Günter Schabowski 1929 - 2015

Günter Schabowski ist SED-Funktionär, Mitglied im Politbüro des Zentralkomitees (ZK) der SED und DDR-Journalist. Aufgrund seiner steilen SED-Karriere gilt er zeitweise als potentieller Nachfolge-Kandidat für das Amt des SED-Parteichefs. Weltbekanntheit erlangt Schabowski bei einer Pressekonferenz am 9. November 1989, die unmittelbar zum Fall der Mauer beiträgt. Nach der Wiedervereinigung übernimmt Schabowski moralisch Verantwortung für Erschießungen an der deutsch-deutschen Grenze, wofür er eine Haftstrafe absitzt. In mehreren Publikationen und Vorträgen bereut er nach 1990 seine Rolle im SED-Regime.

  • 1929

    4. Januar: Günter Schabowski wird in der Hansestadt Anklam in Vorpommern als einziges Kind eines Klempners und einer Haushaltshelferin geboren.

  • 1935-1939

    Besuch der Volksschule in Berlin.

  • 1939

    Aufnahme in das "Deutsche Jungvolk".

    Während des Zweiten Weltkriegs kommt Schabowski in die Kinderlandverschickung und anschließend ins Wehrertüchtigungslager.

  • 1946

    Abitur am Andreas-Gymnasium in Berlin-Friedrichshain. Während seiner Schulzeit ist Schabowski Mitglied in der Hitlerjugend.

    Eintritt in den Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB).

    Nach dem Abitur wird Schabowski Volontär bei "Die freie Gewerkschaft", der Zeitung des FDGB.

  • 1947-1967

    Schabowski arbeitet bei der Gewerkschaftszeitung "Tribüne", die vom Bundesvorstand des Freien Deutschen Gewerkschaftsbunds herausgegeben wird. Zunächst ist er Hilfsredakteur, 1952 wird er Mitglied des Redaktionskollegiums und Abteilungsleiter für Gesamtdeutsche Gewerkschaftspolitik. Von 1953 bis 1967 ist er stellvertretender Chefredakteur.

  • 1948

    Wegen akuter Lungentuberkulose fällt Schabowski beruflich ein halbes Jahr lang aus.

  • 1950

    Schabowski tritt in die Freie Deutsche Jugend (FDJ) ein und wird Kandidat der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED).

  • ab 1952

    Mit 23 Jahren tritt Schabowski in die SED ein.

  • 1962

    Abschluss eines Fernstudiums an der Karl-Marx-Universität Leipzig als Diplomjournalist.

  • 1967/68

    Besuch der Parteihochschule der KPdSU in Moskau.

  • 1968-1985

    Schabowski arbeitet beim SED-Zentralorgan "Neues Deutschland". Zunächst ist er stellvertretender Chefredakteur, ab 1974 Erster Stellvertreter des Chefredakteurs und von 1978 bis 1985 Chefredakteur der Zeitung.

  • 1977

    Auszeichnung mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Gold.

  • 1978-1985

    Mitglied des Agitationskomitees beim Politbüro des Zentralkomitees (ZK) der SED sowie Mitglied im Zentralvorstand des Verbandes der Journalisten der DDR (VDJ).

  • 1981-1990

    Abgeordneter der Volkskammer.

  • 1981-1989

    Schabowski ist Mitglied des Zentralkomitees (ZK) der SED. Ab 1984 ist er Mitglied des Politbüros der SED und ab 1986 Sekretär des ZK. Mit zunehmendem politischen Einfluss wird Schabowski neben Egon Krenz als ein potenziell möglicher Nachfolger für das Amt des Parteichefs der SED gehandelt.

  • 1985-1989

    Erster Sekretär der SED-Bezirksleitung Berlin.

  • 1989

    Schabowski wird mit dem Karl-Marx-Orden ausgezeichnet, dem bedeutendsten Verdienstorden der DDR.

    Oktober: Schabowski empfängt Abgesandte des Neuen Forums, darunter Jens Reich und Sebastian Pflugbeil.

    29. Oktober: Zu einem Berliner Sonntagsgespräch mit Schabowski kommen 20.000 Menschen, die oppositionelle Forderungen äußern und eine Schweigeminute für die Mauertoten durchführen. SED-Propaganda wird von den Teilnehmern unterbunden.

    4. November: Schabowski stellt sich als einziger hoher SED-Funktionär bei der Großkundgebung auf dem Alexanderplatzden aufgebrachten Demonstranten und wird ausgepfiffen.

    8. November: Auf der 10. Tagung des ZK der SED tritt das Politbüro zurück. Anschließend wird ein verkleinertes Politbüro gewählt.

    9. November: Schabowski verkündet während einer vom Fernsehen direkt übertragenen internationalen Pressekonferenz, dass für Privatreisen ab "sofort, unverzüglich" vereinfachte Genehmigungsverfahren gelten. Die neue Ausreise-Regelung des DDR-Ministerrats gilt eigentlich erst ab dem Folgetag und untersteht diversen Auflagen. Doch das entgeht Schabowskis Aufmerksamkeit. Unmittelbar nach der TV-Übertragung der Pressekonferenz strömen tausende Ost-Berliner an die Grenze. Noch in derselben Nacht geben die Grenzposten dem Druck der Menschen nach und öffnen die Grenzübergänge innerhalb Berlins und zur Bundesrepublik.

    14. November: Wahl zum Sekretär des ZK der SED für Informationswesen und Medienpolitik.

    Dezember: Rücktritt mit dem gesamten Zentralkomitee der SED.

  • 1990

    11. Januar: Schabowski verliert sein Abgeordnetenmandat.

    20. Januar: Ausschluss aus der SED-PDS. Schabowski wird mit anderen ehemaligen Politbüro-Mitgliedern vor die Zentrale Schiedskommission der SED-PDS geladen, u.a. wegen des Vorwurfs des Amtsmissbrauchs und der persönlichen Bereicherung.

    Veröffentlichung seiner Publikation "Das Politbüro. Ende eines Mythos. Eine Befragung", in der er u.a. die Ereignisse im Herbst 1989 detailliert darstellt und einen Einblick in die SED-Ideenwelt gibt.

  • 1991

    Veröffentlichung des autobiografischen Buches "Der Absturz", in dem er seine persönliche Bilanz des Untergangs der DDR festhält.

  • 1992-1999

    Redakteur der lokalen Wochenzeitung "Heimatnachrichten" in Bebra.

  • 1993

    Bei einer Anhörung durch die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestags zur "Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur" äußert sich Schabowski sehr kritisch über das SED-Regime.

  • 1993-1997

    Gegen Schabowski läuft ein Verfahren wegen "Fälschung der Ergebnisse der DDR-Kommunalwahlen", das 1997 eingestellt wird.

  • 1994

    Veröffentlichung der Schrift "Abschied von der Utopie. Die DDR, das deutsche Fiasko des Marxismus".

  • 1995-1996

    Januar: Die Berliner Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen Schabowski wegen mehrfachen Totschlags und "Mitverantwortung für das Grenzregime der DDR". Der Prozess beginnt am 13. November vor dem Berliner Landgericht. Wegen Befangenheit eines Richters und Erkrankung eines Mitangeklagten verzögert sich der Beginn des Prozesses Prozessbeginn bis zum 15. Januar 1996.

    In seiner Erklärung vor dem Gericht beteuert Schabowski, dass er Schuld und Schmach gegenüber den Maueropfern empfinde, aber eine juristische Verantwortung ablehne.

  • 1996

    15. Januar: Der Prozess wird wieder aufgenommen.

    In seiner Erklärung vor dem Gericht beteuert Schabowski, dass er Schuld und Schmach gegenüber den Maueropfern empfinde, aber eine juristische Verantwortung ablehne.

  • 1997

    25. August: Verurteilung zu drei Jahren Haft wegen des Totschlags in drei Fällen. Schabowski geht in Revision, die jedoch nicht erfolgreich ist. Schabowski verzichtet schließlich auf weitere juristische Schrite.

  • 1999

    8. November: Der Bundesgerichtshof bestätigt die Haftstrafe, die das Landgericht Berlin 1997 gegen Schabowski verhängt hat.

    Dezember: Schabowski tritt seine Haftstrafe in der Justizvollzugsanstalt Hakenfelde in Berlin-Spandau an.

  • 2000

    September: Berlins Regierender Bürgermeister, Eberhard Diepgen, begnadigt Schabowski. 2. Oktober: Schabowski wird aus der Haft entlassen.

  • 2001

    August: Vor der Wahl des Berliner Senats engagiert sich Schabowski für die CDU. Zusammen mit der ehemaligen DDR-Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley gehört er dem beratenden "Gesprächskreis Innere Freiheit" des CDU-Spitzenkandidaten Frank Steffel an. Schabowski warnt die SPD vor einer Koalition mit der PDS.

  • 2007

    Als sich die PDS mit der Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit (WASG), einer Gruppe ehemaliger SPD-Mitglieder und Gewerkschafter im Westen, zur Partei Die Linke zusammenschließt, kritisiert Schabowski dies als "Wiedergestaltung einer sozialistischen Einheitspartei".

  • 2009

    Herausgabe eines Interviewbands "Wir haben fast alles falsch gemacht - Die letzten Tage der DDR".

    Veröffentlichung seiner Vortragssammlung "Der Zerfall einer Leihmacht", in der er selbstkritisch seine persönlichen Erinnerungen an das Ende der DDR wiedergibt und mit dem SED-Regime abrechnet.

  • 2014

    Zum 25. Jahrestag des Mauerfalls tritt Schabowski nicht öffentlich auf. Seine Ehefrau Irina, eine ehemalige russische Fernsehjournalistin, mit der er zwei Söhne hat, gibt in einem Interview bekannt, dass ihr Mann nach mehreren Herzinfarkten und Schlaganfällen in einem Pflegeheim in Berlin lebe.

  • 2015

    1. November: Günter Schabowski stirbt im Alter von 86 Jahren in Berlin.

 

(iz, vvg) © Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland
Stand: 04.03.2016
Text: CC BY NC SA 4.0

Empfohlene Zitierweise:
Zündorf, Irmgard/Vargas Gonzalez, Veronica: Biografie Günter Schabowski, in: LeMO-Biografien, Lebendiges Museum Online, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland,
URL: http://www.hdg.de/lemo/biografie/guenter-schabowski.html
Zuletzt besucht am 31.08.2016

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