1974-89

 

Bürgerbewegungen: Kirchen in der DDR

Photo: Kirchentag von unten, 1987
Photo: Friedenswerkstatt Halle, 1982
Abzeichen: Aufnäher "Schwerter zu Pflugscharen", 1980er Jahre

Als einzige größere Organisation in der DDR können sich die Kirchen - vor allem die evangelischen Kirchen - eine gewisse Autonomie gegenüber dem totalen Anspruch von Staat und Partei bewahren. Sie verfügen über einen nicht unbeträchtlichen Besitz an Land und Gebäuden und betreiben eigene Schulen und Krankenhäuser. In ihren Personal- und Organisationsentscheidungen sind sie unabhängig. Durch die Möglichkeit, eigene Zeitungen und andere Publikationen herauszugeben sowie ihre Türen für kritische Künstler und oppositionelle Schriftsteller zu öffnen, bilden die Kirchen innerhalb des SED-Staates eine zweite Öffentlichkeit. Der friedliche Umbruch von 1989 ist deshalb ohne die Kirchen in dieser Form nicht denkbar.

Obwohl die Verfassungen der DDR von 1949 und 1968 das Recht auf Glaubens- und Gewissensfreiheit garantieren, versucht das SED-Regime, den Einfluss der Kirchen auf ein Mindestmaß zurückzudrängen und allein auf den karitativen Bereich zu begrenzen. In der Hoffnung, bei den Kirchen Unterstützung für die eigene Friedenspropaganda zu finden, hält sich die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) in den 70er und 80er Jahren mit atheistischer Ideologiewerbung weitgehend zurück. Auch die evangelische Kirche sucht als "Kirche im Sozialismus" nun den Ausgleich mit dem Staat. Am 6. März 1978 kommt es zum einzigen Gespräch zwischen Erich Honecker und dem Vorstand des Bundes der Evangelischen Kirche in der DDR.

Schon kurze Zeit später führt die Einführung des Pflichtfachs "Wehrkunde" an den Schulen jedoch zu erneuten Spannungen zwischen Staat und Kirche. Da der Protest der Kirchen erfolglos bleibt, antworten sie mit einer "Erziehung zum Frieden". In den 80er Jahren werden die Kirchen zum Kristallisationspunkt für eine wachsende Zahl von verschiedenen Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsgruppen, die sich öffentlich für eine Reform des erstarrten SED-Regimes einsetzen. Pfarrer zählen häufig zu den aktivsten Mitgliedern dieser Gruppen.

[Kollektives Gedächtnis] Christoph Wonneberger: Fasten für den Frieden

(ag) © Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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