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Fritz Schleede: Wohnungssuche 1955

Dieser Eintrag wurde von Fritz Schleede (*1927) im November 2003 in Hamburg verfasst. Der Beitrag entstand im Rahmen des Projekts "Interessengruppe Senioren Schreiben und Lesen" des Seniorenbüros Hamburg.

Wir, meine Frau, ich, und unsere Tochter Ingrid, konnten in ein Gartenhaus ziehen. Es war zwar klein, aber wir waren allein. Das Zimmer neun Quadratmeter und die Küche sechs. Als dann die zweite Tochter dazu kam, wurde es zu eng. Ich ging zum Wohnungsamt wegen einer größeren Wohnung. Da wurde erst mal ausgerechnet, wieviel Punkte wir bekommen. Jeder Person standen vier Quadratmeter Wohnraum zu und Dringlichkeitspunkte. Wir hatten 82. Einundachtzig hätten genügt. Wir bekamen einen Dringlichkeitsschein, aber noch keine Wohnung.

Wohnungssuche mit Dringlichkeitsschein

Beim Wohnungsamt in der Stadthausbrücke wurde jeden Mittwoch eine Liste angeschlagen, auf der die Wohnungen standen, die mit dem Dringlichkeitsschein gemietet werden konnten. Als ich das erste Mal dorthin kam, traute ich meinen Augen nicht. Eine Traube von etwa hundert Menschen stand vor der Tür. Die meisten mit Fahrrädern, andere hatten ein Auto oder Taxe dabei. Als ich endlich die Liste sehen konnte, waren da zwölf Wohnungen, die von drei Maklern angeboten wurden. In der nächsten Woche konnte ich nicht hingehen, weil ich Dienst hatte. Danach hörte ich, daß die Polizei gerufen wurde, weil es im Treppenhaus zu einem Tumult mit Schlägerei gekommen war. Über hundert Wohnungssuchende wollten zu dem einzigen Makler, der Wohnungen angeboten hatte.

Eigeninitiative

Mir wurde klar, daß man so nicht weiter kommt. Man mußte schon vorher beim Makler auf der Liste stehen. Ich bin dann einige Tage später zu dem Makler gegangen und habe der Frau im Büro erklärt, daß ich bei der Feuerwehr Schichtdienst habe und mich nicht immer bei der Wohnungssuche beteiligen kann. Vielleicht ist es ja möglich, wenn sie mal wieder Wohnungen haben, mich dabei zu berücksichtigen. "Ich kann mir ja mal ihre Adresse aufschreiben", antwortete sie und tat es dann auch. Ich hatte Hoffnung, daß ich irgendwann mal etwas höre.

Schon eine Woche später bekamen wir eine Postkarte, ich sollte zu dem Makler kommen. Er hat in der Sievekingsallee Wohnungen zu vergeben und ob ich besondere Wünsche habe. Ich sagte ihm, daß ich viel Nachtdienst habe und meine Frau nicht gerne im Parterre wohnen möchte. "Gut, dann trage ich sie im Mitteleingang, erste Etage links ein. Der Bau ist im Oktober bezugsfertig." Ich bedankte mich bei ihm und fuhr glücklich nach Hause.

Zur Person

Die Zeitzeugen Margarete (*1926) und Fritz Schleede (*1927) erzählen in drei Teilen von der schwierigen Wohnungssituation in der Bundesrepublik und ihrer Wohnungssuche 1952, 1955 und 1956.

Empfohlene Zitierweise:
Schleede, Fritz: Wohnungssuche 1955, in: LeMO-Zeitzeugen, Lebendiges Museum Online, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, URL: http://www.hdg.de/lemo/zeitzeugen/fritz-schleede-wohnungssuche-1955.html
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