Zeitzeugen > Geteiltes Deutschland: Gründerjahre

Gerda Helle: Schule in den fünfziger Jahren

Dieser Eintrag wurde von Gerda Helle im August 2004 in Neu-Ulm verfasst.

Der rote Faden oder die lange Wutspur Teil 1: Schule in den fünfziger Jahren

Ein Versuch, Erziehung und Lebensgefühl einer Generation zu erklären. Persönliche Erinnerungen und persönliche Deutungen. Neuanfang der Erwachsenen nach dem Zusammenbruch, nach jedermanns Zusammenbruch.

In der politischen und religiösen Betreuung der Erwachsenen und in der Erziehung der Jugend in der Bundesrepublik sollte es keine Irrtümer mehr geben. Motto: Ihr seid die neue Generation, leistungsstark, demokratisch, kritisch und friedfertig.

Aber die "neuen Menschen, die "neuen Führer", waren - historisch bedingt -aus demselben Holz geschnitzt wie die alten. Die alten Botschaften liefen stumm mit.

Notgedrungen autoritär

Die Schule (in Schleswig-Holstein und Hamburg) war in ihrem Lehrprogramm traditionell und - wegen der großen Klassen - notgedrungen autoritär. Das Programm war wenig überzeugend, was Realitäts- und Zukunftsbezug anbelangt. Religion, Latein und Geschichte waren mit Ideologie belastet. Der Leistungswille wurde angestachelt, auch am untauglichen Objekt. Beispiel: Wir mussten als Zwölfjährige jeden Morgen vor dem Unterricht einen Vers im Chor sprechen: "Rastlos vorwärts musst du streben, willst du die Vollendung sehen." Gegen diesen weisen Spruch ist an sich nichts einzuwenden, aber die Methode erinnert an Kirche und Kommunismus.

Die Leistungsfähigen wurden übermäßig streng gefordert - nicht gefördert! Sie wurden aufgefordert, anderen zu helfen, ihnen Nachhilfe zu geben; sie wurden als "Hilfslehrer" gebraucht. Begabung als Volkseigentum? Man kann darin christliches Ethos sehen, aber eben auch die Fortsetzung der Ideologie der NS-Zeit, auf demselben historischen Substrat wie die kommunistische Ideologie von "Jeder nach seinen Fähigkeiten und jeder nach seinen Bedürfnissen." - Letzteres war der Lehrsatz aus dem "Antikommunismus-Unterricht", den es bei uns genauso gab wie den Marxismus-Leninismus "drüben" - wenn auch nicht so institutionalisiert. Die einen verachteten die anderen, und doch waren sie sich ähnlich.

Religionsunterricht

Die Auseinandersetzung mit der christlichen Religion und Ideologie bedeutete Nachdenken über Schuld und Sühne, Opfertod und Erlösung; die Allmacht und Güte Gottes versus die Erbärmlichkeit der Geschichte, die hinter uns lag; die Projektion des Familienmodells auf das Göttliche und dann die Rückspiegelung: die Berufung der Autoritäten auf "Gottes Willen", ein geschlossenes System, ohne Transzendenz. Der Gott-Mensch Jesus, Gottes Sohn, zwischen antikem Heldenmythos und der Suche nach einer neuen Form von Religiosität. Hoffnung auf Überwindung des archaischen Sprachstils. Gott-Vater als Trost für die vielen Vaterlosen? "Du hast noch einen Vater im Himmel." Satz eines Pfarrers, nachdem er sich nach meiner Familiensituation erkundigt hatte. Hilfloses Kirchenpersonal! Selber vom Schicksal gebeutelt, wussten sie keine Antwort auf die Fragen nach Gottes Rat und Tat. Sie predigten Verzicht und Bescheidenheit - nach all den entbehrungsreichen Jahren! Sie polemisierten gegen das Habenwollen, gegen Kühlschrank und Waschmaschine. Konfirmandenunterricht irgendwie überstanden, mit 10-strophigen Kirchenliedern und ausführlichen Erklärungen zum uralten Katechismus. Auswendiglernen. Ohne Sinn und Verstand! Wie kann da eine Generation von Gläubigen und Kirchentreuen entstehen?

Auch am Gymnasium (im mehrheitlich sozialdemokratischen Hamburg) war das Christentum belastet mit dem Grundmuster des Vaters, des übermächtigen, strengen, unerbittlichen Vaters. Und später, nachdem man sich die Standardbildung angeeignet hatte, reihte man ihn mühelos in die Reihe der "schrecklichen Väter" ein: Jakob, Laios, Friedrich Wilhelm I, Kafkas Vater, Schreber usw. Väter, die ihre Söhne opfern. Söhne, die sich unterwerfen müssen. Dies ist das unsichtbare Gewebe, verborgen unter der Wirklichkeit, die Demokratie und Freiheit verkündet, aber Mündigwerden durch Manipulation behindert.

Die Tyrannei der Bildungsideale

Die Tyrannei der Bildungsideale: Geistige Erneuerung konnte mit den Lehrplänen von Religion, Latein und Geschichte und Deutsch nicht bewirkt werden. Der Missionsgedanke nahm in den Köpfen der Nachkriegsschüler den Geruch von Herrschsucht an: Die Römer brachten "Kultur" nach Germanien; die Germanen hatten keine Straßen und keine Städte; "na und?" denkt da der Schüler. Ähnlich wurde die "Christianisierung" begründet: als Wohltat! Die Jugend konnte dem antiken und christlichen Helden- und Todesmythos nichts abgewinnen und glaubte, trotz allem, dass Cäsar in Gallien nichts zu suchen hatte - und Napoleon in Moskau auch nichts. Zitat aus dem Geschichtsunterricht, Erklärung für den Ausbruch des 1. Weltkrieges: "Der Friede war unerträglich geworden."(!?) Dieser Satz muss mich als Schülerin sehr irritiert haben - eine Garantie für die jahrzehntelange Speicherung im Gedächtnis.

Geschichte hatte mit unserem Leben nichts zu tun: Schlachten, Siege, Niederlagen - Könige, Diktatoren, Potentaten - Feinde und Phantome - wir konnten damit nichts anfangen; dieses Lehrprogramm war verfehlt. Das hatte Folgen für 1968.

Überforderung

Die Überforderung der Jugend durch die Depressionen und Lebenskrisen der deutschen Dichter und Denker, durch ihre historischen Dramen und Alterswerke, die wir als 17-19-Jährige zu interpretieren hatten. Zudem redeten viele Lehrer ihr Kriegstrauma an die Schüler hin; wir waren ihr stummes und hilfloses Publikum. Diese geschlagene Generation, kriegsversehrt und mit verletzten Seelen, hatte Mühe, als kompetente Lehrer und als Autoritäten aufzutreten. So fiel für die Schüler die Auseinandersetzung mit den Autoritäten aus, und das an der Schwelle zum Erwachsenwerden, wo die Ideen von Demokratie, Aufrichtigkeit, Ich-Treue, Zivilcourage usw. ins Leben übernommen werden sollen. Vielleicht eine Erklärung für die Wutausbrüche und die Disziplinlosigkeit der "68er"? Ein Thema für Psychologen und Historiker.

"Wissensvöllerei"

Das "Bildungsspiel" des alten Bürgertums trug den Keim der Verweigerung in sich. Man sollte alles lernen und lesen - am besten schon gelernt und gelesen haben. Dieses Programm der "Wissensvöllerei" war sinnlos und verlogen, provozierte Revolte und musste scheitern. Dieses Hamsterlaufrad von Lernen und Vergessen, von "Motivation" und "Niederlage" erzeugte Wut und Depression.

Empfohlene Zitierweise:
Helle, Gerda: Schule in den fünfziger Jahren, in: LeMO-Zeitzeugen, Lebendiges Museum Online, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland,
URL: http://www.hdg.de/lemo/zeitzeugen/gerda-helle-schule-in-den-fuenfziger-jahren.html
Zuletzt besucht am: 19.09.2018

lo