|
|
|
Dieser Eintrag stammt von Wolfgang Herchner (* 1928), Hamburg, Juli 2002. |
Kriegsgefangene |
Das amerikanische Kriegsgefangenenlager befand sich in einem großen Buchenwald irgendwo in Brandenburg, es war Mai 1945. In jedem Vier-Mann-Zelt waren sechs, meist junge Soldaten zusammengepfercht. Wir waren um die 17 Jahre alt und bestanden außer Dreck und Läusen eigentlich nur noch aus Hunger. Die Tagesrationen waren drei Kekse, zwei Zigaretten und ein halber Liter Wasser. Kleider zum Wechseln oder auch nur die Gelegenheit zum Waschen gab es nicht. Die Amerikaner waren mit den Tausenden von deutschen Gefangenen nachschubmäßig total überfordert. Solche Überlegungen haben uns aber damals nicht tangiert, wir hatten schlicht nur Hunger. Im Einerzelt nebenan lag ein von uns allen gefürchteter Unteroffizier. Er schlich mit einer Art Kanister unter dem Arm in sein Zelt und verstaute ihn am Kopfende. Wir hatten ihn gesehen und sogar mit unserem wenigen Schulenglisch die Schrift auf dem Behälter als etwas Eßbares erkennen können. Der Inhalt bestand, wie sich später herausstellte, aus Salzheringen. Der Mann hatte sich also etwas organisiert, wie man es damals nannte, und glaubte nicht teilen zu müssen. Diese Erkenntnis hätte auch ohne unseren unbändigen Hunger gereicht, dem ungeliebten Vorgesetzten eins auszuwischen. In der folgenden Nacht, der Unteroffizier schlief wie immer laut schnarchend, krochen zwei von uns rückwärts aus dem Zelt, robbten geräuschlos (das hatten wir in der Wehrertüchtigung gelernt) zu unserem Nachbarn, lösten die Vertäuung des Zeltendes, stützten seinen Kopf und zogen den Kanister geräuschlos darunter heraus. Er hatte während dieser Maßnahmen nicht ein einziges Mal mit dem Schnarchen aufgehört. Wiederum lautlos konnten wir in unser Zelt zurückkriechen, öffneten das "Beutestück" mit einer alten Nagelschere, teilten uns den Inhalt redlich und vergruben den Kanister zwischen den Bäumen. So schön wie in dieser Nacht hatten wir lange nicht geschlafen. Der folgende Tag allerdings hatte es in sich. Mit ohnehin revoltierendem Magen erwachten wir noch in der Morgendämmerung durch wilde Flüche aus dem Nachbarzelt. Wir mußten alle antreten und auf die Frage, wer denn die Diebe seien, sah man nur verständnislose und völlig unschuldige Gesichter. Die Zelte wurden durchsucht, unsere armselige Habe durchwühlt, ohne Erfolg. Wir glaubten das Schlimmste schon überstanden zu haben, aber das war ein Trugschluß. Der Durst nach dem Genuß ungewässerter Salzheringe quälte uns jetzt ganz fürchterlich und der Unteroffizier schien nur darauf zu warten, daß einer von uns sich damit verraten sollte. Wir streiften soweit als möglich einzeln durch den Wald, leckten unauffällig den Tau von den Blättern und Gräsern, nur um die Zeit bis zur nächsten Wasserzuteilung zu überbrücken. Wie wir es geschafft haben, Übelkeit, Leibschmerzen und allgemeines unbeschreibliches Unwohlsein vor allen anderen zu verbergen, weiß ich heute nicht mehr. Es ist mir aber seit diesem Tag klar, was gemeint ist, wenn man sagt: "Durst ist schlimmer als Heimweh!" |
|