03 - Herrschaftssicherung durch die SED

    "Aufbau des Sozialismus"

    Anfang der fünfziger Jahre propagiert die SED eine noch stärkere Anpassung an die Sowjetunion: Auf der II. Parteikonferenz im Juli 1952 verkündet SED-Generalsekretär Walter Ulbricht den planmäßigen Aufbau des Sozialismus. Die SED und die von ihr abhängigen Massenorganisationen versuchen, einerseits vor allem die Jugend zu vereinnahmen und andererseits auf die Kirchen Druck auszuüben.

    Gleichzeitig geht die Staatspartei in Zusammenarbeit mit der ehemaligen sowjetischen Besatzungsmacht mit Gewalt gegen alle vor, die Freiheit, Demokratie und die Einheit Deutschlands fördern. Schauprozesse und Terrorurteile belegen die Missachtung rechtsstaatlicher Prinzipien. Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS), das 1950 gegründet wird und dessen Aufgaben im Gesetz nicht näher beschrieben sind, wird "Schwert und Schild der Partei", kontrolliert alle Bereiche des Lebens und bekämpft mit oft kriminellen Methoden wirkliche und vermeintliche "feindliche Kräfte" innerhalb und außerhalb der DDR.

    Aufstand am 17. Juni 1953

    Der Tod des sowjetischen Diktators Josef Stalin im März 1953 und die Politik seiner Nachfolger verändern die Rahmenbedingungen für Walter Ulbrichts Herrschaft in der DDR. Wirtschaftliche Versorgungsmängel und das Fehlen politischer Demokratie erschüttern immer wieder das Land. Die tiefgreifende wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Krise ist unübersehbar. Die SED-Führung will den ökonomischen Problemen im Mai 1953 mit einem Gesetz zur Erhöhung der Arbeitsnorm um 10,3 Prozent begegnen. Die Regierung in Moskau drängt jedoch auf eine Rücknahme der SED-Beschlüsse, da sie darin den Grund der "äußerst unbefriedigenden Lage" in der DDR sieht. Sie zwingt das Politbüro zu einem einmaligen Schuldgeständnis und einem "Neuen Kurs". Am 11. Juni verspricht es im "Neuen Deutschland", die Preise zu senken, die Versorgung zu verbessern, die Kollektivierung der Landwirtschaft zu beenden, enteignete Betriebe zurückzugeben und die Kirchen nicht länger zu verfolgen. Von der Erhöhung der Arbeitsnorm rückt die DDR-Führung jedoch nicht ab. Insbesondere die Arbeiterschaft sieht sich durch die Beibehaltung der Normerhöhung bestraft.

     

    Die SED reagiert zu spät. Die Situation eskaliert: Am 15. und 16. Juni streiken die Bauarbeiter auf den Ost-Berliner Großbaustellen. Die Protestwelle ergreift am 17. Juni über Ost-Berlin hinaus große Teile der DDR und entwickelt sich zu einem landesweiten Aufstand gegen das SED-Regime. Neben der Rücknahme der Normerhöhung fordern die Demonstranten nun auch die Einheit Deutschlands und freie Wahlen. Sowjetisches Militär schlägt den Aufstand mit massiver Gewalt nieder und sichert die Macht der zunächst hilflosen SED-Führung. Die Propaganda in der DDR bezeichnet den Aufstand als »faschistischen Putsch«. In der Bundesrepublik wird der 17. Juni zum »Tag der deutschen Einheit«.

    Machtausbau

    Trotz der Kritik an seinem politischen und wirtschaftlichen Kurs treibt Ulbricht den "Aufbau des Sozialismus" voran. Gleichzeitig leitet 1956 der XX. Parteitag der KPdSU die Abrechnung mit Stalin ein. Diese Entwicklung verunsichert zwar zunächst die SED und gibt den Gegnern Ulbrichts wieder Auftrieb, doch kann dieser seine dogmatische Linie durchsetzen und über die innerparteiliche Opposition triumphieren.Die Machthaber der DDR propagieren mit hohem Aufwand die Zentralplanwirtschaft, besonders den Ausbau der Schwerindustrie. Große Projekte wie das Eisenhüttenkombinat Ost entstehen. Die SED feiert Mitte der fünfziger Jahre erste wirtschaftliche Erfolge. Der erste Fünfjahrplan, der 1955 endet, bringt eine Verdoppelung der Industrieproduktion, aber der Lebensstandard der Bevölkerung verbessert sich wegen der Vernachlässigung der Konsumgüterproduktion nur leicht. Im Zuge von Kampagnen und Zwangsmaßnahmen in der Landwirtschaft werden die verbliebenen Privatbauernhöfe in Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (LPG) gezwungen.Als Alternative zu Kommunion und Konfirmation werden ab 1954 "Jugendweihen" üblich, eine Idee des 1905 gegründeten deutschen Freidenkerverbandes. Im Mittelpunkt des Rituals steht das feierliche Gelöbnis: ein Bekenntnis zur DDR, zur Freundschaft mit der Sowjetunion, zum Sozialismus und zum schulischen Fleiß. Ziel aller Programme zur Bildung und Erziehung ist für die SED das "moralische Gesicht des neuen sozialistischen Menschen". Auch die Künste sollen diesem Ziel dienen. Im April 1959 fordert Ulbricht in Bitterfeld, einem der größten Chemiekomplexe der DDR, eine Verschmelzung von "Kopfarbeit" und "Handarbeit", von Kunst und Industrie. Unter dem Motto "Greif zur Feder, Kumpel!" versucht die SED, mit ihrem"Bitterfelder Weg" tatsächliche oder vermeintliche Talente aus der Arbeiterschaft für die Literatur zu mobilisieren. Der sozialistische Realismus gilt als verbindliche Kunstrichtung.

     

    Flucht

    Politischer Druck, Enteignung und Verzweiflung treiben viele Menschen, darunter zahlreiche Fachkräfte, Bauern und Jugendliche, dazu, Heimat und Eigentum aufzugeben. Die SED versucht, die wachsende Abwanderung aus der DDR zu stoppen, und verstärkt die Grenzsperren nach Westen. Sie lässt 1952 an der innerdeutschen Grenze eine Sperrzone errichten und zwingt viele Bewohner zur Umsiedlung. Wer dennoch in den Westen flüchten will, wagt es in Berlin: Die Vier-Mächte-Stadt ist das letzte Schlupfloch in die Freiheit. Bis 1961 fliehen fast drei Millionen Menschen aus der DDR. Dort fehlen sie merklich beim wirtschaftlichen Aufbau. Mit ihren Fähigkeiten und Fachkenntnissen bauen sie sich in der Bundesrepublik eine neue Existenz auf und tragen dort zum wirtschaftlichen Erfolg bei.

     

     

     

     

     

    Lageplan: 3. Ausstellungseinheit
    Die Verehrung Stalins erreicht nach Gründung der DDR ihren Höhepunkt.
    17. Juni 1953: Sowjetische Geschütze gehen zur Einschüchterung in Stellung, Panzer schlagen den Aufstand nieder.
    Interaktive Medienstationen machen die historische Atmosphäre nachvollziehbar.
    Der Sitzungstisch des SED-Politbüros aus dem Arbeitszimmer des DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck steht für die Zentralisierung der Macht in den 1950er Jahren.
    Propaganda für den ersten Fünfjahrplan 1950 – 1955
    Ideologie als Religionsersatz: 1954 führt die SED die Jugendweihe ein.
    An diesem Tisch sitzen 1956 in Storkow Abiturienten und halten Schweigeminuten für die Opfer des Ungarn-Aufstands ab. Sie werden der Schule verwiesen und fliehen in die Bundesrepublik.
    Das Notaufnahmelager in Berlin-Marienfelde ist erster Zufluchtsort für mehr als eine Million Ostdeutsche, die über Berlin in den Westen fliehen.
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    Alle Fotos: © Punctum/Bertram Kober