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Zunächst möchte ich dem Präsidenten des Deutschen Bundestages Dr. Gerstenmaier, der mir in
seiner Ansprache ein freundliches Willkommen geboten hat, meinen herzlichen Dank sagen.
Seine Worte sind mir heute eine Freude und in der Zukunft eine Ermutigung. In dieser Stunde
übernehme ich das mir übertragene Amt aus den Händen eines Vorgängers, dessen Scheiden
allgemein tief bedauert wird. Nur der Respekt vor der Verfassung war es, der den Wechsel im
Amte des Bundespräsidenten bedingte.
Nach dem Grundgesetz ist die Stellung des Bundespräsidenten die einer neutralen Macht. Sie
ist herausgehoben aus dem Bereich der Regierungsgeschäfte und an die Wahrung einer
umgrenzten Anzahl von Funktionen gebunden. Die Ereignisse der vergangenen zehn Jahre
haben gelehrt, daß die Pflichten des Bundespräsidenten nicht ohne weiteres im einzelnen sich
festlegen lassen. Mein Herr Vorgänger hat allen aus der staatlichen Entwicklung anfallenden
politischen Erfordernissen mit behutsamer und glücklicher Hand Rechnung getragen und
damit bewiesen, daß menschliches Wirken auch im politischen Bereich mehr bedeutet als
Institutionen.
Im Parlamentarischen Rat sind die Grenzen, die das Grundgesetz für das Amt des
Bundespräsidenten festgelegt hat, sehr eingehend diskutiert worden. Es herrschte volle
Übereinstimmung, daß die Machtbefugnisse des Bundespräsidenten gegenüber der Zeit der
Weimarer Republik beschränkt werden müßten. Die Erklärung dafür ist leicht zu finden,
wenn wir uns vor Augen halten, daß unser Grundgesetz in seinem materiellen Inhalt die
Folgerung aus den sehr schmerzhaften Lehren zieht, die uns der jüngste Abschnitt unserer
Geschichte erteilt hat. Die Mitglieder des Parlamentarischen Rates wollten die Wiederholung
von zwei Übeln vermeiden: Die völlige Aufsplitterung der politischen Kräfte, die in der
Weimarer Republik zur Erschöpfung der Staatsautorität führte - und die Zusammenballung
von großen Machtbefugnissen in einer Hand.
Weder totale Staatsmacht noch totale Auflösung der Staatsautorität ist die Erwartung, die an
das Grundgesetz der Bundesrepublik in seiner praktischen Wirksamkeit geknüpft wird. Dabei
sollte man aber nie vergessen, daß alle darauf gesetzten Hoffnungen enttäuscht werden
können, wenn die Masse der Bürger kein inneres Verhältnis zu ihrem Staate findet. Eine
demokratische Verfassung, die Verfassung eines sozialen Rechtsstaates muß deshalb allen,
die ein Stück Staatsautorität verkörpern, also ein öffentliches Amt innehaben, gleich einem
unvergänglichen Siegel, das Bewußtsein einprägen, daß sie eine dem Gemeinwohl dienende
Funktion ausüben. Ich möchte damit sagen: Ein Amt ist recht geführt, wenn diese
Verpflichtung des Dienstes dem einzelnen Staatsbürger, der Rat und Hilfe bei der Behörde
sucht, klar erkennbar wird. Sein positiver Eindruck wird sich dann auf den Staat und die
Staatsform übertragen. Dieser Weg zur Schaffung eines Vertrauensverhältnisses zwischen
Bürger und Staat wird um so erfolgreicher beschritten werden, je mehr gute Vorbilder
vorhanden sind, denen der jugendliche Nachwuchs nacheifern kann.
Zehn Jahre haben wir im Amte des Bundespräsidenten ein Beispiel für ständig wachsende
Autorität vor uns gehabt. Heute, am Tage des Ausscheidens unseres verehrten ersten
Bundespräsidenten aus seinem Amte möchte auch ich ihm herzlich danken, daß er mir durch
seine vorbildliche Amtsführung, die von ihm geschaffene Tradition und das dadurch dem
Amte zugebrachte Ansehen, insbesondere auch durch die ritterliche Art seines Beistandes in
den Tagen der Überleitung, die Bewältigung der vor mir liegenden Aufgaben wesentlich
erleichtert hat. Uns allen, besonders aber der Jugend, der selbstlose politische Arbeit
vorgelebt werden muß, war er im uneigennützigen Dienst an der Gesamtheit ein leuchtendes
Beispiel.
Gestatten Sie mir jetzt einige persönliche Bemerkungen. Über mein bisheriges Leben und
Wirken ist in den letzten Wochen viel geschrieben worden - sehr vieles, was mir selbst bis
dahin völlig unbekannt war. Aber es ist heute nicht der Tag, an dem man sich mit
Ungereimtheiten oder Schlimmerem auseinandersetzen könnte. Aufgewachsen bin ich in
einer ländlichen Welt mit ihrem einfachen, vielfach schweren Leben, aber auch ihren
Schönheiten. Dieser Welt, mit der mich tiefe Liebe verbindet, habe ich einen großen Teil
meiner bisherigen Lebensarbeit gewidmet. Kindheit und Jugend verbrachte ich in dem mir bis
heute nahegebliebenen Dorf Enkhausen im westfälischen Sauerland in einem Elternhaus, in
dem man auf tätiger Arbeit ein sparsames und unabhängiges Leben aufbaute. Die
wirtschaftliche Basis eines gutgehenden handwerklichen Betriebes mit Landwirtschaft war
gesund und bot mir sorglose Kinderjahre, auch nach dem frühen Tode meines Vaters. Neben
der guten Mutter, die überall half, wo Not war, hatte mein ältester Bruder den größten Einfluß
auf meine Entwicklung. In seiner für dörfliche Verhältnisse beachtlichen Bibliothek fand ich
Anregung aus vielen Wissensgebieten. Er sorgte dafür, daß die Ausbildung in geordneter
Weise erfolgte. Auch an den Abenden im Familienkreise wurde in Lesestunden mit
nachfolgenden Diskussionen oder musikalischen Übungen sozusagen "spielend"
weitergelernt. So begann ich mit 18 Jahren - Besuch der Gymnasien Brilon und Werl - nach
bestandenem Abitur meine eigentliche Berufsausbildung, die dann schon nach kurzem Anlauf
durch den ersten Weltkrieg unterbrochen wurde. Am 1. August 1914 meldete ich mich als
Kriegsfreiwilliger in Köln in der irriger Annahme, ich würde sonst zu spät an die Front
kommen.
Erst nach Abschluß des Krieges konnte ich meine Studien fortsetzen, Examina machen und
dann meine praktische Arbeit aufnehmen. Seit 1926 war ich Geschäftsführendes
Vorstandsmitglied der Deutschen Bauernschaft. Von 1931 bis 1933 war ich Mitglied des
Preußischen Landtages. Am 1. April 1933 wurden alle landwirtschaftlichen Organisationen,
natürlich auch unsere, aufgelöst und ich am gleichen Tage verhaftet und wieder freigelassen.
Nach etwa zehn Monaten erfolgte die zweite Verhaftung, die mir mehr als 20 Monate Zeit
gab, darüber nachzudenken, was Freiheit und Menschenwürde bedeuten. Im August 1944
sollte ich erneut verhaftet werden, aber man hat mich dann glücklicherweise vergeblich
gesucht. Nach meiner Entlassung aus der Haft im Herbst 1935 war ich bis nach dem zweiten
Weltkrieg im Bauwesen tätig. Im Januar 1947 übernahm ich als Minister für Ernährung,
Landwirtschaft und Forsten des Landes Nordrhein-Westfalen die Aufgabe, die durch Krieg
und Kriegsfolgen schwer zurückgeworfene landwirtschaftliche Leistungsfähigkeit zu steigern
und die Ernährung der Bevölkerung des dicht besiedelten Landes zu sichern. 1953 wurde ich
- nach kurzer Tätigkeit beim Raiffeisenverband - Bundesminister für Ernährung,
Landwirtschaft und Forsten.
Besonderen Einfluß auf meine Entwicklung hatten mein Elternhaus, der erste Weltkrieg - so
merkwürdig das auch klingen mag - und meine Tätigkeit als Minister für Ernährung,
Landwirtschaft und Forsten. Im Elternhaus wirkten die Vorbilder derer, die für mich sorgten,
die Geborgenheit in der Familie und die Verwurzelung in der Heimat. Im Kriege und als
Minister für Ernährung und Landwirtschaft lernte ich Verantwortung für Leben und
Gesundheit anderer zu tragen und erkannte Sinn und Bedeutung der Verpflichtung des
einzelnen für die Gesamtheit. - Soviel über meine Entwicklung.
Meine Damen und Herren! In dieser Stunde drängt es mich, über die Lebensfrage unseres
Volkes, die deutsche Wiedervereinigung, zu sprechen. In dieser Sorge sind wir alle
verbunden, ungeachtet der Parteizugehörigkeit, der Konfession und des Berufs, aber auch in
der Auffassung, daß wir Deutschen nur ein Deutschland kennen. Einem Teil unseres
Vaterlandes, der in erzwungener Unfreiheit lebt, wird aber zur Zeit noch das unveräußerliche
Recht auf Selbstbestimmung und Heimat vorenthalten. Auf die Dauer wird es aber weder
durch widersinnige Grenzen noch durch gewaltsame Unterbrechung der persönlichen
Verbindung ausgeschlossen werden können. Denn es wäre ein unlöslicher Widerspruch, wenn
diejenigen, die heute den asiatischen und afrikanischen Völkern ihr Recht auf Freiheit und
Selbstbestimmung zubilligen, uns Deutschen dieses natürliche Recht versagen. Deshalb trägt
jeder einzelne von uns - solange die Zerrissenheit unseres Landes anhält - eine persönliche
Verantwortung für die deutsche Einheit. In der tapferen Bevölkerung jenseits des Eisernen
Vorhanges muß die Hoffnung lebendig bleiben, daß der Tag des Zusammenschlusses
kommen wird. Nach allem, was unsere Landsleute in Mittel- und Ostdeutschland an Leid,
Unterdrückung und Enttäuschung in den vergangenen Jahren erlebt haben, sollte jede unserer
Erklärungen durch Taten erhärtet werden, Taten, die aus dem Gefühl der natürlichen
Zusammengehörigkeit und gegenseitiger Hilfsbereitschaft geboren sein müssen.
Allen Brüdern und Schwestern in Mittel- und Ostdeutschland möchte ich heute unseren Gruß
entbieten und ihnen versichern, daß wir, die in Freiheit leben, in besonderem Maße uns
verpflichtet fühlen, ein geeintes Deutschland zu schaffen. Diesem Ziel dienen wir mir unseren
besten Kräften. Die Welt soll erkennen, mit welcher Lebendigkeit und Strahlungskraft heute
und in Zukunft die Gedanken um die Einheit und das Heimatrecht in unserem Volke wirksam
sind. In dieser entscheidenden Frage wird unsere Standhaftigkeit und Geduld nie erlahmen.
Bei solcher Gemeinsamkeit des Willens zur Einheit kann auch Berlin seinen unveräußerlichen
Rang als politischer Mittelpunkt Deutschlands erfolgreicher behaupten. Das Gefühl für die
Bedeutung unserer deutschen Hauptstadt lebt in unserem Volke stärker denn je. Die dunklen
Wolken, die vor wenigen Monaten über ihr auftauchten, haben die Gedanken und Energien
aller Deutschen auf sie gerichtet. Deshalb war gerade in der Zeit der politischen Bedrängnis
Berlins der Zusammenhalt mit der Bundesrepublik ganz besonders eng und herzlich. Daß das
wirtschaftliche Leben unserer Hauptstadt damals in der westdeutschen Wirtschaft einen
besonders starken Rückhalt fand, hat die Berliner Bevölkerung dankbar anerkannt.
Man sieht daraus: Je schwerer die Bedrückung, desto stärker der Wille zur Freiheit und
Einheit.
Am heutigen Tage treffen sich der Präsident der Vereinigten Staaten, Eisenhower, dessen
freundschaftlicher Besuch in Bonn in unserer Erinnerung lebendig bleiben wird, und der
Ministerpräsident der Sowjetunion, Chruschtschow. Den Besprechungen, in denen auch
Deutschland und Berlin eine große Rolle spielen werden, wünschen wir im Interesse des
Weltfriedens und der Freiheit aller Völker den besten Erfolg. Auch bei bescheidensten
Erwartungen muß man sagen, daß durch persönliche Aussprachen verantwortlicher Männer
eine politische Entspannung wenigstens erhofft werden kann. Für die Verwirklichung der
deutschen Wiedervereinigung sind wir auf die Unterstützung der freien Welt angewiesen. Wir
können aber in unseren eigenen Anliegen nur dann auf Hilfe von außen rechnen, wenn auch
wir der ungeheuren Not außerhalb unserer Grenzen, besonderes in den Entwicklungsländern,
aus menschlicher und christlicher Verpflichtung nach besten Kräften zu steuern suchen. Wir
müssen deshalb unseren Idealismus sowie unseren Wiedergutmachungs- und Hilfswillen den
übrigen Völkern durch eindrucksvolle Leistungen glaubhaft machen.
Die Bekämpfung des Hungers in der Welt ist dabei aus politischen und menschlichen
Gründen das vordringlichste Problem. Sie alle wissen, daß die Entwicklungsländer geradezu
eine Bevölerkungs-Explosion erleben und daß sich in diesem Punkte für die Entwicklung in
der Welt nicht nur wir Deutsche, sondern auch viele andere interessieren, wissen Sie auch. Es
war mir besonders interessant, daß gerade auch der Präsident Eisenhower in diesem Punkte
sehr nachdrücklich von uns Deutschen eine Mitwirkung gefordert hat, an der Lösung dieses
Problems zu helfen. Das unvermeidliche Heranwachsen von Milliarden hungernder
Menschen, die leicht eine Beute kommunistischer Ideen werden können, ist die
Schicksalsfrage unserer Zeit. Es ist klar, daß das Nebeneinander von satten Völkern, bei
denen täglich Tausende von Tonnen Lebensmitteln verderben oder vernichtet werden, und
hungernden, von Seuchen und grenzenloser Armut und Unwissenheit geplagter
Menschenmassen auf die Dauer völlig unmöglich ist. So wie der Bruder gegenüber dem
Bruder Verantwortung trägt, so haben auch die Völker füreinander einzustehen. Beachten wir
dieses Gebot nicht, so wird das ungelöste Problem den Fortbestand unserer Zivilisation in
Frage stellen.
Eine Sicherung unseres Lebens ist nur möglich durch allmähliche Eingliederung der
Entwicklungsländer in unsere geistige und ökonomische Welt. Dafür Opfer zu bringen ist
leicht, wenn man bedenkt, welche Summen allein in der Bundesrepublik jährlich für Tabak
und alkoholische Getränke ausgegeben werden - ich nenne das nur als Beispiel -, während
aus weiten Teilen der Welt der Jammer der Mütter um ihre hungernden Kinder zu uns dringt.
Wollen wir uns diesem Ruf verschließen? Was wird sich ereignen, wenn die hungernden
Massen, organisiert durch zerstörerische Ideologien, aufstehen und die wohlhabenden Völker
zum Kampf um das Brot zwingen! Es ist eine überparteiliche gesamtdeutsche und darüber
hinaus eine Aufgabe aller Industrieländer, auf die Dauer auch der Sowjetunion, hier
gemeinsam zu helfen.
Wie Sie aus meinem Lebensbild ersehen konnten, habe ich meine bisherige Arbeit in großem
Umfange der Entwicklung der Landwirtschaft und damit der Sicherung der Ernährung und
der Bekämpfung des Hungers gewidmet. Ich möchte mich auch im weltweiten Bereich in
meinem neuen Amt im Zusammenwirken mit allen Bevölkerungskreisen und allen
zuständigen Stellen um die Durchführung wirksamer Förderungsmaßnahmen zur
Bekämpfung des Hungers in der Welt im Wege der "Hilfe zur Selbsthilfe" bemühen. Das
bedeutet praktisch, in Zusammenarbeit mit den Entwicklungsländern deren eigene
Nahrungsquellen zur vollen Ausnutzung zu bringen und dadurch aus eigener Kraft die
Nahrungssorgen zu verringern. Fassen wir diese Aufgabe richtig an und in uneigennützigem
Sinne, dann helfen wir anderen, aber auch uns selbst.
Meine sehr verehrten Damen und Herren! Ich trete mein Amt an mit dem Vorsatz, mit allen
meinen Kräften dem Wohle unseres Volkes und Vaterlandes zu dienen. Unser Volk und allen
voran die Träger seines Willens bitte ich um Vertrauen und Mitarbeit.
Quelle: Reden der deutschen Bundespräsidenten Heuss, Lübke, Heinemann, Scheel.
Eingeleitet von Dolf Sternberger, Darmstadt 1979, S. 93-99.
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