen Begriff für im Selbstverlag erschienene Literatur Samisdat genannt, kann trotz aller Restriktionen nicht mehr verhindert werden.

     

    Lageplan: 9. Ausstellungseinheit
    Nach der Ausbürgerung von Wolf Biermann 1976 kehren zahlreiche Künstler der DDR den Rücken.
    "Waffen" des Protests: Gitarre und Schreibmaschine des Liedermachers Wolf Biermann
    Protest gegen die Militarisierung: zur Pflugschar umgeschmiedetes Schwert und Jacke mit dem Aufnäher "Schwerter zu Pflugscharen"
    Demonstrant mit Gorbatschow-Portrait am 1. Mai 1989 in Ost-Berlin
    Foto: © K. Kriegel
    Bildnachweise ein-/ausblenden
    Rechts oben: © Punctum/Bertram Kober
    Rechts Mitte oben: © Punctum/Bertram Kober
    Rechts Mitte unten: © Punctum/Bertram Kober
    Rechts unten: © K. Kriegel