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Der deutsche Michel

Der deutsche Michel spielt eine vergleichbare Rolle in der politischen Karikatur wie der britische John Bull, der amerikanische Onkel Sam und zum Teil auch wie die französische Marianne: er ist eine nationale Personifizierung, ein visuelles Symbol. Mehr als seine "Partner" spiegelt er die eigenen Vorstellungen der Deutschen über ihren Charakter wider.
Vom deutschen Michel sprechen, heißt, wie August Gerlach 1906 festgestellt hat, "einen Gang in die Geschichte unseres Volkes machen." Zum erstenmal taucht die Bezeichnung "deutscher Michel" 1541 auf. Seitdem begleitet er die Deutschen gleichsam als Etikette eigener Identität. Im Unterschied zu anderen Nationalsymbolen wird er international nie populär. Die Erfahrungen der Polen aus der Zeit des Kulturkampfes, der Franzosen aus dem Krieg 1870 und die Erinnerungen vieler Völker an den Verlauf der beiden Weltkriege stehen in einem eklatanten Widerspruch zur Gestalt Michels, eines friedliebenden, träumerischen Biedermanns. Das Bild des Deutschen im Ausland ist eher durch negative Stereotypen gekennzeichnet.
Der deutsche Michel ist ein ungewöhnliches Wesen. Im 16. Jahrhundert ist er das Symbol des einfachen, ungebildeten Bauern. Im 17. Jahrhundert wird er als Mensch, der nur seine Muttersprache kennt, zum Symbol des Kampfes gegen das Fremde und die höfische Kultur, zur Personifizierung der bürgerlichen Tugenden und des deutschen Patriotismus. Der deutsche Michel steht im Vormärz für den apolitischen Philister und während der Revolution 1848 für das um seine Rechte kämpfende Volk sowie für die Einheit Deutschlands. Nach dem Scheitern der Revolution aber ist er Symbol für die Opfer reaktionärer Politik.
Vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs wird Michel z.B. in der sozialdemokratischen Presse symbolisch als das von der Regierung geknechtete Volk gezeigt, das militaristische Politik und deutschen Imperialismus entschieden verurteilt. Derselbe Michel wandelt sich im August 1914 für die gleichen Sozialdemokraten zum Symbol der nationalen Einigkeit und des patriotischen Aufbegehrens. 1919 wird Michel in der Karikatur zum unschuldigen Opfer der Siegermächte stilisiert, die per Faustrecht den ungerechten Versailler Vertrag diktieren. Bald darauf nehmen ihn die Nationalsozialisten für sich in Anspruch, um ihn dann aus ihrer politischen Propaganda zu verbannen.
Rasch nach dem Krieg lebt der deutsche Michel in den Zeichnungen der Karikaturisten wieder auf und begleitet die deutsche Geschichte bis heute - diese virtuelle Ausstellung liefert einen eindrücklichen Beweis. Die Zeichnungen des Männchens mit der Zipfelmütze zeugen nicht nur von der Brauchbarkeit dieses Symbols, sondern auch von dem Bedürfnis nach eben dieser und keiner anderen nationalen Personifizierung: dem Bild des etwas tumben Männchens mit der Zipfelmütze.

Literaturhinweis:

Tomasz Szarota:
Der deutsche Michel.
Die Geschichte eines nationalen Symbols und Autostereotyps.
Osnabrück 1998.


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