Dieser Eintrag stammt von Dr. Gerhard Fels,
ehemaliger Schulleiter des Ernst-Moritz-Arndt Gymnasiums Bonn
(abgedruckt in der Festschrift zum 100-jährigen Bestehen der Schule 1982).
Studentenbewegung

Die Zeit der Schülerunruhen am Ende der 60er Jahre

Den Beginn der Schülerunruhen in Bonn kann man auf den Tag genau datieren. Am 23. April 1967 wurde der verstorbene Konrad Adenauer von Bonn in seine Heimatstadt Köln überführt. Während sich der Trauerkondukt rheinabwärts bewegte, gingen einige Mitglieder unseres Kollegiums in den Bürgerverein (das Gebäude ist abgerissen, an seiner Stelle steht heute das Hotel Bristol). Dort sollte ein Aktionskomitee von Schülern gegründet werden. Wir waren nicht eingeladen. Einige Vorgänge an Schulen außerhalb Bonns hatten uns aufmerksam gemacht, und wir wollten wissen, mit was wir eventuell zu rechnen hatten. Im Bürgerverein, in einem kleinen Saal im Erdgeschoß, versammelte sich ein buntes Völkchen, wenige Lehrer, viele Schüler von verschiedenen Schulen Bonns. Sie waren im Habitus ganz unmartialisch, eben bürgerlich, wie es dem Versammlungsort entsprach. Weder wurden wir Lehrer begrüßt, noch wies man uns hinaus. Die ganze Veranstaltung wurde im Grunde von einer jungen Studentin bestritten, die gerade an einer Godesberger Schule mit Glanz das Abitur bestanden hatte. (Namen sollen in diesem ganzen Bericht bewußt nicht genannt werden. Der Chronist hat zu sagen, was war, aber er soll das Typische und nicht das Individuelle festhalten.)

Diese junge Studentin hielt ein einführendes Referat und leitete die Diskussion. Mir ist nicht mehr alles in Erinnerung, was sie damals sagte, ich weiß nur, daß das intelligent war, was sie vorbrachte, und wenn man aufgrund einer längeren Lebenserfahrung nicht allen ihren Thesen zustimmen konnte, so imponierte sie doch durch ihren idealistischen Sinn und durch ihr rhetorisches Geschick.

Wahrscheinlich sind beim Wartburgfest 1817 und auf dem Hohen Meißner 1913 ähnliche Reden gehalten worden, freilich im sprachlichen Gewand der jeweiligen Zeit. Der Tenor war: Die Jugend muß jetzt die Verhältnisse im Lande bestimmen (das Beiwort "studentische" Jugend ließ man damals noch weg). Es gelte, die verkrusteten Herrschaftsstrukturen aufzubrechen und endlich dem Fortschritt zum Siege zu verhelfen. Alle Institutionen, alle Gruppen der Gesellschaft hätten versagt und das Geschäft der Restauration betrieben. Selbst in der Jugend sei die Zahl der Angepaßten nicht klein, die durch das Angebot materieller Vorteile sich manipulieren lasse. (...)

Es muß festgehalten werden, daß die Schülerunruhen nichts mit Drogen zu tun hatten. Die Akteure waren nicht verhascht, von Fixern kann erst recht keine Rede sein. Wohl ist es richtig, daß die erste Drogenwelle im unmittelbaren Anschluß an die Schülerunruhen auflief, sie selbst waren von Drogen frei. Unsere Protagonisten waren keine verschworene Gemeinschaft, sondern viele einzelne, die sich nur in ihren Intentionen ad hoc trafen. Sie waren nicht zentral geschult. Zwar hatten sie Verbindung zu studentischen Gruppen, am meisten noch zum LSD (Liberaler Studentenbund, der lange aufgelöst ist). Dort wurden viele der Flugblätter gedruckt, die über uns hernieder gingen, zeitweise täglich. Einen viel größeren Einfluß hat auf unsere bürgerlichen Revoluzzer sicher das Fernsehen gehabt, das damals jede studentische Massenveranstaltung jedermann in die Wohnstube lieferte. Alle über einen konkreten Anlaß hinausgehenden Parolen haben unsere revoltierenden Schüler von der Mattscheibe bezogen. Einige waren überdies von der Kulturrevolution in China fasziniert, die 1966 begonnen hatte. Aber ich glaube nicht, daß je einer so weit gegangen wäre zu fordern, daß wir Lehrer die Toiletten scheuern sollten. In summa: Die Motivationslage war kompliziert. Wir müssen auf sie zurückkommen.

Was wollten die Schüler damals? Das ist gar nicht so einfach zu sagen. Einige wollten sicher die kollektive Schulleitung unter Mitbeteiligung von Schülern, schließlich deren Diktatur. Das hatte aber nicht das faschistische Rüchlein: Jugend muß von Jugend geführt werden, sondern eher: Nur wir Jugendliche können Herrschaftsstrukturen verändern, indem wir in bestehende eindringen und sie von innen "umfunktionieren". Der Weg dazu sollte das Plebiszit sein, die spontane Aktion einer möglichst großen Gruppe. Man war ständig auf dem Weg zu einem solchen Plebiszit.

Die erste Etappe war ein sit-in in der Turnhalle. Dort wurde aber keineswegs die kollektive Schulleitung gefordert, sondern: Abschaffung des Geräteturnens. Begründung: Die festgelegten Bewegungsabläufe beim Geräteturnen seien geeignet, Zwang auszuüben und die Entfaltung des Individuums zu behindern. Nachgeborene haben richtig gelesen, und wenn ihnen Anlaß und Begründung abstrus erscheinen mögen, so sollten sie bedenken, daß das Ambiente wichtiger war als der vorgegebene Zweck des sit-in. In der Turnhalle hatten sich große Teile der Oberstufe eingefunden, dazu einige Klassen der Mittelstufe. Ein Primaner stand auf einem Sprungkasten und hielt eine flammende Rede über schulische Unterdrückung, ein blasser Camille Desmoulins mit einem Soldatenkaiserbart. Die Zahl derer, die ihn ernst nahmen, war gewiß klein, aber alle Versammelten genossen den Klamauk. Das Gejohle war unbeschreiblich. Ich weiß nicht, wie viele nach dem Spektakel überzeugt waren, jetzt sei das Geräteturnen abgeschafft.

Das sit-in hatte ein Nachspiel. In einer Diskussion stellte sich unsere Dezernentin unseren jungen Helden, - sie war meines Wissens der einzige Behördenvertreter, der sich je in Bonn gestellt hat - das Gespräch war hart, denn es ging auch um die Berechtigung von Schülerstreiks, aber es blieb ohne Ergebnis, außer dem, daß beide Seiten eine eindeutige Stellung bezogen hatten.

Wirkliche Schülerstreiks fanden statt, gelegentlich von ganzen Klassen, häufiger von Gruppen, aber wir unterrichteten einfach weiter, gleichgültig, mit welchen Schülerzahlen. Selbst die Wildesten konnten sich nicht verzeihen, daß sie an einem Abiturzeugnis interessiert blieben. Es wurde auch die Abschaffung der Zensuren gefordert, aber weniger in sit-ins als in Schmierereien, die in regelmäßiger Folge unsere Wände zierten. Der moderne jugendliche Rebell hat eine ausgesprochene Affinität zu Druckerschwärze.

Es hat in all den Jahren nur eine einzige eindeutig politische Demonstration gegeben, und zwar gegen die Notstandsgesetze. Das Thema lag damals in der Luft. Es wurde von einzelnen kleinen Gruppen in allen Pausen diskutiert, und einmal schaukelte sich der Protest so auf, daß er sich nur in einem Demonstrationszug entladen konnte. Der war nicht genehmigt, und so zogen drei Lehrer mit zum Innenministerium in der Rheindorfer Straße. Sie sorgten dafür, daß ein Referent des Hauses sich den Demonstrierenden in einer Diskussion stellte. Der Ingrimm schlaffte dann schnell ab, denn es war ein glühheißer Tag. (...)

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