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Meine Damen und meine Herren! Das Werden des neuen
Deutschlands hat sich nach den langen Verhandlungen im
Parlamentarischen Rat und den Wahlen zum Bundestag am
14. August mit großer Schnelligkeit vollzogen. Am 7.
September haben sich der Bundestag und der Bundesrat
konstituiert; am 12. September hat der Bundestag den
Bundespräsidenten gewählt, am 15. September den
Bundeskanzler. Der Bundespräsident hat mich daraufhin am
gleichen Tage zum Bundeskanzler ernannt. Heute, am 20.
September, hat er auf meinen Vorschlag die Bundesminister
ernannt.
Mit der Konstituierung der Bundesregierung, die am
heutigen Tage erfolgt ist, ist auch das Besatzungsstatut in
Kraft getreten. Wenn auch die Zuständigkeit des
Bundestags und der Bundesregierung durch das
Besatzungsstatut beschränkt ist, so darf uns doch diese
Entwicklung, dieses Werden des deutschen Kernstaates mit
Freude erfüllen.
Der Fortschritt gegenüber den Verhältnissen, die seit I945
bei uns bestanden, auch gegenüber den Zuständen des
nationalsozialistischen Reichs, ist groß. Zwar müssen wir
uns immer bewußt sein, daß Deutschland und das deutsche
Volk noch nicht frei sind, daß es noch nicht
gleichberechtigt neben den anderen Völkern steht, daß es -
und das ist besonders schmerzlich - in zwei Teile zerrissen
ist. Aber wir erfreuen uns doch einer wenigstens relativen
staatlichen Freiheit. Unsere Wirtschaft ist im Aufstieg. Wir
haben vor allem aber wieder den Schutz der
Persönlichkeitsrechte. Niemand kann bei uns, wie das im
nationalsozialistischen Reich der Fall war und wie es jetzt
noch in weiten Teilen Deutschlands, in der Ostzone, zu
unserem Bedauern der Fall ist, durch Geheime Staatspolizei
oder ähnliche Einrichtungen der Freiheit und des Lebens
beraubt werden. Diese Güter: Rechtsschutz, Schutz der
persönlichen Freiheit, die wir lange Jahre nicht besaßen,
sind so kostbar, daß wir trotz allem, was uns noch fehlt,
uns darüber freuen müssen, daß wir diese
Persönlichkeitsrechte wieder besitzen.
Meine Wahl zum Bundeskanzler, meine Damen und Herren,
und die Regierungsbildung sind eine logische Konsequenz
der politischen Verhältnisse, wie sie sich in der Bizone
infolge der Politik des Frankfurter Wirtschaftsrats
herausgebildet hatten. Die Politik des Frankfurter
Wirtschaftsrats, die Frage »Soziale Marktwirtschaft« oder
»Planwirtschaft« hat so stark unsere ganzen Verhältnisse
beherrscht, daß eine Abkehr von dem Programm der
Mehrheit des Frankfurter Wirtschaftsrats unmöglich war.
Die Frage: »Planwirtschaft« oder »Soziale Marktwirtschaft«
hat im Wahlkampf eine überragende Rolle gespielt. Das
deutsche Volk hat sich mit großer Mehrheit gegen die
Planwirtschaft ausgesprochen. Eine Koalition zwischen den
Parteien, die die Planwirtschaft verworfen, und denjenigen,
die sie bejaht haben, würde dem Willen der Mehrheit der
Wähler geradezu entgegengerichtet gewesen sein. Der
Wähler hätte mit Recht im Falle einer Koalition zwischen
diesen Parteien gefragt, ob denn dann Wahlen überhaupt
nötig gewesen wären. Der demokratische Gedanke, die
Überzeugung von der Notwendigkeit der parlamentarischen
Demokratie, hätte in den weitesten Kreisen der Wähler,
namentlich auch der Wähler der jüngeren Generation,
schwersten Schaden gelitten, wenn eine Regierungsbildung
erfolgt wäre, die dem Sinn und dem Ergebnis dieser Wahl
nicht entsprochen hätte. Es ist darum abwegig und
undemokratisch, diejenigen Parteien, die sich hier im Hause
zur Bildung einer Regierung und zu gemeinsamer Arbeit
zusammengeschlossen haben, deshalb mit irgendwelchen
tadelnden Worten zu belegen. Ebenso abwegig ist es, der
Sozialdemokratischen Partei Vorwürfe zu machen, weil sie
sich nicht bereit gefunden hat zu einer sogenannten großen
Koalition. Man konnte weder von der einen noch von der
anderen Seite verlangen, daß sie, nachdem sie fast zwei
Jahre in Frankfurt ihre Prinzipien verfochten hatten,
nachdem die Wähler, zum Schiedsrichter aufgerufen, ihr
Urteil gesprochen hatten, nunmehr alles das mehr oder
weniger verleugneten, was sie bisher dem Volk als richtig
dargestellt hatten.
Ich halte daher aus allgemeinen staatspolitischen
Erwägungen heraus diese Entwicklung für richtig. Ich bin
nicht der Auffassung, daß es den Interessen der
Gesamtbevölkerung, den Interessen Deutschlands besser
gedient hätte, wenn man etwa eine Koalition zwischen
CDU/CSU und der Sozialdemokratischen Partei eingegangen
wäre. Ich bin der Auffassung, daß die Opposition eine
Staatsnotwendigkeit ist, daß sie eine staatspolitische
Aufgabe zu erfüllen hat, daß nur dadurch, daß
Regierungsmehrheit und Opposition einander
gegenüberstehen, ein wirklicher Fortschritt und eine
Gewöhnung an demokratisches Denken zu erzielen ist. Ich
bin weiter der Auffassung: bei den labilen Verhältnissen,
wie sie in Deutschland herrschen, ist es viel richtiger, wenn
die immer vorhandene Opposition sich klar im Parlament
selbst zeigt, als wenn sie, da infolge einer großen Koalition
im Parlament keine wesentliche Opposition hätte ausgeübt
werden können, außerhalb des Parlaments in nicht
kontrollierbarer Weise um sich greift.
Ich habe dem Herrn Bundespräsidenten die Ernennung von
13 Bundesministern vorgeschlagen. Ich bin mir bewußt,
daß manchem diese Zahl auf den ersten Blick groß
erscheinen wird. Demgegenüber weise ich darauf hin, daß
in unsern Zeiten Aufgaben, die der staatlichen Arbeit
bedürfen, entweder ganz neu entstanden sind - ich weise
hier auf die Frage der Vertriebenen hin - oder daß staatliche
Aufgaben einen solchen Umfang angenommen haben, daß
sie den Rahmen der üblichen Ministerien sprengen würden.
Ich nenne hier die Frage der Wohnungswirtschaft und des
Wohnungsbaus. So sind mehrere der Bundesministerien
zeitbedingt, daß heißt: wenn sie ihre Aufgabe erfüllt oder
aber wenn ihre Aufgaben wieder einen normalen Umfang
angenommen haben, werden sie wieder verschwinden,
während die sogenannten klassischen Ministerien, wie das
Ministerium des Innern, der Finanzen, der Justiz, der Arbeit
usw., ständig bleiben werden.
Wenn man die Zahl der Bundesministerien unter
Würdigung dieser Gesichtspunkte betrachtet, wird man
berechtigterweise nicht die Behauptung aufstellen können,
daß ihre Zahl zu groß sei. Die Hauptsache ist, daß der
ministerielle Apparat im ganzen möglichst klein gehalten
wird, daß die Ministerien von all den Verwaltungsaufgaben
befreit bleiben, die nicht in die ministerielle Instanz gehören.
Dadurch werden die nötige Übersicht, die Arbeitsfähigkeit
der Ministerien gewährleistet, Verwaltungskosten gespart,
und die Bundesminister werden vor allem Zeit haben, ihre
wichtigsten Aufgaben, die Koordinierung der verschiedenen
von ihnen wahrzunehmenden Interessen und die Wahrung
der großen politischen Linien zu erfüllen.
Unter den Bundesministerien befindet sich ein
Ministerium, das die besondere Aufgabe hat, für die
Wahrung der engen Verbindung mit dem Bundesrat Sorge
zu tragen. Ich bitte, in der Errichtung dieses Ministeriums
den ernsten Willen der Bundesregierung zu sehen, den
föderativen Charakter des Grundgesetzes sicherzustellen,
die Rechte der Länder zu wahren und die Arbeit des
Bundesrats so mit der Tätigkeit des Bundestags und der
Bundesregierung in Einklang zu bringen, daß ein
harmonisches Zusammenarbeiten gewährleistet ist.
Unter den Bundesministerien fehlt ein Außenministerium.
Ich habe auch nicht den an mich herangetragenen
Wünschen stattgegeben, ein Ministerium für
zwischenstaatliche Beziehungen einzurichten. Ich habe das
deshalb nicht getan, weil nach dem Besatzungsstatut die
auswärtigen Angelegenheiten unter Einschluß
internationaler Abkommen, die von Deutschland oder im
Namen Deutschlands abgeschlossen werden, Sache der
Alliierten Hohen Kommission für die drei Zonen sind. Wenn
wir demnach auch kein Ministerium des Auswärtigen
haben, so bedeutet das keineswegs, daß wir damit auf jede
Betätigung auf diesem Gebiete Verzicht leisten. Das
Paradoxe unserer Lage ist ja, daß, obgleich die auswärtigen
Angelegenheiten Deutschlands von der Hohen Alliierten
Kommission wahrgenommen werden, jede Tätigkeit der
Bundesregierung oder des Bundesparlaments auch in
inneren Angelegenheiten Deutschlands irgendwie eine
ausländische Beziehung in sich schließt. Deutschland ist
infolge Besatzung, Ruhrstatut, Marshall-Plan usw. enger mit
dem Ausland verflochten als jemals zuvor. Diese
Angelegenheiten werden in einem im Bundeskanzleramt zu
errichtenden Staatssekretariat zusammengefaßt werden.
Davon abgesehen glaube ich, daß die Hohen Kommissare
infolge der großen Verantwortung, die sie tragen, keine
wichtige Entscheidung in deutschen ausländischen
Angelegenheiten treffen werden, ohne mit der
Bundesregierung vorher Fühlung genommen zu haben. Die
Erfahrung, die ich in den wenigen Tagen meiner
Amtstätigkeit gemacht habe, berechtigt mich durchaus zu
dieser Annahme.
Auf die Bundesregierung und den Bundestag, meine Damen
und Herren, wartet eine außerordentlich große und
umfangreiche gesetzgeberische Arbeit. Auf dem
Zuständigkeitsgebiet des Bundes müssen die in den elf
Ländern ergangenen Gesetze daraufhin nachgeprüft
werden, ob in ihnen gleiches Recht auf diesen Gebieten
besteht. Weiter werden Gesetze und Verordnungen, die
bisher nur in der Bizone galten, auf die bisherige
französische Zone ausgedehnt werden müssen; es werden
weiter die bisher von seiten der verschiedenen
Militärregierungen ergangenen Gesetze und Verordnungen
auf den Gebieten, die jetzt der Zuständigkeit des Bundes
unterstehen, überprüft und eventuell mit Zustimmung der
Hohen Kommission den heutigen staatlichen Zuständen,
wie sie sich aus Grundgesetz und Besatzungsstatut
ergeben, angepaßt werden. Es werden schließlich die
Gesetze erlassen werden müssen, deren Erlaß das
Grundgesetz vorsieht; es werden die Gesetze, die der
Wirtschaftsrat nicht mehr völlig erledigt hat, verabschiedet
werden müssen. Diese Arbeit, die namentlich auch deshalb
schwierig und umfangreich ist, weil bisher bei Erlaß von
Gesetzen infolge der Eilbedürftigkeit der Angelegenheiten
oft nicht mit besonderer Genauigkeit gearbeitet worden ist,
darf nicht übereilt werden, damit wir endlich wieder zu dem
kommen, was uns sowohl in der nationalsozialistischen Zeit
wie später verlorengegangen ist: zur Klarheit, zur Sicherheit
und zur Einheit des Rechts.
Es wartet aber eine weitere sehr große Zahl von
Aufgaben der Inangriffnahme durch den Bund. Eines darf
ich hier mit allem Nachdruck an die Spitze meiner
Ausführungen stellen: die Koalitionspartner sind sich völlig
einig darin, daß sie sich bei ihrer ganzen Arbeit von dem
Bestreben leiten lassen werden, so sozial im wahrsten und
besten Sinne des Wortes zu handeln wie irgend möglich.
Das Streben nach Linderung der Not, nach sozialer
Gerechtigkeit, wird der oberste Leitstern bei unserer
gesamten Arbeit sein.
Aus der Fülle der Aufgaben, die des Bundes harren,
lassen Sie mich einige besonders dringende und große
hervorheben.
Die Vertriebenen werden gleichmäßiger als bisher auf die
verschiedenen Länder verteilt werden müssen. Das liegt
sowohl im Interesse der jetzt besonders stark belasteten
Länder, vor allem aber auch im Interesse der Vertriebenen
selbst.
Die Verhältnisse auf dem Wohnungsgebiet, die die soziale
und ethische Gesundung und auch die politische
Gesundung des deutschen Volkes unmöglich und die auch
das Leben der Vertriebenen Und Ausgebombten so
unendlich schwer machen, werden von uns mit ganzer
Kraft einer Besserung entgegengeführt werden. Wir wollen
mit allen Mitteln den Wohnungsbau energisch fördern, nicht
indem der Bund selbst baut, sondern indem er Mittel zur
Verfügung stellt und darauf dringt, daß von den Ländern
alle Möglichkeiten auf dem Gebiete des Wohnungsbaus
erschöpft werden.
Wir werden weiterhin dazu übergehen, durch
entsprechende, in vorsichtiger und nicht überstürzter Weise
durchgeführte Lockerungsvorschriften der
Raumbewirtschaftung und der Mietfestsetzung das
Privatkapital für den Bau von Wohnungen wieder zu
interessieren. Wenn es nicht gelingt, das Privatkapital für
den Wohnungsbau zu interessieren, ist eine Lösung des
Wohnungsproblems unmöglich. Die Bedeutung, die wir
gerade diesen Fragen beilegen, zeigt sich auch darin, daß
wir ein besonderes Ministerium für sie geschaffen haben,
dessen enge Koordinierung mit dem Wirtschaftsministerium
gesichert ist. Wir werden durch diese energische Förderung
der Bautätigkeit auch eine allgemeine Belebung des
Arbeitsmarktes herbeiführen.
Auf dem Gebiete der Wirtschaftspolitik werden wir die in
Frankfurt so erfolgreich eingeschlagene Richtung
weiterverfolgen. Ich darf in diesem Zusammenhang den
leitenden Herren der bizonalen Wirtschaftsverwaltung wie
allen Beamten und Angestellten, insbesondere aber auch
den Direktoren der einzelnen Ämter den Dank der
Bundesregierung für die geleistete Arbeit aussprechen. Mein
besonderer Dank gilt den leitenden Persönlichkeiten, die zur
Zeit bei dem Aufbau der Bundesregierung nicht haben
eingegliedert werden können.
Bei der Durchführung des Prinzips der sozialen
Marktwirtschaft wird man sich selbstverständlich wie auch
bisher davor hüten müssen, einem starren Doktrinarismus
zu verfallen. Man wird sich, auch wie bisher, den jeweils
sich ändernden Verhältnissen anpassen müssen. Die
Zwangswirtschaft werden wir überall dort, wo wir es
irgendwie verantworten können, beseitigen. Es ist in
Aussicht genommen, vom 1. Januar 1950 an die
Brennstoffbewirtschaftung aufzuheben und die Zuteilung
von Hausbrand für das vierte Vierteljahr 1949, die ersten
Wintermonate, zu erhöhen.
Wir werden auf dem Gebiete der Wirtschaft durch die
Mittel des Wettbewerbs und durch die immer stärkere
Einordnung der deutschen Wirtschaft in die Weltwirtschaft
systematisch die durch 15 Jahre Zwangswirtschaft und
Kriegswirtschaft entstandenen Strukturfehler der deutschen
Wirtschaft beseitigen. Unser ganzes Bestreben wird sein,
möglichst wenig Hände und Köpfe in der Verteilung und der
Verwertung der wirtschaftlichen Produktion und möglichst
viele Hände und Köpfe in der gütererzeugenden Sphäre zu
beschäftigen.
Der Mangel an fachlicher Ausbildung, wie er durch die
nationalsozialistische Zeit und die Kriegszeit verursacht
worden ist, wird dadurch ausgeglichen werden müssen,
daß Gelegenheit geboten wird, die fachliche Ausbildung zu
verbessern. Die deutsche Wirtschaft ist in der
Vergangenheit groß und stark geworden durch ihre
Facharbeiter und nicht zuletzt durch angewandte
Wissenschaft. Die Summen, die zur Zeit in Amerika und
auch in England für wissenschaftliche Zwecke zum Nutzen
der wirtschaftlichen Produktion und des Wettbewerbes
ausgegeben werden, sind ungeheuer groß. Die
Bundesregierung wird, soweit ihre finanziellen Kräfte es
erlauben, dafür eintreten, daß die wissenschaftliche
Forschung in Deutschland gefördert wird. Sie wird auch die
deutsche Wirtschaft dazu veranlassen, das gleiche zu tun.
Nur wenn es uns gelingt, uns durch Leistungen auf dem
Weltmarkt auszuzeichnen, wird es uns möglich sein, auf
ihm zu bestehen. Denn ein schwaches Volk, ein politisch
schwaches Volk läuft immer Gefahr, im wirtschaftlichen
Wettbewerb mit andern Völkern hintangesetzt zu werden,
wenn es nicht etwas Besonderes leistet.
Der Pflege und der Freiheit des Außenhandels gilt unsere
besondere Aufmerksamkeit. Lassen Sie mich in diesem
Zusammenhang einige Ausführungen über die Herabsetzung
des Umrechnungskurses des englischen Pfundes und die
Folgen machen, die dadurch für uns eintreten. Die
Änderung des Pfundwertes wird voraussichtlich auch eine
Änderung des Umrechnungskurses der D-Mark gegenüber
dem Dollar mit sich bringen. Wir bedauern diese uns durch
die internationalen Ereignisse aufgezwungene Maßnahme
um so mehr, als die innere Stabilität der D-Mark zu
irgendwelchen Manipulationen dieser Art keinerlei Anlaß
bieten konnte. Die Wirtschafts- und die Geldpolitik der
letzten 15 Monate haben unsere Währung auch im Ansehen
und in der Wertung des Auslands von Tag zu Tag mehr
gefestigt, so daß die jetzt notwendig werdende Aupassung
- genau wie das in anderen europäischen Ländern der Fall
sein wird - lediglich eine Folgewirkung der englischen
Maßnahme ist. Ohne eine derartige gleichgerichtete
Maßnahme würde die deutsche Exportwirtschaft ihre
Wettbewerbsfähigkeit auf den Weltmärkten verlieren und
damit unserem wirtschaftlichen und sozialen Leben die
Grundlage entzogen werden. Die Bundesregierung ist
entschlossen, mit den für das deutsche Geldwesen
verantwortlichen Stellen bei den zu treffenden Maßnahmen
die wirtschaftlichen und sozialen Folgewirkungen zu einem
gerechten organischen Ausgleich zu bringen.
Die allenthalben angestellten Mutmaßungen über die
möglichen Auswirkungen der bevorstehenden
geldpolitischen Maßnahmen gehen weit über das sachlich
berechtigte Maß hinaus. Es besteht keinerlei Grund zur
Beunruhigung, da die zu erwartenden Veränderungen auf
dem Gebiete von Preisen und Löhnen im ganzen nur zu
relativ geringfügigen Verschiebungen führen werden.
Gerade in dieser Beziehung aber wird es die Regierung als
vornehmste Pflicht ansehen, soziale Ungerechtigkeiten und
Spannungen zu verhüten und spekulativen Einflüssen
keinen Raum zu geben.
Die Frage der Demontage unserer industriellen Anlagen
bewegt das gesamte deutsche Volk. Es gibt wohl kaum
jemanden in Deutschland, der sich gegen die Demontage
wirklich kriegswichtiger Industrien irgendwie wendet. Aber
die Vernichtung großer wirtschaftlicher Werte ist eine
Angelegenheit, die man im Ausland nicht damit abtun
sollte, daß es einmal so beschlossen ist. Die letzte
Änderung der Liste der zu demontierenden Werke war
zwar, rein äußerlich betrachtet, ein großes
Entgegenkommen gegenüber den deutschen Wünschen;
sachlich, der Produktionskapazität und dem Werte nach
gesehen, sind aber die deutschen Wünsche nur zu etwa 10
% erfüllt worden. Die Demontagefrage ist auch eine Frage
von großer psychologischer Bedeutung. Man versteht in
den weitesten Kreisen des deutschen Volkes nicht, daß
man mit der einen Hand ihm wirtschaftliche Hilfe gibt und
mit der anderen Hand wirtschaftliche Werte zerstört. Man
glaubt im deutschen Volke, daß damit die auch von
ausländischen Staatsmännern wiederholt abgegebene
Erklärung schwer zu vereinbaren ist, daß Deutschland zum
Wiederaufbau Europas notwendig ist. Zur Zeit sind die
maßgebenden Staatsmänner der Vereinigten Staaten,
Englands und Frankreichs in Washington versammelt. Das
deutsche Volk würde sich herzlich freuen, wenn diese
Zusammenkunft dazu benützt würde, um das deutsche
Demontageproblem einer Nachprüfung im Sinne einer
Berücksichtigung der deutschen Wünsche zu unterziehen.
Ich glaube, wenn auch mit aller Vorsicht, sagen zu können,
daß man die Hoffnung hegen darf, daß dies in Washington
geschieht.
Die Bundesregierung wird es sich besonders am Herzen
liegen lassen, den Mittelstand in allen seinen
Erscheinungsformen zu festigen und ihm zu helfen. Wir sind
durchdrungen von der Überzeugung, daß dasjenige Volk das
sicherste, ruhigste und beste Leben führen wird, das
möglichst viele mittlere und kleinere unabhängige
Existenzen in sich birgt.
Die Aufgaben des Ministeriums für Landwirtschaft und
Ernährung werden in Zukunft einen andern Charakter tragen
müssen als bisher. In stärkerem Maße, als es bisher
möglich war, wird die landwirtschaftliche Produktion zu
verbessern und zu veredeln sein. Wenn die deutsche
Wirtschaft bis zum Jahre 1952 eine ausgeglichene
Handelsbilanz erreicht haben soll, ist es notwendig, die
landwirtschaftliche Produktion sehr erheblich zu steigern,
um den Verbrauch von Devisen für die Ernährung soweit als
möglich einzuschränken. Voraussetzung für eine rasche und
anhaltende Steigerung der landwirtschaftlichen Erzeugung
ist ein weiterer Abbau der staatlichen Zwangswirtschaft
und Schaffung gesicherter und ausgeglichener Produktions-
und Absatzverhältnisse für landwirtschaftliche Erzeugnisse
zu Preisen, die die Produktionskosten gut arbeitender
Durchschnittsbetriebe decken und gleichzeitig auch den
Minderbemittelten den Kauf dieser Produkte gestatten. Eine
Umstellung der Landwirtschaft zum Zwecke der Einsparung
von Devisen wird, wie ich eben ausführte, eine absolute
Notwendigkeit für uns sein. Um sie herbeizuführen, ist
Aufklärung und Belehrung der landwirtschaftlichen
Bevölkerung dringend erforderlich.
Die Forstwirtschaft, meine Damen und Herren, die eine
der wichtigsten Rohstofflieferanten für die deutsche
Wirtschaft ist, muß möglichst rasch wieder zu normalen
Wirtschaftsverhältnissen zurückgeführt werden. Es ist für
schnellste Aufforstung der Kahlflächen und Förderung der
Holzerzeugung in bäuerlichen Betrieben zu sorgen.
Die Finanzpolitik muß einen Teil der allgemeinen
Staatspolitik, insbesondere der Wirtschaftspolitik bilden. Die
Förderung der Kapitalbildung, und zwar sowohl der Bildung
von Sparkapital wie von Betriebskapital, wird unser
vordringlichstes Ziel sein. Nur wenn wir nach Kräften die
innerdeutsche Kapitalbildung steigern, können wir erwarten,
daß durch Freigabe von Gegenwertfonds und auf andere
Weise das dringend benötigte ausländische Kapital zum
Wiederaufbau unserer Wirtschaft zur Verfügung steht.
Der Wiederaufbau unserer Wirtschaft ist die vornehmste,
ja einzige Grundlage für jede Sozialpolitik und für die
Eingliederung der Vertriebenen. Nur eine blühende
Wirtschaft kann die Belastungen aus dem Lastenausgleich
auf die Dauer tragen. Nur sie kann auf die Dauer das
Steueraufkommen bringen, das die Haushalte des Bundes,
der Länder und der Gemeinden, die immer aus der Gesamt-
schau heraus betrachtet werden müssen, zur Erfüllung ihrer
Aufgaben benötigen.
Eine verstärkte Kapitalbildung hängt von der Erfüllung
zweier Voraussetzungen ab: von einer Herabsetzung der
Steuertarife und der Wiedergewinnung des Vertrauens der
Sparer.
Eine Herabsetzung der Einkommensteuersätze wird nach
unserer Überzeugung das Gesamtaufkommen nicht
vermindern. Die jetzigen überhöhten Steuersätze führen in
der Wirtschaft zu unwirtschaftlichem Verhalten; sie hindern
die Rationalisierung der Betriebe und damit die Preissenkung
für die erzeugten Waren. Eine Senkung der
Einkommensteuersätze ist nicht nur steuerpolitisch, sondern
auch wirtschaftspolitisch absolut notwendig, und zwar
mindestens auf die im Juni 1948 vom Wirtschaftsrat fast
einstimmig und vom Länderrat einstimmig angenommenen
Steuersätze. Wir sind sicher, daß schon nach wenigen
Übergangsmonaten das Steueraufkommen die frühere
Höhe, ja sogar eine noch größere Höhe erreichen wird.
Diese Maßnahmen sollten bereits zum 1. Januar 1950 in
Kraft gesetzt werden. Im Laufe des Jahres 1950 muß dann
eine umfassende Steuerreform in die Wege geleitet werden.
Wenn durch diese Steuersenkung die Möglichkeit einer
größeren Kapitalbildung geschaffen wird, so muß ein Anreiz
dafür gegeben werden, daß nicht der Konsum in unnötiger
Weise gesteigert, sondern wirklich Kapital gebildet wird.
Dazu ist notwendig, den Altsparern das Vertrauen zur
staatlichen Gesetzgebung wiederzugeben. Das scheint mir
eine staatspolitische Forderung ersten Ranges zu sein. Die
von den Alliierten erlassene Währungsreform enthält
vermeidbare soziale Härten, insbesondere in der Behandlung
der Altsparer aller Art. Die Frage, in welchem Umfange
diese Mängel beseitigt werden können, bedarf einer
beschleunigten Prüfung und Erledigung.
Um das Vertrauen auch des ausländischen Kapitals
wiederzugewinnen, sollte die Blockierung des ausländischen
Vermögens in Deutschland bald aufgehoben werden. Wir
werden bereit sein, alles in unseren Kräften Stehende zu
tun, um mit den seit langer Zeit schwer geschädigten
ausländischen Gläubigern ein beiderseitig tragbares
Einvernehmen zu finden.
Wir hoffen, meine Damen und Herren, daß die zugesagte
Herabsetzung der Besatzungskosten erheblich sein wird.
Diese Herabsetzung würde vom gesamten deutschen Volk
dankbar begrüßt werden. Sie wird die Grundlage geben,
den Wohnungsbau und die Eingliederung der Vertriebenen
tatkräftig vorwärtszutreiben, und so die politische, soziale
und wirtschaftliche Konsolidierung Deutschlands sichern.
Wir werden bemüht sein, den endgültigen
Lastenausgleich baldigst zu verabschieden, um die
Ungewißheit zu beseitigen, die seit so langer Zeit sowohl
auf den Geschädigten wie auf der zu belastenden
Wirtschaft liegt. Die gesetzliche Regelung muß sich in die
allgemeine Steuer- und Finanzreform sinnvoll einordnen. Die
Kleinst- und Kleingeschädigten müssen dabei besonders
pfleglich behandelt werden.
Es wird notwendig sein, sobald wie möglich auch die
Frage der Pensionen der vertriebenen Beamten und der
ehemaligen Militärpersonen durch Bundesgesetz zu regeln.
Diese Regelung kann zwar an den namentlich in der
Kriegszeit ungewöhnlich rasch erfolgten Beförderungen der
Militärpersonen nicht achtlos vorbeigehen, sie wird aber
doch die Wehrmachtbeamten und Militärpersonen so
behandeln müssen, wie es recht und billig ist.
Die Gefahren einer Deflation sind ebensogroß wie die
einer Inflation. Im jetzigen Stadium unserer
Wirtschaftsentwicklung ist eine aktive Konjunkturpolitik
nötig, die sich, ohne damit irgendwie die Währung zu
gefährden, des Instrumentes der Vorfinanzierung solcher
Aufgaben bedient, deren Finanzierung, sei es aus
inländischen Quellen, sei es aus Gegenwert-Fonds in
absehbarer Zeit gesichert ist.
Unsere besondere Fürsorge auf wirtschaftlichem Gebiet gilt
der Stadt Berlin. Seit der Währungsreform sind bis zum 10.
September 1949, also in rund 15 Monaten, aus dem
Haushalt des Vereinigten Wirtschaftsgebiets 414 Millionen
DM an den Magistrat der Stadt Berlin geflossen. Dazu hat
Berlin aus dem GARIOA-Fonds bis zum 13. September
1949 688 Millionen DM erhalten. Die im Haushalt der
bizonalen Verwaltung 1949 für die Zeit bis zum 31.
Dezember 1949 eingesetzten Mittel werden schon im
Oktober erschöpft sein. Es ist unbedingt notwendig, da wir
unter keinen Umständen Berlin im Stiche lassen dürfen,
beschleunigt über den Fortgang und Umfang der
Hilfsmaßnahmen für Berlin, und zwar nicht ausschließlich
durch Gewährung von finanziellen Zuschüssen, zu beraten
und zu beschließen.
Ich habe schon vorher erwähnt, daß diejenigen Fraktionen,
die sich hier zu gemeinsamer Regierungsbildung und Arbeit
zusammengefunden haben, es als ihre vornehmste Pflicht
betrachten, auf allen Gebieten sozial zu handeln. Auf dem
engeren Gebiet der Sozialpolitik gilt das im besonderen
Maße. Die Bundesregierung wird sich bemühen, ihre
Sozialpolitik den jetzigen Zeitverhältnissen entsprechend
umzugestalten und auszugestalten. Wenn auch, wie ich
ausgeführt habe, die beste Sozialpolitik eine gesunde
Wirtschaftspolitik ist, die möglichst vielen Arbeit und Brot
gibt, so wird es doch nach diesem Kriege und dieser Not in
Deutschland immer einen sehr großen Prozentsatz von
Menschen geben, denen anders und besonders geholfen
werden muß. Das gilt insbesondere auch von den
Schwerkriegsbeschädigten. Das Gesetz über ihre
Unterbringung ist den jetzigen Verhältnissen entsprechend
abzuändern. Den erwerbsunfähigen Kriegsbeschädigten und
den Kriegshinterbliebenen ist ein ausreichender Unterhalt zu
gewähren. Die Schaffung einer einheitlichen
Versorgungsgesetzgebung für das gesamte Bundesgebiet
ist nötig.
Die Rechtsbeziehungen zwischen Arbeitnehmern und
Arbeitgebern müssen zeitgemäß neu geordnet werden. Die
Selbstverwaltung der Sozialpartner muß an die Stelle der
staatlichen Bevormundung treten. Die Bundesregierung
steht auf dem Boden der Koalitionsfreiheit. Sie wird es den
Verbänden überlassen, alles das in freier Selbstverwaltung
zu tun, was den wirtschaftlichen und sozialen Interessen
förderlich ist und was einer weiteren Verständigung
zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern dient. Ein
verständiger Ausgleich sozialer Gegensätze ist eine
unumgängliche Voraussetzung für den Aufstieg unseres
Volks. Dieser Ausgleich muß durch die Sozialpartner selbst
herbeigeführt werden. Die sozial- und
gesellschaftspolitische Anerkennung der
Arbeitnehmerschaft macht eine Neuordnung der
Besitzverhältnisse in den Grundindustrien notwendig. Es
scheint mir aber auch eine der wesentlichsten
Grundbedingungen einer verständigen Sozialpolitik zu sein,
dem Fleißigen und Tüchtigen jede Aufstiegsmöglichkeit zu
geben. Auf die Betonung dieser Aufstiegsmöglichkeiten
legen wir den größten Wert.
Der als Folge des Krieges und der Verschleppung von
Männern eingetretene Frauenüberschuß ist ein Problem, das
unsere besondere Beachtung verdient. Es bedarf wohl
keiner Versicherung, daß wir fest und entschieden
gegenüber allen entgegengesetzten Tendenzen auf dem
Boden des Artikels 6 des Grundgesetzes stehen, in dem es
heißt: »Ehe und Familie stehen unter dem besonderen
Schutz der staatlichen Ordnung.« Das Problem des
Frauenüberschusses erschöpft sich aber nicht in der Frage
der notgedrungenen Ehelosigkeit eines großen Teiles der
Frauen; es ist umfassender und weitreichender. Wir müssen
den Frauen neue Berufe und Ausbildungsmöglichkeiten zu
erschließen versuchen. Es wird - wenn es vielleicht
zunächst auch nicht so wichtig aussieht - auch beim
Wohnungsbau darauf geachtet werden müssen, daß den
unverheiratet gebliebenen Frauen wenigstens in etwa ein
Ersatz für die fehlende häusliche Behaglichkeit geboten
wird. Wir werden alle diese Fragen, deren Wichtigkeit ich
unterstreichen möchte, durch ein einer Frau
anzuvertrauendes Referat im Ministerium des Innern einer
möglichst guten Lösung zuzuführen versuchen.
Den Jugendlichen, namentlich denjenigen, denen die
Erziehung durch Familie und Schule während der Kriegszeit
und der wirren Zeit nach dem Kriege und eine gute
Ausbildung gefehlt hat, werden wir zu Hilfe kommen
müssen. Wir werden überhaupt versuchen, unsere Pflicht
gegenüber der jungen Generation anders zu betrachten, als
das früher geschehen ist. Die junge Generation, dessen
wollen wir uns immer bewußt bleiben, trägt die Zukunft
Deutschlands in ihren Händen.
Wir werden das Beamtenrecht neu ordnen müssen. Wir
stehen grundsätzlich und entschlossen auf dem Boden des
Berufsbeamtentums.
Durch die Denazifizierung ist viel Unglück und viel Unheil
angerichtet worden. Die wirklich Schuldigen an den
Verbrechen, die in der nationalsozialistischen Zeit und im
Kriege begangen worden sind, sollen mit aller Strenge
bestraft werden. Aber im übrigen dürften wir nicht mehr
zwei Klassen von Menschen in Deutschland unterscheiden:
die politisch Einwandfreien und die Nichteinwandfreien.
Diese Unterscheidung muß baldigst verschwinden.
Der Krieg und auch die Wirren der Nachkriegszeit haben
eine so harte Prüfung für viele gebracht und solche
Versuchungen, daß man für manche Verfehlungen und
Vergehen Verständnis aufbringen muß. Es wird daher die
Frage einer Amnestie von der Bundesregierung geprüft
werden, und es wird weiter die Frage geprüft werden, auch
bei den Hohen Kommissaren dahin vorstellig zu werden,
daß entsprechend für von alliierten Militärgerichten
verhängte Strafen Amnestie gewährt wird.
Wenn die Bundesregierung so entschlossen ist, dort, wo
es ihr vertretbar erscheint, Vergangenes vergangen sein zu
lassen, in der Überzeugung, daß viele für subjektiv nicht
schwerwiegende Schuld gebüßt haben, so ist sie
andererseits doch unbedingt entschlossen, aus der
Vergangenheit die nötigen Lehren gegenüber allen
denjenigen zu ziehen, die an der Existenz unseres Staates
rütteln, mögen sie nun zum Rechtsradikalismus oder zum
Linksradikalismus zu rechnen sein.
Die Befürchtungen, meine Damen und Herren, die
namentlich in der ausländischen Presse über rechtsradikale
Umtriebe in Deutschland laut geworden sind, sind ganz
bestimmt weit übertrieben. Ich bedaure außerordentlich,
daß durch Berichte deutscher und ausländischer Zeitungen
Persönlichkeiten, indem man ihre ungezogenen Reden
verbreitet hat, eine Bedeutung beigelegt worden ist, die sie
in Deutschland niemals gehabt haben. Aber, meine Damen
und Herren, ich betone nochmals: wenn wir auch glauben,
daß diese Berichte übertrieben sind, so sind wir uns völlig
darüber einig, daß wir dem Auftreten rechts- und
linksradikaler, den Staat gefährdender Bestrebungen unsere
vollste Aufmerksamkeit widmen müssen; und ich
wiederhole nochmals: wir werden nötigenfalls von den
Rechten, die die Gesetze uns geben, entschlossen
Gebrauch machen.
Meine Damen und Herren! Lassen Sie mich in diesem
Zusammenhang ein Wort zu hier und da anscheinend
hervorgetretenen antisemitischen Bestrebungen sagen. Wir
verurteilen diese Bestrebungen auf das schärfste. Wir
halten es für unwürdig und für an sich unglaublich, daß
nach all dem, was sich in nationalsozialistischer Zeit
begeben hat, in Deutschland noch Leute sein sollten, die
Juden deswegen verfolgen oder verachten, weil sie Juden sind.
Meine Damen und Herren! Ich komme zu einem besonders
ernsten und wichtigen Kapitel. Deutschland wird nunmehr
durch seine staatliche Neugestaltung in die Lage versetzt,
sich der Frage der deutschen Kriegsgefangenen und
Verschleppten mit größerer Stärke anzunehmen als bisher.
In Rußland werden noch Millionen von Kriegsgefangenen
zurückgehalten. Wir wissen nicht, wohin die 1,5 bis 2
Millionen deutscher Kriegsgefangener gekommen sind, die
aus den russischen Heeresberichten über die jetzt von
Rußland angegebene Zahl der Kriegsgefangenen hinaus
errechnet werden konnten. Das gleiche gilt in ähnlicher
Weise für Jugoslawien. Das Geschick dieser Millionen
Deutscher, die jetzt schon seit Jahren das bittere Los der
Gefangenschaft getragen haben, ist so schwer, das Leid
ihrer Angehörigen in Deutschland so groß, daß alle Völker
mithelfen müssen, diese Gefangenen und Verschleppten
endlich ihrer Heimat und ihrer Familie zurückzugeben.
Es ist mir eine liebe Pflicht, für die weitreichende Hilfe,
die unseren Kriegsgefangenen zuteil geworden ist, zu
danken, in erster Linie dem Internationalen Komitee vom
Roten Kreuz in Genf, das unseren deutschen
Kriegsgefangenen unendlich viel Gutes getan hat. Wir
danken auch dem Vatikan und dem gegenwärtigen Papst,
der nach dem Kriege der erste war, der den Ruf nach
baldiger Entlassung der deutschen Kriegsgefangenen erhob
und der das Schicksal der deutschen Gefangenen durch
großzügige Schenkungen und Gaben, zu denen er die Welt
veranlaßte, zu mildern versuchte. Der Arbeit der Ökumene
in Genf danken wir in gleicher Weise von ganzem Herzen.
Sie hat insbesondere in der angelsächsischen Welt die
Kräfte der Liebe evangelischen Glaubens mobilisiert. Ich
hebe auch die internationale Organisation der Christlichen
Vereine junger Männer hervor, die durch ihren
hervorragenden Gefangenendienst unsern Brüdern in allen
Ländern große Hilfe gewährt haben. Auch dem
Evangelischen Hilfswerk unter der Führung von Dr.
Gerstenmaier und der Caritas-Kriegsgefangenenhilfe unter
der Leitung des verstorbenen Prälaten Kreutz danken wir
herzlichst.
Die Arbeit der Bundesregierung wird weiter den etwa 200
000 Deutschen gelten müssen, die sich in dem ehemaligen
Ostpreußen und Schlesien sowie in der Tschechoslowakei
befinden, die als Facharbeiter oder als politisch mehr oder
minder Belastete zurückgehalten werden. Darunter befinden
sich viele Frauen, die in der ersten Schockwirkung der
Niederlage und in der Hoffnung auf Rückkehr ihrer noch in
Gefangenschaft befindlichen Männer für Polen optiert
haben, deren Männer aber in der Zwischenzeit nach
Westdeutschland entlassen worden sind. Das Internationale
Rote Kreuz hat es übernommen, mit den Westalliierten
einerseits und mit Warschau und Prag andererseits über die
Umsiedlung dieser bedeutenden Restbevölkerung zu
verhandeln. Die Verhandlungen sind später überraschend -
soviel den deutschen Stellen bekanntgeworden ist, durch
die britische Militärregierung - abgebrochen worden mit der
damals gegebenen Begründung, man müsse erst die
Bundesregierung abwarten.
Die Bundesregierung wird sich auch um die 300 000
freien Arbeiter bemühen müssen, die, um aus der
Kriegsgefangenschaft herauszukommen, in Frankreich,
Belgien und England Verträge als freie Arbeiter geschlossen
haben. Endlich werden wir die Forderung erheben müssen,
daß gegen diejenigen Deutschen, die in den alliierten
Ländern wegen behaupteter Kriegsverbrechen
zurückgehalten werden, die Gerichtsverhandlungen unter
Wahrung aller rechtlichen Formen schnell zu Ende geführt
werden.
Das Los der Vertriebenen, meine Damen und Herren, ist
besonders hart. Die Frage ihres zukünftigen Schicksals kann
nicht von Deutschland allein gelöst werden. Es handelt sich
um eine Frage, die nur auf internationalem Wege ihrer
Lösung nähergebracht werden kann. Man muß sie aber
lösen, wenn man nicht Westdeutschland für lange Zeit
hinaus zu einem Herd politischer und wirtschaftlicher
Unruhe werden lassen will.
Lassen Sie mich nun zu Fragen übergehen, die uns in
Deutschland außerordentlich am Herzen liegen und die für
unser gesamtes Volk Lebensfragen sind. Es handelt sich um
die Abkommen von Jalta und Potsdam und die Oder-Neiße-
Linie. Im Potsdamer Abkommen heißt es ausdrücklich:
Die Chefs der drei Regierungen
- das sind die Vereinigten Staaten. England und
Sowjetrußland - haben ihre Ansicht bekräftigt, daß die
endgültige Bestimmung der polnischen Westgrenze bis
zur Friedenskonferenz vertagt werden muß.
Wir können uns daher unter keinen Umständen mit einer
von Sowjetrußland und Polen später einseitig
vorgenommenen Abtrennung dieser Gebiete abfinden. Diese
Abtrennung widerspricht nicht nur dem Potsdamer
Abkommen, sie widerspricht auch der Atlantik-Charta vom
Jahre 1941, der sich die Sowjetunion ausdrücklich
angeschlossen hat. Die Bestimmungen der Atlantik-Charta
sind ganz eindeutig und klar. Die Generalversammlung der
Vereinten Nationen hat durch Beschluß vom 3. November
1948 die Großmächte aufgefordert, nach diesen Prinzipien
baldmöglichst Friedensverträge abzuschließen. Wir werden
nicht aufhören, in einem geordneten Rechtsgang unsere
Ansprüche auf diese Gebiete weiterzuverfolgen.
Ich weise darauf hin, daß die Austreibung der
Vertriebenen in vollem Gegensatz zu den Bestimmungen
des Potsdamer Abkommens vorgenommen worden ist. In
diesem Potsdamer Abkommen ist nur von einer Umsiedlung
der in Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn
verbliebenen deutschen Bevölkerung die Rede, und es war
vereinbart worden, daß jede stattfindende Umsiedlung auf
organisierte und humane Weise vorgenommen werden
sollte. Es fällt mir sehr schwer, meine Damen und Herren,
wenn ich an das Schicksal der Vertriebenen denke, die zu
Millionen umgekommen sind, mit der notwendigen
leidenschaftslosen Zurückhaltung zu sprechen. Ich darf aber
darauf hinweisen, daß kein Geringerer als Winston Churchill
bereits im August 1945 im britischen Unterhaus öffentlich
und feierlich nicht nur gegen das Ausmaß der von Polen
angestrebten Gebietserweiterung, sondern auch gegen die
Praxis der Massenaustreibung Protest eingelegt hat. Die
Massenaustreibung nannte Churchill eine »Tragödie
unvorstellbaren Ausmaßes«, und er deutete an, daß eine
unerhört große Zahl von diesen Vertriebenen einfach
verschwunden sei. Am 10. Oktober 1945 stellte der
britische Außenminister Bevin fest, daß Großbritannien in
keiner Weise verpflichtet sei, die Ansprüche Polens auf die
Oder-Neiße-Linie zu unterstützen. Die gleiche Feststellung
traf der frühere amerikanische Außenminister Byrnes am 6.
September 1946 in seiner bekannten Rede in Stuttgart. Die
Bundesregierung wird allen diesen Fragen die größte
Aufmerksamkeit widmen und sich dafür einsetzen, daß
auch das uns zustehende Recht geachtet wird. Sie wird das
ganze Rechts- und Tatsachenmaterial in einer Denkschrift,
die veröffentlicht und den alliierten Regierungen überreicht
werden wird, zusammenfassen.
Meine Damen und Herren! Wenn ich eingangs gesagt
habe, daß unsere auswärtigen Beziehungen von den Hohen
Kommissaren wahrgenommen werden, so habe ich doch
gleichzeitig festgestellt, daß wir zu allen uns umgebenden
Staaten in engen Zusammenhängen - seien es gute, seien
es weniger gute - stehen. Ich würde daher eine Lücke in
dieser Regierungserklärung lassen, wenn ich nicht auf unser
Verhältnis zu diesen Ländern einginge.
Meine Damen und Herren! Wir sind durchaus bereit, mit
unsern östlichen Nachbarn, insbesondere mit Sowjet-
Rußland und mit Polen, in Frieden zu leben. Wir haben den
dringendsten Wunsch, daß die gegenwärtig bestehenden
Spannungen zwischen Sowjet-Rußland und den
Westalliierten ihre Lösung im Laufe der Zeit auf friedlichem
Wege finden. Aber wenn ich ausspreche, daß wir den
Wunsch haben, in Frieden mit Sowjet-Rußland zu leben, so
gehen wir davon aus, daß auch Sowjet-Rußland und Polen
uns unser Recht lassen und unsere deutschen Landsleute
auch in der Ostzone und in dem ihnen unterstehenden Teil
von Berlin das Leben in Freiheit führen lassen, das
deutschem Herkommen, deutscher Erziehung und deutscher
Überzeugung entspricht.
Ich habe an einer anderen Stelle schon ausgeführt, daß
das Besatzungsstatut zwar ein Fortschritt, sogar ein
erheblicher Fortschritt gegenüber dem bisherigen Zustand
ist. Es wird aber ganz darauf ankommen, ob es in dem
Geist gehandhabt wird, der aus dem Begleitschreiben der
Außenminister von England, Frankreich und den Vereinigten
Staaten vom April dieses Jahres an den Präsidenten des
Parlamentarischen Rats sprach. »Die Außenminister
betonen«, so heißt es in der Note, »daß es das höchste Ziel
der drei Alliierten Regierungen ist, den festen Einbau des
deutschen Volkes in einem demokratischen Bundesstaat in
den Rahmen eines europäischen Zusammenschlusses zum
beiderseitigen Besten zu ermutigen und zu fördern.« Wir
sind überzeugt davon, daß, wenn das Besatzungsstatut in
diesem Sinne gehandhabt wird, es uns ein eigenes starkes
Leben und weitere Fortschritte ermöglichen wird. Ich bin
überzeugt: wenn, wie es in dem Besatzungsstatut
vorgesehen ist, nach 12 Monaten und auf jeden Fall
innerhalb von 18 Monaten nach Inkrafttreten des Statuts
die Besatzungsmächte seine Bestimmungen im Lichte der
Erfahrungen prüfen, die sie inzwischen gemacht haben,
werden die Mächte sicher zu dem Ergebnis kommen, daß
es möglich sein wird, die Zuständigkeit der deutschen
Behörden auf den Gebieten der Legislative, der Exekutive
und der Justiz weiter auszudehnen.
Und nun, meine Damen und Herren, lassen Sie mich ein
Wort über unsere Stellung zum Besatzungsstatut sagen!
Das Besatzungsstatut ist alles andere als ein Ideal. Es ist
ein Fortschritt gegenüber dem rechtlosen Zustand, in dem
wir bis zum Inkrafttreten des Besatzungsstatuts gelebt
haben. Es gibt aber keinen andern Weg für das deutsche
Volk, wieder zur Freiheit und Gleichberechtigung zu
kommen, als indem es dafür sorgt, daß wir nach dem
völligen Zusammenbruch, den uns der Nationalsozialismus
beschert hat, mit den Alliierten zusammen wieder den Weg
in die Höhe gehen. Der einzige Weg zur Freiheit ist der, daß
wir im Einvernehmen mit der Hohen Kommission unsere
Freiheiten und unsere Zuständigkeiten Stück für Stück zu
erweitern versuchen.
Es besteht für uns kein Zweifel, daß wir nach unserer
Herkunft und nach unserer Gesinnung zur
westeuropäischen Welt gehören. Wir wollen zu allen
Ländern gute Beziehungen, auch solche persönlicher Art,
unterhalten, insbesondere aber zu unsern Nachbarländern,
den Benelux-Staaten, Frankreich, Italien, England und den
nordischen Staaten. Der deutsch-französische Gegensatz,
der Hunderte von Jahren die europäische Politik beherrscht
und zu manchen Kriegen, zu Zerstörungen und
Blutvergießen Anlaß gegeben hat, muß endgültig aus der
Welt geschafft werden. Ich hoffe, ja ich sage: ich glaube,
daß das Saargebiet nicht zu einem Hindernis auf diesem
Weg werden wird. Am Saargebiet hat Frankreich - das ist
ohne weiteres anzuerkennen - wirtschaftliche Interessen.
Deutschland hat dort wirtschaftliche und nationale
Interessen. Schließlich aber haben die Saarbewohner selbst
den begründeten Wunsch, daß ihre eigenen wirtschaftlichen
und nationalen Interessen berücksichtigt werden. Alle diese
Interessen sollen in eine Ordnung und Übereinstimmung
gebracht werden, die sich im Rahmen der Europäischen
Union, deren Mitglied wir möglichst bald zu werden
wünschen, finden lassen wird.
Mit aufrichtiger Genugtuung und Freude, meine Damen
und Herren, denke ich daran, daß Außenminister Bevin mir
in einer persönlichen Unterredung im Sommer dieses Jahres
erklärt hat: Der Krieg zwischen unseren beiden Völkern ist
zu Ende, unsere beiden Völker müssen Freunde sein.
Ich habe eben gesagt, wir wünschen möglichst bald in die
Europäische Union aufgenommen zu werden. Wir werden
gerne und freudig an dem großen Ziel dieser Union
mitarbeiten. Ich weise darauf hin, daß wir in unserer Bonner
Verfassung im Artikel 24 für den Bund die Möglichkeit
vorgesehen haben, Hoheitsrechte auf zwischenstaatliche
Einrichtungen zu übertragen und sich zur Wahrung des
Friedens im System gegenseitiger kollektiver Sicherheit
einzuordnen. Es heißt dann in diesem Artikel weiter:
Der Bund wird hierbei in die Beschränkungen seiner
Hoheitsrechte einwilligen, die eine friedliche und
dauerhafte Ordnung in Europa und zwischen den Völkern
der Welt herbeiführen und sichern.
Ich glaube, daß unser Grundgesetz damit die
fortschrittlichste aller Verfassungen ist. Wir sind
entschlossen, alles zu tun, was in unserer Kraft steht, um
den in diesem Artikel vorgezeichneten Weg zur Sicherung
des Friedens in Europa und in der Welt zu gehen.
Wenn ich vom Frieden in der Welt und in Europa spreche,
dann, meine Damen und Herren, muß ich auf die Teilung
Deutschlands zurückkommen. Die Teilung Deutschlands
wird eines Tages - das ist unsere feste Überzeugung -
wieder verschwinden. Ich fürchte, daß, wenn sie nicht
verschwindet, in Europa keine Ruhe eintreten wird. Diese
Teilung Deutschlands ist durch Spannungen herbeigeführt
worden, die zwischen den Siegermächten entstanden sind.
Auch diese Spannungen werden vorübergehen. Wir hoffen,
daß dann der Wiedervereinigung mit unseren Brüdern und
Schwestern in der Ostzone und in Berlin nichts mehr im
Wege steht.
Die Vertreter Groß-Berlins nehmen einstweilen nur mit
beratender Stimme an den Arbeiten dieses Hauses und des
Bundesrats teil. Ihre Stimmen haben aber deswegen nicht
weniger Gewicht, weil sie kein Stimmrecht haben. Wenn
auch der Eiserne Vorhang, der quer durch Deutschland
geht, noch so dicht ist - er kann nichts an der geistigen
Verbundenheit zwischen den deutschen Menschen diesseits
und jenseits des Eisernen Vorhangs ändern.
Lassen Sie mich, meine Damen und Herren, in dieser
Stunde mit besonderem Dank der Vereinigten Staaten von
Nordamerika gedenken. Ich glaube nicht, daß jemals in der
Geschichte ein siegreiches Land es versucht hat, dem
besiegten Land in der Weise zu helfen und zu seinem
Wiederaufbau und seiner Erholung beizutragen, wie das die
Vereinigten Staaten gegenüber Deutschland getan haben
und tun. Wir glauben, meine Damen und Herren, daß eine
spätere Geschichtsschreibung dieses Verhalten der
Vereinigten Staaten als eine größere Tat bezeichnen wird
als seine Anstrengungen im Kriege. Ich weiß, daß unzählige
Amerikaner aus echter, persönlicher Teilnahme und
Nächstenliebe uns Deutschen in unserer schwersten Not,
als hier Hunger und Mangel herrschten, in rührender Weise
geholfen haben. Das deutsche Volk wird das dem
amerikanischen Volk niemals vergessen dürfen, und es wird
das auch nicht vergessen.
Meine Damen und Herren! Die kulturellen Angelegenheiten
gehören nach dem Grundgesetz zu der Zuständigkeit der
Länder. Aber im Namen der gesamten Bundesregierung
kann ich folgendes sagen:
Unsere ganze Arbeit wird getragen sein von dem Geist
christlich-abendländischer Kultur und von der Achtung vor
dem Recht und vor der Würde des Menschen. Wir hoffen -
das ist unser Ziel - daß es uns mit Gottes Hilfe gelingen
wird, das deutsche Volk aufwärtszuführen und beizutragen
zum Frieden in Europa und in der Welt.
Quelle: Die großen Regierungserklärungen der deutschen Bundeskanzler von Adenauer bis Schmidt. Eingeleitet und kommentiert von Klaus von Beyme, München/Wien 1979, S. 53-73.
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