Hanna Schygulla geb. 1943

Hanna Schygulla ist eine deutsche Schauspielerin. Sie wird als Muse des Regisseurs Rainer-Werner Fassbinder bekannt und prägt mit ihm zusammen in den 1970er Jahren maßgeblich den deutschen Autoren-Film. Auch nach Fassbinders Tod feiert Schygulla internationale Erfolge und tritt als Chansonsängerin auf.

  • 1943

    25. Dezember: Hanna Schygulla wird in Kattowitz/Oberschlesien (heutiges Katowice in Polen) als Tochter des Holzhändlers Joseph Schygulla und dessen Ehefrau Antonie geboren.

  • 1945-1963

    1945 flieht sie mit ihrer Mutter nach München. Der Vater gerät in Kriegsgefangenschaft und kehrt erst 1948 zur Familie zurück.

    Sie besucht das Münchener Luisengymnasium und macht dort Abitur. Danach geht sie als Au-Pair-Mädchen für ein Jahr nach Paris.

  • 1964

    Sie beginnt ein Studium der Germanistik und Romanistik in München.

  • 1966/1967

    Schygulla nimmt Schauspielunterricht am Fridl-Leonhard-Studio, wo sie den Münchner Regisseur Rainer-Werner Fassbinder kennenlernt.

  • 1967

    September: Fassbinder lädt sie in sein Improvisationstheater "Action-Theater" ein. Dort springt sie für eine ausgefallene Schauspielerin in Peer Rabens "Antigone"-Bearbeitung ein.

  • 1968

    Juni: Das „Action-Theater“ wird offiziell – aus "feuerpolizeilichen" Gründen – geschlossen. Schygulla gründet zusammen mit Teilen des Ensembles, wie Fassbinder und Peer Raben, das „antiteater“ als Gegenmodell zum Staatstheater. Hier spielt sie in zahlreichen Fassbinder-Inszenierungen mit, darunter "Die Verbrecher", "Zum Beispiel Ingolstadt", "Katzelmacher" und "Die Bettleroper".

  • 1969

    Nach kleineren Filmen steht sie erstmals unter der Regie von Fassbinder in "Liebe ist kälter als der Tod" vor der Kamera.

  • bis 1972

    Schygulla wirkt in nahezu allen Fassbinder-Filmen und vielen Theaterinszenierungen mit. Sie entwickelt sich zur Ikone des deutschen Autorenfilms.

  • 1972

    Einem breiteren Publikum wird Schygulla durch Fassbinders TV-Serie "Acht Stunden sind kein Tag" bekannt.

  • 1974

    Nach einem weiteren Film-Erfolg, „Fontane Effi Briest“, endet vorläufig die enge Zusammenarbeit zwischen Schygulla und Fassbinder nach einem Konflikt.

  • 1974-1977

    Fortan ist sie in Filmen und Theaterstücken anderer Regisseure wie Wim Wenders zu sehen. Sie geht auf Theatertourneen und spielt in klassischen Stücken wie Gerhart Hauptmanns „Rose Bernd“.

  • 1978

    Schygulla arbeitet erneut mit Fassbinder zusammen. In seinem 33. Film, dem Nachkriegsmelodram „Die Ehe der Maria Braun“ spielt sie die Hauptrolle. Dafür erhält sie auf der Berlinale 1979 den „Silbernen Bären“ als beste weibliche Hauptdarstellerin. Der Film ist Schygullas erster großer internationaler Erfolg. Sie tritt nun auch in französischen, italienischen und US-amerikanischen Filmen auf.

  • 1980

    In Fassbinders TV-Verfilmung des Döblin-Romans „Berlin Alexanderplatz“ spielt Schygulla die Rolle der „Eva“. Der Film löst ein heftiges Medienecho aus und wird als „moralisch verwerflich“ verurteilt.

  • 1981

    Schygulla spielt in Fassbinders Film „Lili Marleen“ mit, der an das Leben der Sängerin und Schauspielerin Lale Andersen angelehnt ist. Der Film wird international gefeiert. Es ist der letzte gemeinsame Film von Schygulla und Fassbinder, der 1982 überraschend stirbt.

    Sie zieht nach Paris.

    Sie beginnt eine Beziehung mit dem französischen Drehbuchautor Jean-Claude Carrière, den sie bei der Arbeit an Volker Schlöndorffs Film „Die Fälschung“ kennenlernt. Die Beziehung dauert 13 Jahre, die beiden haben eine gemeinsame Wohnung.

  • 1982-1983

    Sie arbeitet verstärkt mit international renommierten Regisseuren wie Volker Schlöndorff, Ettore Scola ("Die Flucht nach Varennes"), Jean-Luc Godard ("Passion"), Carlos Saura Atarés ("Antonieta"), Margarethe von Trotta ("Heller Wahn") und Andrzej Wajda ("Eine Liebe in Deutschland") zusammen.

  • 1983

    Für die Rolle der „Eugenia“ in Marco Ferreris "Die Geschichte der Piera" wird Schygulla in Cannes mit dem Darstellerpreis ausgezeichnet.

  • 1985-1986

    Auch in Hollywood hat Schygulla Erfolg: Sie spielt im Mehrteiler „Peter der Große“ die Kaiserin Katharina die Große. Im Film „Für immer Lulu“ zeigt sie ihre komödiantische Seite.

  • 1987

    Auszeichnung mit dem Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland.

    Sie pendelt ab dieser Zeit jahrelang regelmäßig von Paris nach Bayern zu ihren kranken Eltern, um sie zu pflegen.

  • 1989

    In der französisch-italienischen Koproduktion „L’aventure de Catherine C.“ spielt sie die Hauptrolle neben der Französin Fanny Ardant.

    Sie dreht nach längerer Pause auch wieder einen deutschen Film, den von der Kritik hochgelobten „Abrahams Gold“, in dem es um verdrängte und vertuschte NS-Verbrechen geht.

  • 1991

    Schygulla kehrt zum deutschen Fernsehfilm zurück und übernimmt die Rolle der „Tante Agathe“ in Franz X. Bogners Film „Madame Bäuerin“.

    Sie lernt bei einem Kuba-Aufenthalt die Schauspielerin Alicia Bustamante kennen, mit der sie später jahrelang zusammenlebt.

  • 1996

    Schygulla wird auch als Chansonsängerin bekannt. Mit dem französischen Pianisten und Komponisten Jean-Marie Sénia erarbeitet sie ein musikalisches Repertoire mit Texten von Fassbinder, Heiner Müller, Charles Baudelaire, Peter Handke und anderen. Mit dem Chanson-Programm „Wandern zwischen zwei Welten“ tritt sie bei den Berliner Festwochen auf.

    Sie hat in den folgenden Jahren erfolgreiche Konzertauftritte in Spanien, Italien, Russland, Polen und Südamerika.

  • 2000er

    In den 2000ern wird sie von verschiedenen Regisseuren des Neuen Deutschen Films engagiert. Sie spielt in den Filmen „Die blaue Grenze“ (2005), in „Winterreise“ (2006) und in Fatih Akins „Auf der anderen Seite“ (2007). Hier wird sie für die Rolle einer Mutter, die in Istanbul Abschied von ihrer toten Tochter nehmen will, als Beste Nebendarstellerin für den Deutschen Filmpreis 2008 nominiert.

  • 2000-2003

    Als Sängerin tritt sie in Deutschland mit dem hochgelobten Programm „Brecht…hier und jetzt“ und zwei Jahre später mit „Der Tango, Borges und ich“ auf.

  • 2006

    Oktober: Schygulla trägt im Schauspielhaus Zürich in Gerold Theobaldts Stück „Verscheucht“ vertonte Gedichte vor.

  • 2007

    Sie gastiert bei den Hamburger Kammerspielen in Elfriede Jelineks „Der Tod und das Mädchen – Prinzessinnendramen“.

  • 2009

    Schygulla feiert mit ihrer musikalischen Biografie „Aus meinem Leben“ in Berlin Premiere und tourt damit anschließend durch Deutschland.

  • 2010

    Schygulla wird auf der Berlinale der Goldene Bär für ihr Lebenswerk verliehen.

    Im selben Jahr wird sie mit dem Bayerischen Verdienstorden ausgezeichnet.

    Bei den Ruhrfestspielen übernimmt sie die Rolle der Marieluise Fleißner im Monolog-Stück „Marieluise“. Ihre Freundin, die kubanische Schauspielerin Alicia Bustamante, führt Regie.

  • 2011

    Berlin wird ihr zweiter Wohnsitz. Sie lebt mit zwei Mitbewohnern in einer Wohngemeinschaft in Berlin-Charlottenburg.

  • 2012

    Sie spielt in dem russischen Kinofilm „Faust“ unter der Regie von Alexander Sokurow mit.

  • 2013

    Schygulla ist in einer kleinen Rolle in der Verwechslungskomödie „Vijay und ich – Meine Frau geht fremd mit mir“ in den deutschen Kinos zu sehen.

    Sie veröffentlicht ihre Autobiografie „Wach auf und träume“.

  • 2014

    Schygulla stellt ihre Rauminstallation „Traumprotokolle“ in der Berliner Akademie der Künste vor. Sie enthält Kurzfilme, die sie seit 1978 inszeniert hat.

    Sie verlegt ihren festen Wohnsitz endgültig von Paris nach Berlin.

  • 2015

    20. Oktober: Schygulla übergibt mit anderen Filmschaffenden zusammen den unterschriebenen Appell „For a thousand Lives: Be Human“ gegen Rechtspopulismus und für die humane Behandlung von Flüchtlingen an die EU.

 

(se) © Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland
Stand: 24.08.2016
Text: CC BY NC SA 4.0

Empfohlene Zitierweise:
Eimermacher, Stefanie: Biografie Hanna Schygulla, in: LeMO-Biografien, Lebendiges Museum Online, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland,
URL: http://www.hdg.de/lemo/biografie/hanna-schygulla.html
Zuletzt besucht am 27.04.2018

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