Ibrahim Böhme 1944 - 1999

Ibrahim Böhme ist ein deutscher Politiker und inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit in der DDR. Böhme kandidiert 1990 bei den einzigen freien Wahlen zur Volkskammer in der DDR als Spitzenkandidat der wiedergegründeten Sozialdemokraten. Kurz darauf wird er als Spitzel enttarnt, der jahrzehntelang befreundete DDR-Oppositionelle ausspioniert hat.

  • 1944

    18. November: Vermutlich wird Ibrahim Böhme als Manfred Otto bei Leipzig als Sohn jüdischer Eltern geboren.

    Den Vornamen Ibrahim gibt er sich später selbst.

    Er wächst zunächst als Waisenkind auf.

  • 1947

    Adoption durch Kurt Böhme, der als Funktionär bei den Leuna-Werken tätig ist.

  • ab 1961

    Nach dem Abschluss der Polytechnischen Oberschule mit der Mittleren Reife beginnt Böhme eine Maurerlehre bei den Leuna-Werken. Nebenher holt er in Abendkursen das Abitur nach. Anschließend nimmt er ein Fernstudium für Geschichte und Deutsch auf.

  • 1963

    Böhme wird als Lehramtsanwärter Heimerzieher im Lehrlingswohnheim der Leuna-Werke.

  • 1965

    Böhme hält einen Vortrag über den ehemaligen Professor der Humboldt-Universität und Systemkritiker Robert Havemann.

    Die SED verhängt daraufhin eine zweijährige Parteistrafe über ihn, die unter anderem Unterrichtsverbot beinhaltet.

    Außerdem wird Böhme kurzzeitig verhaftet. Ihm wird vorgeworfen, seine Schüler aufzuhetzen.

  • 1966/67

    Nach der Aufhebung der Parteistrafe gründet er einen Philosophiezirkel und leitet einen Jugendclub in Greiz.

  • 1967

    Beitritt zur SED.

  • 1968

    Böhme wird im Zusammenhang mit den Diskussionen um den Prager Frühling erneut kurzzeitig verhaftet.

    Ihm wird vorgeworfen, dazu aufgerufen zu haben, gegen eine Resolution zu stimmen, die die Niederschlagung des Prager Frühlings befürwortet.

    Nach eigenen Angaben wird er für fünf Wochen festgehalten.

    Danach wird er kurzzeitig bei der Post tätig.

  • 1968-1989

    Im Ministerium für Staatssicherheit (MfS) wird Böhme unter verschiedenen Decknamen als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) geführt.

  • 1968-1976

    Nach dem Abschluss seines Fernstudiums als Lehrer und Historiker wird Böhme Kreissekretär des Kulturbundes in Greiz. Er knüpft Kontakte zu zahlreichen Jungintellektuellen und freundet sich mit dem Lyriker und Dissidenten Reiner Kunze an.

    Er organisiert Lesungen und Auftritte von unter Beobachtung des MfS stehenden Autoren.

    Nebenher erstellt er Dossiers über diese für die MfS-Akten.

    Böhme ist außerdem Betreuer von Delegationen der Roten Armee, sowie der westdeutschen DKP.

  • 1976

    Nach der Ausweisung des Liedermachers Wolf Biermann tritt Böhme aus der SED aus.

  • 1977/78

    Böhme wird im MfS-Gefängnis Berlin Hohenschönhausen wegen "staatsfeindlicher Hetze" festgehalten.

    Danach siedelt er nach Neustrelitz über, wo er eine Stelle am dortigen Friedrich-Wolf-Theater bekommt.

  • 1981

    Böhme gibt öffentlich Sympathieerklärungen für die polnische "Solidarnosc"-Bewegung ab und wird daraufhin am Theater entlassen.

    In der folgenden Zeit nimmt er verschiedene Gelegenheitsarbeiten an.

  • 1989

    Böhme engagiert sich in in der Initiative für Frieden und Menschenrechte.

    September: Über seine engen Kontakte zu Gerd und Ulrike Poppe liefert Böhme, wie später bekannt wird, noch sechs Wochen vor dem Fall der Mauer Berichte an das MfS.

    Oktober: Mitbegründer der Sozialdemokratischen Partei der DDR (SDP).

    Dezember: Vertreter der SDP am Zentralen Runden Tisch.

  • 1990

    Februar: Böhme wird zum Vorsitzenden der SPD der DDR gewählt.

    März: Die Zeitschrift "Der Spiegel" veröffentlicht Berichte über die MfS-Tätigkeit von Böhme. Dieser zieht sich daraufhin in die Toskana zurück und erklärt im April in einem Schreiben, dass er seine Ämter solange niederlege, bis die Vorwürfe geklärt seien.

    März-August: Abgeordneter der Volkskammer und SPD-Fraktionsvorsitzender.

    1. April: Böhme legt seine Parteiämter wegen der Vorwürfe der inoffiziellen Arbeit für das MfS nieder. Gleichzeitig erklärt er öffentlich: "Ich bin zu keiner Zeit ... als Mitarbeiter der Stasi tätig gewesen".

    September: Böhme wird zum Polizeibeauftragten des Magistrats durch den Ost-Berliner Oberbürgermeister ernannt.

    September: Auf dem Vereinigungsparteitag der Ost- und West-SPD wird Böhme in den neuen Vorstand gewählt.

    Dezember: Reiner Kunze veröffentlicht die Dokumentation "Deckname Lyrik" in der Böhmes Tätigkeit für das MfS aufgedeckt wird. Böhme legt daraufhin sein Vorstandsmandat und sein Amt als Polizeibeauftragter nieder.

  • 1992

    Nach einem Spruch der Berliner SPD-Schiedskommission wegen "schweren parteischädigenden Verhaltens" wird Böhme aus der Partei ausgeschlossen.

    Böhme lebt seitdem zurückgezogen im Ost-Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg.

  • 1999

    21. November: Ibrahim Böhme stirbt nach schwerer Krankheit in Neustrelitz.

 

(iz) © Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland
Stand: 07.03.2016
Text: CC BY NC SA 4.0

Empfohlene Zitierweise:
Zündorf, Irmgard: Biografie Ibrahim Böhme, in: LeMO-Biografien, Lebendiges Museum Online, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland,
URL: http://www.hdg.de/lemo/biografie/ibrahim-boehme.html
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