1935-1997

 

Rudolf Bahro

Sozialwissenschaftler und Schriftsteller

1935
18. November: Rudolf Bahro wird im schlesischen Bad Flinsberg (heute: Swieradow Zdroj) als Sohn des Landwirtschaftsinspektors Max Bahro und seiner Frau Irmgard (geb. Conrad) geboren.
1944-1946
Während der Flucht vor der Roten Armee am Ende des Zweiten Weltkrieges verliert er seine Mutter und beide Geschwister. Nach einer Odyssee durch die Tschechoslowakei, Österreich und Westdeutschland kommt Bahro wieder zu seinem Vater, der an der Oder eine neue Familie gründet.
1946-1950
Besuch der Grundschule an verschiedenen Orten im Oderbruch.
1950-1954
Oberschule in Fürstenberg.
1952-1954
Kandidat der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), deren Mitglied er 1954 wird.
1954-1959
Philosophiestudium an der Humboldt-Universität Berlin.
1959/60
Im Oderbruch ist Bahro bei einer Zeitung tätig, die die Kollektivierung der Landwirtschaft propagiert.
1959
Heirat mit der Slawistin Gundula Lembke. Aus der Ehe gehen drei Kinder hervor.
1960-1962
Redakteur der Greifswalder Universitätszeitung.
1962-1965
Mitarbeit beim Zentralvorstand der Gewerkschaft Wissenschaft in Ost-Berlin.
1965-1967
Stellvertretender Chefredakteur der Studentenzeitschrift "Forum", die von der Jugendorganisation Freie Deutsche Jugend (FDJ) herausgegeben wird.
1967-1977
Abteilungsleiter für Arbeitsorganisation in einem Gummikombinat in Berlin.
1972-1975
Bahro arbeitet an seiner Dissertation über die Entfaltungsbedingungen der Hoch- und Fachschulkader in den volkseigenen Betrieben. Die Arbeit wird trotz positiver Gutachten wegen "mangelnder wissenschaftlicher Grundlage" von der Technischen Hochschule (TH) für Chemie Leuna-Merseburg abgelehnt.
1972-1976
Arbeit am Manuskript zu seinem Buch "Die Alternative". Inhalt des Werkes ist eine umfassende Kritik am politischen und wirtschaftlichen System der DDR aus marxistisch- kommunistischer Sicht.
1973
Bahro lässt sich von seiner Frau scheiden, um sie und die Kinder vor den zu erwartenden Repressalien zu schützen.
1977
August: In dem westdeutschen Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" erscheint ein Vorabdruck des Buches "Die Alternative. Zur Kritik des real existierenden Sozialismus". Bahro kommentiert seine Ansichten zudem im Westfernsehen. Daraufhin wird er vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) wegen des Verdachts "nachrichtendienstlicher Tätigkeit" verhaftet und aus der SED ausgeschlossen.
"Die Alternative" erscheint in Köln als Buch und wird später in zahlreiche Sprachen übersetzt. Bahro entwickelt insbesondere die Idee des Dritten Weges weiter. Sein Werk wird im November 1978 auf dem "Internationalen Kongress für und über Rudolf Bahro" in Berlin von linken Theoretikern aus West- und Osteuropa ausführlich besprochen.
In der DDR entstehen Bahro-Lesekreise und es kommt in den beiden folgenden Jahren zu Solidaritätsaktionen von Schriftstellern, Politikern und Künstlern für den inhaftierten Bahro.
1978
1. Februar: In einem Leserbrief an die Londoner Tageszeitung "The Times", engagieren sich zahlreiche Schriftsteller für Bahros Freilassung. Unter ihnen sind Heinrich Böll, Graham Greene (1904-1991) und Arthur Miller (1915-2005).
30. Juni: Bahro wird wegen "landesverräterischer Sammlung von Nachrichten" und "Geheimnisverrats" zu acht Jahren Haft verurteilt. Sein Verteidiger ist Gregor Gysi.
Der Sammelband "Solidarität mit Bahro" erscheint. Er zeigt die großen Sympathien mit dem Systemkritiker nach seiner Verhaftung und Verurteilung, insbesondere innerhalb der europäischen Linken.
Bahro wird mit der "Carl-von-Ossietzky-Medaille" der Internationalen Liga für Menschenrechte ausgezeichnet und zum Mitglied des schwedischen und des dänischen PEN-Zentrums ernannt.
1979
Bahro erhält den Londoner Isaac-Deutscher-Memorial-Preis.
Oktober: Die DDR-Führung entlässt Bahro anlässlich des 30. Jahrestages der DDR aus der Haft und reagiert damit auf den internationalen öffentlichen Druck. Nach der Ausbürgerung lebt Bahro in der Bundesrepublik.
1980-1985
Bahro ist Mitglied der Grünen, zu deren Mitbegründern er neben Herbert Gruhl und Petra Kelly gehört.
1980
Bahro erhält einen Forschungsauftrag an der Universität Bremen und ist Gastdozent an der Freien Universität in West-Berlin.
An der Universität Hannover holt Bahro die Promotion nach. Seine Dissertation erscheint unter dem Titel "Plädoyer für schöpferische Initiative. Zur Kritik von Arbeitsbedingungen im real existierenden Sozialismus".
Er veröffentlicht "Elemente einer neuen Politik. Zum Verhältnis von Ökologie und Sozialismus".
1983
Habilitation an der Universität Hannover.
Vierwöchiger Aufenthalt in Rajneeshpuram im US-Staat Oregon bei Anhängern der Bhagwan-Bewegung. In der Folgezeit wendet sich Bahro zunehmend meditativen Betrachtungen zu.
Bahro arbeitet als freier Publizist und lässt sich in Niederstadtfeld/Eifel nieder. Hier führt er gemeinsam mit seiner späteren Frau, Beatrice Immermann, eine ökologisch-spirituelle Lernwerkstatt.
1985
Bahro gibt seine Mitgliedschaft bei den Grünen auf.
1987
Bahros Buch "Logik der Rettung. Wer kann die Apokalypse aufhalten? Über die Grundlagen ökologischer Politik" erscheint. Hierin setzt er seine Zivilisationskritik fort und argumentiert, dass sich die Industriegesellschaften durch ihre Lebensweise in einem Prozess der Selbstausrottung befinden.
1988
Heirat mit Beatrice Ingermann. Sie nimmt sich 1995 das Leben. Aus der Ehe geht eine Tochter hervor.
1989
November: Nach dem Fall der Mauer kehrt Bahro nach Ost-Berlin zurück.
1990
15. Juni: Bahro wird vom Obersten Gericht der DDR vollständig rehabilitiert.
Ernennung zum außerordentlichen Professor am "Institut für Sozialökologie" an der Berliner Humboldt-Universität.
Bahros Forschungsthemen sind hauptsächlich die durch die Industriegesellschaft geprägten Lebensweisen der Menschen, alternative Formen der Vergemeinschaftung und die globale Umweltzerstörung.
Neben seiner Lehrtätigkeit gründet Bahro in Pommritz/Sachsen eine Basisgruppe, die alternative Landwirtschaft betreibt. Diese sieht er als Keimzelle einer ökologischen Reformation.
1991
Veröffentlichung der Schrift "Rückkehr. Die In-Weltkrise als Ursprung der Weltzerstörung".
1992
Bahro bietet dem in Berlin-Moabit in Untersuchungshaft sitzenden Erich Honecker an, eine Verteidigungsrede in dessen bevorstehenden Prozess zu halten. Honecker geht nicht auf Bahros Angebot ein.
1995
Heirat mit der Ingenieurökonomin Marina Lehnert.
1995/96
Gegen Gysi werden Vorwürfe laut, die besagen, er habe als Anwalt Bahro geschadet. Bahro widerspricht diesen Darstellungen.
Veröffentlichung der Schrift "Apokalypse oder Geist einer neuen Zeit".
1996
In einem Artikel der Süddeutschen Zeitung (SZ) lehnt Bahro Verfahren gegen Juristen, die ihn 1978 verurteilt hatten, als Siegerjustiz ab.
1997
5. Dezember: Rudolf Bahro stirbt in Berlin an einem Krebsleiden.

(mf/sw/reh/lb) © Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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