Presseinformation: Zug um Zug. Schach – Gesellschaft – Politik
Haus der Geschichte eröffnet neue Ausstellung
Reykjavik, 11. Juli 1972: In der isländischen Hauptstadt beginnt der Kampf um die Schachweltmeisterschaft zwischen dem amerikanischen Großmeister Bobby Fischer und dem amtierenden russischen Weltmeister Boris Spasski. Die Medien stilisieren das Match zum „Kampf der Systeme” im Kalten Krieg, zur Auseinandersetzung zwischen dem amerikanischen Genie und dem Spitzenspieler der sowjetischen Schachschule.
Das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland zeigt vom 1. No-vember 2006 bis zum 11. Februar 2007 mit rund 400 Exponaten, darunter der Turniertisch aus Reykjavik und historische Schachspiele, die enge Verknüpfung von Schach und Politik. Der Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf dem 20. Jahrhundert. Dabei wird das Schachspiel nicht nur als symbolische Projektionsfläche für politische und gesellschaftliche Vorgänge genutzt, es diente seit seinen Anfängen im 7. Jahrhundert auch stets als reale Schule für militärisches und strategisches Denken.
Schachgroßmeister Viktor Kortschnoi und Kabarettist Matthias Deutschmann werden die Ausstellung am 31. Oktober 2006 in Bonn eröffnen.
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„Mancher, der sich für einen Schachspieler der Weltpolitik hält, ist in Wirklichkeit bloß eine Schachfigur”. Das Zitat des amerikanischen Diplomaten und Historikers George F. Kennan weist neben vielen historischen Beispielen auf die enge Verknüpfung von Schach und Politik hin: Strategie und Taktik sind bei politischen Verhandlungen „im Spiel”, Politiker und Medien beschreiben politische Auseinandersetzungen mit Metaphern aus dem Schachspiel, Karikaturen stellen dies bildlich dar.
Die Araber, die das Spiel bei der Eroberung Persiens kennenlernen, machen das Schachspiel in Westeuropa populär. Es dient im Mittelalter als Metapher für die Welt und als Modell der gesellschaftlichen Ordnung. Schach ist zunächst ein Spiel der Adligen: Seit dem 12. Jahrhundert werden Kenntnisse des Schachspiels beim vollkommenen Ritter vorausgesetzt, die Miniaturmalerei der Zeit entdeckt das Sujet bald für sich. Im 15. Jahrhundert ändern sich das Regelsystem und die Spielweise, so dass sie bereits weitgehend den heute gültigen Regeln entsprechen. Als Spiel der Strategie und Vernunft sieht die Aufklärung das Spiel, es wird in bürgerlichen Kreisen populär. Auch Arbeiterbewegung und Sozialismus wollen die Eigenschaften nutzen, die dem Schachspiel zugeschrieben werden, Kombinationsfähigkeit und strategisches Denken zu schulen. Sie weisen dem Schach eine Rolle als geistige Übung im Klassenkampf zu.
Die Nationalsozialisten versuchen, Schach als „Nationalspiel der Deutschen” zu etablieren, sie schalten die Schachvereine der verschiedenen Organisationen gleich, jüdische Mitglieder werden ausgeschlossen. Im Zweiten Weltkrieg erlangt Schach eine besondere Bedeutung: Für viele Soldaten wird es Teil der Überlebensstrategie in Krieg und Gefangenschaft. Verfolgten der nationalsozialistischen Diktatur dient das Spiel in Gefängnissen und Konzentrationslagern als Mittel geistiger Selbstbehauptung gegenüber Erniedrigung und brutalen Schikanen.
Der Kalte Krieg wird auch auf dem Schachbrett ausgefochten: Das Schachduell zwischen dem Amerikaner Bobby Fischer und dem Russen Boris Spasski 1972 ist ein Medienereignis. Zum ersten Mal in der Geschichte berichtet das Fernsehen ausführlich von Schach-Titelkämpfen. Auch die Duelle zwischen dem russischen Dissidenten Viktor Kortschnoi und Anatoli Karpow spiegeln den Ost-West Konflikt.
Die Entwicklung von leistungsfähigen Computern und Schachprogrammen seit den 1970er Jahren verschiebt die politischen Dimensionen des Spiels in eine Auseinandersetzung zwischen Mensch und Maschine mit offenem Ende. 1997 gewinnt mit „Deep Blue” erstmals ein Schachcomputer ein Turnier gegen den Weltmeister der Professional Chess Association Garri Kasparow.
Zug um Zug. Schach – Gesellschaft – Politik
Pressevorbesichtigung: 31. Oktober 2006, 10.00 Uhr,
Pressekonferenz: 11.00 Uhr mit Viktor Kortschnoi, Eröffnung 19.30 Uhr
Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland
1.11. 2006 – 11.2.2007, Dienstag – Sonntag, 9.00 – 19.00, Uhr Eintritt frei
Direktor Kommunikation:
Dr. habil. Harald Biermann
Medienanfragen richten Sie bitte an:
Peter Hoffmann
Pressereferent
Tel.: (02 28) 91 65-109
Fax: (02 28) 91 65-302
