Dieser Eintrag stammt von Erhard Hinz
Neckarsteinach.
Verwaltung

Studentenleben in den 50er Jahren

Natürlich mußte während der Studienzeit in Münster auch der Lebensunterhalt auf die eine oder andere Art bestritten werden. Die eine "Art" waren Stipendien und Ausbildungsbeihilfe, die andere "Art" bestand in Ferien- und Gelegenheitsarbeit, später auch in der Tätigkeit als sogenannter HiWi am zoologischen Institut. Antragsverfahren und Bewilligung eines Stipendiums, dass ich nur im ersten Semester in Anspruch nahm, liefen über das Studentenwerk in Münster; verantwortlich war ein schwerkriegsbeschädigter Professor, der u.a. über "Mathematische Logik" las. Eine imponierende Persönlichkeit mit sehr viel Verständnis für unsere Situation. Er bewilligte uns Flüchtlingen aus der SBZ den Stipendienhöchstsatz von 75,- DM monatlich.
Natürlich reichte diese Summe nur deshalb, weil ich von zu Hause Nahrungsmittelpakete bekam und auch meine schmutzige Wäsche zum Waschen in die brandenburgische Heimat schicken konnte. Die Pakete meiner Mutter enthielten selbst Brot, worauf ich besonders Wert legte, weil es in Münster damals kein mit Sauerteig angemachtes Roggenbrot gab, das ich von Kindesbeinen an gewohnt war zu essen, und das auch nicht zur Verstopfung führte wie das in Münster erhältliche Weißbrot. Darüber hinaus war es für uns alle eine große Hilfe, daß wir in der Mensa "Freitisch" bekamen; d.h. das Mittagessen kostete uns nichts.

Unser Speiseplan war damals streng geregelt: Auf das Frühstück wurde grundsätzlich verzichtet. Täglich (außer sonntags, da es für diesen Tag keinen Freitisch gab) fanden wir uns dann um 11.30 Uhr in der Mensa zum Mittagessen ein, dem frühestmöglichen Zeitpunkt. Das Menü bestand immer aus Suppe, Hauptgang und Nachtisch; und das auch noch mit Bedienung! Selbstbedienung wurde erst viel später eingeführt - gegen unseren Willen. Die zweite Mahlzeit wurde um 18 Uhr eingenommen und bestand aus zwei mehr oder weniger belegten Broten, wobei es wichtig war, das Brot möglichst dünn zu schneiden; denn nur dann konnte ich damit rechnen, daß es ausreichte, bis die nächste Sendung von Zuhause eintraf. Sonntags ergänzten wir unseren Speisezettel durch gelegentliche Restaurant-Besuche, d.h. wir ersetzten das fehlende Mittagessen in der Mensa durch einen Besuch bei "Schlebusch". Schlebusch war der Pferdemetzger in Münster, der in einer Holzbaracke ein Restaurant unterhielt, in dem man äußerst preiswerte Gerichte aus Pferdefleisch serviert bekam.

Mein Ehrgeiz ging in diesem ersten Semester in Münster dahin, abgesehen von der Miete, monatlich im Durchschnitt nicht mehr als 30,- DM auszugeben. Das habe ich auch durchhalten können, so daß ich zu Beginn der Semesterferien die Summe von 60,- DM gespart hatte, eine Summe, die mir eine 14tägige Fahrradtour in den Schwarzwald ermöglichte.

Schließlich kam es zu einer erheblichen Verbesserung unserer finanziellen Situation. Wir hatten nämlich von der Möglichkeit erfahren, als SBZ-Flüchtlinge vom Lastenausgleichsamt eine Ausbildungsbeihilfe bekommen zu können, vorausgesetzt man war als politischer Flüchtling anerkannt und absolvierte am Semesterende eine sogenannte Fleißprüfung in mindestens zwei Studienfächern mit erfolg. Erst daraufhin betrieb ich meine "Anerkennung"; d.h. man mußte nachweisen, daß man die SBZ verlassen hatte, weil Gefahr für Leib und Leben bestand. Dies nachzuweisen, waren mir G. B. vom Amt für Gesamtdeutsche Studentenfragen und besonders mein früherer Professor an der Potsdamer Conrad Lehmann sehr behilflich. Schließlich war ich dann glücklicher Besitzer des Flüchtlingsausweises C. Auch die Fleißprüfungen habe ich erfolgreich hinter mich gebracht.

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