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Dieser Eintrag stammt von Bastian Lochau (*1968) Schladen. |
Wiedervereinigung |
Meine Großeltern erzählten mir folgendes:
"Die Entfernung von Hornburg nach Quedlinburg in der Ostzone beträgt ca. 50 km. Heute fährt man nicht einmal eine Stunde mit dem PKW. Im Februar 1954 brauchte man bedeutend länger, denn man mußte von der BRD in die DDR. Vor allem benötigte man eine Reisegenehmigung. Meine Oma in Hornburg bekam plötzlich ein Telegramm von ihrer Mutter aus Quedlinburg: "Bin schwer erkrankt - will Dich noch einmal sehen." Der Schulrat gab meiner Oma sofort Urlaub, aber sie konnte nicht gleich fahren, weil die ärztliche und polizeiliche Bestätigung fehlten. Nachdem mein Uropa dies endlich erhalten hatte und nach Hornburg schickte, mußte meine Oma über Börßum - Helmstedt - Marienborn (Kontrolle an der Zonengrenze mit Aussteigen) - Magdeburg - Halberstadt nach Quedlinburg fahren. Viermal war ein Umsteigen nötig. Bei ihrer Ankunft war ihre Mutter, meine Uroma, bereits tot.
Nun sollte wenigstens Opa rechtzeitig zur Beerdigung kommen. Er erhielt diesmal das Telegramm mit polizeilicher Bestätigung und fuhr mit dem PKW um 6 Uhr morgens von Hornburg ab. Bei der polizeilichen Durchsuchung des Autos wurde im Handschuhfach 10 Pf. Ostgeld gefunden. "Wo dies ist, ist auch mehr!" sagte man und suchte stundenlang weiter im Auto. Mein Opa hatte nämlich kein Ostgeld eintauschen wollen und fiel deshalb auf. Er selbst mußte sich nackt ausziehen und 2 Stunden so stehen bleiben. Alle Nähte seiner Kleidung wurden abgetastet, der After untersucht, das Benzin aus dem Feuerzeug gekippt. Am liebsten hätte man den Trauerkranz aufgebunden, denn man war wirklich wütend, weil man kein Geld fand. Erst am Abend durfte er weiterfahren. Im Schneetreiben, im Dunkeln, ohne Straßenlampen, fast ohne Straßenschilder mußte er den völlig fremden Weg nach Quedlinburg finden. Erschöpft und hungrig kam er spät abends im Haus meiner Urgroßeltern an.
Meine andere Urgroßmutter wohnte in Rhoden (DDR), ca. 5 km von Hornburg im Sperrgebiet der DDR. Als sie starb, durfte kein Familienangehöriger an der Beerdigung teilnehmen. So ging die Familie auf den Gallenberg im Kleinen Fallstein. Man nahm ein Fernglas mit und schaute während der Trauerfeier hinüber in den Osten, denn der Friedhof und der Weg dorthin waren einsichtbar. Die Angehörigen konnten nur in Gedanken bei ihr sein.
Wie gut, daß es die Zonengrenze nicht mehr gibt und auch andere Grenzen Deutschlands in Europa wegfallen!"