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Dieser Eintrag stammt von Martina Stanko (* 1986), Werlaburgdorf. |
Flucht und Vertreibung |
Meine Oma ist 1924 in Wittgendorf, Kreis Landshut geboren. 1938 hat sie die Schule beendet. Jetzt mußte sie ein Pflichtjahr in der Landwirtschaft machen. Danach arbeitete sie als Ladenhilfe und Hausmädchen in einer Schlachterei, die im Kreis Goldberg lag. Ihre Arbeitszeit war von 6.00 Uhr - 20.00 Uhr.
Am 01.09.1939 ist der Krieg ausgebrochen. Jede Person erhielt Lebensmittelmarken zum Einkaufen. Diese mussten nach Arbeitsende auf große Bögen aufgeklebt werden. Die Bögen nahm der Chef mit zum Schlachthof und erhielt dementsprechend Schlachtvieh. Kurz bevor die Russen in Schlesien einmarschierten, ging der Chef mit seiner Familie nach Westfalen. Meine Oma ging mit einem Handwagen, in dem ihr Hab und Gut war, in der Nacht 40 km nach Hause. Wenn sie nicht mehr weiter konnte, hat sie im Straßengraben ein paar Stunden geschlafen. Am nächsten Tag ist sie vormittags dann angekommen. Als die Russen Schlesien besetzt hatten, musste meine Oma, wie alle jungen Mädchen und Frauen, ein Gleis der elektrischen Eisenbahnlinie, die von Breslau nach Görlitz führte, abbauen. Die Teile wurden nach Russland abtransportiert. Als die Russen wieder abrückten, besetzten die Polen Schlesien. Die Polen haben alles beschlagnahmt, und die Deutschen mussten eine weiße Armbinde tragen. Abends nach 20.00 Uhr durfte kein Deutscher mehr auf der Straße sein. Eines Abends verspätete sich meine Oma um 5 Minuten nach der Sperrstunde. Drei Polen waren mit Knüppeln hinter ihr her und wollten sie totschlagen. Wie durch ein Wunder kam der Pole Florian, der bei meiner Oma wohnte, ihr zu Hilfe und redete auf seine Landsleute ein. So kam meine Oma unbeschadet nach Hause. Florian sagte zu Ihr: »Tu' das nie wieder.« Am 8. Mai 1946 wurde meine Oma und alle Deutschen von den Polen aus ihrer Heimat vertrieben. In einen Viehwaggon ohne Dach kamen sie nach 12 Tagen im Auffanglager in Vienenburg an. Vor Hunger hat sie während der Zeit im Viehwaggon die Kühe gemolken, da sie ja nichts zu essen oder zu trinken hatten. In Vienenburg wurden sie in die umliegenden Orte aufgeteilt. Es wurde ihnen versprochen, nach einem ¼ Jahr wieder in ihre Heimat zurückzukehren. Aus dieser Übergangszeit wurde jetzt die zweite Heimat meiner Oma, wo sie jetzt schon seit über 50 Jahren lebt.