Ich befragte einen Bekannten meiner Eltern, vermutlich Jahrgang 1930. Ein Erlebnis, das den Verlauf des Lebens meines Befragten prägte, war, als er unerlaubt kurz nach der Teilung Deutschlands 1949 von Ostdeutschland nach Westdeutschland flüchtete.
Mein Befragter besuchte das Gymnasium bis 1947. Er war zu dieser Zeit noch eineinhalb Jahre von seinem Abitur entfernt. Er brach die Schulausbildung ab, weil die Politik damals eine sehr große Rolle in der Schule spielte. Man war zum Beispiel schon benachteiligt, wenn man nicht der FDJ beitrat, was mein Befragter auch nicht tat. Er entschloß sich hingegen, wie schon gesagt, die Schule zu verlassen und seinen Eltern zu helfen. Seine Eltern besaßen damals einen Bauernhof, wo er eine Zeit lang aushalf und arbeitete, doch brach er dies nach einiger Zeit ab, da er ja auch eine Berufsausbildung benötigte. Er hatte vor, zu seinem Onkel zu ziehen, welcher in der Nähe von Wolfenbüttel lebte. Sein Onkel stellte einen Antrag, um nach Wolfenbüttel reisen zu dürfen. Doch dieser wurde abgewiesen. Das Problem war, dass mein Befragter Englisch-Latein gelernt hatte, und in Wolfenbüttels Gymnasien stand damals für ihn nur Englisch-Französisch zur Wahl. So entschloss er sich nun, nach Braunschweig auf die Landwirtschaftsschule zu gehen, doch mußte er immer noch in die Westzone, um dies tun zu können.
So brach er eines Nachts mit einem Koffer und einem Rucksack auf und begab sich Richtung Westen. Die Züge fuhren damals schon nicht mehr bis an die Grenzzone, sondern stoppten bereits bei Halberstadt. Man konnte nur mit einer Sondergenehmiung noch weiter in Richtung Grenze reisen. Mein Befragter besaß Bekannte in Rohrsheim, ein Schusterehepaar, und konnte somit bis nach Heuteburg bei Wernigerode fahren. Bei den Bekannten angelangt war der meiste Weg schon geschafft, durch eine Zugreise gen Westen. Die Züge waren zu dieser Zeit maßlos überfüllt, und mein Bekannter weiß noch, wie die Leute auch auf den Puffern, sowie auf den Dächern der Waggons mitfuhren.
Bei dem Schusterehepaar erlangte er dann die nötige Information, um zu wissen, wann und wo er am besten über die von den Russen bewachte Grenze kommen würde. Mit einer Freundin des Befragten, die auch flüchten wollte, machte er sich bald darauf nachts über den Mastenweg in Richtung Grenze auf. Der Mastenweg lag in der Nähe der Grenze und stand in Verbindung mit der alten Grenze von Preußen und Braunschweig. Dank der Informationen und großer Vorsicht, gelangten mein Befragter und die Frau am Grenzgraben an. Den Weg bis dorthin erschlichen und erhorchten sie sich in dauerhafter Angst, vielleicht doch entdeckt zu werden. Die Grabenüberquerung war kein großes Hindernis mehr. Sie warfen ihr Gepäck hinüber und schwammen dann durch den ca. 3 - 4 Meter breiten Graben. Als sie auf der anderen Seite waren, hatten sie es grob gesagt, geschafft. Sie kamen in Mattierzoll an, und mein Befragter lebte dann bei seinem Onkel in Winnigstedt, und ging, wie er es geplant hatte, auf die Landwirtschaftsschule in Braunschweig. Mein Befragter lebt heute nicht weit entfernt von mir in Schöppenstedt, etwa 25 Kilometer von Wolfenbüttel entfernt. |