1990/91 -heute |
Folgen der deutschen Einheit: Zusammenwachsen |
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Trotz etwas verbesserter wirtschaftlicher Konjunktur in den neuen Ländern wächst dort die Zahl der Arbeitslosen. Viele empfinden sich als Almosenempfänger. Der seit 1993 einsetzende wirtschaftliche Aufwärtstrend der ostdeutschen Wirtschaft trägt sich noch nicht selbst. Folge der hohen Transferleistungen aus dem Westen ist ein überdurchschnittlicher Anstieg der Staatsverschuldung und Abgabenbelastung in Deutschland. Das Wohlstandsgefälle zwischen den neuen und alten Bundesländern wird erst allmählich geringer. Die ostdeutschen Arbeitnehmereinkommen erreichen 1996 zwar rund 73 Prozent des westdeutschen Niveaus, doch kann noch nicht von einer Angleichung der Lebensverhältnisse in den neuen Bundesländern an die der alten gesprochen werden. Der gesellschaftliche und wirtschaftliche Umbruch im Osten verlangt vom Einzelnen eine enorme Anpassungs- und Lernbereitschaft. Dabei bilden die materiellen Sorgen nur einen Teil der Probleme. Über Nacht müssen sich die DDR-Bürger mit vielen neuen Regelungen zurechtfinden. Alte Erfahrungen gelten nicht mehr. Viele geraten in eine Identitätskrise. Überhebliches Auftreten mancher "Wessis" verstärkt ein Gefühl der Ohnmacht, ganz zu schweigen von unsoliden Geschäftsleuten, die sich die Unerfahrenheit der Menschen im Umgang mit der Marktwirtschaft zunutze machen. Nicht nur diejenigen, die sich für das Weiterbestehen der DDR eingesetzt haben, wehren sich dagegen, dass keine der sozialen Leistungen der DDR erhalten und im Zuge der Angleichung der Lebensverhältnisse in die neue staatliche Einheit gerettet worden ist. Trotz des steinigen Weges dorthin ist die Zustimmung vieler Ostdeutscher zur Einheit ungebrochen. Nur eine Minderheit idealisiert die alten DDR-Zeiten. Nachfolger von Bundespräsident Richard von Weizsäcker wird 1994 der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Roman Herzog. Herzog will "Bundespräsident aller Deutschen" sein. Hinter dem Wort von der "Mauer in den Köpfen", so erklärt er in seiner Antrittsrede am 23. Mai 1994, stecke die "Idee des Einheitsdeutschen". Doch, so Herzog weiter: "Deutschland ist am 3. Oktober 1990 nicht nur größer und bevölkerungsreicher geworden, es ist auch bunter, widersprüchlicher und sogar konfliktreicher geworden. Aber ist das eigentlich ein Schaden? Uniformität ist noch nie das Wesensmerkmal unseres Landes gewesen, so gern das manche Stromlinienförmigen unter uns gehabt hätten. Unser Reichtum waren immer Vielfalt und Vielgestaltigkeit." Die Rede Herzogs findet breite Zustimmung.
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