Zeitzeugen > Nachkriegsjahre

Helmut Beschke: Helden, Verführte oder Kriegsverbrecher?

Dieser Beitrag wurde von Helmut Beschke (*1919) 2012 in Hanau verfasst.

Wir hatten den 23. März 1945, aus einem deutschen Offizier war ein Kriegsgefangener geworden. Jetzt weiß ich, dass dieser rechtlose Zustand genau 1689 Tage andauern sollte, bis zum 5. November 1949, und dass auch die Rückkehr in die geliebte Familie danach eine sehr schwere Aufgabe werden würde. Doch noch fing alles erst an. In einem Lastwagen fuhren wir - nun schon eine Gruppe Rechtloser, teils Soldaten, teils Zwangsarbeiter - direkt auf Wesel zu. Im Straßengraben sah ich in oder neben Schutzgräben getötete deutsche Soldaten, noch halbe Kinder, mit verzerrten Gliedern und im Entsetzen erstarrtem Gesichtsausdruck. Sie waren gezwungen worden, jeder allein in einem Loch, mit der Panzerfaust in der Hand, die amerikanischen Panzer abzuwarten und dann abzuschießen - wenn sie noch Zeit dazu hatten. Jetzt waren sie tot, waren sie "Helden"? Oder "Verführte" oder "Kriegsverbrecher"? Auf jeden Fall wird man sie an den zur Totenehrung bestimmten Sonntagen erst an zweiter Stelle nennen, und man wird gewissenhaft vorher erklären, dass die Deutschen ja selbst das Unheil geschaffen hätten. In diese kleine Lücke der Totenehrung wird man diese um ihr Leben Betrogenen hineinrutschen lassen, ebenso wie die Millionen in den Städten im Bombenterror verbrannten Frauen und Kinder. Die Zahl dieser unschuldigen Opfer wird man gewissenhaft möglichst klein rechnen, es wäre ja fast peinlich, die deutschen Opfer überhaupt zu erwähnen. Die deutsche Wehrmacht, so wird man in angesehenen Ausstellungen von ebenso angesehenen Urhebern erklären, war ein Verband verbrecherischer, gewissenloser Deutscher. Und diese selbstzerstörerische Manie wird weitergeführt bei dem unseligen Afghanistan-Krieg, der keiner sein darf. Wehe, wenn ein deutscher Soldat einen Taliban-Krieger erschießt, ohne ihn vorher nach seinem Ausweis gefragt zu haben! Das Leben kennt anderes als diese offiziellen Minderwertigkeiten. Wenn zum Beispiel ein älterer Deutscher einen etwa ebenso alten Engländer oder Franzosen trifft, wird einer den anderen fragen: Waren Sie auch im Krieg? Ja? Und wo? Und man wird sich die Fronten erzählen und erfreut einen neuen Kriegskameraden erkennen. Zwar auf der anderen Seite, aber ein Schicksalsgefährte.

Zur Person

Helmut Beschke (*26.8.1919) geht in Weißenfels an der Saale zur Schule. Nach Arbeitsdienst und Wehrdienst kämpft er im Zweiten Weltkrieg von Kriegsausbruch an als Soldat bei Feldzügen in Polen, Frankreich, Italien, der Sowjetunion und in der Ardennenoffensive. Er wird verwundet, studiert ein Semester Chemie in Jena, heiratet und kehrt zurück an die Front. Im März 1945 gerät er zunächst in amerikanische Kriegsgefangenschaft und durchläuft mehrere Lager in Frankreich: Foucarville, Voves und Attichy. Danach wird er in Deutschland der sowjetischen Armee übergeben und u.a. im ehemaligen KZ Sachsenhausen in Oranienburg festgehalten, bis er quer durch die UdSSR bis zum Kaukasus nach Wladikawkas und Kasbek gebracht. Anschließend kommt er in verschiedene Gefangenenlager in Georgien und Abchasien, bis zu seiner Entlassung in November 1949. Zurück bei seiner Familie in Jena arbeitet Beschke bei Jenapharm. 1953 gelingt ihm die Flucht aus der DDR in den Westen. Bis zur Pensionierung 1982 arbeitet er bei Degussa in der Forschung. Nach dem Tod seiner Ehefrau 2009 schreibt er an seinem Wohnsitz in Hanau seine Lebenserinnerungen auf.

Empfohlene Zitierweise:
Beschke, Helmut: Helden, Verführte oder Kriegsverbrecher?, in: LeMO-Zeitzeugen, Lebendiges Museum Online, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, URL: http://www.hdg.de/lemo/zeitzeugen/helmut-beschke-helden-oder-kriegsverbrecher.html
Zuletzt besucht am: 14.12.2018

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