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Alfred Misselhorn: Kriegsgefangenschaft bis 1948

Dieser Eintrag stammt von Alfred Misselhorn (* 08.05.1928)

Tagebucheinträge von September 1945 bis Juli 1948

September 1945, 134 Tage in Gefangenschaft

2. September, bin jetzt 134 Tage oder 19 Wochen in Gefangenschaft, habe mich vom prisoner of war zum prisonnier de guerre gewandelt, aber immer noch keine Nachricht von zu Hause. Habe meine Rauchwaren gegen einen guten Mantel eingetauscht. Wird mir später sicherlich noch nützlich sein. Die Kranken sind heute weggekommen. Ich habe einem meine Heimatadresse mitgegeben, er heißt Hans Reuter, Obersuhl (Hessen), Ziegelei. Vielleicht gibt er an zu Hause eine Nachricht von mir.

5. September, 1/6 Brot, Tee, Sonderration vom Roten Kreuz, 7 1/5 Scheiben Dauerbrot mit etwas Käse und Nürnberger Lebkuchen erhalten. 1 ¼ Ltr. Kartoffel- Nudelsuppe, 1/8 Brot, Tee, Pellkartoffel, Tomatenmischsalat.

12. September, gestern ist Lager III aufgelöst worden und ca. 900 Mann sind zu uns gekommen. Der Lagerkommandant ist ausgetauscht. Der Neue soll sehr streng sein, mag die Deutschen noch weniger. Beim ersten Zählappell fehlten 15 Mann. Die Personalstärke jeder einzelnen Baracke wurde neu aufgenommen. Ob sich die 15 wieder eingefunden haben?

23. September, Lager III soll mit Internierten aus Norwegen belegt werden, die nicht in die von Russen besetzte Zone entlassen werden können oder sollen. Die Alliierten sind sich nicht mehr grün untereinander.

Oktober 1945

4. Oktober, 50 Kekse, 2 Schlag süße Nudelsuppe und süßen Kaffee. Mit 100 Mann ins Außenlager St. Servan bei St. Malo verlegt. Von hier sollen wir auf Arbeitskommandos kommen. 1/3 Brot, Haschee, Mais, Käse.

7. Oktober, nur Kaffee, ½ Ltr. dünne Suppe mit Blumenkohl, ½ Ltr. Suppe wie zum Mittag, 1/5 Brot. Die Verpflegung hat sich verschlechtert. Abends empfangen wir das Brot für den nächsten Tag mit. Werden auf eine harte Probe gestellt.

10. Oktober, ohne Brot, gestern schon aufgegessen, ½ Ltr. dünne Kohlsuppe, wenn wir nicht bald rauskommen, gehen wir vor die Hunde. Was ein paar Tage schlechtes Essen ausmachen können. ½ Ltr. Wasser, kann man sagen, 1/5 Brot.

11. Oktober, habe 2/5 Brot gegen Seife eingetauscht, ½ Ltr. dünne Grieß- und Nudelsuppe, ½ Ltr. dünne Suppe, 1/5 Brot. Wir sind aufgerufen, alle Decken abzugeben. Wer dem Folge leisten würde, käme schneller auf Kommando. Ich habe keine Decke abgegeben. Werde auch so raus kommen, ohne es später vielleicht zu bereuen.

12. Oktober, ich bin mit noch zwei Mann auf Kommando raus. Bäume fällen und aufarbeiten zum Abfahren. Das Essen ist gut, 3 x am Tag dicke Suppe, 3 x Weißbrot und zu jeder Mahlzeit Apfelwein (Cidre). Wir haben die Gruppe wieder aufgefüllt, sind jetzt 12 Mann. Die Kameraden sind anständig und die Menschen, mit denen wir zu tun haben, sind freundlich. Der Ort heißt Roz-Landrieux und liegt am Rande eines Nassgebietes, das längere Zeit unter Wasser stand. Die Deutschen hatten einen Kanal gebaut, um Meerwasser hier her zu leiten. Alle Bäume sind daher abgestorben.

14. Oktober, heute ist Sonntag und es wird nicht gearbeitet. 176 Tage in Gefangenschaft. Äpfel gegessen, fette Fleischbrühe mit dick Weißbrot drin und 1/6 Weißbrot mit Wurst als Frühstück, Schmorkartoffeln mit gebratener Leber, Soße und 1/7 Weißbrot zum Mittag, fette Fleischbrühe mit dick Weißbrot drin zum Abend. 3 x am Tag für 3 Mann eine Flasche Apfelwein (Cidre). Die Arbeit strengt ganz schön an, ob wir wieder zu Kräften kommen? Sind doch richtige Hungerleider.

15. Oktober, den ganzen Tag gesägt, dicke Stämme im Gestrüpp und im Schilf auf 2 m und 2,60 m Länge. Zu einer Zweimannsäge gehören 3 Mann, einer kann sich immer etwas ausruhen, wenn er den Stamm festhält.

17. Oktober, gesägt wie an den Tagen vorher. Habe Muskelkater. Wagen beladen mit dicken Stämmen von Hand. Langsam kommen die Kräfte zurück. Kann ein lang aufgeschossener, abgemagerter Siebzehnjähriger überhaupt Kräfte haben? Verpflegung weiter sehr gut.

19. Oktober, vormittags gesägt, nachmittags die Stämme an die Straße getragen mit bis zu 10 Mann bei besonders schweren Bäumen. Mein Rücken hat arg gelitten.

21. Oktober, Sonntag. Es hat die ganze Nacht geregnet. Sollte es länger anhalten, können wir unsere Arbeit nicht fortführen, denn unsere Arbeitsstelle steht jetzt schon unter Wasser.

22. Oktober, die Sonne scheint wieder wie an allen anderen Tagen, gestern ausgenommen. Es gibt hier viele Obstbäume. Wir bedienen uns selbst und essen viele Äpfel. Dürfte nicht groß auffallen, wenn die Einwohner ihren Cidre brauen.

23. Oktober, haben jetzt ein Pferd zum Rausschleppen der Bäume. Die Quälerei hat ein Ende.

24. Oktober, hat wieder die ganze Nacht geregnet. Sind bis zum Frühstück in unserer Hütte geblieben. Sturm und Regen. Bis zum Mittag gesägt. Nachmittags sind wir, die 6 Jüngsten ins Lager St. Servan zurück gebracht worden. Unser Patron hat sich 6 stärkere Männer ausgesucht.

25. Oktober, das Lager hat uns wieder. Nach 12 Tagen gutem Essen ist Lagerkost angesagt. Für 10 Mann 1 Brot, 4 Scheiben Dauerbrot, 2 x Suppe.

26. Oktober, bin wieder in der Jugendkompanie, sollen jeden 5. Tag einen Nachschlag erhalten. ½ Ltr. Suppe, ½ Ltr. Suppe, 1/5 Brot. Schreibstube hat versprochen, uns bald wieder rauszuschicken. Sonst spielen wir Skat. Draußen geht ein steifer Wind. Die Wellen in der Bucht von St. Malo, wir können einen kleinen Teil einsehen, haben weiße Kronen.

29. Oktober, Papa hat Geburtstag, ich wünsche ihm alles Gute und beste Gesundheit. Kein Brot, ½ Ltr. Kohlsuppe, ½ Ltr. Kohlsuppe, 1/5 Brot. Das Brot ist für den nächsten Morgen gedacht, aber die wenigsten haben dann noch was.

30. Oktober, ich und noch 4 vom Holzkommando sind wieder rausgekommen nach Dol. Ist eine Kleinstadt und nur 6 km vom alten Standort entfernt. Das Kommando ist 30 Mann stark und in einer halbfertigen Baracke mitten in der Stadt untergebracht. Wir versorgen uns selbst. Haben eine Feldküche in der das angelieferte Material zubereitet wird. Ein ehemaliger Fallschirmjäger mimt den Koch.

31. Oktober, erster Arbeitstag. Werden von einem untersetzten, stämmigen Franzosen, der sichtbar eine Pistole trägt, abgeholt. Es heißt, er soll im KZ Buchenwald gewesen sein. Entsprechend ist sein Auftreten. Er schreit den ganzen Tag: Arbeit, Arbeit, wenn er nicht gerade schläft.

November 1945

1. November, ein Feiertag, nicht gearbeitet. Wir liegen auf Stroh, das auf der Erde ausgebreitet und durch Bretter begrenzt wird. In der Mitte ein provisorischer Tisch mit zwei Bänken. Die Feldküche steht draußen unter einem offenen Anbau hinter einem Vorhang. Hier hat sich unser Koch so gut es geht eingerichtet. Normalerweise bekommen wir morgens eine Suppe und etwas Brot. Mittags bleiben wir ohne Verpflegung draußen. Abends wieder eine Suppe. Heute gab es zum Mittag Kartoffelbrei mit Gulasch und Gurkensalat. Wie es heißt, waren die Kartoffeln geklaut. Es ist ein bunt gemischter Haufen, mehrere Rheinländer aus dem Siegerland, mehrere Berliner und sonst aus allen Ecken und Enden des "Großdeutschen Reiches" oder was von ihm noch übrig geblieben ist. Die Baracke ist von Stacheldraht umgeben, ohne besondere Bewachung. Nur der Wachmann "Buchenwald", der uns zur Arbeit begleitet, hat einen Schlüssel für das Tor.

2. November, der Wachmann ist früh da. Es ist fast noch dunkel. In Marschordnung antreten, die starken Raucher in der ersten Reihe.

Die Straßen in der Stadt aus Kopfsteinpflaster sind noch wenig belebt. Wir, mit unseren Elbkähnen an den Füßen, machen ganz schön Krach. Die Schallwellen werden von den Hauswänden immer wieder zurück geworfen. Hier und da geht ein Fenster auf und unser Wachmann wird begrüßt, meistens sind es Frauen. Unser Zug windet sich wie eine Schlange durch die Straßen. Alles, was nach Rauchbarem aussieht, wird angesteuert. Es ist ein langer Weg bis zu den Gräben in der nassen Ebene da draußen. Wir sollen die vielen Abflussgräben mehrere Meter breit von Schlamm und Schilf befreien. Umgebogene Steinforken an langen Stielen sind unsere Arbeitsgeräte. Nicht selten holen wir Aale mit dem Schlamm heraus. Ab einer Länge von ca. 25 cm werden sie eingesammelt und abends gegrillt. Unser Wachmann verschläft fast den ganzen Tag. Wenn er mal wach wird, kommt automatisch: "He là bas, travailler un peu". Ein Gespräch kommt nicht zustande.

Der Rückweg läuft ebenso ab. Einige Franzosen treiben ein schlechtes Spiel mit unseren Rauchern. Sie werfen absichtlich eine angerauchte Zigarette in einem kleinen Abstand auf die Straße, um dann darauf zu treten, wenn einer von uns sich anschickt, sie aufzunehmen. Wie kann man sich nur so erniedrigen, ich schäme mich.

8. November, es ist nasskalt, gut, dass ich den Mantel erworben habe. Es gibt einige Kameraden, die keinen haben, die behelfen sich, indem sie sich in Papier einwickeln und das zerschlissene Hemd darüber ziehen. So wird mindestens der Wind abgehalten. In der Baracke wird nicht geheizt, wegen des Strohs. Ein Ofen ist erst gar nicht aufgestellt worden. Ein bisschen Wärme gibt die Feldküche durch ein Loch in der Wand ab. Ich habe mich erkältet. Meine Schuhe werden auch schon bald den Dienst aufgeben. Keine Pflegemittel, habe sie auch schon so gut ich kann repariert.

Die Verpflegung in der Woche ist immer gleich: morgens Suppe, mittags nichts und abends Suppe und Brot. Das Brot soll für den nächsten Tag sein, wird aber gleich aufgegessen.

11. November, Sonntag. In der vergangenen Nacht sind wieder einige zum Organisieren unterwegs gewesen. Hatten Kartoffeln, Kohl, Möhren und Sellerie, sind aber geschnappt worden und haben Prügel bezogen. Es gab aber trotzdem Kartoffelbrei mit Gulasch zum Mittag.

14. November, in der Nacht wieder Kartoffeln organisiert. Es bleibt uns keine andere Wahl, wir müssen was in der Suppe haben.

17. November, die Polizei war im Lager und hat alles durchsucht. Gefunden hat sie eigentlich nichts. Unser Koch konnte immer sagen, gehört zur Verpflegung. Wollten mit dem Gummiknüppel aus uns was raus holen. Haben brutal drauf los geschlagen, auch auf ältere Kameraden. Hab mich krank gemeldet.

18. November, Sonntag. Kartoffelbrei mit Gulasch und roter Rübensalat, hat gut geschmeckt und bin wieder satt geworden. Der Koch hat gelegentlich Kontakt mit der Bevölkerung und handelt mit Sachen, die er von uns anbietet. Ich hab ihm auch etwas anvertraut, habe als Gegenwert 5 Weißbrote à 4 Pfund erhalten. Er besorgt die Brote nacheinander und ich rufe sie in Portionen, wie ich Hunger habe, ab.

20. November, heute sind 5 Mann ins Lager St. Servan zurück. Die 5 Neuen haben für unser Kommando Schokolade, Kekse, Tabak und Zucker mitgebracht. Mit den Männern ist nicht viel los. Kommen hier schon abgerissen an. Einer ist aus Hamburg, Eugen aus Billstedt, ein lebender Toter. Ich habe jetzt jeden Tag zusätzlich ein Stück Brot für mittags und für die Suppe.

25. November, Sonntag. Heute ist Entlausung angesagt. Auf dem Hof ist ein Feuer unter einem Kessel mit Deckel angezündet. Im Kessel ein Rost, darunter Wasser, darüber die Kleider. Eugen ist von unten bis oben mit verschorften Wunden übersät und unzähligen großen und kleinen Läusen behaftet. Er muss sich ganz ausziehen und waschen unter Aufsicht, seine Kleider kommen in den Kessel. Bei nächster Gelegenheit geht er zurück ins Lager. Er ist moralisch ganz am Ende, ihm ist alles egal. Seine Frau hat ihn verlassen und er hat kein Zuhause mehr. Ich habe den ersten Briefvordruck erhalten und nach Hause geschrieben. Wann bekomme ich Antwort? Sollen jetzt jeden Monat einen Brief schreiben dürfen, aber nur in die Westzonen.

29. November, 7 Mann ins Lager zurück. Die Neuen haben für jeden eine 2.Decke mitgebracht. Sollen jetzt monatlich 80g Tabak erhalten. Für mich Ware zum Umtauschen.

Dezember 1945

5. Dezember, 75g Tabak und 20 Zigaretten erhalten, werde ich verkaufen. Kaltes und nasses Wetter. Wegen Regen 2 Stunden beim Bauern untergestellt. Konnten Kartoffeln einstecken für unser Sonntagsessen.

8. Dezember, immer noch nasskaltes Wetter, den ganzen Tag gefroren, abends Schüttelfrost und Fieber, wenig geschlafen.

9. Dezember, Sonntag, 2.Advent, Kartoffelbrei mit Gulasch. Den ganzen Tag gelegen, Fieber.

10. Dezember, krank, in der Baracke geblieben. Morgen geht es zum Arzt.

11. Dezember, 4 Tage krankgeschrieben.

15. Dezember, wieder in den Gräben gearbeitet. Im Lager mehr gearbeitet als hier draußen. Der Koch hat schon dafür gesorgt.

16. Dezember, Sonntag, 3.Advent. Kartoffelbrei mit Gulasch. Nudelsuppe.

23. Dezember, 4.Advent, die vergangenen Tage waren nass und kalt und stürmisch. Abends mit nassen Sachen rein und morgens wieder mit nassen Kleidern raus. Unser Standardessen am Sonntag: Kartoffelbrei mit Gulasch.

24. Dezember, Heiligabend nicht gearbeitet. Klöße mit gebratener Leber und Blumenkohlgemüse, Pudding. Es dreht sich bei uns alles ums Essen. Heute gehen die Gedanken konzentrierter in die Heimat. Wie geht es den Eltern und Geschwistern? Ob von mir Nachricht angekommen ist? Ich hoffe es!

25. Dezember, 1.Weihnachtstag, morgens süße Mehlsuppe, mittags Salzkartoffeln mit Gulasch, abends werden die Reste vom Mittagessen kalt aufgegessen.

26. Dezember, 2.Weihnachtsfeiertag, gearbeitet, nasskaltes Wetter, auch die nächsten Tage.

30. Dezember, Sonntag. Salzkartoffeln mit Gulasch und Möhrengemüse.

31. Dezember, Silvester. Nicht gearbeitet. Klöße, Gulasch und Blumenkohlgemüse. Habe meine Hose geflickt. Die Klamotten lösen sich langsam auf. Jeden Tag und fast jede Nacht am Leib gehabt - ohne Pflege, muss ja Spuren hinterlassen. Mein einziges Hemd habe ich 2- oder 3-mal gewaschen.

Januar 1946

1. Januar 1946, der 3.Tag ohne Arbeit und immer satt geworden. Der Koch hat sicher auf diese Tage hingespart. Süße Suppe, Weißbrot, Klöße und Gulasch. Die nächsten Tage wird wohl Schmalhans Küchenmeister sein.

6. Januar, in der vergangenen Woche Wetterumschwung. Es ist kalt, Temperatur unter 0°C gesunken. Es bildet sich Eis auf dem Wasser. An einem Tag trockenes Gras und Risch verbrannt, sonst gefroren. Unser Buchenwald macht sich jeden Tag ein Feuer und bleibt dort den ganzen Tag und unterhält uns mit seinen Zurufen. Brief nach Hause geschrieben. Wann kommt Antwort? Brotsuppe, Salzkartoffeln mit Kohlrouladen, Gemüsesuppe. Unser Koch gibt sich richtig Mühe.

13. Januar, in der vergangenen Woche hat es wieder gefroren, mit Schaufel und Hacke gearbeitet. Waren nicht so dicht am Wasser. Rote-Kreuz-Waren und Tabak erhalten. Kartoffelbrei mit Fleischsoße, Suppe. Der Koch hat sich verausgabt. In der Woche ist das Essen immer trostlos.

20. Januar, Sonntag. Am 15. Briefvordruck nach Hause geschrieben. Durchgehend kaltes Wetter in der Woche, immer unter 0°C. Mit Hacke und Schaufel Gräben ausgeworfen. Fleischbrühe mit Weißbrot, Kartoffelbrei mit Fettgrieben und gebratene Leber, Suppe.

Februar 1946

2. Februar. Gestern ersten Brief von zu Hause erhalten. Haben das Kriegsende alle gut überstanden und sind gesund. Am 17. März bin ich von dort abgefahren, 4 Wochen später war der Engländer da. Keine größeren Kampfhandlungen gewesen. Die umliegenden Dörfer haben keinen Schaden genommen, sind aber voller Flüchtlinge. Ich hab mich riesig über die Nachricht gefreut und doch tat es mir weh. Erich, Jahrgang 27, und Helmut, Jahrgang 26, sind gleich nach der Kapitulation nach Hause gekommen und ich, Jahrgang 28, sitze hier. Diese Mitteilung hätten sie sich für einen späteren Brief aufbewahren sollen. Haben Schlafsäcke erhalten, jetzt wo der Winter hier fast vorbei ist.

7. Februar, unser Kommando wird ohne "Buchenwald" verlegt, 15 km nach La Poultière. Der neue Standort liegt dicht hinter der Küste von der Bucht Mont Saint Michel. Die Unterkunft ist ein kleines Steingebäude mit einer Empore, hätten auch sonst nicht ausreichend Platz. Liegen wieder auf Stroh, auf dem Boden. Natürlich ist das Gebäude von Stacheldraht umgeben. Nachts hören wir die Brandung, es ist ein ewiges Rauschen, gut zum Einschlafen. Unser Stall steht direkt an der Straße St. Malo-Pontorson, vor uns die Ebene zum Meer hin und hinter uns gleich ein Hang. In der Ebene liegen weit verstreut einzelne Bauernhöfe, unsere neue Wirkungsstätte. Verpflegungsmäßig haben wir uns verschlechtert, bei gleicher Zuteilungsmenge. Alle Möglichkeiten zur Aufbesserung sind weggebrochen. Der Umtausch von Tabak entfällt auch, keine Abnehmer. Unser Patron lehnt eine Aufstockung strikt ab. Bietet uns nur eine Änderung des Warenkorbs an, er will nicht mehr Geld ausgeben. Die einzige Möglichkeit ist, für Kartoffeln Steckrüben zu nehmen. Wir wollen es versuchen. Die Suppen sind zwar dicker, haben aber einen strengen Geschmack.

Was ist am Sonntag - Kartoffelbrei entfällt, dafür dick Steckrüben ohne Geschmacksverbesserer wie Fett. Der Zufall kommt uns zur Hilfe. Eines Mittags hat der Wachmann bei einem Bauern in der Nähe unserer Arbeitsstelle für jeden eine größere Pellkartoffel losgeeist. Auch am nächsten Tag gab es eine. Dann waren wir zu weit weg. Die Lagerstätte war bekannt und der Weg auch. Freiwillige unternahmen in der Nacht einen ersten Versuch und brachten gleich mehrere handliche Säcke mit Kartoffeln. Eine Quelle hatte sich aufgetan. Für Sonntag hat der Wachmann einen Haarschneider angesagt. Wir haben schon eine Wolle auf dem Kopf, gleichen bald Rübezahl im Aussehen. Schon am frühen Morgen sind sie da: der Wachmann, der Bürgermeister (le maire), der Friseur und im Gefolge Frauen und Kinder. Keiner will den Anfang machen, wir ahnen Böses. Der Mann hatte wohl seine Kinder zu versorgen und wollte sich ein paar Francs hinzu verdienen. Unter dem Gejohle der Frauen und Kinder waren wir unsere Haare losgeworden. Ich hatte ihm 2 Zigaretten gegeben, damit er sich etwas mehr Mühe geben sollte. Der Bürgermeister gab uns durch Gebärden zu verstehen, dass wir unseren Riemen enger schnallen sollten. Er selber war rund wie eine Tonne.

Einmal hatten wir noch Kartoffeln geholt, dann war es dem Bauern wohl aufgefallen und er legte sich auf die Lauer. Beim nächsten Beutezug in einer hellen Mondnacht wurde er rechtzeitig ausgemacht und unsere Leute kamen ohne Beute zurück. Verraten hatte ihn das Blinken des Gewehrlaufs. Glückliche Umstände hatten Schlimmeres verhütet.

Wir konnten die Steckrüben bald nicht mehr sehen und sind wieder auf Kartoffeln umgestiegen. Unseren Koch mussten wir 36 Stunden entbehren. Ihn hatte eine junge Frau von der Straße aus angesprochen und zu sich eingeladen. Tag und Nacht waren abgesprochen, er wollte unbedingt die Einladung annehmen. In der Dunkelheit wurde er mit dem Fahrrad abgeholt und verbrachte zwei Nächte und einen Tag nur im Bett. Ob er gehalten hat, was sich die Frau davon versprochen hatte? Er kam immerhin wohlbehalten bei uns wieder an. Es blieb auch nur bei diesem einen Mal.

Post erhalte ich nun regelmäßig. Jeder Brief oder jede Karte, von mir geschrieben, hat einen Antwortvordruck, so bestimme ich meine Post selbst. Zu meiner großen Überraschung habe ich heute ein Päckchen erhalten. Inhalt: Kuchen und Zwieback, leider ungenießbar. War zu lange unterwegs, weil es sich den Weg erst suchen musste. Für Kriegsgefangene sind Päckchen nicht vorgesehen. Meine Mutter hat es ganz normal freigemacht und abgeschickt. (Es sollten mich noch viele auf diesem Weg erreichen).

Habe für Tabak einen Hosenzuschnitt eingetauscht, aus einer fein gewebten Decke, mit Zwirn und Nadeln, muss nur noch zusammen genäht werden. Ich werde es anfangen und auch zu Ende führen.

Habe eine kleine Auseinandersetzung mit einem Berliner gehabt, konnte sein Gehabe nicht mehr ab. Es endete in einem Ringkampf, bis wir getrennt wurden.

Kaninchenklau

Unsere Arbeitsstelle verlagerte sich laufend, folglich änderten sich auch unsere Anmarschwege. An einem lag ein Anwesen mit vollen Kaninchenställen, es wurde registriert ohne Hintergedanken. Als mal wieder unsere Verpflegung zur Debatte stand, erinnerte uns einer an die Kaninchen. Wir sollten uns die doch zunutze machen und unsere Verpflegung etwas aufbessern. Ein Plan wurde gemacht und auch ausgeführt. In der Nacht von Sonnabend zum Sonntag stiegen 3 Mann durch den Stacheldrahtzaun und holten alle Kaninchen. Die Feldküche war angeheizt. Schlachten, Säubern, Kochen und Braten ging reibungslos. Jeder bekam sein Stück und aß es mit Appetit auf. Anschließend wurden alle Reste und Abfälle eingesammelt und aus dem Lager geschafft. In einem fließendem Bach vergraben, nichts sollte uns verraten. Feldküche geputzt, Räume gelüftet, nichts deutete mehr auf unser nächtliches Gelage.

Am Sonntagmorgen sehr früh weckte uns der Lärm einer Menschenansammlung und Hundegebell aus unserem Verdauungsschlaf. Im Nu waren sie in unserem Schlafraum, scheuchten uns hoch und begannen alles zu durchsuchen. Polizisten und Zivilisten machten eine Unordnung und immer wieder die Worte: "Tous lapins partis". Sie waren in der festen Überzeugung gekommen, hier die verlorenen Kaninchen in irgendeiner Form wiederzufinden. Nachdem sie alles auf den Kopf gestellt hatten, auch die Feldküche und den Vorhof, zogen sie wieder ab. Tage später hat sich der Geschädigte noch bei unserem Koch entschuldigt.

April 1946

Am 21.April 1946 wurden wir wieder verlegt. Es war auch Zeit und gut für beide Seiten. Irgendwann wären wir doch aufgelaufen und dann? Was hätte alles passieren können? Die französische Polizei ist nicht wählerisch mit ihren Mitteln. Wir sind in St. Guinoux bei Châteauneuf in einem ehemaligen Lager der Organisation Todt untergebracht. War eine reine Arbeitstruppe, ähnlich dem RAD und hat den Kanal von der Küste bis hier in die Niederung gebaut. Ohne diesen Kanal wäre hier alles trocken geblieben. Gehörte mit zur Verteidigungsstrategie des Atlantikwalls.

Mit unserer neuen Unterkunft hatten wir das große Los gezogen. Große Fenster, Holzfußboden und sogar Bettgestelle standen darin. Ein aufgeschlossener junger Mann als Einsatzleiter und Wachmann rundete das positive Bild unseres neuen Standortes ab. In einer Übereinkunft mit dem Wachmann konnten jeden Tag 5 Mann abwechselnd im Lager bleiben. So hatte jeder einen freien Tag in der Woche. Jeder konnte ihn nutzen wie er wollte.

Wie viele andere hatte ich mir Arbeit bei einem Bauern gesucht wegen der zusätzlichen Verpflegung. Leider war seine Frau im Krankenhaus und es gab nur kalte Verpflegung. Der Bauer, Monsieur Maltouch, war meistens abwesend. Ich war dann mit dem Sohn Sassan zusammen, der sich dann noch um zwei jüngere Geschwister kümmern musste.

Post bekomme ich jetzt regelmäßig, auch Päckchen fast jede Woche. Werde ganz neu eingekleidet, Hemden, Unterwäsche, Hose, Strümpfe und Schuhe, alles fand den Weg zu mir und das in dieser chaotischen Zeit, wo es doch in Deutschland nichts gibt. Bis auf 2 in der Anfangszeit sind alle Päckchen bei mir angekommen, auch Privatbriefe, also keine offiziellen Formdrucke der Kriegsgefangenenpost, kommen an. Jetzt kann man sich auch ordentlich waschen, es ist Wasser da. Meine Hose habe ich fertiggestellt, ist ganz gut gelungen. Mit Ausdauer und Geduld schafft man auch solche Arbeit, und sie passt.

Die Tage werden wärmer und die Arbeit fällt einem nicht so schwer. Der Wachmann ist aufgeschlossen und für jeden Streich zu haben. Heute wurde ganz in der Nähe unserer Arbeitsstelle Calvados (Apfelschnaps) gebrannt. Der Wachhabende animierte uns zum Trinken und einige ließen sich auch überreden, trotz des leeren Magens. Einen Bayern mussten wir dann auf dem Fahrrad des Wachmanns ins Lager schieben. Er war steif wie ein Brett, hat es aber gut überstanden.

Das Lager wird nicht verschlossen und so können wir uns frei bewegen. Sonntags geht’s bei schönem Wetter zum Baden im Kanal, der kurz vor dem Dorf endet. Es ist eine schöne Abwechslung in unserem sonst eintönigen Leben.

Unterhaltungsprogramm

Kommenden Sonntag soll eine Betreuungsgruppe mit einem Unterhaltungsprogramm aus dem Lager St. Servan kommen. Unsere Verpflegung hat sich nicht verändert. Sonntags wie immer morgens Brühe mit unserem selbsterstandenen Weißbrot, mittags Kartoffelbrei mit Gulasch und Gemüse oder Salat und abends eine süße Suppe. Wochentags regiert dann wieder Schmalhans mit Eigenverpflegung. Ich bekomme von meinem Bauern wegen der nicht zu üppigen Verköstigung, seine Frau liegt immer noch im Krankenhaus, Geldzuwendungen. Hin und wieder kaufe ich mir Brot davon.

Sonntag hatten wir den angekündigten bunten Nachmittag. Unsere Unterkunft wurde zum Zuschauerraum mit einer provisorischen Bühne hergerichtet. Das halbe Dorf war auch da. In einem kleineren Teil der Baracke haben die Gefangenen aus dem Dorf ihre Gemeinschaftsunterkunft, natürlich haben sie ihre Arbeitgeber mit Familien eingeladen. Musik mit Schifferklavier und Schlagzeug, über singende Säge mit Hypnotiseur und gespielten Sketchen mit Mitwirkenden in Frauenkleidern, gab es einiges zu hören und zu sehen. Ihre "Opfer" holten sie sich natürlich aus den Zuschauerreihen. Alles in allem war es eine gelungene Veranstaltung.

Die Erntezeit war gekommen. Das Korn (Weizen) wurde unter freiem Himmel gebanst und alsbald von einem Lohnunternehmer mit Nachbarschaftshilfe abgedroschen. Ich wurde eingeladen und bei der Strohabnahme eingeteilt. Das Stroh wird mit Forken zu einem in die Erde gegrabenen Baumstamm getragen und dort von einem erfahrenen Mann um den Stamm in ca. 4-5 m Durchmesser aufgeschichtet. Bis zu einer gewissen Höhe geht es gut, aber dann muss eine Zwischenstation eingerichtet werden. Ich wurde mehr oder weniger dazu gedrängt und ließ mich in meiner Ahnungslosigkeit darauf ein. Ich musste nun jede Forke annehmen und weiterreichen. Anfangs waren die Anreichungen noch moderat, aber bald wollten sie mich zur Aufgabe zwingen und luden immer mehr auf ihre Forken auf. Ich tat ihnen aber nicht den Gefallen und hielt bis zum Schluss durch. Die Strohfimme ist ca. 7 m hoch und hat die Form eines Kegels, um das Regenwasser abzuleiten. Der Baum gibt der Fimme den nötigen Halt. Ich fühlte mich nach dieser Strapaze ausgenutzt und auch schlecht entlohnt. Ich hielt mich einige Zeit fern und blieb im Lager. Später erhielt ich noch einige Francs.

November 1946

Am 30.November 1946 wird das Kommando aufgelöst. Es geht zurück ins Lager St. Servan. Bei der Einlieferung ins Lager werden wir gefilzt. Ich werde mein Gespartes los - 200 Francs. Hatte es in der Jacke eingenäht. Bin jetzt mein Geld los und habe eine zerrissene Jacke. Unser Kommando ist auseinander gerissen, weil wir in mehreren Räumen untergebracht sind.

Dezember 1946

2.12.1946, es geht wieder raus. Wir sind zu fünft vom letzten Kommando. Es sind Rheinländer, habe keinen Draht zu ihnen. Wir landen in Combourg, 100 Mann, Straßenbau und wieder hinter Stacheldraht. Es ist eine Baracke mit Holzfußboden und in mehrere Räume aufgeteilt. Zweistöckige Holzpritschen sind unsere Liegestätten. Es ist ziemlich eng hier, ich liege oben. Meine paar Habseligkeiten muss ich auf der Pritsche unterbringen und beim Absteigen darf ich dem Untermann nicht auf den Kopf treten. Unsere Pritsche steht in der Ecke und wird zur Hälfte von der im Winkel stehenden, nächsten Pritsche verdeckt. Nur auf Zuruf ist der Abstieg möglich. Unser Kommandoführer ist jung, unter 30 und spricht sehr gut französisch.

Im Straßenbau sind wir autark; vom Brechen der Steine im Steinbruch mit Hilfe von Sprengungen über den Ausbau der Trassenführung mit Bettaushub und beiderseitigen Gräben bis zur Fertigstellung sind wir zuständig. Ein italienischer Straßenbauingenieur hat die Gesamtleitung und mehrere Franzosen, auch als Wachmänner, unterstützen ihn. Ich arbeite mit Hacke, Schaufel und Schubkarre. Die Verpflegung ist ausreichend, im Vergleich mit meinen bisherigen Einsätzen. Ein Radio plärrt in unserer Stube, bekommen aber keine deutschen Sender rein.

Weihnachten 1946. Heiligabend bis 16:00 Uhr gearbeitet. Gestern habe ich noch rechtzeitig ein Weihnachtspäckchen erhalten. Inhalt: 1 Dose Fleisch, Wurst, Schinken, Zucker, Puddingpulver, Makronen, Kekse, Kaffeestreifen, Honigkuchen, Kerze, Äpfel, Strümpfe, Handmuffe und Creme. Es war das 29. Päckchen und für Weihnachten bestimmt. Ich hab mich sehr gefreut. Im Lager ist ein Tannenbaum aufgebaut, in einem mittleren Raum, mit Kerzen und Lametta. Auch der Weihnachtsmann war persönlich hier und verteilte einige Geschenke. Jeder bekam einen 3-Pfund-Stollen und 1 Ltr. Cidre. Der 1. Weihnachtstag ist frei. Am 2. geht’s wieder zur Arbeit, da hängt man keinen trüben Gedanken nach. Silvester bis 17:00 Uhr gearbeitet. Bis 1:00 Uhr aufgeblieben und das Neue Jahr 1947 erwartet. Was wird es uns bringen?

Jeder hofft auf Entlassung. Wir Jungen werden wohl noch einige Jahre hier zubringen. Fototermin beim Fotografen; ein Bild für die Erinnerung, kostenlos für uns.

Zum Arzt mit dem Lagerführer. Habe eine Schwielenentzündung in der Hand mit Verdacht auf Blutvergiftung. Wenn es schlimmer wird, soll ich wiederkommen. Geht aber so vorbei.

Winter und Frühjahr 1947: Neue Arbeitsstelle bei Monsieur et Madame Henri Galipot

4. Februar 47, geimpft vom Arzt - wogegen?

19. März 47, ein Militärlastwagen steht vor dem Lager. Ich soll mich fertigmachen, werde abgeholt. Auch die anderen zuletzt Gekommenen sind mit dabei. Ein Wachmann setzt sich lautstark für mich bei den Soldaten ein und bedeutet mir, ich solle unterwegs aussteigen. Habe meine Arbeit wohl zu seiner Zufriedenheit ausgeführt. Nach ca. 8 km hält der Lastwagen und ich werde aufgefordert, abzusteigen. Meine neue Arbeitsstelle bei Monsieur et Madame Henri Galipot la Barbotais en Bonnemain Ille et Vilaine. Ich komme hier sozusagen im Austausch her. Mein Vorgänger, erst wenige Tage hier, soll in St. Servan aus nicht bekannten Gründen auf der schwarzen Liste stehen und geht jetzt an meiner Stelle ins Bergwerk. Der Vorgänger meines Vorgängers hier hatte eine Verwundung und wurde entlassen. Meine neuen Arbeitgeber sind ein kinderloses Ehepaar, ein Kopf kleiner als ich und freundlich. Meine Schlafstätte ist im ehemaligen alten Wohnraum, direkt an dem Viehstall gelegen. Mit einem großen, offenen Kamin, davor ein Kessel zum Futter kochen. Sonst wird er noch als Abstellraum verschiedener Gerätschaften genutzt. Vom Eingang aus gesehen, rechts vom Kamin steht mein Bett. Meine 1. Arbeit ist Stroh ziehen. Ein Spieß mit Widerhaken wird in die Strohfimme gestoßen und etwas gedreht und heraus gerissen. Eine mühselige Arbeit, denn die Fimmen werden von unten abgebaut. Je höher die Fimme, desto größer das Gewicht und umso schwerer die Arbeit. Ich sitze mit am Tisch und esse was mir schmeckt. In der ersten Nacht bin ich oft wach geworden. Habe Mitbewohner, Ratten. Wenn ich schlafen möchte, sind die hellwach, rennen und pfeifen, zanken sich um Futterreste, aber meine Müdigkeit behält die Oberhand und ich schlafe wieder ein. Meine Vorgänger sind ja auch nicht angefressen worden. Morgens werde ich von Madame geweckt, sie klopft ans Fenster und ruft: Alfred, réveillez-vous, oder weniger freundlich: allez debout. Mein erster Weg geht dann zum Pferdestall: striegeln, bürsten, tränken, füttern und ausmisten. Dann gibt es einen Milchkaffee und die Arbeit beginnt. Zum Frühstück einen Kanten Weißbrot mit einem Stück Wurst oder Schinkenspeck, dazu Cidre. Cidre gibt es zu jeder Tages- und Nachtzeit. Einige 1000 Liter lagern kühl hinter dicken Mauern, und in jedem Herbst wird neuer angesetzt. Mittags gibt es warmes Essen und abends warm und kalt. Heute hat sich der Nachbarbauer bei mir gemeldet, ich war gerade auf dem Felde unweit des Hofes. Er hat sich als homme de confiance (Vertrauensmann) vorgestellt, an ihn können wir uns mit Beschwerden wenden. Jeder Hof hat einen Kriegsgefangenen, wir halten Kontakt untereinander und besuchen uns am Sonntag. Die Höfe liegen alle weit verstreut mit mehreren 100 Metern Abstand zueinander. Ich mache alle Arbeiten, die anfallen. Bei den Arbeiten mit den Pferden ist der Bauer immer zugegen und weist mich ein.

Hier gehen die Pferde nicht nebeneinander sondern voreinander, egal ob Wagen oder Pflug. Beim Pflügen geht es immer in derselben Furche zurück; das ermöglicht der Wendepflug und auch die vielen Obstbäume auf den Feldern (wegen des Cidres) können so leichter umpflügt werden. Nur beim Wenden muss das letzte Pferd die letzten Meter allein ziehen. So ist es auch vor dem Wagen. Es gibt nur Einachswagen, und das hat auch seinen Grund. Die Felder sind mit Erdwällen oder lose aufgeschichteten Steinmauern umgeben, dadurch sind fast alle Wege Hohlwege und man kann diese nur im rechten Winkel verlassen. Mit dem Einachswagen kann auf der Stelle gedreht werden. Also zweckmäßig. Auch hier muss das Stangenpferd mehr arbeiten und auch die Ladung muss immer gut ausbalanciert sein. Die stärksten Pferde gehen immer hinten. Mittlerweile arbeite ich allein mit den Pferden. Zu unseren 2 Pferden ist ein junges hinzugekommen, muss erst angelernt werden und soll das ältere Pferd ersetzen. Auf unseren Treffen gibt es immer Neuigkeiten zu hören. Mein Vorvorgänger soll ein Verhältnis mit einer Tagelöhnerin gehabt haben. Matthias aus der weiteren Nachbarschaft hat es mit 2 eifersüchtigen Frauen zu tun, die Frau und die Schwester vom Bauern. Der Bauer selber spricht dem Cidre zu sehr zu. Weiter weg haben die 2 Töchter eines Bauern ein Verhältnis mit den 2 Gefangenen angefangen. Die jüngere Tochter erwartet jetzt ein Kind und ist verschwunden. Die ältere Tochter hat inzwischen geheiratet. Mein patron erzählte mir von einem Hof, da soll der Gefangene den Platz des Bauern im Ehebett eingenommen haben und wenn der Bauer aufbegehrt, gibt es Prügel. Der viele Cidre spielt hier wohl eine große Rolle mit.

Fritz Weiß, 55 Jahre alt, aus der Nachbarschaft, ist ins Lager St. Servan zurück und soll entlassen werden.

Sommer und Herbst 1947

Am 13. Mai 1947 habe ich ein Schriftstück der französischen Regierung mit Richtlinien über die weitere Behandlung der deutschen Kriegsgefangenen erhalten. In dem Schreiben wird erläutert, wie aus dem Kriegsgefangenenstatus ein freies Arbeitsverhältnis werden kann. Beiliegend ein Terminplan über die Reihenfolge der Entlassung der Kriegsgefangenen. An letzter Position stehen, ab April 1948, Kriegsgefangene, die das 40. Lebensjahr überschritten haben oder Väter von 3 Kindern sind. Ich bin jetzt 19 Jahre, wann komme ich dran, 49 oder später? Walter Lüdeking auf dem Nachbarhof, nur wenige Jahre älter, er kommt aus Grupenhagen bei Hameln, ist genauso betroffen wie ich. Wir wollen erst mal abwarten und die Entwicklung genau verfolgen.

Die Zeit vergeht, Sommer und Herbst mit viel Arbeit. Zu Weihnachten Briefe und Päckchen erhalten. Die Post wird im Lager gesammelt und erreicht uns nur in größeren Abständen. Weihnachten ist hier wie jeder andere Feiertag, nur gehen beide Eheleute in die Kirche, am Heiligabend und am 1. Weihnachtstag. Einen geschmückten Tannenbaum oder Mistelzweig gibt es nicht. Am Nachmittag haben wir uns bei einem Mitgefangenen getroffen. Es gibt schon bessere Unterkünfte als meine.

Neuigkeiten von der Umwandlungsaktion in freie Arbeiter. Alle umgewandelten Kriegsgefangenen haben Anspruch auf einen vierwöchigen Urlaub. Der erste Urlauber ist schon zurück, wird erzählt. Er ist im Saarland zuhaus, also schon ein halber Franzose - durch die Angliederung an Frankreich. Wir, Nachbar Walter und ich, kommen auf krumme Gedanken. Sollten wir nicht auch diesen Weg gehen und in Urlaub fahren? Der Engländer würde uns bestimmt nicht ausliefern, wenn wir die Rückreise vergessen würden. Ein Vorteil für die Zoneneinteilung gegenüber dem Saarländer. Wir reden mit unseren Bauern, und sie sind einverstanden.

Jahresbeginn 1948

Am 28. Januar 1948 sind wir im Hauptlager Rennes, werden aus der Kriegsgefangenschaft entlassen und sind freie Arbeiter. Urlaub wird gleich beantragt. In 4 Wochen können wir fahren. Ich kaufe mir von meinem 1. Monatslohn eine Überjacke, packe meine Habseligkeiten in den Schlafsack und verschnüre ihn zu einem Päckchen, und die Reise geht los. Abschied von meinem Arbeitgeber: à bientôt, ob sie es glauben? Wir sitzen im Zug von Bonnemain nach Rennes. Umsteigen in Rennes nach Paris. Wir kommen mit jungen Leuten ins Gespräch. Gedanken gehen mir durch den Kopf über die vergangenen Jahre. Wie katastrophal waren die Transporte hierher, nicht wenige wurden tot ausgeladen - auch durch Fremdeinwirkungen von Brücken in die offenen Waggons. In Paris laufen wir im Gare de l’Ouest ein und müssen mit der U-Bahn zum Gare de l’Est fahren. Es ist ein tolles Wirrwarr im Bahnhof - die vielen Menschen. Es kreuzen sich mehrere U-Bahnlinien hier, wir müssen tiefer hinab. Fragen und finden den richtigen U-Bahnsteig. Die Richtung stimmt, rein, und wir kommen tatsächlich im Gare de l’Est an. Weiter geht es über Reims, Metz, Saarbrücken nach Kaiserslautern. Hier müssen wir uns für das deutsche Bahnnetz Bescheinigungen für die kostenlose Beförderung austellen lassen. Weiter geht es über Fulda, Kassel, Göttingen und Kreiensen nach Hannover. Hier trennen sich unsere Wege. Walter muss Richtung Hameln, ich Richtung Celle. Wir wollen in Verbindung bleiben und wünschen uns gegenseitig alles Gute für die Zukunft. Mit Walter ist auch die Vergangenheit gegangen, jetzt muß ich nur nach vorne sehen und versuchen, vieles zu vergessen.

Am 4. März 1948 kurz vor 8:00 Uhr steige ich in Eschede aus. Wie oft bin ich von hier abgefahren und wieder angekommen? Heute ist es anders, ich komme mir wie ein Fremder vor. Die Gesichter, in die ich blicke, kenne ich nicht. Auf der Bahnhofstraße, auf der anderen Seite, geht eine Person, von der ich glaube, dass es meine Cousine ist. Ich bin mir unsicher und auch von ihr kommt kein Zeichen des Erkennens. Auf dem Weg durch Eschede treffe ich keine Bekannten. Ich nehme den Kräger Kirchweg und komme so ungesehen zu Hause an. Tante Frieda Tramm ist auf dem Hof, sie erkennt mich sofort und während wir uns begrüßen, zwickt mich unser Hund in die Wade. Es ist keine freundliche Begrüßung, aber auch kein Beißen, er ist nur unsicher. Durch den lauten Ausruf Tante Friedas alarmiert, stürzen Mutter und Schwester auf den Hof, es fließen Freudentränen. Vater wird informiert, auch er zeigt Rührung.

Ich war zu Hause angekommen. Onkel Werner Tramm hatte eine Stelle als Buchhalter bei der Saatzucht Raddatz auf dem gepachteten Gut von Wackenroder bekommen, mein Bruder Herbert und Arno Brandstäter kamen im Laufe des Tages oder nach Feierabend. Die Tramms waren Flüchtlinge aus Neustettin, Hinter- Pommern, und die Schwiegereltern meiner Schwester. Hatten beide Söhne verloren und nur diese Anlaufstelle. Ich meldete mich beim Bürgermeister Hansen und bekam meinen Ausweis. Schon längere Zeit hatte ich Schmerzen im rechten Unterleib. Der Arzt schlug eine Blinddarmoperation vor. Ich ging ins Krankenhaus und wurde von Oberarzt Dr. Schmö operiert. Derweil hatte meine Mutter einen Brief in französischer Sprache an meinen Arbeitgeber in Frankreich mit der Bitte um Auflösung des Arbeitsvertrages schreiben lassen. Ich erholte mich schnell von der Operation. Um den für die englische Zone gültigen Entlassungsschein, Kontrollblatt D2/33 zu erhalten, musste ich noch einmal hinter Stacheldraht - nach Munsterlager. Der Arbeitgeber von Arno Brandstäter, Herr Kugland, hatte das eingefädelt. Er fuhr mich auch mit seinem Auto dorthin. Eine Woche dauerte die Prozedur, am 6.Juli 1948 hatte ich den Schein und war nun auch offiziell zu Hause angekommen. Meine Ankunft und die Art meiner Freilassung musste sich herumgesprochen haben und war auch zu Ohren unseres Pastors Kleuker gekommen. Bei einer zufälligen Begegnung in Eschede sprach er meine Mutter an und meinte, ich solle doch gefälligst meinen Vertrag erfüllen und mich wieder auf den Weg nach Frankreich machen. Er war vielleicht während des ganzen Krieges Militärpfarrer bei einem Stab - mit Auto und Fahrer, hatte also eine Sonderstellung in der Wehrmacht. Ich weiß nicht, was meine Mutter geantwortet hatte.

Anmerkungen im Nachhinein:

PS: Mit Walter Lüdeking stand ich im Briefwechsel. Von ihm weiß ich auch, dass mein Bauer sich einen anderen freien Arbeiter genommen hatte und zwar den Liebhaber der jüngeren Bauerstochter. Er wollte sicherlich versuchen, sein Verhältnis zu legalisieren. Nach einem Jahr kam keine Antwort mehr auf meine Briefe und so schlief der Briefwechsel ein. Einige Jahrzehnte später, auf einer Fahrt von Hameln nach Paderborn, machte ich einen Abstecher nach Grupenhagen. Ich fragte mich durch und von einem älteren Einwohner hörte ich, dass Walter 2 oder 3 Jahre nach seiner Ankunft aus der Kriegsgefangenschaft einen tödlichen Verkehrsunfall mit einem englischen Fahrzeug hatte - die Erklärung für sein Schweigen.

PPS: Die Angaben zur Größe der Brotrationen möchte ich etwas relativieren. In amerikanischer Kriegsgefangenschaft in Rennes bekamen wir erstmals beim Essensempfang die Portion zugeschnitten gereicht. In den offenen Lagern in Deutschland gab es nie Brot. Es war ein großporiges Kastenweißbrot. Die Menge oder die Größe der Brotportion wurde vom Küchenpersonal ans Schwarze Brett geschrieben. Zusammengedrückt würde es wohl eine zur Faust geformte Hand ausfüllen. Die Stücke mit den wenigsten Schnittflächen waren gefragt, gab es doch dann für die Zähne ein wenig mehr zu beißen. Später, beim Franzosen, bekamen wir das Brot im Ganzen ausgehändigt. Es war ein kleinstporiges Kastengraubrot, ca. 500g schwer. Entsprechend den Angaben am Schwarzen Brett mussten sich dann 10 oder 12 Mann das Brot teilen. Um einigermaßen übersichtliche Portionen zu bekommen, wurde das Brot in Längsrichtung halbiert und dann erst entsprechend der Anzahl der Portionen aufgeteilt. Dann kam eine gebastelte, gleicharmige Waage zum Einsatz. Von den zugeschnittenen Portionen wurde ein Musterstück ausgewählt und diente als Gewicht. Alle übrigen Brotstücke wurden nun nach diesem Musterstück abgewogen. Die Prozedur konnte schon mal etwas länger dauern. Es war immer ein besonderes Ereignis und wurde von allen Betroffenen aufmerksam beäugt.

Zur Person

Alfred Misselhorn (08.05.1928) ist in Scharnhorst im Landkreis Celle geboren. Während des Zweiten Weltkrieges macht er eine Lehre zum Maschinenbauer bei der Firma Rheinmetall und Borsig. 1945 kommt er an die Front und bleibt bis Mitte 1948 in amerikanischer und französischer Kriegsgefangenschaft. Im Sommer 1948 kehrt er nach Hause zurück und arbeitet seitdem als Maschinenbauer. 1955 heiratet Alfred Misselhorn und hat drei Kinder. Seine Ehefrau stirbt 2013. Heute ist er im Ruhestand und renoviert das eigene Haus.

Empfohlene Zitierweise:
Misselhorn, Alfred: Kriegsende und Gefangenschaft, in: LeMO-Zeitzeugen, Lebendiges Museum Online, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland,
URL: http://www.hdg.de/lemo/zeitzeugen/alfred-misselhorn-kriegsgefangenschaft-bis-1948.html
Zuletzt besucht am: 27.02.2024

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