1913-2001

 

Stefan Heym

Photo: Stefan Heym, 1976
Photo: Stefan Heym, 1989/90

Journalist, Schriftsteller und Politiker

1913
10. April: Stefan Heym, alias Helmut Flieg, wird in Chemnitz als Sohn eines jüdischen Kaufmanns geboren.
Besuch eines Chemnitzer Gymnasiums, das er wegen eines antimilitaristischen Gedichts 1931 verlassen muss.
1932
Abitur in Berlin. Er schreibt erste Beiträge für verschiedene Berliner Zeitschriften, unter anderem für Ossietzkys "Weltbühne". Studienbeginn der Philosophie, Germanistik und Zeitungswissenschaften in Berlin.
1933
Aus Rücksicht auf seine Familie nimmt er das Pseudonym Stefan Heym an und flieht nach Prag, wo er als Journalist für deutschsprachige und tschechoslowakische Zeitungen arbeitet.
1935
Der jüdische Vater begeht Selbstmord, andere Familienmitglieder kommen später in den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten ums Leben.
Heym siedelt in die USA über und beendet seine Studien 1936 an der Universität von Chicago mit einer Magisterarbeit über Heinrich Heine.
1937-1939
Chefredakteur der antifaschistischen New Yorker Wochenzeitung "Deutsches Volksecho".
1938-1940
Mitglied der German-American-Writers-Association.
1942
Veröffentlichung seines ersten Romans "Hostages" (dt.: "Der Fall Glasenapp" 1958).
1943
Eintritt in die US-amerikanischen Armee und Teilnahme als Sergeant für psychologische Kriegsführung an der Invasion in der Normandie (1944).
1945
Mitbegründer der Zeitung "Neue Zeit" in München.
Rückversetzung in die USA und Entlassung aus der Armee wegen "prokommunistischer" Haltung.
1948
Veröffentlichung des Kriegsromans "The Crusaders" (dt.: "Kreuzfahrer von heute" 1950) der ein Weltbestseller wird.
1951/52
Aus Protest gegen den Koreakrieg gibt Heym der US-Regierung alle militärischen Auszeichnungen zurück und verlässt die USA. Er geht zunächst über Warschau nach Prag. 1952 siedelt er mit seiner amerikanischen Frau nach Ost-Berlin über.
1953
Mitglied des PEN-Zentrums Ost und West.
1953-1956
Kolumnist für die "Berliner Zeitung".
Danach beginnt er als "kritischer Marxist" die Auseinandersetzung mit dem DDR-Regime zu suchen, das nach seiner Auffassung "den Sozialismus zu einem Zerrbild der Idee entstellt".
Heym, der sich nie als Gegner, sondern als Kritiker des Regimes verstand, tritt keiner Partei bei.
1954
Mitglied des Vorstands des Deutschen Schriftstellerverbandes.
Veröffentlichung von "Im Kopf - sauber".
Auszeichnung mit dem Heinrich-Mann-Preis.
1956
Kontroverse mit Walter Ulbricht auf dem IV. Schriftsteller-Kongress.
1958
Veröffentlichung von "Offen gesagt. Neue Schriften zum Tage".
1959
Verleihung des Nationalpreises 2. Klasse der DDR.
1965
Erich Honecker kritisiert Heyms Manuskript "5 Tage im Juni", eine Darstellung der Ereignisse um den 17. Juni 1953.
1969
Heym wird wegen der Veröffentlichung des Romans "Lassalle" in der Bundesrepublik zu einer Geldstrafe verklagt. 1974 wird das Buch auch in der DDR verlegt.
1972
Veröffentlichung des Romans "Der König David Bericht". Darin thematisiert Heym die Stellung der Intellektuellen zwischen Macht und Wahrheit.
Heym, der die meisten seiner Bücher im Westen drucken lässt, avanciert dort zum meistgelesenen DDR-Autor.
1974
Veröffentlichung von "5 Tage im Juni" in der Bundesrepublik.
1976
Mitunterzeichner der Protesterklärung gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns.
1979
Sein Roman "Collin" erscheint in der Bundesrepublik. Der Roman, der von der DDR-Zensur abgelehnt wird, stellt eine Abrechnung mit der stalinistischen DDR-Vergangenheit und ihrer Verdrängung dar. Es folgt eine Verurteilung wegen "Devisenvergehens" und der Ausschluss aus dem DDR-Schriftstellerverband.
In der DDR wird Heym fortan lediglich geduldet. Er verschafft sich zunehmend Gehör in westlichen Medien.
1981
Veröffentlichung des Romans "Ahasver" in der Bundesrepublik. Ahasver bezeichnet den ewigen Juden, eine mittelalterliche Sagengestalt, die Heym vor dem Hintergrund der atomaren Rüstungsspirale als rebellischen, unermüdlich antidogmatischen Intellektuellen auftreten lässt.
1981
Heym spricht beim deutsch-deutschen Schriftstellertreffen im niederländischen Scheveningen über die Friedensbewegung in Ost und West. Die deutsche Wiedervereinigung hält er für "möglich und naturgegeben".
1984
Veröffentlichung von "Schwarzenberg". Der Roman handelt von einem sozialistischen Experiment in einem unbesetzten Landkreis im Erzgebirge in der unmittelbaren Nachkriegszeit.
1988
Veröffentlichung seines autobiographischen "Nachruf".
1989
4. November: Bei der Kundgebung auf dem Ost-Berliner Alexanderplatz wird er von den Demonstranten emphatisch begrüßt, als er eine Rede über "den neuen, den besseren Sozialismus in der DDR" hält.
Nach der Maueröffnung tritt Heym, angewidert vom "Kaufrausch der Massen aus der DDR", in dem er eine "würdelose Jagd nach dem glitzernden Tinnef" sieht, für eine sozialistische Alternative zur Bundesrepublik ein. Er gehört zu den Initiatoren des Aufrufs "Für unser Land".
1990 und 1991
Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Universitäten Bern und Cambridge.
1990-1992
Veröffentlichung des Erzählbandes "Auf Sand gebaut" (1990) und des Buches "Filz. Gedanken über das neueste Deutschland" (1992), mit denen er sich dem Thema der deutschen Wiedervereinigung widmet.
1993
Ehrenpräsident des Deutschen PEN-Zentrums Ost.
Für sein Engagement gegen Rassismus und Xenophobie wird Heym als erster deutscher Schriftsteller mit dem Jerusalem-Preis für Literatur ausgezeichnet.
Heym schenkt sein Privatarchiv der Universität Cambridge.
1994
Für die Bundestagswahl lässt sich Heym von der SED-Nachfolgepartei PDS (Partei des Demokratischen Sozialismus) als Kandidat des Wahlkreises Berlin Mitte/Prenzlauer Berg gewinnen. Nach monatelangem Zögern begründet er diesen Schritt damit, dass in der PDS ein "Prozess innerer Wandlung" erkennbar sei, die "westdeutsche Politikerkaste" ihn dagegen "politikverdrossen" mache. Einen Eintritt in die Partei lehnt er allerdings ab.
Heym gewinnt das Direktmandat gegen den SPD-Politiker Wolfgang Thierse und zieht mit zwei weiteren parteilosen Schriftstellern, Gerhard Zwerenz und Heinrich Graf von Einsiedel, für die PDS in den Bundestag ein.
Als Alterspräsident hält Heym im November die Eröffnungsrede im Bundestag, der die CDU/CSU-Fraktion (außer Rita Süssmuth) demonstrativ den Applaus versagt.
1995
Sein Roman "Radek" erscheint, in dem er die Spuren des KPD-Politikers Karl Radek nachzeichnet, der 1919 aus Berlin ausgewiesen und in der Sowjetunion wegen Opposition gegen Stalin verbannt und in einem Schauprozess verurteilt wurde.
September: Aus Protest gegen die geplante Diätenerhöhung legt Heym sein Bundestags-Mandat nieder.
1997
Heym gehört zu den 34 Politikern, Gewerkschaftern, Schriftstellern, Künstlern und Theologen, die in der "Erfurter Erklärung" ein Linksbündnis von SPD und Bündnis 90/Die Grünen ohne Ausgrenzung der PDS fordern, um die Bundesregierung 1998 abzulösen.
1998
Veröffentlichung von "Pargfrider", einer autobiographischen Skizze über die komplizierte Freundschaft zwischen zwei Männern.
2001
Stefan Heym stirbt am 16. Dezember in Israel.

(iz) © Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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