1963-74 |
Unruhige Jahre: Neues im Westen |
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Trotz steigenden Lebensstandards melden sich in der Bevölkerung Stimmen, die die überkommenen Werte, Staat und Gesellschaft in Frage stellen. Es sind vor allem junge Leute, in der Mehrzahl Studenten, die gegen Erstarrungstendenzen in der freiheitlichen Demokratie protestieren. Aber auch Künstler und Intellektuelle rebellieren mit neuen Kunstformen gegen den "Wohlstandsmief" der Wirtschaftswunderzeit und die moderne Industriegesellschaft. Die Protestbewegung kann die bestehende Ordnung nicht ernsthaft gefährden, wohl aber bewirkt sie mittelfristig einen tiefgreifenden Wertewandel in der Bundesrepublik. Die Gesellschaft der Bundesrepublik in den 60er Jahren ist gekennzeichnet durch einen tiefgreifenden Umwälzungsprozess, der kaum einen privaten oder öffentlichen Lebensbereich unbeeinflusst lässt. Das Fernsehen entwickelt sich zum wichtigsten Massenmedium und verändert das Freizeitverhalten der Bürger. Ferne Ereignisse wie der Vietnamkrieg werden plötzlich für jedermann greifbar. Veranstaltungen wie die Olympischen Spiele 1972 können zu Hause besser als im Stadion verfolgt werden. Aber auch das Erscheinungsbild der Städte wandelt sich grundlegend. Die moderne Stadtentwicklung zerstört vielfach die gewachsenen Siedlungsstrukturen. Während sich in den Stadtzentren immer mehr Bürogebäude und Kaufhäuser ansiedeln, wachsen in den Randbereichen Trabantenstädte mit anonymen Wohneinheiten. Der Bildungsnotstand, der Mitte der 60er Jahre an Schulen und Hochschulen herrscht, ist eine wesentliche Ursache für die Entstehung der Studentenunruhen. Der Protest der Studenten richtet sich darüber hinaus aber auch gegen die "verkrusteten Autoritätsstrukturen" in Schule, Universität, Elternhaus und Gesellschaft. Ihr Kampf für veränderte Lebens- und Denkformen beeinflusst die westdeutsche Alltagskultur nachhaltig. Wohngemeinschaften, freiere Kinder- und Sexualerziehung sowie nicht-eheliche Beziehungen erscheinen heute als selbstverständlich. Auch die Suche der Frauen nach einem neuen Rollenverständnis erhält durch die Studentenbewegung neue Impulse. (ahw) © Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland |