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Bei der NVA in der Wendezeit, 1989

Dieser Beitrag wurde von Frank Prehn (*1971) aus Berlin im Jahr 2000 verfasst.

Gleich nach dem Abitur in einer Kleinstadt an der Müritz (Mecklenburg/Vorpommern) im Jahr 1989 wurde ich gemustert und am 1. November 89 einberufen zum Fernaufklärungszug der Panzerdivision Heinz Hoffmann in Drögeheide/Torgelow. Das liegt in der Nähe des Oderhaffs an der Grenze zur polnischen Volksrepublik. Dort war ich nach einer vierwöchigen Grundausbildung in einer Aufklärungseinheit als Kompanieschreiber tätig und hatte den Dienstgrad eines einfachen Soldaten. In dieser Einheit war ich bis zum April 1990 eingebunden. Danach leistete ich noch vier Monate lang Zivildienst, bevor ich mit meinem Studium beginnen konnte. Im November, als ich zur Armee kam, war von den Umbrüchen noch kaum etwas zu bemerken. Vorher in der mecklenburgischen Kleinstadt hatte ich auch nicht viel mitbekommen. Die einberufenen Berliner wussten, dass etwas vorgeht. Im Sommer hatten ja die Flüchtlingsbewegungen nach Ungarn statt gefunden. Man sah aber das alles nicht als so dramatisch an und keiner konnte vorhersagen, was noch passieren würde.

Grundausbildung

Die ersten Wochen bei der Armee waren Grundausbildung, eine sehr harte Zeit. Die Nationale Volksarmee hat im Sinne der Ausbildung, natürlich auch ideologisch, sehr wenig mit der Bundeswehr zu tun; beide können eigentlich nicht mit einander verglichen werden. Man kann fast sagen, bei der NVA hat eine Menschen verachtende Ausbildung stattgefunden. Wir bekamen sehr wenig Urlaub und fast gar kein Geld. Bekleidung und Verpflegung waren eher mangelhaft. Manchmal bin ich abends mit hungrigem Magen ins Bett gegangen, auch weil nicht genügend Zeit zum Essen war.

So hatten wir wenig Zeit, uns mit den politischen Dingen zu beschäftigen. Nur einmal am Abend gab es Gelegenheit, die Aktuelle Kamera anzuschauen. Und was dort lief, ist ja allgemein bekannt. Nur über Briefe bekamen wir Informationen über das, was draußen ablief. Wir tappten also sehr im Dunkeln. Besonders Anfang November, als Ausgangssperre und Postsperre verhängt wurden, waren wir völlig von der Außenwelt abgeschnitten und bekamen nicht mit, was während der interessanten Tage im November und im Dezember 1989 passierte.

Aufkommende Unruhe

Die erste Mitteilung darüber, dass die Mauer wirklich offen war, bekam ich durch einen Brief meiner Eltern, die Verwandte in Kiel besuchten, was mich sehr verwunderlich stimmte. Danach ließ sich die Postsperre nicht länger aufrecht erhalten, die Informationen drangen durch, auch in die Kasernen. Die Soldaten begannen unruhig zu werden und wollten nach Hause zu ihren Familien. Viele ältere Soldaten hatten Angst, dass sie in der Umbruchsituation ihre Jobs verlieren würden. Wie es weiter gehen würde, war ja völlig offen. Eine Situation der Unzufriedenheit entstand, zu vergleichen mit der explosiven Stimmung auf einem Pulverfass. Noch dachte die Führung der Armee überhaupt nicht daran, etwas aufzulockern, z.B. Heimfahrten zu ermöglichen, Urlaub zu gewähren oder den Sold zu erhöhen.

Soldatenproteste

Die Unzufriedenheit innerhalb der Soldatenschaft wuchs und kam, speziell in Drögeheide, am Neujahrsmorgen 1990 zum Ausbruch. Vielleicht hing das alles auch mit dem typischen Neujahrsfrust darüber zusammen, dass die eine Hälfte der Kompanie nach Hause fahren durfte und die andere Hälfte in der Kaserne bleiben musste. Wir wechselten uns zwischen Weihnachten und Neujahr ab. Diejenigen, die den Silvestertag dieses bewegten Jahreswechsels in der Kaserne verbringen mussten, waren natürlich sehr gefrustet. Bei der benachbarten Motschützendivision entstand spontan ein Soldatenprotest.

Am 1. 1. 1990 gab es eine Demonstration auf dem Gelände der Kaserne, in der die Soldaten forderten, dass sie mindestens jedes zweite Wochenende nach Hause könnten, kürzere Dienstzeiten hätten, mehr Wehrsold bekommen würden und generell, dass der Wehrdienst auf ein Jahr verkürzt werden sollte. Das war erst ein sehr spontanes Aufflackern, ein erstes Zeichen. An den darauf folgenden Tagen, als der Rest der Kompanie aus dem Silvesterurlaub zurück kam, folgten immer neue Berichte, die die anderen, die über Weihnachten zu Hause waren, auch mitgebracht hatten. Die Soldaten waren völlig unzufrieden und wollten einfach weg aus dem Menschen verachtenden Haufen, nach Hause zu ihren Familien, sehen, dass sie ihren Job weiter machen können. Völlige Unsicherheit entstand.

In dieser Stimmung bildeten sich erste Soldatenräte, Plakate wurden gemalt. Es kam zu vorsichtigen Kontakten mit den Offizieren, die der Sache allerdings sehr skeptisch gegenüber standen, sehr zurückhaltend, sehr konservativ. Das ist im Sozialismus nicht anders als im Kapitalismus. Auf die Forderungen der Soldatenräte folgten keinerlei Reaktionen. Dann eskalierte die Situation, vor allem bei den Motschützenregimentern, weil diese die Waffenkammern besetzten, die Panzer aus den Garagen holten und, auch unter Einfluss von Alkohol, den Stab der Panzerdivision umstellten und Gespräche mit dem Stab forderten. Soldatenräte wurden in allen Divisionszügen gewählt und sandten jeweils einen Abgeordneten in den Divisionsstab.

Eine kleine Episode am Rande: Da wir eine Art Elitetruppe innerhalb der Panzerdivision darstellten, ging die Divisionsführung davon aus, dass wir möglicherweise auf Grund erhöhter Einsatzbereitschaft dafür eingesetzt werden könnten, die anderen Divisionsteile in Schach zu halten, die Waffernkammern zu sichern usw. Der Plan schlug natürlich fehl, weil auch wir uns mit den Motschützen und den anderen Einheiten unserer Division solidarisierten. So kam es, dass ich zum Soldatenratsvorsitzenden unseres Zuges gewählt und abgesandt wurde, mit in den Divisionsstab zu kommen. Dort erlebte ich erstmals einen Generalstabsoffizier und weitere höhere Dienstgrade vom Generalmajor und Oberstleutnant an aufwärts, die alle sehr hektisch, sehr aufgelöst waren, denen sichtlich die Angst und die Nervosität anzumerken waren. Nicht nur vor den Soldaten, sondern auch insgesamt wurden sie ja in eine ähnliche Situation völliger Unsicherheit gestürzt wie der Rest der Bevölkerung. Insbesondere den höheren Dienstgraden war klar, dass sie sicherlich nicht übernommen werden würden, falls es zu einer Vereinigung mit der Bundesrepublik kommen würde.

Bei den Gesprächen kam nicht viel heraus, es wurde sehr viel small talk gehalten. Wir trugen unsere Forderungen vor; dazu hieß es, man könne nichts machen, wir sind vom Oberkommando abhängig. Auch mit Berlin wurde telefoniert. Letztlich wurden Zusicherungen gemacht, dass es keine Schikanen mehr geben würde, und mehr Urlaub. Dann gingen alle auseinander, die Soldaten gaben ihre Waffen wieder ab.

Auflösung der NVA

Eine sehr ruhige Phase folgte, in der überhaupt nichts passierte. Nur Objektwachen wurden noch durchgeführt. Ausbildung fand nicht mehr statt. Die Soldaten hingen einfach nur herum, die Offiziere waren verunsichert wegen mangelnder Vorgaben vom Verteidigungsministerium. Dann kam es zur Wehrdienstverkürzung. Herr Eppelmann setzte durch, dass nur noch ein Jahr gedient werden durfte. Das bedeutete den Zerfall der damaligen Volksarmee. Die Soldaten, die anderthalb Jahre dienen mussten und jetzt im dritten Wehrdiensthalbjahr waren, durften den Dienst sofort beenden. Sie wurden im Januar nach Hause entlassen. Die anderen bekamen die Möglichkeit - die sie vorher ja nicht hatten - zu wählen, ob sie noch in den Zivildienst gehen wollten. Da sich im April auch diejenigen, die im zweiten Diensthalbjahr waren, verabschiedeten, waren danach nur noch rudimentäre Einheiten vorhanden. Eingezogen wurden kaum neue Soldaten, also kamen wenig Leute dazu. Das bewog viele, die Einheit zu verlassen und in den Zivildienst überzugehen. Bei unserer Einheit bestand der Zug aus 25 Soldaten, von denen 20 entlassen wurden und drei in den Zivildienst gingen. So stellte sich für mich natürlich die Frage, was ich da noch sollte. Auch ich habe die Einheit verlassen und bin in den Zivildienst gegangen, wo ich einige Monate als Krankenfahrer und Rettungsschwimmer tätig war.

Rückblick

Zurück blickend ist es sehr verwunderlich, dass alles so unblutig und glimpflich ablief. Darüber kann man wirklich nur froh sein. Einige Offiziere hatten sicher sehr zwiespältige Gefühle und wären durchaus bereit gewesen, Waffengewalt anzuwenden gegen die Zivilbevölkerung, aber auch gegen die eigenen Soldaten. Aber ich denke, der überwiegende Teil des Offizierscorps speziell in den höheren Dienstgraden, also die militärische Führung war doch sehr besonnen, und damit konnte ein Blutvergießen abgewendet werden.

Empfohlene Zitierweise:
Prehn, Frank: Bei der NVA in der Wendezeit, in: LeMO-Zeitzeugen, Lebendiges Museum Online, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland,
URL: http://www.hdg.de/lemo/zeitzeugen/frank-prehn.html
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