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Christel Dux: Mauerfall 1989

Dieser Beitrag wurde von Christel Dux (*1948) aus Berlin im Jahr 2000 verfasst.

40. Jahrestag der DDR

Den 40. Jahrestag der DDR erlebten wir in Thüringen, dort gab es weder Proteste noch Demonstrationen. In Thüringen ging das Leben so weiter wie immer. Die Sorge, daß eventuell wieder Panzer kommen, stieg bei mir von Tag zu Tag. Meine Tochter wurde von einem Freund zu einer Veranstaltung mitgenommen, sie ging aber bald wieder, sie hatte Angst, es könnte etwas passieren. Honecker ging weiter seinen Weg, obwohl die Russen ihn warnten, wir konnten es kaum glauben. Nach den 8 Tagen Urlaub in Thüringen wurden die Proteste in Dresden und Berlin immer stärker. Nun wurde wieder von Panzern gesprochen, dann sah man wieder einen Herrn Modrow an der Spitze einer Demonstration in Dresden marschieren. In Berlin erschien ein Herr Gysi, noch nie von diesen Menschen gehört, plötzlich waren sie da. Egon Krenz wurde im Oktober 1989 zum Ersten Sekretär der SED gewählt.

Der 9. November 1989

Am 9. November 1989 saß ich vor meinem Fernseher, Werner hatte Dienst, inzwischen war er kein Kraftfahrer mehr, sondern arbeitete im Wachschutz. Ich sah die tägliche Pressekonferenz mit Günter Schabowski, schon wollte ich wegschalten, als ein Zettel vor Schabowski gelegt wurde. Gedankenverloren nahm er den Zettel in die Hand und las vor: "Soeben sei beschlossen worden, daß jeder Reisewillige der DDR in die BRD darf." Später wurde richtiggestellt, daß gemeint sei, es gäbe kurzfristig Visa für eine Reise in die BRD. Man sah Schabowski an, er konnte kaum glauben, was er vorlas. Kurze Zeit später sah man im Fernsehen Menschen brüllen. "Macht das Tor auf, macht das Tor auf"! Ich glaubte nicht, was ich dort sah, nach 28 Jahren wurde die Mauer geöffnet. Honecker muß vor Schreck in Ohnmacht gefallen sein. Tat er doch immer so, als wenn die Welt zusammenbricht, wenn er uns mehr Reisefreiheit erlaubt hätte. Die Tore wurden geöffnet, die Menschen stürmten in den anderen Stadtteil, umarmten sich und weinten. Menschen kletterten auf die Mauer, mit Hämmern und anderen Geräten wurde der "Antifaschistische Schutzwall" bearbeitet.

Der Tag nach dem Fall der Mauer

Am 10.11.1989 gingen die Kinder nicht in die Schule, sie gingen statt dessen in den Westen. Im Fernsehen konnte man sehen, wie sie mit ihren Mappen in Westberlin herumspazierten, viele Eltern gingen mit der Familie rüber, Verwandte wurden besucht, schließlich wartete man darauf 28 Jahre. Niemand dachte damals an Schule oder Unterricht. Wer weiß, wo die Lehrer hingingen?

Teresa kam am Abend und sagte zu mir. "Mutti, morgen fahre ich mit Oma und Opa auch rüber." "Ich komme mit", sagte ich gleich. Teresa war eigentlich zu einer Feier eingeladen, die schon vor längerer Zeit geplant wurde. Aber die eingeladenen Gäste kamen nicht, ein paar Kollegen, die noch kamen, waren schon drüben, einkaufen. Dann wurde erzählt, am Montag würde die Mauer wieder geschlossen werden, dann müsse ein Visum eingereicht werden. Am 11. 11. 1989 fuhren wir dann mit meinen Eltern nach Kreuzberg. Menschenmassen über Menschenmassen zogen durch die Warschauer Straße zum Übergang Oberbaumbrücke. Wir wurden ohne Ausweiskontrolle durchgelassen, gingen zur nächsten Sparkasse und stellten uns an.

Eigentlich wollte ich nur rüber, ich wollte nach all den Jahren nur den Boden von Westberlin betreten, wollte Freiheit genießen, es war wunderbar, mir kamen die Tränen. Da nun aber niemand wußte, was nun wirklich wird, Teresa war, wie es hieß "Geheimnisträger" als Facharbeiter für Datenverarbeitung, durfte sie nun am Montag noch rüber oder nicht? So stellten wir uns notgedrungen in die lange Reihe der Wartenden, schließlich wollten wir uns die 100 DM Begrüßungsgeld nicht durch die Lappen gehen lassen.

Anstellen für das Begrüßungsgeld

Wir standen fünf Stunden an, bis wir dran waren, es war schon 14 Uhr. Mein Vater führte uns nach Neukölln, in ein Kaufhaus, dort sahen wir uns alles an. An dieser Stelle möchte ich allen Verkäuferinnen und Bank-und Sparkassenangestellten herzlich danken. Wie selbstverständlich standen sie das ganze Wochenende in ihren Filialen, um uns die 100 DM zukommen zu lassen.

Praktisch hat jeder DDR Bürger vom Baby bis zum Greis 100,00 DM bekommen. Hätte ich gewußt, wie es kommt, dann hätte ich mich nicht angestellt. Die Ungewißheit war doch ziemlich groß, an eine Vereinigung dachte damals kein Mensch. Die Kaufhäuser hatten wegen uns bis 16 Uhr geöffnet, auch dafür herzlichen Dank. Daß später alles anders kam, ist ja nicht die Schuld der Bankangestellten und der Verkäuferinnen, die uns wirklich mit offenen Armen empfangen haben.

Im Kaufhaus, ich glaube es war "Karstadt", rannte meine Tochter wie ein Wiesel von einem Stand zum andren. Für mich war es nichts Neues, ich kannte es doch schon von früher, für mich war die Atmosphäre wichtig und der historische Augenblick, den ich miterleben durfte. Aber eine Fernsehzeitung kaufte ich mir doch, mußte dafür die 100 DM wechseln, darüber war die Kassiererin nicht begeistert.

“Der dämliche Rest“

Kurz vor Ladenschluß hatte ich ein dringendes Bedürfnis, wir fanden auch eine Toilette im Kaufhaus, sie war noch nicht einmal voll, wahrscheinlich haben die Kunden vor Freude und Aufregung alles durch die Rippen geschwitzt. Dann kam der Schreck, die Toilette hatte keine Spülung, ich sah mich um, unten nichts, oben nichts, seitlich nichts, nur ein Spülkasten war da. Das erste Mal in meinem Leben verließ ich ein Klo, ohne zu spülen. Händewaschen ging auch nicht, der Wasserhahn bewegte sich nicht. Nun war mir klar, warum wir "Der Dämliche Rest" waren. War bei uns tatsächlich die Zeit stehen geblieben? Wir hatten normale Wasserhähne, normale Klospülungen, wie schon unsere Großmütter hatten. Waren die Russen 1945 nicht davon begeistert und wunderten sich, woher das Wasser aus der Wand kam? Da steht man nun wie die Kuh vorm neuen Tor, findet die Klospülung nicht und kann den Wasserhahn nicht bedienen. Man versteht die Welt nicht mehr, ich war jedenfalls fassungslos, schließlich konnte ich doch nicht einfach zu jemandem gehen und fragen: "Ach, Verzeihung, wo bitte ist die Toilettenspülung?"

Wir wollten nach Hause fahren, aber nichts ging mehr. In der U-Bahn hieß es, die Züge seien alle voll, es könne kein leerer Zug mehr eingesetzt werden, wir sollten mit der S-Bahn fahren.

“halb Ostberlin stand auf dem Bahnhof Neukölln“

Am S-Bahnhof Neukölln sah es genauso aus, keine Bahn fuhr mehr, alles voll. Der Bahnhof war schon so voll, daß keiner mehr hinauf kam. Was für ein historischer Augenblick, halb Ostberlin stand auf dem Bahnhof Neukölln. Am Bahnhof Kottbusser Tor, da ging nämlich auch nichts mehr, gaben wir auf. Nun mußten wir uns eben auf Schusters Rappen weiterbewegen. Wir liefen zu Fuß bis zur Jannowitzbrücke, ohne meinen Vater hätte ich nie nach Hause gefunden. Als wir dort angekommen sind, waren wir kaputt, uns taten die Füße weh, aber wir hatten Glück, der Bahnhof war leer. Wir konnten uns gemütlich hinstellen, als wir merkten, mein Vater ist weg. Meine Mutter war schon ganz aufgelöst, "Erwin ist weg, Erwin ist weg", jammerte sie verzweifelt. Ich machte ihr dann klar, daß er auch alleine den Weg nach Hause findet. Ich bekam nur noch mit, wie ihn eine Frau ansprach und nach dem Weg fragte. Dann war er verschwunden.

In Köpenick angekommen, wir bekamen zwar keinen Sitzplatz, aber Hauptsache, wir konnten fahren, denn von der Jannowitzbrücke bis nach Köpenick wollte ich dann doch nicht laufen. Teresa und ich warteten noch auf unsere Straßenbahn, als wir meinen Vater aus dem Bahnhof kommen sahen. Mutti war froh, hatte sie doch ihren Erwin wieder.

Zu Hause wartete schon mein Mann, er konnte nicht mit, weil er Dienst hatte. Er wollte nun wissen, wie es war. Als ich von den Menschenmassen erzählte, war er froh, nicht dabeigewesen zu sein. Ich war auch froh, als alles vorbei war, aber was für ein historischer Moment, dieses einmalige Erlebnis kann einem keiner mehr nehmen. Ich bereue keine Minute, die ich am 11. 11. 1989 erlebte.

Visum

Noch am Sonntag fuhr ich zur Polizei und holte mir einen Stempel, es sollte ein Visum sein. Man erzählte, ohne Stempel könne man ab Montag nicht mehr rüber, aber konnte man wissen, was kommt? Deshalb holte ich mir gleich am Sonntag mein "Visum".

Am Montag hatte dann Werner frei, er wollte natürlich nun auch rüber. Wir fuhren zur Polizei, er bekam seinen Stempel, und anschließend fuhren wir zum Wedding. Die ganze Zeit mußte ich immer an meine Schulzeit denken, wir lernten ein Gedicht vom Wedding, den Inhalt weiß ich nicht mehr, aber der Refrain ist hängen geblieben: "DER WEDDING IST UND BLEIBT ROT". Werner holte seine 100 DM bei der nächsten Bank. Wir bummelten kurz durch ein Kaufhaus. Nun wollte ich es wissen, ich ging aufs Klo und versuchte noch einmal, die Spülung zu finden. Langsam tastete ich den Spülkasten von allen Seiten ab, bis ich die Spülung fand, zufrieden ging ich ans nächste Werk. Der Wasserhahn mußte untersucht werden. Ich versuchte, die Einhebelmischbatterie zu drehen, ging nicht. Irgendwie blieb ja nach dem Drehen nur noch Hochheben übrig, siehe da, es klappte. Nun war ich aber stolz, von wegen "dämlicher Rest".

Auch die Sache mit den Strichen an der Ware klärte sich bald auf, daß es etwas mit der Kasse zu tun hatte, wußten wir, wie es aber genau geht, sahen wir erst, als wir einkaufen gingen.

Nun will ich nicht politisieren, ob es allen besser oder schlechter geht, mir persönlich geht es besser, meinem Mann Werner geht es schlechter. Für meine Tochter ist es auch nicht einfach, aber die Gesellschaftsordnung, die es allen recht macht, gibt es nicht.

Empfohlene Zitierweise:
Dux, Christel: Mauerfall 1989, in: LeMO-Zeitzeugen, Lebendiges Museum Online, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland,
URL: http://www.hdg.de/lemo/zeitzeugen/christel-dux-mauerfall.html
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