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Sozialwissenschaftler und Schriftsteller
- 1935
- 18. November: Rudolf Bahro wird im schlesischen Bad Flinsberg (heute: Swieradow Zdroj) als
Sohn des Landwirtschaftsinspektors Max Bahro und seiner Frau Irmgard (geb. Conrad) geboren.
- 1944-1946
- Während der Flucht
vor der Roten Armee am Ende des Zweiten
Weltkrieges verliert er seine Mutter und beide Geschwister. Nach
einer Odyssee durch die Tschechoslowakei, Österreich und Westdeutschland
kommt Bahro wieder zu seinem Vater, der an der Oder eine neue Familie
gründet.
- 1946-1950
- Besuch der Grundschule
an verschiedenen Orten im Oderbruch.
- 1950-1954
- Oberschule in Fürstenberg.
- 1952-1954
- Kandidat der Sozialistischen
Einheitspartei Deutschlands (SED), deren Mitglied er 1954 wird.
- 1954-1959
- Philosophiestudium an der Humboldt-Universität Berlin.
- 1959/60
- Im Oderbruch ist Bahro bei einer Zeitung tätig, die die Kollektivierung
der Landwirtschaft propagiert.
- 1959
- Heirat mit der Slawistin Gundula Lembke. Aus der Ehe gehen drei Kinder hervor.
- 1960-1962
- Redakteur der Greifswalder Universitätszeitung.
- 1962-1965
- Mitarbeit beim Zentralvorstand der Gewerkschaft Wissenschaft in Ost-Berlin.
- 1965-1967
- Stellvertretender Chefredakteur der Studentenzeitschrift "Forum",
die von der Jugendorganisation Freie Deutsche Jugend (FDJ) herausgegeben
wird.
- 1967-1977
- Abteilungsleiter für Arbeitsorganisation in einem Gummikombinat
in Berlin.
- 1972-1975
- Bahro arbeitet an seiner Dissertation über die Entfaltungsbedingungen
der Hoch- und Fachschulkader in den volkseigenen Betrieben. Die Arbeit
wird trotz positiver Gutachten wegen "mangelnder wissenschaftlicher
Grundlage" von der Technischen Hochschule (TH) für Chemie Leuna-Merseburg
abgelehnt.
- 1972-1976
- Arbeit am Manuskript zu seinem Buch "Die Alternative". Inhalt des
Werkes ist eine umfassende Kritik am politischen und wirtschaftlichen
System der DDR aus marxistisch- kommunistischer Sicht.
- 1973
- Bahro lässt sich von seiner Frau scheiden, um sie und die Kinder vor den zu erwartenden Repressalien zu schützen.
- 1977
- August: In dem westdeutschen Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" erscheint
ein Vorabdruck des Buches "Die Alternative. Zur Kritik des real existierenden
Sozialismus". Bahro kommentiert seine Ansichten zudem im Westfernsehen.
Daraufhin wird er vom Ministerium
für Staatssicherheit (MfS) wegen des Verdachts "nachrichtendienstlicher
Tätigkeit" verhaftet und aus der SED ausgeschlossen.
"Die Alternative" erscheint in Köln als Buch und wird später
in zahlreiche Sprachen übersetzt. Bahro entwickelt insbesondere
die Idee des Dritten
Weges weiter. Sein Werk wird im November 1978 auf dem "Internationalen Kongress für und über Rudolf Bahro" in Berlin von linken Theoretikern aus West- und Osteuropa ausführlich besprochen.
In der DDR entstehen Bahro-Lesekreise und
es kommt in den beiden folgenden Jahren zu Solidaritätsaktionen von Schriftstellern, Politikern und Künstlern für den inhaftierten Bahro.
- 1978
- 1. Februar: In einem Leserbrief an die Londoner Tageszeitung "The
Times", engagieren sich zahlreiche Schriftsteller für Bahros Freilassung.
Unter ihnen sind Heinrich Böll,
Graham Greene (1904-1991) und Arthur Miller (1915-2005).
30. Juni: Bahro wird wegen "landesverräterischer Sammlung von Nachrichten"
und "Geheimnisverrats" zu acht Jahren Haft verurteilt. Sein Verteidiger
ist Gregor Gysi.
Der Sammelband "Solidarität mit Bahro" erscheint. Er zeigt die
großen Sympathien mit dem Systemkritiker nach seiner Verhaftung
und Verurteilung, insbesondere innerhalb der europäischen Linken.
Bahro wird mit der "Carl-von-Ossietzky-Medaille" der Internationalen
Liga für Menschenrechte ausgezeichnet und zum Mitglied des schwedischen
und des dänischen PEN-Zentrums ernannt.
- 1979
- Bahro erhält den Londoner Isaac-Deutscher-Memorial-Preis.
Oktober: Die DDR-Führung entlässt Bahro anlässlich des
30. Jahrestages der DDR aus der Haft und reagiert damit auf den internationalen
öffentlichen Druck. Nach der Ausbürgerung lebt Bahro in der
Bundesrepublik.
- 1980-1985
- Bahro ist Mitglied der Grünen,
zu deren Mitbegründern er neben Herbert Gruhl und Petra
Kelly gehört.
- 1980
- Bahro erhält einen Forschungsauftrag an der Universität
Bremen und ist Gastdozent an der Freien Universität in West-Berlin.
An der Universität Hannover holt Bahro die Promotion nach. Seine
Dissertation erscheint unter dem Titel "Plädoyer für schöpferische
Initiative. Zur Kritik von Arbeitsbedingungen im real existierenden
Sozialismus".
Er veröffentlicht "Elemente einer neuen Politik. Zum Verhältnis
von Ökologie und Sozialismus".
- 1983
- Habilitation an der Universität Hannover.
Vierwöchiger Aufenthalt in Rajneeshpuram im US-Staat Oregon bei
Anhängern der Bhagwan-Bewegung. In der Folgezeit wendet sich Bahro
zunehmend meditativen Betrachtungen zu.
Bahro arbeitet als freier Publizist und lässt sich in Niederstadtfeld/Eifel
nieder. Hier führt er gemeinsam mit seiner späteren Frau, Beatrice Immermann, eine ökologisch-spirituelle Lernwerkstatt.
- 1985
- Bahro gibt seine Mitgliedschaft bei den Grünen auf.
- 1987
- Bahros Buch "Logik der Rettung. Wer kann die Apokalypse aufhalten?
Über die Grundlagen ökologischer Politik" erscheint. Hierin
setzt er seine Zivilisationskritik fort und argumentiert, dass sich
die Industriegesellschaften durch ihre Lebensweise in einem Prozess
der Selbstausrottung befinden.
- 1988
- Heirat mit Beatrice Ingermann. Sie nimmt sich 1995 das Leben. Aus der Ehe geht eine Tochter hervor.
- 1989
- November: Nach dem Fall
der Mauer kehrt Bahro nach Ost-Berlin zurück.
- 1990
- 15. Juni: Bahro wird vom Obersten Gericht der DDR vollständig
rehabilitiert.
Ernennung zum außerordentlichen Professor am "Institut für
Sozialökologie" an der Berliner Humboldt-Universität.
Bahros Forschungsthemen sind hauptsächlich die durch die Industriegesellschaft
geprägten Lebensweisen der Menschen, alternative Formen der Vergemeinschaftung
und die globale Umweltzerstörung.
Neben seiner Lehrtätigkeit gründet Bahro in Pommritz/Sachsen eine Basisgruppe,
die alternative Landwirtschaft betreibt. Diese sieht er als Keimzelle
einer ökologischen Reformation.
- 1991
- Veröffentlichung der Schrift "Rückkehr. Die In-Weltkrise
als Ursprung der Weltzerstörung".
- 1992
- Bahro bietet dem in Berlin-Moabit in Untersuchungshaft sitzenden Erich Honecker an, eine Verteidigungsrede in dessen bevorstehenden Prozess zu halten. Honecker geht nicht auf Bahros Angebot ein.
- 1995
- Heirat mit der Ingenieurökonomin Marina Lehnert.
- 1995/96
- Gegen Gysi werden Vorwürfe laut, die besagen, er habe als Anwalt Bahro
geschadet. Bahro widerspricht diesen Darstellungen.
Veröffentlichung der Schrift "Apokalypse oder Geist einer neuen
Zeit".
- 1996
- In einem Artikel der Süddeutschen Zeitung (SZ) lehnt Bahro Verfahren gegen Juristen, die ihn 1978 verurteilt hatten, als Siegerjustiz ab.
- 1997
- 5. Dezember: Rudolf Bahro stirbt in Berlin
an einem Krebsleiden.
(mf/sw/reh/lb)
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