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Gerda Helle: Studium in den sechziger Jahren

Dieser Eintrag wurde von Gerda Helle im August 2004 in Neu-Ulm verfasst.

Der rote Faden oder die lange Wutspur - Teil 2: Studium in den sechziger Jahren

"Und ich lernte, meine Herren. Ach, man lernt, wenn man muß; man lernt, wenn man einen Ausweg will; man lernt rücksichtslos." (Franz Kafka: Ein Bericht für eine Akademie)

Nach dem Abitur gehen all diese hochmotivierten hoffnungsvollen Leute an die Universität. Man ermöglicht auch den mittellosen Studenten ein Studium; alle wissen es zu schätzen und sind dankbar. Die Hochschul-"Pädagogik" erweist sich allerdings als Nullmedium. Die Vermittlung des Lernstoffes ist dilettantisch und ins Belieben des Hochschulpersonals gestellt. Das Rennen im Hamsterrad geht weiter: eine Verschwendung von Begabung und Zeit.

Freie Universität Berlin

Die Freie Universität Berlin war die erste Universität mit "numerus clausus"; sie konnte also "die Besten" (wer immer das auch ist) rekrutieren. Die Leistungsansprüche waren hoch, aber - nach Meinung der Studenten - nicht angemessen, was die Realität und die Berufspraxis anbelangt: veralteter Lehrstoff in der Philosophischen Fakultät und autoritäre Lehrmethoden. Den Professoren wurde viel Macht zugestanden, zuviel Macht. Sie herrschten in ihrem Bereich fast wie kleine Renaissance-Fürsten, ohne ihrerseits irgendeiner Kontrolle zu unterliegen. Beispiel für die unglaubliche Wut der Studenten: In einer Anglistikprüfung (Altenglisch und Mittelenglisch -9. bis 16. Jahrhundert - Voraussetzung für die Zulassung zum Examen) fielen immer mehr als die Hälfte der Prüflinge durch. Die waren ja nicht alle dumm und faul; die hatten alle ein klares Berufsziel. Als wir vor dem Anschlagbrett standen, das uns unser Scheitern verkündete, sagte ein Student: "Und für den findet sich kein Oswald?"(d.h. kein Mörder?). In der Berliner Anglistik entstand die erste Vorlesungskritik in Deutschland. Es war ein Tabubruch, eine Majestätsbeleidigung, mit Folgen. Der - offiziell anonym gebliebene Autor - verließ die FU und promovierte an einer anderen Universität.

Hochpolitische Atmosphäre

Noch ein Faktum charakterisierte die FU: die Wehrdienstverweigerer. Die Berliner Studenten wurden wegen des besonderen Status von Berlin nicht zum Wehrdienst eingezogen. Das erklärt die "antimilitaristische" und "marxistische" Gesinnung in der Berliner Studentenschaft. Es entstand eine hochpolitische Atmosphäre. "Alles Private ist politisch". In dieser Atmosphäre entstand auch die Szene-Poesie. Einige Beispiele:

Meine Lehrer wollen nur mein Bestes. Aber das gebe ich ihnen nicht.

Macht kaputt was euch kaputt macht.

Ich geh kaputt. Kommst du mit?

Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt.

Lieber heimlich dumm als unheimlich klug.

Und - berühmt: Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren. (Uni Hamburg)

"Elitegehabe"

Die FU-Professoren mit ihrem Elitegehabe zogen die Daumenschrauben an. Es gab Gerüchte, dass viele Professoren Frauengehirne für schlechter hielten als männliche. Ein anderes Gerücht war, dass die Selbstmordrate unter den Studenten viel höher war als in der übrigen Bevölkerung. Der Lebensstandard der Studenten wuchs nicht im gleichen Maße wie der der übrigen Bevölkerung. Hinzu kam die Insellage Berlins: keine Ausflüge ins Umland, und die ständige Angst, vom Bundesgebiet abgeschnitten zu werden und vom "Osten" geschluckt zu werden.

Die "Schuld-und-Sühne-Diskussion":

Was die Diskussion um Kollektivschuld und kollektive Verantwortung betraf, so übertrug man die Vorwürfe des Wegsehens und Nichtwissenwollens auf die Gegenwart: Jetzt sollte alles korrekt sein. Es gab all die "Nie wieder ..."-Beschwörungen, die Bußrituale in Reden und Gedenkfeiern, die aufdeckende und demaskierende (Studenten)Presse.

Die ständige Aufforderung, sich mit der NS-Vergangenheit zu befassen, sich für das Elend der Welt, besonders der Dritten Welt, zu interessieren, die ständigen Appelle an Mitgefühl und Verantwortungsbewusstsein, zusätzlich zur eigenen angespannten Lage, war eine moralische Überforderung. Dieser "Dauerbeschuss" machte die Studentenschaft reif für die Revolte: Proteste gegen den Vietnamkrieg, gegen den "Imperialismus" der Vereinigten Staaten, gegen alte Nazis in hohen und höchsten Ämtern in Politik, Wirtschaft und Justiz, - und in der Wissenschaft - gegen Anmaßung und Qualitätsmängel an den Universitäten. Die Studentenschaft lebte im "Empörungs- und Protestmodus". Es galt der Lehrsatz "Wer schweigt macht sich schuldig" oder "Wer sich nicht entscheidet hat schon entschieden." Der Weg von der Wahrnehmung und Erkenntnis über die Verantwortung zur Tat wurde immer kürzer. Schließlich schlugen einige den Weg der Tat ein; das konnte eine Demonstration sein, das konnte Randale sein; einige gingen den Weg in die Kriminalität und hörten auf, Studenten zu sein. Es gab in dieser Revolte eine kleine Führungsschicht, die ihren Narzissmus auslebte und ihre aggressiven Impulse austobte. So manch einem "Studentenführer" kamen diese Erfahrungen und Übungen in seiner späteren Karriere im bürgerlichen Lager zugute.

Die politische Debatte:

Eine Weltordnung ohne Ausbeutung: Hilfe für die Dritte Welt, faire Verträge mit den Entwicklungsländern, Enttabuisierung von Amerikas Politik. Amerika wurde "entidealisiert". Die Studenten waren nicht der Meinung, dass man Amerika das Machtmonopol über die westliche - oder gar die ganze - Welt zugestehen könne. Für die Studenten war Amerika das Amerika des Vietnamkrieges, nicht mehr das Amerika des Marshall-Plans. Damals wurden die Kritiker als undankbar und politisch dumm verunglimpft; Es gab insgesamt eine große Skepsis gegenüber den Meinungsführern in Politik und Medien (z.B. Springerpresse).

Nach dem Mauerbau 1961 wurden Arbeiter aus dem Mittelmeerraum angeworben. Diese "Gast-Arbeiter" (eine absurde Wortbildung) kamen in großer Zahl. Die Bevölkerung musste "akzeptieren" und "integrieren"; sie wurden nicht gefragt. Es gab nur Ermahnungen, Rügen, moralische Vorwürfe. Probleme? Tabu! Politik und Wirtschaft wollten Arbeiter, die Gesellschaft musste sich um die Probleme dieser Menschen kümmern. Die Ideologen hatten nun ihr "Proletariat". Aber letztlich kam von ihnen keine Lösung.

"Brain Drain"

Strukturmängel in unserm System führten zum "Brain Drain", den man lange nicht wahrhaben wollte. Die Konsum- und Exportlastigkeit unserer Wirtschaft förderte die Einwanderung von ungelernten Arbeitern, später ausufernd in unkontrollierte Einwanderung von Ungebildeten und nicht Integrationswilligen. Abwanderung an der Spitze der Bildungspyramide, Zuwanderung an der Null-Linie der Pyramide. Die Studenten, die fürs Lehramt studierten, demonstrierten für ein besseres Bildungssystem, - ein Ideal, mit dem wir uns noch heute abmühen.. Jahrzehntelanges "Wetterleuchten" wurde mit Moralpredigten abgetan. Die Schatten wurden ignoriert.

Die rigide politisch-moralische Norm verhinderte eine Diskussion, die die Trauer über das Schicksal der eigenen Nation zugelassen hätte. Wir brauchen einen milderen Umgang mit den eigenen Wunden, den alten wie den neuen. Wenn wir aus der "Wundheilung" der Vergangenheit nicht lernen, werden wir die nächste Generation nicht gut betreuen können.

Empfohlene Zitierweise:
Helle, Gerda: Studium in den sechziger Jahren, in: LeMO-Zeitzeugen, Lebendiges Museum Online, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland,
URL: http://www.hdg.de/lemo/zeitzeugen/gerda-helle-studium-in-den-sechziger-jahren.html
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