Neujahrsansprache von Bundespräsident Theodor Heuss, 31.12.1950

 

Verehrte Hörerinnen und Hörer,

ein rechter Haushalter möchte zum Jahresende gerne einen rechten Abschluß vorlegen. Aber es will nicht recht gelingen. Zu viele Konten sind offen geblieben: wie soll er sie bewerten?

Dies ist die Lage, in der der Bundespräsident kurze Worte an die Deutschen richten soll. Ich tue das mit einigem Zögern. Der Mensch, in aller Welt ist es so, überschreitet die Jahresgrenze in einer Mischung von rückschauender Sentimentalität und verwegenem Optimismus - besitzen wir Unbefangenheit und Kraft, zu solcher Schwebelage der Gefühle etwas Eigenes zu sagen? Hat jener Mann recht, ein Mann von Rang und Verantwortungsgefühl, der kürzlich zu mir bemerkte: das Jahr 1950 werde uns einmal als eine Oase der Glücksmöglichkeiten erscheinen? Dabei dachte er gar nicht an Kriegssorgen. In dem Gespräche war dies erörtert: die sozialwirtschaftliche Leistung des Jahres 1950, im Zusammenwirken von Arbeiterschaft und Unternehmertum, in der Treue von ungenügend bezahlten Beamten und in dem Fleiß der den Preisschwankungen ausgesetzten Bauern war außerordentlich. Das, was man "Sozialprodukt" nennt, die Gütermenge der Gesamtwirtschaft, stieg, und nicht bloß durch eine Konjunktur, die weltpolitisch bedingt war, und inzwischen in der Preissteigerung vieler gewerblichen und agrarischen Rohstoffe ihre Kehrseite zeigt.

Dieser Vorgang der Ausweitung der Erzeugung ist für uns alle schlechthin lebensentscheidend. Aber die seelische Haltung weiter Volkskreise hat davon keinen rechten Vermerk genommen. Hier stimmt etwas nicht. Ich denke nicht daran, mit billigen Sprüchen über die Notlage von Millionen mich und die Hörer hinwegzureden - ich kriege dann die Briefe der Verbitterung: Du, du hast gut reden! Die Dinge gehen tiefer. Sie sind eine Frage der seelischen Ordnung unseres Volkes oder der Unordnung. Die Geschichte predigt heute so eindrucksvoll wie selten den Zwang zu einem den anderen verstehenden Gemeinbewußtsein, die Zeitungen schreiben auch recht brav von dieser Notwendigkeit. Die Praxis sieht vielfach ganz anders aus. Man setzt das Eigeninteresse dem Gesamtinteresse gleich. Mit dem in sich schönen Wort "Gemeinnutz geht vor Eigennutz" hatten die Nazis ihre parteipolitische Machtpraxis vernebelt oder getarnt. Solche Taktik halten manche heute gar nicht mehr für nötig. Ich nehme gern die Ablehnung von vielen auf mich, hoffend, daß es nicht zu viele sein werden, wenn ich dies sage: von den innerdeutschen Pressenotizen dieses Jahres hat mich keine so beelendet wie die Nachricht, daß sich ein Verein oder eine Partei der "Einheimischen" gegen die Flüchtlinge gebildet hat. Der Bundespräsident tritt aus der Neutralität heraus, die in dem Sinne seines Amtes liegt, wenn er sagt, daß er dies als eine Schande empfand. Und nun mögen manche auf mich schelten und die Vereinsvorstände mich wegen Beleidigung verklagen!

Wir müssen die Fragestellung in manchem Bereich sehr ernst nehmen. Das möchte ich hoffen dürfen, daß die starke parteipolitische Zuspitzung etwas an Reiz verloren hat, nachdem in wichtigen Gebieten die Landtagswahlkämpfe durchgefochten sind. Einem bedeutenden Amerikaner, der über die Ungewißheit in den deutschen Haltungen klagte, antwortete ich: das müssen Sie doch aus Ihrer Heimat wissen, daß Wahltermine etwas Lähmendes besitzen. Er lachte verständnisvoll. Aber ich selber bleibe bedrückt, wenn ich etwa an den Leidensweg denke, den die so hoffnungskräftig beginnenden Besprechungen zwischen den Arbeitgebern und Arbeitnehmern, in Hattenheim, in Maria Laach, gegangen sind. Sollen sie in verjährten Vorstellungen stecken bleiben? Ich spreche darüber mit voller Unbefangenheit. Ich darf darüber sprechen, denn ich bin stolz, in meiner akademischen Lehrzeit der Schüler von Lujo Brentano gewesen zu sein - kein anderer Mann hat wie dieser das freie sozialwirtschaftliche Vertragsverhältnis einer gleichberechtigten Partnerschaft dargestellt, begründet, verteidigt und verkündet. Der Bundespräsident, der vermessen genug ist, zu glauben, daß er von der wechselseitigen Fragestellung etwas versteht und das Gewicht der seelischen wie sachlichen Motive begreife, hat dies als stärksten Wunsch, den er in das werdende Jahr ruft: begegnet euch wieder in dem Geist realistischer Sachlichkeit und menschlicher Vertrauenskraft. Die rednerischen Heißsporne, die sich selber und vielleicht auch manchem Zuhörer mit flotter und unbedarfter Polemik Freude machen, gehören jetzt, heute nicht auf die Tribüne, aber die verständigen Männer mit Überblick, mit Respekt vor dem Partner, mit einem freien Spürgefühl für das Werdende und tapferer Entscheidung an den Beratungstisch. Diejenigen, die einmal Kampfideologien geformt haben, sind, auf beiden Seiten, längst gestorben. Der Lebende hat Recht, indem er Recht schafft. Und zwar das Recht der freien und über Konjunktur- und Machtwechsel hinaus bindenden Verständigung, das diesem schwachen Staat nicht Verantwortungen aufbürdet, denen er - ganz nüchtern gesprochen - einfach nicht gewachsen ist.

Diesem aus Gliedern aufgebauten Staat in der politischen Leitung wie in der Gesetzgebung eine rechte Gestaltungskraft zu gewinnen und zu sichern, auch eine von allen anerkannte Verfahrensweise seiner einzelnen Organe, ist mit eines unserer wichtigsten Anliegen. Daß die "grundgesetzlichen" Rechtsformen aus Kompromissen zustande kamen - und nur so konnte das Unterfangen gelingen - schließt schier zwingend die Willigkeit in sich, in den großen Fragen einen elastischen Ausgleich zu finden. Manche Leute, zumal solche, die Aufsätze über die sogenannten "Spielregeln der Demokratie" fabrizieren, meinen, das Wesen der Politik sei in dem Kampfspiel von "Regierung" und "Opposition" beschlossen. Es fällt mir nicht ein, die Gegensätzlichkeit von Anschauungen oder Interessen im politischen Raum zu verharmlosen; sie ist ein belebendes Element des Antriebs und Kraft der Kontrolle. Aber sie darf nie zum politisch-technischen Selbstzweck erstarren, bei dem ein gescheites Wort als dumm gilt, eine verständige Handlung als falsch, nur weil sie im anderen Lager gesprochen oder vollzogen wurden. Gewiß ist politisches Tun im Elementaren Kampf um eine Gruppenmacht, aber ihr höherer Sinn ist doch, zumal in einem vom Schicksal bedrohten Volke, das einfache Leben-Können. Und in diesem letzten, sehr simplen Wissen müssen sich die Gruppen vor den wichtigen Fragen zu einer Gemeinsamkeit zu finden verstehen.

In der Nazi-Zeit war das öffentliche Schimpfen verboten, das private lebensgefährlich. In der Demokratie ist beides erlaubt, und viele wollen nachholen, was sie damals versäumt haben - es sind auch Anfängerdemokraten dabei. Den Gegenstand finden sie, nach Laune, beim Kabinett, bei den Abgeordneten, auch bei den Besatzungsmächten. Derlei ist unvermeidlich; berechtigter Sachanlaß, aus Not oder enttäuschter Hoffnung, bietet sich überall an. Doch viele Deutsche machen es sich zu billig. Sie verkennen, welche ungeheure Arbeitslast, durch die Stauung so vieler, vieler Aufgaben in den letzten Jahren, auf den einzelnen Männern und Frauen in den Parlamenten, in den leitenden Verwaltungen ruhen. Es ist ein Unrecht, daß man wegen dieser und jener peinlichen Geschichte (oder Persönlichkeit) die zähe danklose Arbeit der großen Zahl kaum sieht und, weil Erwartungen da und dort nicht, noch nicht erfüllt sind, die wichtigen gesetzgeberischen Arbeiten kaum bewertet. Vielen Hörern haben diese Sätze nicht gefallen: der Heuss sollte doch mitschimpfen und den Leuten den Kopf waschen - so billig macht er sich das nicht.

Umso mehr, als er spürt, welche geschichtlichen Verantwortungen auf Bundesrat und Bundestag, und hier auf Mehrheitsgruppen wie Opposition, zuschreiten. Das Weltgespräch, das über Deutschland seit Jahr und Tag geführt wurde, ohne daß Deutschland unter vergleichbaren Bedingungen daran beteiligt war - wird sich zunächst in den Voraussetzungen wandeln. Ich rede darüber nicht im Ton illusionistischer Befriedigung, nicht in dem einer über das Bisherige verstimmten Anklage - das ist nie meine Art gewesen. Wir sollen in die bevorstehenden Besprechungen mit Nüchternheit und Geduld hineingehen - Nüchternheit und Geduld heißen aber nicht Resignation der sachlichen Ohnmacht, die vielleicht nebenbei aus ihr etwas wie eine taktische Macht bilden möchte, sondern eine ruhige bereite Glaubenskraft. Wir haben uns in vielem geirrt, die anderen haben sich in vielem geirrt, wir haben in Urteil oder Handlung Torheiten begangen, die anderen haben es an Vergleichbarem wahrlich nicht fehlen lassen. Das zu beschreiben wird eine sehr schöne Aufgabe für künftige Historiker sein, und zwar bei allen Völkern.

Die tragische Verworrenheit der Zeit spiegelt sich darin, daß die Einsicht der Vernunft so entsetzlich lange braucht, bis sie als Tatentscheidung sich verwirklicht. Man begegnet etwa kaum einem Amerikaner, der nicht versichert, noch ehe das Gespräch den Gegenstand erreicht hat, daß die mechanistische Regelung der sogenannten "Denazifizierung" psychologisch und sachlich ein Irrweg war - das, was auf diesem Gebiet notwendigerweise geschehen mußte, war zu regeln, ohne neues Unrecht und Verbitterung zu schaffen. Vor bald vier Jahren habe ich die fremden Offiziere aufgefordert, mitzuhelfen, daß die sogenannte "Diskriminierung", die billige Form der kollektiven Verfemung, von dem deutschen Berufssoldaten genommen werde, der, im guten Typus, sein Berufsethos so gut vertrat wie der gute Typus auf der anderen Seite. Fast jeder Gesprächspartner versichert, und zwar nicht erst, seit die Weltgeschichte wieder von "Kampfeinheiten" redet, daß man natürlich recht habe. Aber... es bleibt das Aber des Nicht-, des Noch-Nicht-Wagens und -Sagens...

Wenn die kommenden Besprechungen einen inneren Sinn haben sollen, dann müssen sie vom Anbeginn nicht den Charakter des bloßen Handelns, des Aushandelns haben - do ut des, gib, daß ich gebe - sondern des Verhandelns. Im Verhandeln aber ist ein gemeinsames Ziel gesetzt: die Grundlagen des Friedens zu sichern. Der Friede ist für die Deutschen das höchste Gut. Das wissen auch die Deutschen, denen eine Heimat geraubt wurde: sie hoffen auf Rückkehr, aber sie wollen nicht an frischen Soldatengräbern vorbeiwandern müssen...

Nun ein Letztes. In der Presse lasen Sie, der Bundespräsident werde heute eine neue Nationalhymne anordnen. Nein, hieß es dann wieder: das werde er nicht tun. Ich will das gelinde Durcheinander ganz einfach ordnen. Ich glaube, selbst bei Leuten, denen meine Art fremd ist, nicht im Verdacht zu stehen, den Sinn geschichtlicher Zusammenhänge zu mißachten; ich lebe selber aus ihren Werten. Aber das ungeheure Schicksal, das die staatlichen Zusammenhänge zerschlug, die volklichen verwirrte, schuf einen Geschichtseinschnitt, der mit dem alten Sinn- und Wort-Vorrat nicht mehr umfaßt werden kann. Darüber sprach ich vor Monaten mit dem verehrungswürdigen Dichter Rudolf Alexander Schröder, und er begriff, was mich bewegte:

Ich will ganz einfach vorlesen, was das Echo dieses freundschaftlichen Männergespräches war:

Land des Glaubens, deutsches Land,
Land der Väter und der Erben,
uns im Leben und im Sterben
Haus und Herberg, Trost und Pfand,
sei den Toten zum Gedächtnis,
den Lebend'gen zum Vermächtnis,
freudig vor der Welt bekannt,
Land des Glaubens, deutsches Land!

Land der Hoffnung, Heimatland,
ob die Wetter, ob die Wogen
über dich hinweggezogen,
ob die Feuer dich verbrannt,
du hast Hände, die da bauen,
du hast Herzen, die vertrauen,
Lieb und Treue halten stand,
Land der Hoffnung, Heimatland!

Land der Liebe, Vaterland,
heil'ger Grund, auf den sich gründet,
was in Lieb und Leid verbündet
Herz mit Herzen, Hand mit Hand.
Frei, wie wir dir angehören
und uns dir zu eigen schwören,
schling um uns dein Friedensband,
Land der Liebe, Vaterland!

Die Strophen haben die Menschen, die sie kennen lernten, tief bewegt. Hermann Reutter schuf ihnen die Töne: als wir einen Knabenchor baten, uns das Lied vorzusingen, hat es alle gepackt, auch die Zögernden. Wer am Radio sitzt, wird es nachher hören, kunstvoller, wie man es eben am Radio gewöhnt ist. Indem ich das Lied als Ausklang dieser Ansprache wählte, habe ich nicht einfach die neue Nationalhymne als Amtsvorgang "dekretiert". Aber ich hoffe, daß Hunderttausende, daß Millionen spüren: hier haben die Empfindungen und Erfahrungen unseres Geschlechts eine symbolkräftige Form gefunden, unseres Geschlechts, das dem Gewesenen die erinnerungsstarke Ehrfurcht nicht versagt, aber die glaubende Hoffnung der einenden Liebe zum Vaterlande schenkt.

Wort und Ton sollen und wollen, sie werden Besitz und Bekenntnis der Nation werden!

Und auch dies mag gelten, daß der verpflichtende Sinn von Schröders letzten Zeilen, da das freie Menschentum seinen Lebenswert im Frieden bestätigt findet, in die Seelen klinge:

Frei, wie wir dir angehören
und uns dir zu eigen schwören,
schling um uns dein Friedensband,
Land der Liebe, Vaterland!

Quelle: Theodor Heuss: Theodor Heuss, Politiker und Publizist: Aufsätze und Reden, Tübingen 1984.

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