Gerhard Zwerenz geb. 1925

Gerhard Zwerenz ist ein deutscher Schriftsteller und kurzzeitig PDS-Politiker. Zwerenz studiert nach dem Krieg bei Ernst Bloch in Leipzig Philosophie und arbeitet in der DDR als Journalist. Zunehmend kritisch gegenüber dem SED-Regime siedelt er 1957 in die Bundesrepublik über, wo er als freier Schriftsteller arbeitet. Von 1994 bis 1997 ist er Bundestagsabgeordneter für die PDS. Zwerenz‘ Werk umfasst mehr als 100 Bücher und Schriften und wird vielfach kontrovers diskutiert.

  • 1925
    3. Juni: Gerhard Zwerenz wird in Gablenz/Sachsen als Sohn eines Ziegeleiarbeiters und einer Textilarbeiterin geboren. Nach der Volksschule absolviert er eine Lehre als Kupferschmied.
  • 1942
    Zwerenz meldet sich freiwillig zur Wehrmacht.
  • 1944-1948
    Er desertiert und kommt in sowjetische Gefangenschaft.
  • 1948-1950
    Zwerenz verpflichtet sich für zwei Jahre zum Dienst in der Deutschen Volkspolizei.
  • 1949-1957
    Mitglied der SED.
  • 1950/51
    Aufgrund einer Erkrankung an Tuberkulose wird Zwerenz vorzeitig aus dem Dienst bei der Deutschen Volkspolizei entlassen und hält sich in verschiedenen Sanatorien auf. Nach Ablegung der Sonderreifeprüfung wird er Dozent für Gesellschaftswissenschaften an der Ingenieurschule Zwickau.
  • 1952-1956
    Studium der Philosophie bei Ernst Bloch in Leipzig. In Leipzig freundet er sich mit Erich Loest und Wolfgang Harich an.
  • ab 1952
    Erste publizistische und lyrische Veröffentlichungen in der "Weltbühne", im "Sonntag" und für das Leipziger Kabarett "Die Pfeffermühle".
  • seit 1956
    Freiberuflicher Schriftsteller.
  • 1957
    Wegen kritischer Äußerungen gegen das SED-Regime wird Zwerenz aus der SED ausgeschlossen. Er entzieht sich seiner drohenden Verhaftung durch Flucht in die Bundesrepublik Deutschland.
  • ab 1957
    Zwerenz lebt in verschiedenen westdeutschen Städten unter anderem Linz/Rhein, München, Köln, Offenbach, Frankfurt/Main bis er sich schließlich im Taunus niederlässt. Auch in der Bundesrepublik wird er vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) observiert. Die Decknamen der Operativen Vorgänge (OV) des MfS gegen Zwerenz lauten "Subjekt", "Spinne", "Agent", "Dritter Weg", "Revisionist" und "Renegat". Er publiziert unter anderem unter den Pseudonymen Gert Gablenz, Peter Lauenheim, Leslie Markwart, Peer Tarrok und Gert Amsterdam.
  • 1959
    Veröffentlichung von "Die Liebe der toten Männer", einer romanhaften Gestaltung des Aufstandes vom 17. Juni 1953.
  • 1961
    Zwerenz verbucht erste Erfolge mit der Veröffentlichung der Essaysammlung "Ärgernisse - Von der Maas bis an die Memel", in der er sich über die Situation der Intellektuellen, die sich weder im Osten noch im Westen zu Hause fühlen, äußert.
  • 1962-1966
    Veröffentlichung des Essaybandes "Wider die deutschen Tabus" (1962), der Schriften "Gesänge auf dem Markt" (1962), "Heldengedenktage. Dreizehn Versuche, eine ehrerbietige Haltung anzunehmen" (1964) und einer biographischen Skizze über Walter Ulbricht. In den Werken zeigt sich die Enttäuschung des Ex-Kommunisten, der mit dem Kommunismus gebrochen hat und sich nun ausdrücklich als Sozialist versteht.
  • 1963
    Mitglied des PEN-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland.
  • 1966
    In der DDR wird Zwerenz als "Renegat" verurteilt, obgleich er selbst sein Werk immer noch als Teil der DDR-Literatur versteht und sich selbst als "Exil-Literaten" begreift. Seine größten Erfolge erzielt er allerdings mit bundesrepublikanischen Themen. Ein Bestseller wird "Casanova oder Der Kleine Herr in Krieg und Frieden". In der Gestalt des Helden Michel Casanova schildert Zwerenz den Typ des unangepassten Menschen in verschiedenen gesellschaftlichen Systemen. Das Buch wird vor allem in der Studentenbewegung ein Erfolg.
  • 1968
    In den folgenden Jahren wird die Sexualität in Zwerenz Veröffentlichungen zum Hauptthema, so stilisiert er in "Erbarmen mit den Männern. Roman vom Aschermittwochsfest und den sieben Sinnlichkeiten" die Sexualität zur "revolutionären Kraft".
  • 1971
    Von der Konzentration auf das Thema Sexualität rückt Zwerenz mit dem Roman "Kopf und Bauch", der Geschichte eines Arbeiters, der unter die Intellektuellen gefallen ist und mit dem Essayband "Der plebejische Intellektuelle", ab.
  • 1973
    Veröffentlichung des viel diskutierten Buches "Die Erde ist unbewohnbar wie der Mond", einer Kritik der Lebensverhältnisse in der Bundesrepublik. Das Buch wird zum Skandal, weil Zwerenz darin die Figur eines jüdischen Grundstücksspekulanten schildert. Dem Autor wird, ebenso wie später Rainer Werner Fassbinder, der das Buch als Vorlage für sein Stück "Der Müll, die Stadt und der Tod" nutzt, Antisemitismus vorgeworfen.
  • 1974
    Publikation von "Der Widerspruch. Autobiographischer Bericht". Darin beschreibt er seine Kindheit in der großväterlichen Ziegelei. Auszeichnung mit dem Ernst-Reuter-Preis.
  • 1975
    Sein Talent, unmittelbar auf aktuelle Ereignisse zu reagieren und geschickt Fakten und Fiktion zu vermischen, beweist er mit "Die Quadriga des Mischa Wolf", einem Bericht über die Agentenaffäre Guillaume. Veröffentlichung der Schriften "Der politische Zwerenz" und anschließend "Der erotische Zwerenz".
  • 1981
    Um sein Konzept des "plebejischen Intellektuellen" zu verwirklichen, beschließt Zwerenz, fortan seine Werke nur noch als Taschenbücher zu veröffentlichen.
  • 1982
    Veröffentlichung von "Antwort an einen Friedensfreund oder längere Epistel für Stephan Hermlin und meinen Hund". Zwerenz tritt unter Protest aus dem Verband Deutscher Schriftsteller aus.
  • 1986
    Auszeichnung mit dem Carl-von-Ossietzky-Preis.
  • 1989
    Zwerenz veröffentlicht den Roman "Vergiss die Träume Deiner Jugend nicht".
  • 1990
    Seinen 65. Geburtstag nimmt der Vielschreiber Zwerenz, der mehr als 100 Bücher der unterschiedlichsten Genres veröffentlicht hat, zum Anlass, seine weitere Arbeit als Buchautor aufzukündigen: "Ich schreibe nicht mehr, ich gehe in Rente".
  • 1991
    Auszeichnung mit dem alternativen Büchner-Preis.
  • 1993/94
    Aufgebracht durch die Zunahme nationalistischen und neonazistischen Gedankenguts in Deutschland veröffentlicht er die politischen Schriften "Rechts und dumm?" (1993), eine Polemik gegen die "alte und neue Deutschtümelei" und "Links und lahm" (1994), ein kämpferisches Plädoyer für eine linke Alternative zur "reformbedürftigen SPD".
  • 1994
    Seine Kandidatur für die offene Liste der SED-Nachfolgepartei PDS bei den Bundestagswahlen erregt großes Aufsehen. Er selbst begründet diesen Schritt damit, dass ihm die SPD zu angepasst sei und die PDS - an der ihm auch so manches missfalle - zumindest Pluralismus garantiere. Oktober: Zwerenz wird als Parteiloser Mitglied des Deutschen Bundestages für die PDS.
  • 1997
    Januar: Zwerenz gehört zu den Mitunterzeichnern der "Erfurter Erklärung" von 34 namhaften Politikern, Gewerkschaftern, Schriftstellern, Künstlern und Theologen. Sie fordern ein Linksbündnis von SPD und Grünen ohne Ausgrenzung der PDS, um die Bundesregierung 1998 abzulösen. Die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen lehnt in der "Wörlitzer Erklärung" jede Zusammenarbeit mit der PDS ab. Mai: Gerhard Zwerenz kündigt an, bei den Bundestagswahlen 1998 nicht mehr für die PDS zu kandidieren.
  • 2004
    Veröffentlichung des Buches "Sklavensprache und Revolte".

 

(db/iz) © Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland
Stand: 04.09.2014
Text: CC BY NC SA 4.0

Empfohlene Zitierweise:
Blume, Dorlis/Zündorf, Irmgard: Biografie Gerhard Zwerenz, in: LeMO-Biografien, Lebendiges Museum Online, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland,
URL: http://www.hdg.de/lemo/biografie/gerhard-zwerenz.html
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