Zeitzeuge > Nachkriegsjahre

Dorothea Günther: Das Schicksal meines Vaters

Dieser Beitrag wurde von Dorothea Günther geb. Preuß (1914–2010) aus Berlin verfasst.

Ich machte mir Sorgen um die Eltern. Martin [Anm. d. Red.: Ehemann von Dorothea Günther] war zwar mehrfach in Berlin, aber es gelang ihm nicht, nach NO 55 vorzudringen. Endlich schaffte er es doch. Mutter ging es leidlich, aber Vater war seit einigen Tagen verschwunden. Als sie beide am 27. Mai aus dem Garten (Schrebergarten mit Laube in Buchholz) in ihre Wohnung zurückkamen, hatten sie eine Aufforderung vorgefunden, er solle sich bei der Polizei melden. Mutter hatte ihm dringend abgeraten, dort hinzugehen und ihm vorgeschlagen, er solle sich bis zu uns nach Potsdam durchschlagen und dort bleiben, bis alles vergessen sei. Aber er hatte erwidert, er habe sich nichts zuschulden kommen lassen und immer nur seine Pflicht getan.

Mutter meinte, jemand müsse ihn denunziert haben, wegen seiner Tätigkeit in der NS-Ortsgruppe (ab März 1945 war er Leiter der NS-Ortsgruppe in Berlin NO 55). Wir konnten uns das kaum vorstellen, denn er war stets hilfsbereit und beliebt. Mutter horchte herum, wo er sein könnte. Sie hörte, er sei im ehemaligen KZ Sachsenhausen, das die Sowjets als Gefangenenlager weiterbenutzten. Man habe ihm beim ersten Verhör die Brille zerschlagen, ohne die er – stark kurzsichtig – hilflos war. Eines Tages fuhr Mutter nach Sachsenhausen und nächtigte dort im Straßengraben. Bei Sonnenaufgang stand sie bereits am Lagertor. Sie forschte nach dem wohlbekannten Gesicht – nichts!

Ein Mann aus der Nachbarschaft, der im sowjetischen Lager in Buchenwald gewesen war, erzählte meiner Mutter viel später, er habe ihren Mann dort gesehen. Der sei dort 1948 gestorben. Aber diese Aussage blieb vage. Erst Anfang der 90er Jahre erfuhren wir durch den Suchdienst des Roten Kreuzes, dass mein Vater im August 1945 in Sachsenhausen gestorben war.

Zur Person

Dorothea Günther (geb. Preuß) wird am 1. Juni 1914 als Tochter des Gewerbeoberlehrers Paul Preuß in Berlin geboren. Als 14-Jährige Schülerin nimmt sie 1929 am ersten deutsch-französischen Jugendaustausch der „Deutschen Liga für Menschenrechte“ teil, sie lebt sechs Wochen bei einer französischen Familie in Paris. Nach der Mittelstufe besucht Dorothea Günther das Lette-Haus, eine Höhere Handelsschule für Mädchen, wo sie intensiv Fremdsprachen lernt, ebenso Stenographie und Schreibmaschine. Sie arbeitet als Büroangestellte, später auch als Fremdsprachenkorrespondentin. Von 1941 bis Januar 1945 ist sie beim Auswärtigen Amt als Übersetzerin tätig. Sie tritt 1941 in die NSDAP ein, um die Stelle im Auswärtigen Amt zu bekommen. 1943 heiratet sie den Diplom-Ingenieur Martin Günther und zieht nach Potsdam. Ihr erstes Kind stirbt 1945 wenige Wochen nach der Geburt. 1948 und 1951 werden zwei weitere Kinder geboren. Anfang 1949 verlässt die Familie die Sowjetische Besetzungszone. Sie wohnen zunächst in Braunlage und ab 1950 in Hannover. 1959 beginnt Dorothea Günther eine Kurzausbildung zur Grundschullehrerin und arbeitet bis zu ihrer Rente in diesem Beruf. Sie stirbt im Jahr 2010.

Empfohlene Zitierweise:
Günther,Dorothea: Das Schicksal meines Vaters, in: LeMO-Zeitzeugen, Lebendiges Museum Online, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, URL: http://www.hdg.de/lemo/zeitzeugen/dorothea-guenther-das-schicksal-meines-vaters.html
Zuletzt besucht am: 24.06.2024

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