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Gerd-Heinz Pagels: Polenfahrt

Dieser Beitrag wurde von Gerd-Heinz Pagels (*1945) verfasst.

Besuch des Vernichtungslagers Auschwitz

Besuch des Vernichtungslagers Ausschwitz mit der Sozialistischen Jugend Deutschlands "Die Falken" unter ihrem damaligen Landesvorsitzenden Harry Ristock vom 27. bis 29. November 1959

Es war am 27. November 1959. Wir trafen uns am S-Bahnhof Tegel, um gemeinsam mit 15 anderen Bussen nach Polen zu fahren. Dort wollten wir das KZ Auschwitz-Birkenau besichtigen. Mit einigen eingelegten Pausen erreichten wir bei Morgengrauen Breslau. Altertümliche Straßenbahnen fuhren an uns vorbei. Diese sowie die einstöckigen Autobusse waren gelb-blau oder gelb-rot gespritzt. Die Busse sahen schon besser aus als die Bahn. Die Polen, die schon früh zur Arbeit mußten, staunten sehr, als sie die lange Buskolonne wahrnahmen. Die Zerstörung der Stadt Breslau ist groß. Im Stadtinnern stehen nur Ruinen und es gibt Trümmerberge oder kahle Flächen, wo einst Häuser standen. Die große Zerstörung erfolgte in den letzten Kriegstagen, nachdem Breslau zur Festung erklärt worden war. Im Randgebiet der Stadt beginnt der Wiederaufbau; wir sahen schon einige neue Häuser.

Als Breslau hinter uns lag, schliefen nur noch wenige, denn es wurde hell, und jeder wollte sehen, wie das ehemalige deutsche Land heute aussieht. Wir kamen durch Dörfer, von denen ein Drittel verlassen oder zerstört war. Es gab nur wenig neue Häuser, die alten sahen düster aus. Die Menschen, denen wir begegneten, winkten uns auf unseren Gruß zu. Wir sahen viele Felder, die brach lagen. Die Landschaft war hüglig und hin und wieder mit einen Flecken Wald bewachsen. Schnee gab es noch nicht. In der Ferne stieg eine weiße Dampfwolke auf. Es waren Güterzüge. Der Eisenbahnverkehr ist in Polen sehr rege. Die Züge fuhren mit 60-80 Wagen, wenn nicht noch mehr. Mit Schauen und Erzählen ging es weiter bis nach Kattowitz. Kattowitz ist bei weitem nicht so zerstört wie Breslau. Die Busse fuhren in langer Kette bis zum Parteihaus der polnischen Arbeiter-Partei. Hier machen wir kurz Quartier. Auch das Essen wurde hier eingenommen. Jeder Bus bekam einen Dolmetscher zugeteilt.

Beginn der Besichtigung des Lagers

Man fuhr jetzt mit uns zum KZ Auschwitz und Birkenau. Im Bus verteilte unser Dolmetscher an jeden zwei Prospekte über Polen. Auf der Fahrt lernten wir ein Lied, das am Sonntag in der Krakauer Oper gesungen werden sollte. Von Kattowitz ging es auf Landstraßen nach Auschwitz und immer flott voran, denn wir hatten durch die Städtchen, die wir durchfuhren, immer Vorfahrt. Polnische Soldaten, die auf der Straße marschierten, winkten uns freudig zu. Auf dem Parkplatz in Auschwitz angekommen, teilten die Busleiter ein, welche Busse nach Birkenau fahren und welche in Auschwitz bleiben sollten. So begannen wir mit der Besichtigung des Lagers Auschwitz. Für diesen Zweck wurde ein anderer Dolmetscher eingesetzt. Wenn einzelne KZ's nur Gefangenenlager waren, so war Auschwitz ein Vernichtungslager. Es ist noch alles gut erhalten, da Auschwitz zum Museum ausgebaut worden ist. Das ganze Lager ist von einem Zaun umgeben, der früher elektrisch geladen war. Neben dem Haupeingang steht ein großer Wachturm mit einem riesigen Scheinwerfer. Über dem Tor steht ein Kernspruch zum Hohn für die Gefangenen, und zwar in deutscher Sprache: "Arbeit macht frei!"

Wir schritten durch das Tor. Reporter und Kameramänner begleiteten uns. Wir kamen zum Vorhof. Dort steht eine große Linde. Diese hatte eine besondere Bedeutung: Wenn die Gefangenen von der Arbeit zurückkehrten, hielt man hier einen Appell. War nun ein Gefangener geflohen, wurde er sofort gesucht. Die übrigen Gefangenen mußten auf dem Appellplatz so lange warten, bis der Entflohene eingefangen war. Dem Lagerkommandanten war es dabei egal, ob es Sommer oder Winter war. Fing man den Gefangenen wieder ein, wurde er unter die Linde geführt. Hier mußte er z.B. rufen: "Ich bin froh, daß ich wieder hier bin!" Danach legte man ihm eine Schlinge um den Hals und hängt ihn an der Linde auf. Wurde der Flüchtling nicht gefangen, erhängte man zur Abschreckung einige andere. Auch lag dem Lagerkommandeur immer daran, daß seine Statistik stimmte. War ein Gefangener bei der Feldarbeit gestorben, trugen die Kameraden den Toten ins Lager. Beim Appell stellten sie ihn zwischen die anderen, so daß er mitgezählt wurde. Später ließ man ihn liegen. Jetzt war er auch für den Kommandanten tot.

Das Weihnachtsfest feierte man mit den Gefangenen auf eine ganz besondere Art. Alle Gefangenen wurden aus den Baracken geholt und mußten auf dem Appellplatz antreten. Der Kommandant hielt eine Rede. Danach griff man wahllos bis zu 10 Gefangene heraus und hängte sie auf. - Das Weihnachtsfest war beendet.

Unterschiede zwischen Gefangenen- und Wächterlager

Wir besahen uns nun die aus roten Klinkersteinen erbauten Baracken. Der Unterschied zwischen dem Gefangenenlager und dem Lager der Wachmannschaft war sehr groß. Die Gefangenen hatten entweder einen "Strohsack" und eine "Decke" und gehörten dann schon zu dem besseren Nachtlager, oder sie hatten nur eine "Decke". Die Wachmannschaft dagegen hatte eiserne Bettgestelle mit Matratze, Kissen und Federbett. Es gab Blocks, die für 400 Häftlinge berechnet waren, aber 700-1000 oder sogar 1200 Gefangene aufnehmen mußten. Hinzu kam, daß die Häftlinge sich nicht waschen konnten. Auch der Unterschied im Essen war groß. Lebensmittel waren immer für die berechnete Menge vorhanden. Wachmannschaft und Blockführer aber stahlen sich regelmäßig von den Portionen der Gefangenen. Die Blockführer waren zu lebenslänglicher Haft verurteilte deutsche Schwerverbrecher.

Wir verließen die Baracke und gingen eine Lagerstraße entlang, auf der eine große Betonwalze lag. Vor diese hatte man Bibelforscher und Geistliche gespannt. Stürzten sie, wurden sie von der Walze überrollt und zerquetscht. Auf dieser Straße steht auch der Galgen, an dem sehr viele Häftlinge ihr Leben lassen mußte. Wir überschritten wieder den Appellplatz. Zur rechten Hand lag ein Grundstück, auf dem noch die Grundmauern eines großen Hauses zu sehen waren. Hier wohnte der Lagerkommandant Rudolf Franz Ferdinand Höß, der am 2. April 1947 in Warschau von Höchsten Nationalgerichtshof zum Tode verurteilt wurde. Die SS hatte noch am Ende ihrer Tage das Haus von Höß gesprengt. Heute steht vor dem Grundstücks-Eingang ein Galgen, an dem das Urteil an Höß vollstreckt wurde.

Das Krematorium, das durch seine 2 großen Schornsteine sofort zu erkennen war, wurde nun von uns besichtigt. Um uns das Hauptvernichtungslager Birkenau anzusehen, verließen wir jetzt das Lager Auschwitz, stiegen in die Busse und 10 Minuten später fuhren wir durch das "Rote Tor", den Eingang von Birkenau. Hier in Birkenau wuchs Unkraut auf den Wegen, was in Auschwitz nicht der Fall war, aber sonst auch hier Stacheldrahtzäune, Wachtürme und Baracken. Nach dieser Besichtigung fuhren wir nach Auschwitz zurück.

Todesmauer

An der Todesmauer, die so genannt wurde, weil an ihr die Gefangenen gestellt und erschossen wurden, legten wir Kränze nieder. Ein Vertreter der polnischen Arbeiterpartei und der Landesvorsitzende der SJD "Die Falken" Harry Ristock gedachten der vielen Toten von Auschwitz-Birkenau und ermahnten die Lebenden. Nach der Gedenkfeier fuhren wir nach Krakau, der ehemaligen Hauptstadt Polens. Dort bekamen wir Abendbrot. Im dicksten Nebel, der mit dem Londoner wetteifern konnte, fuhren wir zu unseren Unterkünften.

Am nächsten Tage fuhren wir zum Krakower Stadttheater, wo eine Feierstunde stattfand, die der Völkerverständigung gewidmet war. Auch hier sprachen polnische und deutsche Redner. Umrahmt wurde es von Gedichtvorträgen und Chorgesang. Wir Deutschen sangen gemeinsam ein Lied, das wir vorher im Bus fleißig gelernt hatten. Nach dem Mittagessen besichtigten wir den Wawel, das polnische Königsschloß, wo wir uns frei bewegen konnten. Die Zeit ließ uns die Besichtigung beenden. Unser Student führte uns nun zu dem Platz, der für die Abfahrt bestimmt war. Auf dem Platz hatten sich polnische Kinder eingefunden, um mit uns Deutschen allerlei zu tauschen. Erwachsene diskutierten mit uns Deutschen über das Leben und die Arbeit in Polen. Es wurden auch gegenseitig Adressen ausgetauscht.

Um 17.30 Uhr hieß es: "Abfahrt!" Wir verabschiedeten uns voneinander und stiegen in die Busse. Pünktlich fuhren wir hintereinander die gleiche Strecke zurück die wir gekommen waren, nur ohne Auschwitz zu berühren. In Kattowitz luden wir unseren Dolmetscher aus. Um 16 Uhr traf unser Bus mit 10 Stunden Verspätung am S-Bahnhof Tegel ein.

Empfohlene Zitierweise:
Pagels, Gerd-Heinz: Polenfahrt, in LeMO-Zeitzeugen, Lebendiges Museum Online, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, URL: http://www.hdg.de/lemo/zeitzeugen/gerd-heinz-pagels-polenfahrt.html
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