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Dies ist ein schöner Tag nach einem langen Weg. Doch wir befinden uns erst an einer Zwischenstation. Wir sind
noch nicht am Ende des Weges angelangt. Es liegt noch eine Menge vor uns.
Die Zusammengehörigkeit der Berliner und der Deutschen überhaupt manifestiert sich auf eine bewegende, auf
eine uns aufwühlende Weise, am bewegendsten dort, wo getrennte Familien endlich wieder ganz unverhofft und
tränenvoll zusammenfinden. Mich hat auch das Bild angerührt von dem Polizisten auf unserer Seite, der
rübergeht zu seinem Kollegen und sagt: Jetzt haben wir uns so viele Wochen vielleicht Monate auf Abstand
gesehen, ich möchte Ihnen einmal die Hand geben. Das ist die richtige Art, sich dem jetzt anstehenden zu
nähern: einander die Hand zu reichen, nachtragend nur dort zu sein, wo es unbedingt sein muß. Und, wo immer
es geht, Bitterkeit zu überwinden. Das habe ich auch heute mittag am Brandenburger Tor gespürt.
Als Bürgermeister der schwierigen Jahre von 1957 bis 1966, also auch der Zeit des Mauerbaus. Und als einer, der
in der Bundesrepublik und für sie einiges zu tun hatte mit dem Abbau von Spannungen in Europa. Und mit dem
Ringen um das jeweils erreichbare Maß an sachlichen Verbindungen und menschlichen Kontakten: Mein ganz
herzlicher Gruß gilt den Berlinerinnen und Berlinern in allen Teilen der Stadt. Und gleichermaßen den
Landsleuten drüben wie hüben, überall in Deutschland.
Es wird jetzt viel davon abhängen, ob wir uns - wir Deutschen hüben und drüben - der geschichtlichen Situation
gewachsen erweisen. Das Zusammenrücken der Deutschen, darum geht es. Das Zusammenrücken der Deutschen
verwirklicht sich anders, als es die meisten erwartet haben. Und keiner sollte jetzt so tun, als wüßte er ganz
genau, in welcher konkreten Form die Menschen in den beiden Staaten in ein neues Verhältnis zueinander
geraten werden. Daß sie in ein anderes Verhältnis zueinander geraten, daß sie in Freiheit zusammenfinden und
sich entfalten können, darauf kommt es an.
Und sicher ist, daß nichts im anderen Teil Deutschlands wieder so werden wird, wie es war. Die Winde der
Veränderung, die seit einiger Zeit über Europa ziehen, haben an Deutschland nicht vorbeiziehen können. Meine
Überzeugung war es immer, daß die betonierte Teilung und daß die Teilung durch Stacheldraht und
Todesstreifen gegen den Strom der Geschichte standen. Und ich habe es noch in diesem Sommer erneut zu
Papier gebracht: Berlin wird leben, und die Mauer wird fallen. Übrigens, ein Stück von jenem scheußlichen
Bauwerk, ein Stück davon können wir dann von mir aus sogar als Erinnerung an ein geschichtliches Monstrum
stehen lassen. So wie wir seinerzeit nach heftigen Diskussionen in unserer Stadt uns bewußt dafür entschieden
haben, die Ruine der Gedächtniskirche stehen zu lassen.
Denen, die heute noch so schön jung sind, und denen, die nachwachsen, kann es nicht immer leichtfallen, sich
die historischen Zusammenhänge, in die wir eingebettet sind, klarzumachen. Deshalb sage ich nicht nur, daß wir
bis zum Ende der Spaltung - zornig, aber auch im Gefühl der Ohnmacht habe ich im August 1961 dagegen
angeredet - noch einiges vor uns haben, sondern ich erinnere uns auch daran, daß das alles nicht erst am 13.
August 1961 begonnen hat. Das deutsche Elend begann mit dem terroristischen Nazi-Regime und dem von ihm
entfesselten Krieg. Jenem schrecklichen Krieg, der Berlin wie so viele andere deutsche und nichtdeutsche Städte
in Trümmerwüsten verwandelte. Aus dem Krieg und aus der Veruneinigung der Siegermächte erwuchs die
Spaltung Europas, Deutschlands und Berlins. Jetzt erleben wir, und ich bin dem Herrgott dankbar dafür, daß ich
dies miterleben darf, daß die Teile Europas zusammenwachsen.
Ich bin sicher, daß der Präsident der Vereinigten Staaten und der erste Mann der Sowjetunion dies, was im
Gange ist bei uns, zu würdigen wissen werden, wenn sie einander demnächst auf einem Schiff im Mittelmeer
begegnen. Und ich bin sicher, daß unsere französischen und unsere britischen Freunde - vergessen wir nicht,
neben den Amerikanern die bewährten Schutzmächte in schwierigen Jahren - mit uns den Prozeß der
Veränderung, des neuen Aufbruchs als wichtig einzuordnen wissen. Ich weiß, daß unsere Nachbarn im
europäischen Osten verstehen, was uns bewegt und daß es sich einfügt in das neue Denken und Handeln, daß wir
keine Lösung unserer Probleme anstreben, die sich nicht einfügt in unsere Pflichten gegenüber dem Frieden und
gegenüber Europa. Uns leitet die gemeinsame Überzeugung, daß die Europäische Gemeinschaft weiterentwickelt
und die Zerstückelung unseres Kontinents schrittweise, aber definitiv überwunden werden muß.
Damals, im August `61, haben wir nicht nur im berechtigten Zorn gefordert: Die Mauer muß weg. Wir haben uns
auch sagen müssen: Berlin muß trotz der Mauer weiterleben. Wir haben die Stadt - mit Hilfe des Bundes, was
wir auch nicht vergessen wollen - wiederaufgebaut. Andere, die nach uns kamen, haben dem Wiederaufbau
Wichtiges hinzugefügt. Aber hier in Berlin war uns zusätzlich zu allen innerstädtischen Aufgaben, zum
Wohnungsbau, zum kulturellen und wirtschaftlichen Neuaufbau, aufgetragen, den Weg nach Deutschland
offenzuhalten. Wir haben intensiv darüber nachgedacht, wie wir, auch als es schier hoffnungslos aussah, den
besonders brutalen Auswirkungen der Trennung doch entgegenwirken könnten. Wie der Spaltung zum Trotz
deutscher und europäischer Zusammenhalt bewahrt und gepflegt werden könnte. Natürlich gab es nicht immer
gleich Übereinstimmung darüber, wie das am besten zu erreichen sei.
Mir hat sich das Datum des 18. Dezember 1963 besonders eingeprägt, nicht nur, weil ich Geburtstag hatte,
sondern weil das der Tag war, an dem aufgrund der Passierscheine - mehr konnten wir damals nicht erreichen -
Hunderttausende drüben waren, nicht nur bei den Verwandten in Ost-Berlin, sondern auch mit denen, die aus
"der Zone" kamen. Das war alles unzulänglich, und es blieb schrecklich brüchig. Aber wir haben uns nicht
davon abbringen lassen, auch jeden möglichen kleinen Schritt zu tun, um den Kontakt zwischen den Menschen
zu fördern und den Zusammenhalt der Nation nicht absterben zu lassen.
Es hat dann noch fast ein Jahrzehnt gedauert, bis durch einen Verkehrsvertrag und einen Grundlagenvertrag die
dann möglichen Veränderungen erreicht werden konnten. Eine Vielzahl von Abkommen und Absprachen hat
sich dem hinzugefügt. Es bleibt richtig, auch aus nationalen Gründen, daß wir einen Leerraum nicht entstehen
lassen durften.
Richtig war es auch, die Außenbedingungen für das geteilte Deutschland und die Menschen in ihm zu entlasten
und zu verbessern, wo immer sich Gelegenheit hierzu bot. Das war der Inhalt unserer Vertragspolitik. Das war
der Inhalt unseres Hinwirkens auf die gesamteuropäische Konferenz in Helsinki, schwierig beginnend, aber
verpflichtet auf die Menschenrechte, auf Zusammenarbeit, auch auf Abbau von Überrüstungen in Europa. Und
dieses sich langsam Hinbewegen auf Stabilität, auf Abbau statt weiteren Aufbau von Rüstungen macht sich nun
bezahlt. Dies ist im Gange, dies hat wesentlich dazu beigetragen, daß wir es heute mit verbesserten
Rahmenbedingungen zu tun haben. Und ich füge hinzu: Wenn ich meine Landsleute im anderen Teil
Deutschlands gut verstehe, dann stimmen sie mit mir, und ich denke mit uns allen hier, überein. Keiner wünscht
Schwierigkeiten mit den sowjetischen Truppen, die sich noch auf deutschem Boden befinden. Die bleiben auch
nicht immer da. An der militärischen Präsenz wird sich etwas ändern. Wir wollen friedliche Lösungen gerade
auch im Verhältnis zur Großmacht im Osten.
Ich möchte noch sagen: Zusätzlich dazu, daß es einen Hoffnungsträger auch in der Sowjetunion gibt und daß es
Demokratiebewegungen in Polen und Ungarn gibt - anderswo werden sie folgen -, ist ein neuer Faktor von
eigener Qualität hinzugetreten. Und zwar dadurch, daß unsere Landsleute in der DDR und in Ost-Berlin ihre
Geschicke selbst, unüberhörbar für alle Welt, in ihre Hände übernommen haben. Das Volk selbst hat gesprochen,
hat Veränderungen gefordert, nicht zuletzt das Recht auf wahrhaftige Information und auf freie Bewegung und
auf Freiheit des organisatorischen Zusammenschlusses. Ich denke, daß die Volksbewegung im anderen Teil
Deutschlands ihre Erfüllung nur in wirklich freien Wahlen finden kann. Und ich meine auch, daß es eine
lohnende Aufgabe sein kann, am Werk der Erneuerung an Ort und Stelle mitzuwirken und sie nicht denen zu
überlassen, die übrigbleiben.
Noch einmal: Nichts wird wieder so wie es einmal war. Dazu gehört, daß auch wir im Westen nicht an mehr
oder weniger schönen Parolen von gestern gemessen werden, sondern an dem, was wir heute und morgen zu
tun, zu leisten bereit und in der Lage sind, geistig und materiell. Ich hoffe, die Schubladen sind nicht leer, was
das Geistige angeht. Ich hoffe auch, die Kassen geben noch was her. Und ich hoffe die Terminkalender lassen
Raum für das, was jetzt sein muß. Die Bereitschaft nicht zum erhobenen Zeigefinger, sondern zur Solidarität,
zum Ausgleich, zum neuen Beginn, wird auf die Probe gestellt. Es gilt jetzt, neu zusammenzurücken. Den Kopf
klar zu behalten und so gut wie möglich das zu tun, was unseren deutschen Interessen ebenso entspricht wie
unserer Pflicht gegenüber Europa.
Quelle: SPD-Parteivorstand.
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