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- Januar
- 3.1. Der Runde
Tisch vereinbart die "Große Koalition der Vernunft" bis zu
den Volkskammerwahlen
am 18. März 1990.
- 9.1. Der frühere Staats- und Parteichef Egon
Krenz legt sein Mandat als Abgeordneter der Volkskammer
nieder und gibt damit sein letztes politisches Amt auf.
- 11.1. Die Volkskammer verabschiedet das neue Reisegesetz, das
den Bürgern der DDR Reisefreiheit einräumt und den Erwerb
von Devisen regelt.
- 13.1. Die Sozialdemokratische
Partei in der DDR (SDP) beschließt auf ihrer ersten landesweiten
Konferenz in Ost-Berlin die Umbenennung in Sozialdemokratische
Partei Deutschlands (SPD).
- 15.1. Mehr als zweitausend Demonstranten stürmen die Zentrale
des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes
(MfS) in Ost-Berlin und verwüsten sie teilweise.
Ministerpräsident Hans
Modrow schlägt dem Runden Tisch die Teilnahme an der Regierungsarbeit
vor.
In Erfurt erscheint die erste unabhängige Tageszeitung der DDR,
die "Thüringer Allgemeine". Damit endet das SED-Medienmonopol.
Das bulgarische Parlament streicht den Führungsanspruch der Kommunistischen
Partei aus der Verfassung.
- 19.1. Der langjährige SPD-Fraktionschef im Bundestag Herbert
Wehner stirbt in Bonn.
- 20.1. Gründung der Deutschen Sozialen Union (DSU) durch
zwölf christlich-liberal-konservative Gruppen in Leipzig. Die Partei
befürwortet eine schnelle deutsche Wiedervereinigung und wird von
der bayerischen Christlich
Sozialen Union (CSU) unterstützt.
- 21.1. Die Mehrheit des SED-PDS-Parteivorstandes entscheidet
sich gegen eine Auflösung der Partei, aber für die Streichung
des Namens SED und des bisherigen Parteiabzeichens: zwei ineinandergreifende
Hände als Symbol der Vereinigung
von SPD und KPD im Jahr 1946. Gleichzeitig wird die Mehrheit der
früheren SED-Führung aus der Partei ausgeschlossen. Dennoch
treten führende Reformer wie der Dresdner Oberbürgermeister
und stellvertretende Vorsitzende der SED-PDS, Wolfgang Berghofer (geb.
1943), zusammen mit 39 weiteren Mitgliedern aus der Partei aus. Die
ehemalige Staatspartei hat bereits die Hälfte ihrer Mitglieder
eingebüßt.
- 23.1. Erste Sitzung der deutsch-deutschen Wirtschaftskommission
unter Vorsitz des Bundeswirtschaftsministers Helmut Haussmann (FDP)
(geb. 1943) und des DDR-Wirtschaftsministers Gerhard Beil (geb. 1926).
Die Bundesregierung bietet zur Unterstützung kleiner und mittlerer
Betriebe in der DDR zinsgünstige Kredite in Höhe von sechs
Milliarden D-Mark an.
- 24.1. Die erste Ausstellung westdeutscher Künstler in
der DDR, die ohne Genehmigung von staatlicher Seite stattfindet, wird
in der "Galerie oben" in Karl-Marx-Stadt (im Juni wird die Stadt offiziell
in Chemnitz rückbenannt) eröffnet.
- 25.1. Die DDR-Regierung beschließt die volle Gewerbefreiheit
für Handwerks-, Handels- und Dienstleistungsbetriebe und verabschiedet
eine Verordnung über die Gründung von Unternehmen mit ausländischer
Beteiligung.
Mehr als 200 Wirtschaftsexperten aus beiden deutschen Staaten beraten
in Hannover auf den 1. deutsch-deutschen Unternehmertagen über
Möglichkeiten der Zusammenarbeit.
- 28.1. Bei der Landtagswahl im Saarland kann die SPD ihre absolute
Mehrheit mit 54,4 Prozent ausbauen. Gestärkt durch den Erfolg wird
Ministerpräsident Oskar
Lafontaine von seiner Partei zum Kanzlerkandidaten für die
Bundestagswahl 1990 gewählt.
Der Runde Tisch einigt sich mit Ministerpräsident Modrow auf den
Eintritt von Oppositionsgruppen in eine "Regierung der nationalen Verantwortung".
- 29.1. Der frühere Staats- und Parteichef der DDR, Erich
Honecker, wird aus dem Berliner Krankenhaus Charité entlassen
und sofort verhaftet. Einen Tag später wird er wegen "Haftunfähigkeit"
freigelassen.
- Februar
- 1.2. Ministerpräsident Hans Modrow unterbreitet sein Konzept
mit dem Titel "Für Deutschland einig Vaterland". Der Stufenplan
sieht folgende Schritte vor: Vertragsgemeinschaft, Konföderation
und Übertragung von Souveränitätsrechten auf die Konföderation.
- 4.2. Gründungsparteitag der FDP in der DDR. Vorsitzender
wird Bruno Menzel (geb. 1932). Die Liberal-
Demokratische Partei Deutschlands (LDPD) bleibt weiter bestehen
und nennt sich am 9. Februar in Liberal-Demokratische Partei (LDP) um.
Mit dem Austritt der slowenischen Kommunisten aus dem gesamtjugoslawischen
Bund der Kommunisten wird der Zerfallsprozess Jugoslawiens in Gang gesetzt.
- 5.2. Die Volkskammer wählt acht Politiker aus oppositionellen
Parteien und Gruppierungen als Minister ohne Geschäftsbereich in
den Ministerrat. Außerdem wird die uneingeschränkte Meinungs-,
Informations- und Medienfreiheit in der DDR beschlossen. Rundfunk, Fernsehen
und die Nachrichtenagentur ADN unterstehen nicht mehr der Regierung.
In Berlin einigen sich die DDR-CDU, die Deutsche Soziale Union (DSU)
und der Demokratische
Aufbruch (DA) für die Volkskammerwahlen am 18. März auf
das Wahlbündnis "Allianz für Deutschland". Bundeskanzler Helmut
Kohl kündigt die Unterstützung seiner Partei für
das Wahlbündnis an.
- 5./6.2. Das Zentralkomitee der KPdSU in Moskau beschließt,
auf dem nächsten Parteitag den Führungsanspruch der Partei
zu streichen.
- 7.2. Zusammenschluss der DDR-Oppositionsgruppen Neues
Forum, Demokratie
Jetzt und Initiative
Frieden und Menschenrechte zum "Bündnis 90". Das Bündnis
befürwortet die stufenweise Annäherung der beiden deutschen
Staaten.
Unter Vorsitz von Bundeskanzler Kohl konstituiert sich ein Kabinettsausschuss
"Deutsche Einheit". Kohl schlägt der DDR sofortige Verhandlungen
über eine Währungsunion mit Wirtschaftsreform vor. Anlass
ist der nicht abreißende Übersiedlerstrom aus der DDR.
- 8.2. In einer Erklärung des DDR-Ministerpräsidenten
Modrow erkennt die DDR erstmals die Verantwortung des gesamten deutschen
Volkes für die Verbrechen
des NS-Regimes am jüdischen Volk an und äußert ihre
Bereitschaft, den jüdischen Opfern des Nationalsozialismus eine
Entschädigung zu bezahlen.
- 9.-20.2. Erstmals werden die Berliner Filmfestspiele in beiden
Teilen der Stadt veranstaltet.
- 10.2. Bei einem Treffen zwischen Bundeskanzler Kohl und dem
sowjetischen Staats- und Parteichef Michail
Gorbatschow in Moskau wird die Zusicherung gegeben, dass die UdSSR
einer Wiedervereinigung Deutschlands nicht im Weg stehe.
- 11.2. Der südafrikanische Bürgerrechtler Nelson Mandela
(geb. 1918) wird nach über 27 Jahren aus der Haft entlassen.
- 12.2. Zusammenschluss der liberalen Parteien LDP, FDP und der
Deutschen Forum-Partei (DFP) zum Wahlbündnis "Bund freier Demokraten".
Hauptziele des Bündnisses sind die deutsche Einheit und die soziale
und ökologisch orientierte Marktwirtschaft auf der Basis des Privateigentums.
- 12./13.2. NATO
und Warschauer
Pakt einigen sich in Ottawa/Kanada auf eine Reduzierung ihrer in
Mitteleuropa stationierten Soldaten auf jeweils 195.000 Mann. Am Rande
der Konferenz treffen die Außenminister der Bundesrepublik und
der DDR sowie der vier Siegermächte des Zweiten
Weltkrieges, Frankreich, Großbritannien, UdSSR und USA, zusammen.
Sie vereinbaren, auf einer "Zwei
plus Vier"-Konferenz die "äußeren Aspekte der Herstellung
der deutschen Einheit" sowie Sicherheitsfragen der Nachbarstaaten zu
erörtern.
- 13./14.2. In Bonn vereinbaren DDR-Ministerpräsident Modrow
und Bundeskanzler Kohl die Einsetzung einer gemeinsamen Kommission zur
Vorbereitung der angebotenen Währungsunion mit Wirtschaftsreform.
Sie finden keine Einigung über eine Soforthilfe der Bundesregierung
zur wirtschaftlichen Stabilisierung der DDR und über die Bündniszugehörigkeit
eines geeinten Deutschlands.
- 14.2. Die französische Getränkefirma Perrier zieht
weltweit 160 Millionen Flaschen ihres Mineralwassers aus dem Handel,
da in einigen Produkten Spuren von Benzol entdeckt worden sind.
- 15.2. Der frühere SED-Generalsekretär und DDR-Staatsratsvorsitzende
Erich Honecker übernimmt die "politische Verantwortung für
die Krise" in der DDR.
- 20.2. In der DDR wird ein neues Wahlgesetz für die Volkskammer
beschlossen. Danach soll das Parlament künftig nur noch aus 400
anstelle von 500 Abgeordneten bestehen, die frei, allgemein, gleich,
direkt und geheim gewählt werden sollen.
- 21.2. Die Volkskammer beschließt das Gesetz über
Parteien und andere politische Vereinigungen sowie ein Versammlungsgesetz.
- 22.-25.2. Auf dem ersten Parteitag der DDR-SPD wird Ibrahim
Böhme zum Vorsitzenden gewählt. In dem Wahlprogramm wird
die Absicht erklärt, Deutschland in drei Stufen zu vereinigen und
die Einheit mit einer neuen gesamtdeutschen Verfassung auf der Grundlage
des Artikels 146 des Grundgesetzes zu besiegeln.
- 24./25.2. Der 1. Parteitag der PDS in Ost-Berlin befürwortet
die schrittweise Vereinigung der beiden deutschen Staaten unter der
Voraussetzung, dass die Gleichberechtigung der DDR gewährleistet
ist und ihr sozialer Standard erhalten bleibt. Auf der Abschlusskundgebung
demonstrieren rund 50.000 PDS-Anhänger für die Souveränität
der DDR.
- 26.2. Die alternative Tageszeitung "taz" erscheint als erste
bundesdeutsche Zeitung mit einer DDR-Ausgabe.
- 27.2. Der Oberste Sowjet billigt den Gesetzentwurf für
die Schaffung eines mit weitreichenden Vollmachten ausgestatteten Präsidentenamtes
in der UdSSR.
- März
- 1.3. Der DDR-Ministerrat beschließt die Umwandlung aller
Kombinate und Volkseigenen
Betriebe in Kapitalgesellschaften sowie die Einrichtung einer Anstalt
zur treuhänderischen Verwaltung von Volkseigentum.
In Bonn wird der Wahlaufruf der "Allianz für Deutschland" veröffentlicht,
der besagt, dass die DDR der Bundesrepublik nach Artikel 23 des Grundgesetzes
beitreten soll.
- 5.3. Westdeutsche und West-Berliner Medien erscheinen von nun
an auch in der DDR: 73 Zeitungen und Zeitschriften können zum Kaufpreis
1:3 erworben werden.
- 7.3. Die Volkskammer verabschiedet eine Sozialcharta, in der
das Recht auf Arbeit und Wohnen sowie die Gleichberechtigung von Mann
und Frau festgelegt werden. Des weiteren wird ein Wirtschaftsgesetz
beschlossen, das die Gründung von privaten Unternehmen zulässt.
Die SPD der Bundesrepublik erklärt, sie sei für einen Beitritt
der DDR zur Bundesrepublik nach Artikel 23 Grundgesetz offen, bevorzuge
aber eine Volksabstimmung und eine neue Verfassung.
- 8.3. Der Bundestag verabschiedet mit einer großen Mehrheit
eine Garantie-Erklärung für die polnische Westgrenze.
Der Ministerrat der DDR beschließt, die 109.000 "inoffiziellen"
Mitarbeiter des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit (MfS)
förmlich von ihren Verpflichtungen - unter anderem von ihrer Schweigepflicht
- zu entbinden.
- 9.3. Erstmals treffen sich in Ost-Berlin Vertreter beider deutscher
Staaten, um die geplante Konferenz mit den vier Siegermächten vorzubereiten.
Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion spricht sich für eine Verwirklichung
der Wiedervereinigung auf dem Wege des Grundgesetzartikels 23 aus. Dies
würde einen Beitritt der DDR zur Bundesrepublik bedeuten.
- 10.3. Erstmals seit Kriegsende fliegt eine Lufthansa-Maschine
wieder direkt von Frankfurt/Main nach Leipzig.
- 11.3. Die Republik Litauen erklärt ihren Austritt aus
der UdSSR und damit ihre volle staatliche Unabhängigkeit.
Auf der Leipziger Frühjahrsmesse werden eine Reihe von bedeutenden
innerdeutschen Unternehmensvereinbarungen getroffen. So unterzeichnen
die Adam Opel AG und das Automobilwerk Eisenach einen Vertrag für
einen wirtschaftlichen Zusammenschluss (Joint Venture) beider Unternehmen.
- 12.3. In seiner letzten Sitzung lehnt der Runde Tisch die Übernahme
des Grundgesetzes der Bundesrepublik für die DDR nach Artikel 23
des Grundgesetzes ab.
In Leipzig findet die letzte Montagsdemonstration
statt, an der 30.000 bis 50.000 Menschen teilnehmen.
- 14.3. Der Vorsitzende des Demokratischen Aufbruchs (DA), Wolfgang
Schnur, muss nach dem Bekanntwerden seiner Tätigkeit für
den ehemaligen Staatssicherheitsdienst der DDR zurücktreten.
In Bonn treffen die Vertreter beider deutschen Staaten und die der vier
Siegermächte des Zweiten Weltkriegs zu den "Zwei
plus Vier"-Gesprächen über die deutsche Einheit zusammen.
In der Nähe der Stadt Neubrandenburg wird erstmals ein Massengrab
mit Opfern aus den sowjetischen Internierungslagern der Nachkriegszeit
entdeckt.
- 15.3. Michail Gorbatschow wird zum ersten Präsidenten
der Sowjetunion gewählt. In seiner Antrittsrede kündigt er
einschneidende Wirtschaftsreformen an.
Bundespräsident Richard
von Weizsäcker betont bei seinem Staatsbesuch in der Tschechoslowakei
die Wichtigkeit, sich des in der Vergangenheit von beiden Ländern
begangenen Unrechts zu erinnern, ohne gegenseitig aufzurechnen.
In Hamburg wird der erste Landesverband der PDS in der Bundesrepublik
gegründet.
- 16.3. Auf der "Art Frankfurt" in Frankfurt/Main präsentiert
sich mit der Leipziger Galerie eigen+art erstmals eine Galerie aus der
DDR auf einer Kunstmesse in der Bundesrepublik.
- 17.3. Die Außenminister des Warschauer Paktes stimmen
in Prag darin überein, dass die Vereinigung der DDR mit der Bundesrepublik
das Recht des deutschen Volkes sei, solange sie in den europäischen
Einigungsprozess eingebettet ist.
- 18.3. Bei den ersten und einzigen freien Volkskammerwahlen
erreicht die konservative "Allianz für Deutschland" aus CDU,
DSU und DA mit 48,15 Prozent der Stimmen einen überwältigenden
Sieg. Die SPD erhält 21,84 Prozent, die PDS 16,33 Prozent und die
Liberalen 5,28 Prozent der Stimmen. Das Bündnis 90, in dem sich
die Hauptinitiatoren der friedlichen Revolution zusammengeschlossen
haben, erreicht nur 2,91 Prozent der Stimmen. Die Wahlbeteiligung liegt
bei 93,38 Prozent.
- 20.3. Um die Massenabwanderung aus der DDR zu stoppen, beschließt
die Bundesregierung, zum 1. Juli 1990 das Notaufnahmeverfahren für
Übersiedler aus der DDR abzuschaffen.
- 22.3. Die Parteien der "Allianz für Deutschland" vereinbaren
mit dem "Bund freier Demokraten" eine Koalition.
- 22.3.-17.7. In der Josef-Haubrich-Kunsthalle in Köln wird
die Ausstellung "MÄNNERbande männerBÜNDE. Zur Rolle des
Mannes im Kulturvergleich" gezeigt.
- 26.3. Erstmals in der Justizgeschichte wird die Kronzeugenregelung
der Bundesrepublik angewandt. Ein kurdischer Terrorist erhält eine
nur fünfjährige Haftstrafe, da seine Aussagen zur Aufklärung
anderer Straftaten beigetragen haben.
- 27.3. Der sowjetische Präsident Gorbatschow kündigt
den "kontrollierten Übergang" zur Marktwirtschaft in der Sowjetunion
an.
Sowjetische Truppen besetzen in der litauischen Hauptstadt Vilnius (Wilna)
unter anderem das Zentralkomitee der unabhängigen Kommunisten.
- 28.3. Der Bundestag beschließt eine Reform des Bundes-Ausbildungsförderungsgesetzes
(BAföG), danach wird BAföG künftig zu 50 Prozent als
Zuschuss und nicht mehr als Volldarlehen gezahlt.
- April
- 2.4. Nachdem gegen Ibrahim Böhme Vorwürfe wegen einer
Tätigkeit für den Staatssicherheitsdienst laut geworden sind,
tritt er von seinen Ämtern als Partei- und Fraktionsvorsitzender
der DDR-SPD zurück.
- 3.4. Die DDR-SPD tritt mit den Parteien der "Allianz für
Deutschland" und dem "Bund freier Demokraten" in Koalitionsgespräche
ein.
- 4.4. Das Bundeskabinett beschließt steuerliche Erleichterungen
für Investitionen deutscher Unternehmen in der DDR.
- 5.4. Im Ost-Berliner "Palast der Republik" konstituiert sich
die neugewählte Volkskammer und wählt Sabine
Bergmann-Pohl (CDU) zur Parlamentspräsidentin. Der CDU-Vorsitzende
Lothar de Maizière (geb.1940)
wird mit der Regierungsbildung beauftragt.
Die neue Volkskammer beschließt eine Verfassungsänderung,
nach der der Staatsrat abgeschafft wird. Sie streicht auch die Präambel
und die Klauseln, wonach die DDR ein "sozialistischer Staat der Arbeiter
und Bauern" ist und die "entwickelte sozialistische Gesellschaft" gestaltet.
Außerdem wird ein Untersuchungsausschuss eingesetzt, der Abgeordnete
auf eventuelle Mitarbeit im ehemaligen Ministerium für Staatssicherheit
überprüft.
Der Volkseigene Betrieb (VEB) Elektromaschinenbau Dresden wird als erstes
Kombinat in eine Kapitalgesellschaft umgewandelt.
- 11.4. Die Bonner Konferenz über Wirtschaftliche Zusammenarbeit
in Europa (KWZE), die aus Delegierten der 35 KSZE-Staaten
besteht, einigt sich auf ein Abschlussdokument, in dem sich erstmals
auch die osteuropäischen Staaten unter anderem für ein freies
Unternehmertum und ein Mehrparteiensystem aussprechen.
Die US-amerikanische Luftwaffe beginnt mit dem Abtransport ihrer 64
Marschflugkörper aus der Bundesrepublik.
- 12.4. Die Volkskammer wählt Lothar de Maizière zum Ministerpräsidenten
eines Kabinetts der Großen Koalition aus den Allianzparteien CDU,
DSU, DA, der SPD und den Liberalen. Die Koalition ist sich über
den zügigen Beitritt der DDR zur Bundesrepublik gemäß
Artikel 23 des Grundgesetzes einig.
Der Leipziger Dirigent Kurt Masur (geb. 1927) übernimmt als erster
Deutscher die musikalische Leitung der New Yorker Philharmoniker.
- 13.4. Die Sowjetunion bekennt anlässslich des Staatsbesuchs
des polnischen Präsidenten in Moskau, während des Zweiten
Weltkriegs für die Ermordung von 15.000 polnischen Offizieren
in Katyn verantwortlich gewesen zu sein.
- 17.-21.4. Bei einer Volksabstimmung in Karl-Marx-Stadt sprechen
sich mehr als 75 Prozent der wahlberechtigten Bevölkerung für
die Rückbenennung ihrer Stadt in Chemnitz aus.
- 20.4. Das Parlament der Tschechoslowakei beschließt,
den Staatsnamen in "Tschechische und Slowakische Föderative Republik"
(CSFR) zu ändern.
- 25.4. Auf den saarländischen Ministerpräsidenten
und SPD-Kanzlerkandidaten, Oskar Lafontaine, wird auf einer Wahlveranstaltung
in Köln-Mühlheim ein Attentat verübt, bei dem er lebensgefährlich
verletzt wird.
- 27.4. In Ost-Berlin beginnt die erste offizielle Verhandlungsrunde
zum deutsch-deutschen Staatsvertrag über die Währungs-,
Wirtschafts-,
und Sozialunion.
Bundesverteidigungsminister Gerhard Stoltenberg (geb. 1928) und der
DDR-Abrüstungs- und Verteidigungsminister Rainer
Eppelmann vereinbaren in Bonn Zusammenarbeit auf breiter Basis und
enge Kontakte zwischen Bundeswehr
und Nationaler
Volksarmee.
- 28.4. Die Staats- und Regierungschefs der EG-Mitgliedstaaten
stimmen in Dublin der Vereinigung Deutschlands vorbehaltlos zu.
- 30.4. Mit dem Zusammentreffen der DDR-Volkskammerpräsidentin
Sabine Bergmann-Pohl
und der Bundestagspräsidentin Rita
Süssmuth nehmen der Bundestag und die Volkskammer erstmals
offizielle Beziehungen auf.
- Mai
- 2.5. Die beiden deutschen Regierungen vereinbaren die Umtauschkurse
für die Währungsunion. Danach werden die Löhne, Gehälter,
Mieten, Stipendien und Renten im Verhältnis 1:1 umgestellt. Sparguthaben
und Bargeld werden gestaffelt umgetauscht: Kinder bis 14 Jahre können
2.000 Mark, 15- bis 59-jährige 4.000 Mark und über 60-jähige
6.000 Mark im Verhältnis 1:1 einwechseln. Darüber hinausgehende
Beträge werden im Verhältnis 2:1 eingetauscht.
- 4.5. In Göppingen/Baden-Württemberg erreichen Gewerkschaften
erstmals eine tarifliche Vereinbarung über die 35-Stunden-Woche.
- 5.5. In Bonn findet das erste Außenministertreffen der zwei
deutschen Staaten und der "Vier Mächte" über die äußeren Aspekte
der deutschen Einheit statt.
- 6.5. In der DDR finden die ersten freien Kommunalwahlen statt.
Die CDU gewinnt 34,37 Prozent, die SPD 21,27 Prozent und die PDS 14,59
Prozent der Stimmen.
Erstmals seit 60 Jahren tagen die Angehörigen des Jüdischen
Weltkongresses wieder auf deutschem Boden, in West-Berlin.
- 8.5. Unterzeichnung eines Handels- und Kooperationsabkommens
zwischen der EG und der DDR in Brüssel.
- 10.5. In der DDR kommt es zu landesweiten Demonstrationen,
bei denen unter anderem Tarifverhandlungen über höhere Einkommen,
der Erhalt der Arbeitsplätze und ein Schutz des Binnenmarktes gefordert
werden. In den Aktionen zeigt sich die Sorge der Menschen um ihre soziale
Sicherheit in einem geeinten Deutschland.
Die Kultusministerkonferenz der Bundesrepublik beschließt die
Anerkennung der DDR-Schulabschlüsse, die zu einem Hochschulstudium
berechtigen.
- 12.5. Der FC Bayern München wird Deutscher Fußballmeister.
- 16.5. In Bonn einigen sich Bund und Länder auf die Gründung
eines Fonds "Deutsche Einheit" zur finanziellen Unterstützung der
DDR. Er soll, mit 115 Milliarden D-Mark ausgestattet, die Währungs-,
Wirtschafts- und Sozialunion finanzieren.
- 18.5. Bundesfinanzminister Theodor
Waigel (geb.1939) und der DDR-Finanzminister Walter Romberg unterzeichnen den
Staatsvertrag über die Währungs- Wirtschafts- und Sozialunion.
- 21.5. Der erste in der DDR gefertigte VW-Polo läuft im
Automobilwerk Zwickau vom Band.
- 23.5. In Bonn tagen, erstmals seit der Verkündung des
Grundgesetzes, gemeinsame Ausschüsse von Bundestag und Volkskammer.
- 24.5. Der frühere ungarische Außenminister Gyula
Horn (geb. 1932) erhält als erste Persönlichkeit aus Osteuropa
den Internationalen Karlspreis der Stadt Aachen. Horn hatte durch die
ungarische Grenzöffnung im Herbst 1989 die Flucht Zehntausender
Bürger der DDR in den Westen ermöglicht.
- 30.5. Die DDR-Regierung beschließt, dass mit Einführung
der D-Mark am 1. Juli die Preise frei kalkuliert und Subventionen weitestgehend
abgeschafft werden.
Konstituierung der DDR-Regierungskommission zur Auflösung des ehemaligen
Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) in Ost-Berlin.
- 31.5.-3.6. Der US-amerikanische Präsident George Bush
(geb. 1924) und der sowjetische Präsident Gorbatschow erklären
bei ihrem Gipfeltreffen (3. Juni), dass die Frage der Bündniszugehörigkeit
eines vereinten Deutschlands von den Deutschen selbst entschieden werden
müsse.
- Juni
- 7.6. In der DDR wird die mutmaßliche RAF-Terroristin
Susanne Albrecht (geb. 1951) festgenommen. Damit beginnt eine Serie
von Fahndungserfolgen gegen langgesuchte RAF-Terroristen, die in der
DDR - unterstützt vom Staatssicherheitsdienst - "untergetaucht"
waren.
In Moskau unterzeichnen die Mitgliedsstaaten des Warschauer Paktes eine
Deklaration mit dem Ziel, das Bündnis in eine politische Vertragsgemeinschaft
umzuwandeln.
- 9.-13.6. Ministerpräsident de Maizière besucht als erster
DDR-Regierungschef die USA.
- 10.6. Auf dem Parteitag der Grünen wird ein neuer Bundesvorstand
gewählt und der Staatsvertrag mit der DDR abgelehnt.
- 12.6. Nach 42 Jahren der Teilung Berlins kommen der Ost-Berliner
Magistrat und der West-Berliner Senat zu einer ersten gemeinsamen Sitzung
zusammen.
- 13.6. In Berlin wird mit dem endgültigen Abriss der 47
km langen Mauer begonnen. An vier Stellen bleiben Mauerreste als Mahnmal
erhalten.
- 15.6. Die beiden deutschen Regierungen veröffentlichen
eine gemeinsame Erklärung zur Regelung offener Vermögensfragen.
Danach sind Enteignungen auf besatzungsrechtlicher beziehungsweise -hoheitlicher
Basis zwischen 1945 und 1949 nicht mehr rückgängig zu machen.
Ansonsten ist enteignetes Grundvermögen in der DDR grundsätzlich
den ehemaligen Eigentümern zurückzugeben.
- 16.6. In Bonn demonstrieren rund 10.000 Menschen für die
ersatzlose Streichung des Paragraphen
218 und 3.000 Menschen dagegen. DDR-Bürger blockieren einen
Grenzübergang in Berlin, als Protestaktion gegen die mögliche
Einführung dieses Abtreibungsparagraphen.
- 18.6. Mit Beschlüssen der Führungsgremien von CDU,
SPD und FDP wird der Weg für eine im Herbst geplante Vereinigung
mit den Schwesterparteien in der DDR bereitet.
- 19.6. In Schengen/Luxemburg werden von Regierungsvertretern
der Bundesrepublik Deutschland, Frankreichs und der Benelux-Staaten
Zusatzvereinbarungen zum Schengener
Abkommen unterzeichnet. Danach werden ab 1992 die Personenkontrollen
an den gemeinsamen Binnengrenzen abgeschafft.
In Südafrika wird die 1953 eingeführte Rassentrennung in öffentlichen
und betrieblichen Einrichtungen beendet.
- 21.6. Gleichzeitig verabschieden der Deutsche Bundestag in
Bonn und die DDR-Volkskammer in Ost-Berlin den Staatsvertrag über
die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion zwischen der Bundesrepublik
und der DDR sowie eine Entschließung über die endgültige
Anerkennung der polnischen Westgrenze. Die PDS, Bündnis 90 und
Die Grünen lehnen den Staatsvertrag ab, da er das System der Bundesrepublik
auf die DDR anwende, ohne deren Bürgern die Möglichkeit einer
gleichberechtigten Mitwirkung einzuräumen.
- 22.6. Der Bundesrat stimmt dem Staatsvertrag über die
Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion sowie der Entschließung
über die Anerkennung der polnischen Westgrenze zu. Die SPD-geführten
Länder Niedersachsen und Saarland lehnen den Staatsvertrag ab,
da sie ihn für "unzureichend" halten.
In Ost-Berlin beginnt die zweite Runde der "Zwei-plus-Vier" Gespräche.
Die UdSSR erhält von einem Konsortium deutscher Banken einen Kredit
in Höhe von 5 Milliarden D-Mark, für den die Bundesregierung
die Garantie übernimmt.
- 25.6. Die Demokratische Bauernpartei Deutschlands (DBD) entscheidet
sich für eine Fusion mit der CDU.
- 25.-27.6. Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth und
Volkskammerpräsidentin Sabine Bergmann-Pohl reisen nach Israel.
Die Präsidentinnen bekräftigen die Verantwortung Gesamtdeutschlands
gegenüber dem jüdischen Staat. Abschließend erklären
sie, es gebe in Israel keinen grundlegenden Widerstand gegen die Wiedervereinigung
Deutschlands.
- 29.6. In London beschließt die internationale Ozonkonferenz
den Ausstieg aus der Produktion von Fluorchlorkohlenwasserstoff (FCKW)
bis zum Jahre 2000.
- Juli
- 1.7. Inkrafttreten der Währungs-, Wirtschafts-,
- und Sozialunion. Damit überträgt die DDR die Hoheit über
die Finanz- und Geldpolitik an die Bundesrepublik und die D-Mark wird
zum einzigen Zahlungsmittel in der DDR.
- 2.-13.7. Auf dem XXVIII. Parteitag der KPdSU in Moskau kann
Präsident Gorbatschow seine Machtstellung behaupten. Das Politbüro
wird vollkommen umgestaltet und die Trennung zwischen Partei- und Regierungsämtern
vollzogen.
- 5./6.7. Die NATO bietet dem Warschauer Pakt einen gegenseitigen
Nichtangriffspakt an.
- 6.7. In Ost-Berlin beginnen die Verhandlungen zum Einigungsvertrag,
dem zweiten Staatsvertrag zwischen der Bundesrepublik und der DDR.
- 7.7. Die drei Star-Tenöre José Carreras (geb. 1946),
Plácido Domingo (geb. 1941) und Luciano Pavarotti (geb. 1935)
treten aus Anlass der Fußballweltmeisterschaft in Italien erstmals
gemeinsam auf.
- 8.7. Die Mannschaft der Bundesrepublik Deutschland wird nach
einem 1:0-Sieg über Argentinien Fußballweltmeister.
- 14.-16.7. Bundeskanzler Kohl trifft in der Sowjetunion mit
Präsident Gorbatschow zu Gesprächen zusammen. Gorbatschow
billigt einem vereinten Deutschland die volle Souveränität
und die freie Wahl der Bündniszugehörigkeit zu.
- 16.7. Konstituierung der DDR-Treuhandanstalt,
die für die Abwicklung der 8.000 Volkseigenen Betriebe (VEB) zuständig
ist.
Die Sowjetrepublik Ukraine erklärt sich für souverän.
- 17.7. Beginn der dritten Runde der "Zwei-plus-Vier"-Verhandlungen
in Paris. Die Außenminister beider deutscher Staaten und der vier
Siegermächte des Zweiten Weltkriegs bestätigen in Anwesenheit
des polnischen Außenministers die Oder-Neiße-Grenze als
polnische Westgrenze.
- 18.7. Ungarn und die UdSSR nehmen als erste Staaten des Warschauer
Paktes diplomatische Beziehungen zur NATO auf.
- 19.7. Der Deutsche Fußballbund (DFB) der Bundesrepublik
und der Deutsche Fußballverband der DDR (DFV) beschließen
in Frankfurt/Main ihre Vereinigung.
- 20.7. Die Rekruten der Nationalen Volksarmee schwören
einen neuen Fahneneid, indem sie sich nicht mehr verpflichten, den Sozialismus
zu verteidigen.
- 21.7. Die britische Rockband "Pink Floyd" gibt auf dem Potsdamer
Platz in Berlin das bislang größte Konzert in der Geschichte
der Rockmusik.
- 22.7. Die DDR-Volkskammer verabschiedet mit Wirkung vom 14.10.1990
das Ländereinführungsgesetz und das Gesetz zur Wahl der Landtage.
Es wandelt die seit Juli 1952 zentralistische DDR in einen föderativen
Staat mit fünf neuen
Ländern um. Damit werden die Länder Mecklenburg-Vorpommern,
Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen wieder eingerichtet.
- August
- 2.8. Irakische Truppen marschieren in das Emirat Kuwait ein
und besetzen alle strategisch wichtigen Punkte. Noch am selben Tag verurteilt
der UN-Sicherheitsrat den Einmarsch, und am 6. August verhängt
der Sicherheitsrat ein Handelsembargo gegen den Irak. Nur die Lieferung
von Medikamenten und Lebensmitteln sind ausgenommen.
- 3.8. In Ost-Berlin wird der gesamtdeutsche Wahlvertrag unterzeichnet.
Damit wird der Geltungsbereich des Bundeswahlrechts auf die DDR erweitert.
- 5.8. Die Grüne Partei und das Bündnis 90 in der DDR
schließen sich mit den Grünen in der Bundesrepublik zur Listenverbindung
Bündnis 90/DieGrünen zusammen.
In Ost-Berlin wird die Listenvereinigung Linke Liste/PDS gegründet.
- 7.8. Die Sowjetrepublik Estland erklärt ihre Unabhängigkeit.
- 8.8. Die Volkskammer bittet den Bundestag, die gesamtdeutschen
Wahlen und den Beitritt der DDR für den 14.10. zu ermöglichen.
- 9.8. In der Volkskammer scheitert der Wahlvertrag vom 3. August,
da die erforderliche Zweidrittelmehrheit bei der Abstimmung knapp verfehlt
wird. Im Bundestag verweigert die Opposition die Zustimmung zu einer
Grundgesetzänderung, die vorgezogene Wahlen ermöglicht hätte.
- 11.8. Zusammenschluss der drei liberalen Parteien der DDR und
der FDP der Bundesrepublik zu einer Partei mit dem Namen "Freie Demokratische
Partei - die Liberalen". Vorsitzender wird Otto
Graf Lambsdorff (geb.1926).
- 11.8.-4.11. Die anlässlich des 100. Todestages des Künstlers
ausgerichtete Ausstellung "Van Gogh und die Moderne 1890 bis 1914" im
Museum Folkwang in Essen wird ein großer Publikumserfolg.
- 18.8. Der Irak kündigt an, dass alle in Kuwait und Irak
lebenden westlichen Ausländer als "lebende Zielscheiben" an strategisch
wichtige Orte gebracht werden.
- 19.8. Die SPD verlässt die Regierungskoalition in der
DDR. Damit verliert Ministerpräsident de Maizière die Regierungsmehrheit,
da die Liberalen bereits am 24. Juli ihre Unterstützung (jedoch
nicht ihre Minister) der Regierung entzogen haben. Am 21. August tritt
der SPD-Fraktionschef Richard Schröder (geb. 1943) wegen parteiinterner
Konflikte von seinem Amt zurück, sein Nachfolger wird der Vorsitzende
der DDR-SPD Wolfgang
Thierse.
- 22.8. Die Volkskammer verabschiedet das Wahlgesetz, das im
ersten Anlauf am 9. August gescheitert war.
- 23.8. Die Volkskammer beschließt mit der erforderlichen
Zweidrittelmehrheit "den Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes
der Bundesrepublik Deutschland gemäß Artikel 23 des Grundgesetzes
mit Wirkung vom 3.10.1990".
Die Sowjetrepubliken Armenien und Turkmenien erklären sich für
souverän.
- 24.8. Die Volkskammer verabschiedet ein Gesetz, das die Vernichtung
der etwa sechs Millionen Akten des ehemaligen Ministeriums für
Staatssicherheit verbietet.
- 29.8. Nach heftigen Auseinandersetzungen zwischen CDU/CSU und
SPD um die strafrechtliche Regelung bei Abtreibungen verzichtet die
CDU/CSU-Fraktion auf die Festschreibung des "Wohnortprinzips". Danach
hätten sich Bundesbürgerinnen bei einer Abtreibung in der
DDR strafbar gemacht. Es gilt nun das "Tatortprinzip", demnach ist der
Ort der Abtreibung für die strafrechtliche Verfolgung maßgeblich.
In Ramstein kommen beim Absturz eines US-Transportflugzeuges 13 Menschen
ums Leben.
- 30.8. Auf der Konferenz für Verhandlungen über Konventionelle
Streitkräfte in Europa (VKSE) in Wien garantieren Bundesaußenminister
Genscher
und Ministerpräsident de Maizière, die Streitkräfte im geeinten
Deutschland innerhalb von vier Jahren auf 370.000 Mann zu reduzieren.
- 31.8. Genehmigung des Einigungsvertrags durch das Bundeskabinett
in Bonn und den Ministerrat in Ost-Berlin. Der Vertrag wird von Bundesinnenminister
Wolfgang Schäuble
und dem Parlamentarischen Staatssekretär beim Ministerpräsidenten
Günther Krause (geb. 1953) unterschrieben. Am 20. September wird
der Vertrag mit der erforderlichen Zweidrittelmehrheit von der Volkskammer
und vom Bundestag verabschiedet. Tags darauf stimmt auch der Bundesrat
zu.
- September
- 1.9.-7.10. Das nach einer Idee von Heiner
Müller, Rebecca Horn (geb. 1944) und Jannis Kounellis (geb.
1936) in Ost- und West-Berlin stattfindende Ausstellungsprojekt "Endlichkeit
der Freiheit" umfasst 21 Installationen elf verschiedener Künstler
zur deutschen Geschichte.
- 1.9.-25.11. Die Ausstellung "Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts"
im Museum Wiesbaden veranschaulicht die Rolle der Frau in der Kunstgeschichte.
- 4.9. In Ost-Berlin besetzen mehr als 20 Angehörige von
DDR-Bürgerrechtsbewegungen die Zentrale des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes,
um gegen eine Verlagerung der Akten der Behörde in die Bundesrepublik
zu protestieren.
- 5.9. Nach einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts
kann der "genetische Fingerabdruck" in Prozessen als Beweismittel verwendet
werden.
- 6.9. Die Volkskammer verabschiedet ein Rehabilitierungsgesetz,
das eine Entschädigung von Opfern des SED-Regimes vorsieht.
- 12.9. Mit dem Abschluss der "Zwei-plus-Vier-Gespräche"
durch Unterzeichnung des "Vertrags über die abschließende
Regelung in Bezug auf Deutschland" von Seiten der Außenminister
der vier ehemaligen Siegermächte der beiden deutschen Staaten in
Moskau erhält das geeinte Deutschland die volle Souveränität
und faktisch einen Friedensvertrag. Die alliierten Hoheitsrechte werden
mit Wirkung vom 3. Oktober 1990 ausgesetzt.
- 13.9. Auf Beschluss des Bundestags wird der Wehrdienst von
15 auf 12 Monate und der Zivildienst von 20 auf 15 Monate verkürzt.
- 20.9. Im Bundestag und in der Volkskammer wird der Einigungsvertrag
gegen die Stimmen von Bündnis90/DieGrünen und der PDS verabschiedet.
- 24.9. In Ost-Berlin wird zwischen der DDR und der Sowjetunion
ein Vertrag unterzeichnet, nach dem die DDR-Mitgliedschaft im Warschauer
Pakt am 3. Oktober 1990 erlischt.
In der UdSSR erhält Präsident Gorbatschow befristet bis zum
31. März 1992 Sondervollmachten. Er kann damit über Fragen
des Eigentums, der Wirtschafts- und Finanzpolitik, der Lohn- und Preisregelung
sowie der öffentlichen Ordnung allein entscheiden.
- 27.9. Zusammenschluss der beiden sozialdemokratischen Parteien
Deutschlands in Berlin zur gesamtdeutschen SPD. Vorsitzender wird Hans-Jochen
Vogel.
- 28.9. Als Reaktion auf Meutereien in DDR-Gefängnissen
beschließt die Volkskammer eine Teilamnestie für DDR-Häftlinge,
die damit nur zwei Drittel ihrer Haftstrafe verbüßen müssen.
- 29.9. Das Bundesverfassungsgericht lehnt den gesamtdeutschen
Wahlvertrag vom 3. August 1990 als verfassungswidrig ab, da es gegen
den Grundsatz der Wahlgleichheit verstoße. Die einheitliche fünfprozentige
Sperrklausel benachteilige Parteien und andere politische Vereinigungen
aus der DDR.
- 30.9. Nach Beschluss der Vorsitzenden der 20 Einzelgewerkschaften
vom 9. Mai 1990 löst sich der "Freie Deutsche Gewerkschaftsbund"
(FDGB) als politisches Organ selbst auf.
- Oktober
- 1./2.10. Zusammenschluss der beiden christdemokratischen Parteien
in Hamburg. Helmut Kohl wird Vorsitzender der CDU Deutschlands und Lothar
de Maizère sein Stellvertreter.
- 3.10. Die DDR tritt dem Geltungsbereich des Grundgesetzes bei.
Die Bundesrepublik verfügt von nun an über die volle Souveränität.
Bundespräsident Richard von Weizsäcker ernennt auf Vorschlag
des Bundeskanzlers fünf ehemalige DDR-Politiker zu Ministern ohne
Geschäftsbereich.
- 4.10. Der erste gesamtdeutsche Bundestag konstituiert sich
im Berliner Reichstagsgebäude.
- 5.10. Der Bundestag verabschiedet ein neues Wahlgesetz mit
der Regelung der Fünf-Prozent-Klausel in getrennten Wahlgebieten
und der Möglichkeit zu Listenvereinigungen in den neuen Bundesländern.
- 8.10. Am Tempelberg in Jerusalem richten israelische Sicherheitskräfte
ein Massaker an, bei dem 21 Palästinenser ums Leben kommen. Der
Vorfall führt zu einer Wende in der US-amerikanischen Außenpolitik.
Am 12. Oktober stimmen die USA erstmals einer gegen Israel gerichteten
Resolution der Vereinten Nationen zu, die das Massaker verurteilt und
die israelische Besatzungspolitik angreift.
- 9.10. In der Sowjetunion wird das Mehrparteiensystem eingeführt.
Alle politischen Parteien werden gleichberechtigt. Die Weisungsbefugnis
der Kommunistischen Partei über Polizei, Armee und Justiz entfällt.
- 12.10. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble erleidet
bei einem Attentat im südbadischen Oppenau lebensgefährliche
Verletzungen, die zu einer Querschnittslähmung führen.
- 14.10. Bei den ersten
Landtagswahlen in den fünf neuen Bundesländern wird die CDU
mit Ausnahme Brandenburgs überall stärkste Partei.
- 15.10. Das Nobelpreiskomitee in Oslo gibt bekannt, dass der
sowjetische Staatspräsident Michail Gorbatschow mit dem diesjährigen
Friedensnobelpreis
ausgezeichnet wird.
- 24.10. Der Bundestag verabschiedet das Gesetz zum Schutz von
Embryonen. Danach werden alle Veränderungen am menschlichen Erbgut
untersagt und die Leihmutterschaft sowie die Forschung an und der Handel
mit Embryonen verboten.
- 31.10. Das Bundesverfassungsgericht erklärt das kommunale
Wahlrecht für Ausländer für verfassungswidrig. Die 1989
in Schleswig-Holstein und Hamburg eingeführten Regelungen müssen
dementsprechend aufgehoben werden.
- November
- 8.11. Der US-amerikanische Präsident Bush kündigt
eine Verstärkung der US-Truppen in der Golfregion an. Die UN-Streitkräfte
drohen dem Irak mit einer militärischen Offensive.
- 9.11. Konstituierung des ersten gesamtdeutschen Bundesrats
in Berlin.
In Bonn unterzeichnen Bundeskanzler Kohl und der sowjetische Staatspräsident
Gorbatschow den "Vertrag über gute Nachbarschaft, Partnerschaft
und Zusammenarbeit".
Alt-Bundeskanzler Willy
Brandt trifft mit 175 freigelassenen Geiseln aus dem Irak auf dem
Flughafen Frankfurt/Main ein.
- 10.11. Der Parteivorstand der PDS beschließt, auf 80
Prozent des SED-Parteivermögens zu verzichten. Es wird betont,
dass keine Auslandsgelder vorhanden seien.
- 12.11. In Bonn wird die Bundesgeschäftsstelle der Grünen
von der Polizei durchsucht. Sie beschlagnahmt Flugblätter, mit
denen die Partei Soldaten zur Fahnenflucht aufruft, falls sie im Golfkrieg
eingesetzt werden sollten.
- 14.11. In Berlin kommt es bei den seit dem 12. November andauernden
Krawallen um die Räumung besetzter Häuser zu schweren Straßenschlachten
und Kämpfen zwischen Hausbesetzern und der Polizei.
In Warschau unterzeichnen der deutsche Außenminister Genscher
und sein polnischer Amtskollege Krzysztof Skubiszewski (geb. 1926) den
deutsch-polnischen Grenzvertrag über die Festlegung der Oder-Neiße-Linie
als polnische Westgrenze.
- 17.11. Die Verhandlungen über Vertrauens- und Sicherheitsbildende
Maßnahmen (VSBM) in Wien enden mit der Verabschiedung des "Wiener
Dokuments 90". Durch jährlichen Austausch militärischer Informationen
zwischen den KSZE-Teilnehmerstaaten, durch Konsultation und Zusammenarbeit
bei ungewöhnlichen militärischen Aktionen und durch militärische
Kontakte werden die bisher bestehenden Vereinbarungen ergänzt.
Der Oberste Sowjet akzeptiert das von Gorbatschow angestrebte Notstandsprogramm,
das die Position des Präsidenten erheblich stärkt.
- 19.-21.11. Das Gipfeltreffen der 34 KSZE-Staaten in Paris erklärt
den "Kalten
Krieg" als definitiv beendet. Unter anderem unterzeichnen die 16
NATO- und die 6 Warschauer-Pakt-Staaten den in Wien seit dem 6. März
1989 ausgehandelten Vertrag über die Reduzierung der konventionellen
Streitkräfte in Europa vom Atlantik bis zum Ural. Am Rande des
Gipfels verabschieden die NATO- und die Warschauer-Pakt-Staaten eine
Gemeinsame Erklärung, in der sie ihre Verpflichtung zum Nichtangriff
bestätigen. Abschließend verkünden die Staats- und Regierungschefs
der 34 KSZE-Staaten feierlich die "Charta von Paris für ein neues
Europa".
- 22.11. Die britische Regierungschefin Margaret
Thatcher tritt nach elfjähriger Amtszeit zurück.
- 29.11. Der UN-Sicherheitsrat stellt dem Irak ein Ultimatum.
Danach sind die UN-Mitglieder zum Einsatz aller "notwendigen Mittel"
berechtigt, wenn die irakischen Truppen nicht bis zum 15. Januar 1991
den Rückzug aus dem besetzen Kuwait angetreten haben.
- Dezember
- 2.12. Erste freie gesamtdeutsche
Wahlen seit 1932: Die CDU/CSU erreicht 43,8 Prozent, die SPD 33,5
Prozent und die FDP 11 Prozent der Stimmen. Die Grünen der Bundesrepublik
(Wahlgebiet West) scheitern mit 4,8 Prozent an der Fünfprozent-Hürde.
Im Wahlgebiet Ost (ehemals DDR) erreichen Bündnis 90/Grüne
6 Prozent und die PDS 11,1 Prozent. Aufgrund der separaten Fünfprozentklausel
im geänderten Bundeswahlgesetz sind sie damit im Bundestag vertreten.
- 15.12. Die Hauptnachrichtensendung "Aktuelle Kamera" der ehemaligen
DDR wird zum letzten Mal gesendet. Die Frequenzen des Deutschen Fernsehfunks
gehen an die ARD über.
- 20.12. Konstituierung des ersten frei
gewählten gesamtdeutschen Parlaments im Berliner Reichstagsgebäude.
PDS/Linke Liste und Bündnis 90/Grüne erhalten wegen zu geringer
Abgeordnetenzahl den Gruppen- anstelle des Fraktionsstatus.
- 22.12. In Polen wird der Solidarnosc-Führer Lech Walesa
(geb. 1943) zum neuen Präsidenten vereidigt.
- 25.12. Der sowjetische Volkskongress der Volksdeputierten akzeptiert
mit großer Mehrheit die Erweiterung der Befugnisse von Präsident
Gorbatschow. Damit wird auch das Kabinett direkt dem Präsidenten
unterstellt.
- 26.12. Die jugoslawische Teilrepublik Slowenien erklärt
ihre Unabhängigkeit.
- Außerdem
- Reiner Kunze:
Deckname "Lyrik" (Dokumentation mit Auszügen aus der Orginal-Stasi-Akte
zu seiner Person)
Christa Wolf: Was
bleibt (Erzählung)
(iz/cwg/reh)
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