 |
Geheimdienstchef
- 1923
- 19. Januar: Markus Johannes Wolf wird in Hechingen im damaligen preußischen
Regierungsbezirk Sigmaringen als Sohn des jüdischen Dramatikers
und Arztes Friedrich Wolf geboren. Er ist Bruder des DDR-Filmregisseurs
Konrad Wolf.
- ab 1933
- Zusammen mit der Familie geht Wolf in die Emigration, anfangs in
die Schweiz und nach Frankreich, ab 1934 in die Sowjetunion.
- 1940-1942
- Wolf besucht die Hochschule für Flugzeugbau in Moskau.
- 1942
- Eintritt in die Exil-Kommunistische
Partei Deutschlands (KPD).
- 1942/43
- Nach der Evakuierung Moskaus geht Wolf zur Schule der Kommunistischen
Internationale in Kuschnarenkowo.
- 1943-1945
- Wolf arbeitet als Redakteur, Sprecher und Kommentator beim "Deutschen
Volkssender" in Moskau.
- 1945
- Nach Kriegsende kehrt Wolf mit einer Gruppe von Exilkommunisten zurück
nach Deutschland.
- 1945-1949
- Wolf arbeitet beim Berliner Rundfunk und ist 1945/46 Berichterstatter
bei den Nürnberger
Prozessen.
- 1946
- Eintritt in die Sozialistische
Einheitspartei Deutschlands (SED).
- 1949-1951
- Erster Rat der DDR-Mission in Moskau.
- 1951
- Stellvertretender Leiter des als "Institut für wirtschaftswissenschaftliche
Forschung" getarnten Außenpolitischen Nachrichtendienstes
(APN) in Ost-Berlin.
- ab 1952
- Leiter des APN. 1953 wird der APN als Hauptabteilung XV in das Ministerium
für Staatssicherheit (MfS) eingegliedert und 1956 in Hauptverwaltung
Aufklärung (HV A) umbenannt.
- Wolfs Spionagestrategie liegt vor allem im Eindringen in die westlichen
Führungszentren und dabei besonders der bundesdeutschen Gesellschaft.
Seine Agenten sollen auf bürgerlichem Wege in einflussreiche Stellungen
gelangen und ihre Spionagetätigkeit erst aufnehmen, wenn sie dieses
Ziel erreicht haben. Wolf unterstehen rund 4.000 Auslandsagenten, die
er mit der "Präzision eines Schachspielers" führt, wie Beobachter
bekunden.
- 1954
- Ernennung zum Generalmajor.
- ab 1956
- Einer der Stellvertreter des Ministers für Staatssicherheit.
Für Wahlen in das Zentralkomitee (ZK) der SED hat Wolf nie kandidiert.
- 1965
- Ernennung zum Generalleutnant.
- 1969
- Auszeichnung mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Gold.
- 1971
- Auszeichnung mit dem Roten Stern des Innenministeriums der UdSSR.
- 1974
- Einer der ersten Agenten, die Wolf rekrutiert hat, der Kanzleramtschef
Günter Guillaume,
wird enttarnt. Die sogenannte Guillaume-Affäre
führt zum Rücktritt Bundeskanzler Willy
Brandts.
Auszeichnung mit dem Karl-Marx-Orden.
- 1978
- Bei einem Besuch in Stockholm kann Wolff erstmals nach zwei Jahrzehnten
photografiert werden. Bis dahin galt er im Westen als "Mann ohne Gesicht".
- 1980
- Beförderung zum Generaloberst der DDR.
- 1986
- Wolf tritt auf eigenen Wunsch aus dem aktiven Dienst im MfS zurück
und wird schriftstellerisch tätig.
- 1987
- Auszeichnung mit dem Karl-Marx-Orden.
- 1989
- Veröffentlichung des Buches "Die Troika", das die Freundschaft
und Erfahrungen dreier Emigrantenfamilien erzählt, von denen eine
die Familie Wolf ist. Das Buch überrascht durch seine kritische
Offenheit.
September: In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung spricht
Wolf von Mitverantwortung an den Mängeln der DDR.
Oktober: Teilnahme an Veranstaltungen oppositioneller Gruppen. Wolf
bezeichnet sich selbst als Berater der neuen SED-Politiker, übernimmt
aber selbst keine neuen Ämter.
4. November: Als Redner bei der Kundgebung
auf dem Alexanderplatz wird Wolf ausgepfiffen.
- 1990
- Nach der Wiedervereinigung
flüchtet Wolf über Österreich in die UdSSR, da in der
Bundesrepublik ein Haftbefehl gegen ihn vorliegt.
- 1991
- Rückkehr nach Deutschland, wo er direkt nach der Grenzüberschreitung
festgenommen wird. Nach kurzem Aufenthalt in der Untersuchungshaft darf
Wolf sich bis zur Urteilsverkündung durch das Gericht wieder frei
bewegen. Bei den Vernehmungen gibt Wolf keine früheren Mitarbeiter
preis.
Veröffentlichung der Schrift "In eigenem Auftrag. Bekenntnisse und Einsichten".
- 1993
- Wolf wird zu sechs Jahren Haft wegen Landesverrates und Bestechung
verurteilt. Das Urteil bleibt vorläufig, da das Bundesverfassungsgericht
zur Frage der Strafbarkeit von Spionen eines untergegangenen Staates
noch keine Entscheidung gefällt hat. Wolf genießt Haftverschonung.
- 1995
- Oktober: Aufhebung des Urteils von 1993 im Revisionsverfahren durch
den 3. Strafsenat des Bundesgerichtshofes. Das Bundesverfassungsgericht
hat im Mai den Beschluss veröffentlicht, dass DDR-Bürger nur
eingeschränkt für ihre frühere Spionagetätigkeit
strafrechtlich verfolgt werden können.
- 1996
- Das Oberlandesgericht Düsseldorf erhebt Anklage gegen Wolf wegen
des Verdachtes der Körperverletzung und der Freiheitsberaubung.
- 1997
- Wolf wird wegen Freiheitsberaubung in vier Fällen zu zwei Jahren
Haft, die auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt werden, verurteilt.
Veröffentlichung seiner Memoiren unter dem Titel "Spionagechef
im geheimen Krieg. Erinnerungen". Anlass zur öffentlichen Diskussion
bieten Passagen über den verstorbenen SPD-Politiker Herbert
Wehner, die diesen als Einflussagent der DDR ausweisen. Im November
des Jahres korrigiert sich Wolf und sagt Wehner habe "nie und in keiner
Weise" im Dienst der DDR gestanden.
- 1998
- Wolf wird wegen Aussageverweigerung im Spionageprozess gegen den
SPD-Politiker Gerhard Flämig für drei Tage in Beugehaft genommen.
- 2002
- Veröffentlichung des
Buches "Freunde sterben nicht", in dem er sich mit Freundschaften
im Agentenmillieu befasst.
- 2003
- In der zweiteiligen TV-Dokumentation
"Spionagechef Markus Wolf" hält Wolf Rückschau auf
seinen Werdegang, der zugleich ein Zeugnis des Kalten
Krieges und des Umbruchs in Osteuropa ist.
Wolf ist in dritter Ehe verheiratet und hat vier Kinder.
- 2006
- 9. November: Markus Wolf stirbt in Berlin.
(iz/reh)
© Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland
|