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    11 - Friedliche Revolution 1989

    Zuspitzung der Krise

    Der desolate Zustand der Wirtschaft in der DDR mit katastrophalen Folgen für Produktivität, Umwelt und für die Gesundheit der Menschen lässt sich in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre nicht mehr verheimlichen. Im Mai 1989 weisen Oppositionelle erstmals die Fälschung einer Kommunalwahl nach und verstärken damit die innenpolitische Krise. Zudem haben sich die außenpolitischen Rahmenbedingungen für die DDR grundlegend verändert. Im Juni 1989 bestätigt Gorbatschow in einer "Gemeinsamen Erklärung" mit der Bundesregierung das Recht jedes Staates, "das eigene politische und soziale System frei zu wählen".

    In der DDR spitzt sich die wirtschaftliche Entwicklung unter dem Eindruck einer zerstörten Umwelt und zerfallender Innenstädte zu. Tausende Ostdeutsche versuchen, über die österreichisch-ungarische Grenze in den Westen zu gelangen. Der "sozialistische Bruderstaat" Ungarn ist nicht mehr bereit, die rasch anschwellende Menschenflut aufzuhalten. Ab dem 2. Mai 1989 bauen ungarische Soldaten die Grenzbefestigungsanlagen ab. Im September gehen an sechs Grenzübergängen nach Österreich die Schlagbäume hoch. Tausende verlassen die DDR, allein in die Prager Botschaft der Bundesrepublik Deutschland haben sich circa 7.000 Menschen geflüchtet. Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) erreicht in einer dramatischen Aktion ihre Ausreise in den Westen. In einem Sonderzug über Dresden passieren sie unkontrolliert das Gebiet der DDR.

     

    Gleichzeitig wachsen Opposition und Widerstand in der gesamten DDR. Keimzellen der Demonstrationen sind die wöchentlichen Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche und in zahlreichen anderen Kirchen der DDR. Das DDR-Regime versucht, diese Proteste zu unterdrücken. Viele Demonstranten werden verhaftet, doch das Regime erlebt einen raschen Autoritätsverfall. Im September 1989 formiert sich das "Neue Forum" (NF). Weitere Gruppen kommen hinzu: die Bürgerbewegungen "Demokratie jetzt" (DJ) und "Demokratischer Aufbruch" (DA) und am 7. Oktober 1989 die "Sozialdemokratische Partei in der DDR" (SPD).

     

    Scheinbar ungerührt von diesen Entwicklungen feiert die SED am 7. Oktober den 40. Jahrestag der Gründung der DDR mit Jubelfesten und Paraden. Auch der sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow ist unter den Gästen. Er fordert die SED-Führung zu Reformen auf. Während des Festaktes der SED-Führung im "Palast der Republik" demonstrieren ganz in der Nähe zahlreiche Menschen gegen das SED-Regime. Die Demonstrationen greifen auf zahlreiche Städte über.

     

    Friedliche Revolution

    Die Ereignisse überschlagen sich. Am 9. Oktober demonstrieren in Leipzig mehr als 70.000 Menschen friedlich. Sie rufen "Wir sind das Volk!" und "Keine Gewalt!". Die SED beabsichtigt mit Härte zu reagieren, doch die sowjetische Staatsführung versagt die Unterstützung für eine gewaltsame Zerschlagung der Demonstration. Die Sicherheitskräfte greifen nicht ein - der gewaltlose Verlauf der Demonstration wird an diesem Abend zum Fanal für die friedliche Revolution. Am 16. Oktober demonstrieren in Leipzig bereits mehr als 100.000 Menschen gegen die SED-Herrschaft und auch in vielen anderen Städten der DDR gehen Menschen dafür auf die Straße.Am 18. Oktober gibt Erich Honecker auf. Egon Krenz übernimmt das Amt des Staatsratsvorsitzenden. Die Menschen sind enttäuscht, denn er gilt als "Kronprin" Honeckers. Am Vorabend seiner Ernennung demonstrieren 300.000 Leipziger. Sie fordern freie Wahlen, Presse-, Meinungs-, Versammlungs- und Reisefreiheit. Schnell wächst die Zahl der Menschen, die für ihre Forderungen auf die Straße gehen. Die neu entstandenen Parteien und politischen Gruppen werden zu Hoffnungsträgern für diejenigen, die für Reformen in der DDR eintreten.

     

    Mauerfall

    Am 4. November 1989 versammeln sich fast eine Million Menschen zu einer genehmigten Kundgebung auf dem Alexanderplatz in Ost-Berlin. Sie fordern Reformen in der DDR. Vier Tage später tritt das Politbüro geschlossen zurück. Bei der Neuwahl wird das Gremium von 21 auf 11 Mitglieder verringert. Die wichtigsten Repräsentanten der Honecker-Ära sind gestürzt. Am 9. November 1989, um 18:57 Uhr, stellt sich Günter Schabowski, Mitglied des Politbüros, der Presse und verliest stockend "von einem Zettel, den mir jemand zugesteckt hat", wie er später bekennt, einen Beschluss des Ministerrats: "Privatreisen nach dem Ausland können ohne Voraussetzungen (...) beantragt werden (...). Ständige Ausreisen können über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD beziehungsweise zu Berlin (West) erfolgen." Die Weitergabe der Nachricht ist von der DDR-Regierung nicht autorisiert, sie sollte erst am Morgen des 10. November veröffentlicht werden.Die überraschende Meldung verbreitet sich blitzartig im ganzen Land. Noch in der Nacht eilen Tausende an die Mauer in Berlin. Ohne Befehl öffnen Grenzsoldaten die Übergänge und in einem Freudentaumel ohnegleichen fallen sich fremde Menschen aus Ost und West in die Arme. Am Wochenende setzt sich eine Menschenflut in Bewegung. In endlosen "Trabi"- und "Wartburg"-Schlangen fahren sie in die Bundesrepublik und nach West-Berlin zu ihren Verwandten oder zu einem Bummel in die "Einkaufsparadiese". Jeder bekommt 100 DM "Begrüßungsgeld" der Bundesrepublik.

     

    Ende der SED-Herrschaft

    Am 13. November 1989 wählt die Volkskammer - zum ersten Mal in geheimer Abstimmung - einen neuen Präsidenten: Günther Maleuda. Ministerpräsident wird der Dresdner SED-Bezirkssekretär Hans Modrow. In seiner Regierungserklärung kündigt er tiefgreifende Reformen und eine Vertragsgemeinschaft mit der Bundesrepublik an. "Gefährlichen Spekulationen über eine Wiedervereinigung" erteilt er eine deutliche Absage. Der Ruf nach Wiedervereinigung wird jedoch immer lauter. Bürgerräte, Runde Tische und erste unabhängige Zeitungen treiben die Demokratisierung voran. Unter dem Druck der Parteibasis tritt am 3. Dezember das Politbüro der SED unter Führung von Egon Krenz zurück, der drei Tage später auch als Staatsratsvorsitzender demissioniert. Mobilisiert durch die Meldung, die Staatssicherheit beginne mit der Vernichtung ihrer Unterlagen, treten die Bürgerrechtler am 4. Dezember zum Sturm auf Stasi-Dienststellen an. Mit der Auflösung des Staatssicherheitsdienstes verliert die SED die wichtigste Stütze ihrer Macht.Die Modrow-Regierung sucht nun, mit den bis dahin kriminalisierten Oppositionsgruppen ins Gespräch zu kommen. Am 19. Dezember treffen sich Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) und Ministerpräsident Hans Modrow zu Gesprächen in Dresden. Beide erklären sich bereit, einen "gemeinsamen Vertrag über Zusammenarbeit und gute Nachbarschaft" abzuschließen.

     

    Deutsche Einheit

    Zu einem besonderen symbolischen Akt wird am 22. Dezember 1989 die Öffnung des Brandenburger Tors, das 28 Jahre lang Sinnbild der deutschen Teilung gewesen war. Viele Demonstrationen gleichen mittlerweile einem Meer von schwarz-rot-goldenen Fahnen.

     

    Am 30. Januar 1990 reist Hans Modrow zu Gesprächen mit Michail Gorbatschow nach Moskau. Anschließend legt er seinen Plan über den "Weg zur deutschen Einheit" vor. Aus den Volkskammerwahlen vom 18. März geht die erste frei gewählte Regierung der DDR hervor. Eindeutiger Sieger mit 48 Prozent der abgegebenen Stimmen ist die Allianz für Deutschland, in der sich die CDU, die Deutsche Soziale Union (DSU) und der Demokratische Aufbruch (DA) zusammengefunden haben. Das Ergebnis ist ein klares Votum für die möglichst rasche Vereinigung mit der Bundesrepublik und die zügige Einführung der Sozialen Marktwirtschaft. Die Mehrheit der Menschen in der DDR will sich auf keine neuen wirtschaftlichen und sozialen Experimente einlassen.

     

    Am 12. April 1990 wählt die Volkskammer in Ost-Berlin den CDU-Politiker Lothar de Maizière zum Ministerpräsidenten. Er bildet eine große Koalition aus CDU, DSU, DA, SPD und den Liberalen. Lothar de Maizière fordert die Einheit mit "Tempo und Qualität", bei der die Ostdeutschen nicht das Gefühl bekommen dürften, Bundesbürger zweiter Klasse zu sein.

     

    Der Vertrag über eine Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion, der Einigungsvertrag sowie der Zwei+Vier-Vertrag regeln 1990 in rascher Folge die inneren und äußeren Bedingungen der deutschen Wiedervereinigung. Der Vereinigungsprozess wird von heftigen Auseinandersetzungen über Weg und Zeitplan begleitet. Volkskammer und Bundestag legen am 21. Juni 1990 die Endgültigkeit der deutsch-polnischen Grenze in ihrem bestehenden Verlauf fest. In einer Sondersitzung in der Nacht vom 23. auf den 24. August 1990 beschließt die Volkskammer mit 294 von 400 Stimmberechtigten den Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland. Am 12. September unterzeichnen die sechs Außenminister in Moskau den Zwei+Vier-Vertrag, der die äußeren Aspekte der deutschen Einigung verbindlich regelt und Gesamtdeutschland mit dem Tag der Vereinigung die volle Souveränität zurückgibt. Am 2. Oktober 1990 erlischt um Mitternacht die Gültigkeit der Berliner Deklaration vom 5. Juni 1945, mit der die Alliierten die Macht in Deutschland übernahmen.

     

    Am 3. Oktober 1990 tritt die Deutsche Demokratische Republik der Bundesrepublik Deutschland bei. Die erste gesamtdeutsche Bundestagswahl am 2. Dezember 1990 bestätigt das bisherige Regierungsbündnis aus CDU, CSU und FDP nun für ganz Deutschland. 1994 verlassen die letzten russischen Truppen Deutschland.

    Lageplan: 11. AusstellungseinheitSchildObjektObjekt
    Innenansicht
    Die Demonstrationsbewegung gegen das SED-Regime erfasst im Herbst 1989 die ganze DDR.
    Trabant
    Grenzöffnung: Ein Trabant-Fahrer reist mit dem umlackierten Kübelwagen der DDR-Grenztruppen durch Europa und die USA.
    Demontage
    Demontage des SED-Symbols am Gebäude des ehemaligen Zentralkomitees der SED.
    Foto: © W. Harre
    Aktenraum
    Stasi-Auflösung: In zahlreichen Orten entstehen Bürgerkomitees, die MfS-Gebäude besetzen und Akten sichern.
    Transparent
    Transparent der Montagsdemonstrationen: Mit dem Fall der Mauer wächst der Ruf nach Wiedervereinigung.
    Plakate
    Erste freie Wahlen in der DDR: Plakate zur Volkskammerwahl am 18. März 1990.
    DDR-Kiosk
    Zeitgeschichte in Schlagzeilen: In einem originalen DDR-Kiosk spiegeln Pressepublikationen die Ereignisse seit 1990.
    Bildnachweise ein-/ausblenden
    Fotos: © Punctum/Bertram Kober
    außer Foto "Demontage des SED Symbols": © W. Harre