Presseinformation: "Flucht, Vertreibung, Integration" in Leipzig
"Flucht, Vertreibung, Integration"
Neue Wechselausstellung im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig
Winter 1945: Millionen Deutsche fliehen vor der heranrückenden Roten Armee: zu Fuß, mit Rungenwagen oder mit dem Schiff, über verschneite Straßen oder die Ostsee. Weitere Millionen Deutsche werden Opfer so genannter wilder sowie organisierter Vertreibungen vor und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Bilder und Berichte dieser Ereignisse prägen die kollektive Erinnerung in Deutschland bis heute.
Mehr als 1.000 Exponate veranschaulichen im Zeitgeschichtlichen Forum nicht nur das unmittelbare Geschehen von Flucht und Vertreibung, sondern stellen auch den vielfältigen Eingliederungsprozess der Menschen in ihrer neuen Heimat dar. Zeitzeugen schildern in Interviews ihre Erinnerungen an Flucht und Vertreibung wie auch ihre Lebenswege bis in die Gegenwart. Wahrnehmung und Rezeption des Themas in Literatur, Film und Wissenschaft werden in zahlreichen Medienstationen präsentiert.
Die Ausstellung, die mit großem Erfolg bereits im Haus der Geschichte in Bonn und im Deutschen Historischen Museum in Berlin gezeigt wurde, ist vom 1. Dezember 2006 bis 22. April 2007 im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig zu sehen. Der Eintritt ist frei.
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Die Ausstellung setzt einen Schwerpunkt auf Flucht und Vertreibung deutscher Bevölkerung, der chronologische Rahmen ist jedoch weiter gespannt: Zwangsumsiedlungen und Vertreibungen seit Anfang des
20. Jahrhunderts in Europa werden exemplarisch beleuchtet. Die Besucher erfahren, dass Millionen von Menschen von Flucht und Vertreibung zu verschiedenen Zeitpunkten und in unterschiedlichen Ländern betroffen waren. Kriege und Konflikte schaffen immer wieder den Rahmen und Voraussetzungen für Vertreibungen und Flucht. Deutlich wird das individuelle Leid, das damit für die einzelnen Menschen verbunden ist.
Flucht und Vertreibung
Die Präsentation verdeutlicht, dass Flucht und Vertreibung deutscher Bevölkerung am Ende des Zweiten Weltkriegs die zahlenmäßig größte erzwungene Bevölkerungsverschiebung des Jahrhunderts war. Zahlreiche Einzelbeispiele führen dies vor Augen: Zeitzeugen schildern in eigens für die Ausstellung geführten Interviews ihre Erfahrungen nicht nur während Flucht und Vertreibung, sondern bis in die Gegenwart. Einen weiteren biografischen roten Faden bilden die „Lebenswege”: Die Besucher können mit Hilfe einer Codekarte in der Ausstellung Einzelheiten zum Schicksal der Betroffenen erfahren.
Ein gesonderter Ausstellungsteil ist dem „Mythos Gustloff” gewidmet. Ein sowjetisches U-Boot versenkt am 30. Januar 1945 das bei der Evakuierung nach Westen mit Flüchtlingen überladene Schiff „Wilhelm Gustloff”. Die Nachwirkungen dieses Untergangs stehen exemplarisch für die Rezeption des Themas durch die Medien.
Ankunft und Integration
Eine Baracke des ehemaligen Flüchtlingslagers Furth im Wald symbolisiert die Situation der Flüchtlinge und Vertriebenen in der neuen „Heimat”. Viele befinden sich in einer dramatischen Lage. Krankheiten, mangelhafte Versorgung und schlechte Unterbringung bestimmen den Alltag. Auch die Konflikte mit der einheimischen Bevölkerung sind Thema der Ausstellung.
Politische Plakate machen deutlich, dass mit der Spaltung Deutschlands eine Veränderung auch für die Flüchtlinge und Vertriebenen einsetzt. In der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR dürfen Flüchtlinge und Vertriebene nicht als solche bezeichnet werden, sondern werden beschönigend „Umsiedler” genannt. Ab 1950 wird in den Statistiken selbst dieser Begriff getilgt. Dokumente belegen, dass die StaatssicherÂheit Treffen der „Umsiedler” bespitzelt. Dennoch beschäftigen sich Literatur und Theater in der DDR mit dem Leben der „Umsiedler”.
Ein Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf dem schwierigen und vielschichtigen Integrationsprozess von Flüchtlingen und Vertriebenen in der Bundesrepublik Deutschland. Die Ausstellung zeigt Erfolge wie auch Schwierigkeiten beim wirtschaftlichen Eingliederungsprozess und beleuchtet die Probleme im konfessionellen Bereich, wenn erstmalig seit mehreren hundert Jahren katholische oder protestantische Gläubige in Gebieten ankommen, die fast ausschließlich von der jeweils anderen Religionsgemeinschaft bewohnt werden.
Fotos, Lastenausgleichsakten und Flüchtlingsausweise dokumentieren staatliche Hilfen für Flüchtlinge und Vertriebene. In der Bundesrepublik entsteht aus Einheimischen und Neuankömmlingen ein neues Gemeinwesen. Für den Erfolg der Eingliederung sind viele Faktoren von Bedeutung: Hilfe des Staates ebenso wie Eigeninitiative. Die wirtschaftliche, soziale, politische und gesellschaftliche Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen verläuft je nach Herkunft, Alter und Bildungshintergrund verschieden. Exponate aus der Arbeitswelt und Produkte von traditionellen Flüchtlingsbetrieben, die in der neuen Heimat gefertigt werden, veranschaulichen die wirtschaftliche Eingliederung. Auch die Selbstorganisation dieser Bevölkerungsgruppe in Verbänden sowie Formen öffentlicher und musealer Erinnerung werden beleuchtet. Stellvertretend dafür stehen Teile einer so genannten „Heimatstube” aus Köln, die zahlreiche Erinnerungsobjekte von Breslauern präsentiert.
Kooperation und Konfrontation
Der Ausstellungsrundgang endet mit einem Ausblick auf die aktuelle Situation vor allem zwischen Deutschland und Polen bzw. der Tschechischen Republik. Kooperationsprojekte in Wissenschaft und Kultur sind ebenso Gegenstand der Präsentation wie die zum Teil heftigen öffentlichen Debatten in Polen und Deutschland über EntschädigungsÂleistungen oder das „Zentrum gegen Vertreibungen”. Eine Vielzahl von Exponaten und Filmdokumenten macht deutlich, dass dieses Thema seit den 1990er Jahren wieder verstärkt in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Auch die Ergebnisse der Studie „Flucht und Vertreibung aus Sicht der deutschen, polnischen und tschechischen Bevölkerung”, welche die Stiftung Haus der Geschichte im Vorfeld der Ausstellung beim Institut für Demoskopie Allensbach in Auftrag gab, werden vorgestellt. Im Ausgang öffnet die Ausstellung den Blick auf das aktuelle Weltgeschehen: Flucht und Vertreibung sind bis heute globales Schicksal für Millionen Menschen.
Ein umfangreiches Begleitprogramm ergänzt die Ausstellung. Der im Kerber-Verlag erschienene, reich illustrierte Begleitband ist im Museumsshop für 19,90 €, im Buchhandel für 26,90 € erhältlich.
Ausstellung (1.12.2006 – 22.4.2007)
„Flucht, Vertreibung, Integration”
Öffnungszeiten
Dienstag – Freitag 9–18 Uhr, Samstag/Sonntag 10–18 Uhr
Eintritt frei
Pressegespräch am 30.11.2006, 11 Uhr
Eröffnung am 30.11.2006, 19 Uhr, Eintritt frei
Informationen unter Tel. (03 41) 22 20-121 bzw. kosthorst(at)hdg.de
Medienanfragen richten Sie bitte an:
Dr. Daniel Kosthorst
Tel.: (03 41) 22 20-121
Fax: (03 41) 22 20-500