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Hannes Bienert: Alltag und Überlebensmittel

Dieser Eintrag wurde von Hannes Bienert (1928-2015) im Jahr 2013 in Bochum verfasst.

Beim Onkel in Lübeck

Von da aus ging es dann aber endlich nach Lübeck zu meinem Onkel. Dort meldete ich mich wieder an. Ich bekam wieder eine Raucherkarte für 40 Zigaretten und eine Lebensmittelkarte. Mein Onkel war Direktor der Hansabrauerei in Lübeck, die Tante war die Schwester meines Vaters. Sie hatten ein riesiges Grundstück, eine Villa mit einem Garten und Bungalow, aber der Onkel, der war so komisch. Der wollte mit der Verwandtschaft seiner Frau, also mit mir, nichts zu tun haben. Das war eine höhere Klasse, Brauereidirektor. Einmal in der Woche machte die Tante einen Damennachmittag, an dem kamen die ganzen Schauspielerinnen und Frauen des Symphonieorchesters, einmal in der Woche traf sich der Onkel mit dem Senat, er verkehrte auch mit Brandt-Zwieback, mit Niggemeier, der das Lübecker Marzipan herstellte und mit den ganzen Bonzen. Ich war ja kein Aushängeschild, ich war unberechenbar. Deshalb quartierten die mich im Garten im Bungalow ein. Ich fühlte mich da wohl und ab und zu durfte ich auch mithelfen, wenn sie große Feiern hatten. Die hatten ja alles, sogar Kontakt zum englischen Besatzungskommandanten. Im Flur stand die Bierzapfanlage, da musste ich dann Bier zapfen und die ganze Bande bedienen, Niggemeier, Brandt und die Offiziere. Wir kriegten vierzig Zigaretten im Monat, und bei denen hingen die Zigaretten einfach runter, die Sektflaschen in Hülle und Fülle, und die Engländer, die hatten Zucker und Süßstoff besorgt, damit konnte man Bier brauen. Ich klaute dann immer auch Zucker und Süßstoff, wenn ich da aushalf, also Bier ausschenkte. Im Keller war eine Waschküche, in der braute ich dann mit Zucker und Süßstoff Schnaps in einem Waschkessel. Damit der dicht war, rieb ich den Holzdeckel mit Roggenmehl ein. Wenn das heiß wurde, backte der Dampf das zu und dichtete ab, aber es wurde nicht ganz dicht, manches Mal ging der Alkohol verloren. Ich kann das heute noch produzieren, hab ich später noch im Harz gemacht, aber das zog nicht immer ganz dicht.

Illegales Schnapsbrennen im Keller des Onkels

Dann passierte Folgendes: Das ging vier- bis fünfmal gut. Dann nahm ich zwei Holzstampfer und stützte sie gegen die Decke ab, damit der Deckel fester ansaß. Dabei musste wohl etwas schief gelaufen sein, das ganze Ding explodierte, da war es mit meiner Schnapsbrennerei vorbei. Inzwischen war ich leider auch aufgefallen. Weil immer Süßstoff fehlte, hatte mein Onkel mir eine Falle gestellt. Zwischen Wohnzimmer und Büro war eine Schiebetür. Wenn er nicht da war, ging ich vom Wohnzimmer durch diese Schiebetür in sein Büro und klaute den Süßstoff für den Schnaps. Mein Onkel verband die zwei Türklinken mit Zwirnfaden und als er nach Hause kam, war der kaputt gerissen. Leider war ich an dem Tag der einzige Anwesende im Haus...

Handel mit dem selbstgebrannten Schnaps

Schnaps, was hab ich damit gemacht? In Scharbeutz, Timmendorf, und den ganzen Ostseebädern fing ich langsam wieder an, Betrieb aufzunehmen mit den ersten Gaststätten. Ich packte meine 10-15 Pullen Schnaps, die ich gebrannt hatte, in den Rucksack und dann ging ich an der Ostsee entlang zu den Restaurants oder zu den Bauern, verscheuerte den Schnaps und tauschte dann wieder gegen Speck und Kartoffeln. Dann wollte ich meine mittlere Reife nachmachen und ging zur Schule, hatte mich angemeldet, hatte aber zwischendurch Schwarzhandel betrieben und ein bisschen mit Schnaps weiter gehandelt. Das flog dann an der Schule auf und dann musste ich ... dann wurde ich rausgeschmissen! Jetzt war es so, du kriegtest nur Lebensmittelkarten, wenn du entweder Schüler warst oder Arbeit hattest. Beim Lebensmittelamt, so wie heute beim Flüchtlingsamt, brauchtest du eine Schul- oder Arbeitsbescheinigung. Beim Arbeitsamt, ich kann mich genau entsinnen, hatte ich wie immer trotz der ganzen Scheiße Glück. Ich stand da zwei, drei Stunden und als ich dran war, gab ich mich als Elektriker aus, obwohl ich immer nur ein Faible dafür, aber keine Ausbildung dazu gehabt hatte. Da klingelte beim Sachbearbeiter das Telefon und er fragte mich: "Haben Sie eine Stunde Zeit? Wenn Sie dann wiederkommen, haben Sie eine schöne Arbeit. Meine Frau ist hochschwanger, und ich habe gerade eine Tonne Koks gekriegt. Können sie das einschippen?" Und dann kam: " Ja, gerne."

Neuer Job dank Glück im Unglück

Die schöne Arbeit war in Lübeck-Blankensee. Ein paar Kilometer weiter war ein großer englischer Flughafen, und dort suchten sie deutsches Hilfspersonal. Wenn du da hinkamst, warst du gerettet. Du bekamst da deine Verpflegung und warst mit drin, und dann kriegte ich eben diesen Job, beim Engländer-Flugplatz, da war ich "electrical assistant". Mit meinen elektrischen Kenntnissen fummelte ich so ein bisschen herum. Ich kam dann zu einem älteren, deutschen, ehemaligen Marineoffizier, der perfekt Englisch konnte und die Elektrikabteilung als Kriegsgefangener leitete. Wir waren beide Elektriker und fuhren dann jeden Tag mit dem Jeep nach Travemünde. Am Flugplatz in Blankensee war ein riesiger Vorrat an Kabeln und so was alles, von den Nazis noch. In Travemünde waren schöne Villen und die waren für die englischen Offiziere mit ihren Familien vorgesehen. Diese Villen waren aber noch in Gleichstrom. Wir mussten nun alles umarbeiten, neue Kabel in Wechselstrom legen. Nach dem Krieg war Wechselstrom gängig. Mein Kollege, der ältere, deutsche ehemalige Marineoffizier, war ein schneidiger Kerl. In der Nähe des Flughafens war der Ratzeburger See. Nun war der englische Kommandant, unser Vorgesetzter, ein verspielter Sack, der den ganzen Tag am See saß und Boote mit Fernsteuerung fahren ließ. Und mein neuer Arbeitskollege, der Offizier, bastelte dann für den Kommandanten solche Dinger zusammen. Dadurch hatte er einen Stein im Brett, und weil ich bei ihm war, hatte ich dann auch einen Sonderstatus. Unsere Aufgabe bestand darin, jeden Tag nach Travemünde zu fahren. Das sind so 20 bis 30 Kilometer. Wir nahmen dann, obwohl wir pro Tag nur fünf bis höchstens zehn Meter Kabel verarbeiten konnten, jeden Tag so eine kleine Trommel mit. Da waren 50 Meter drauf, aber mit der Sondergenehmigung des Lagerkommandanten konnten wir unkontrolliert jeden Tag das Flughafengebäude verlassen. Wir haben unsere 10 Meter, die wir brauchten, vor Ort abgekniffen und mit den restlichen 40 Metern sind wir dann auf den Schwarzmarkt in Lübeck gefahren, die Straße hieß Fischergrube. Die haben wir jedes Mal verscheuert. Wir hatten eine prall gefüllte Brieftasche. Wir waren wieder "Kings".

Zuverdienst und Kontakte auf dem Schwarzmarkt

Durch die Arbeit kriegte ich auch gute Kontakte. So gab es ja zum Beispiel dieses Besatzungsgeld. Und nun hatte jemand irgendwo von den Engländern eine ganze Rolle von dem unbedruckten Papier zum Herstellen des Besatzungsgeldes aufgetrieben. Und weil ich immer mit allem Möglichen ankam, ich habe sogar Petroleum, und was ich sonst noch finden konnte, vom Flugplatz auf dem Schwarzmarkt verscheuert, haben die sich gewundert, was ich für Verbindungen hatte. Und als sie ihr eigenes Falschgeld drucken wollten, fragten sie mich, ob ich nicht jemanden, der die Feinarbeiten mit dem Geld macht, Wasserzeichen herstellen etc., besorgen könnte. Ich sagte zu, denn ich wäre dann auch am Gewinn beteiligt gewesen. Ich bemühte mich auch, aber das hat nicht geklappt, so schnell. Später erfuhr ich, dass der ganze Haufen aufgeflogen war. Ich hatte noch Glück, da war ich außen vor. Wenn wir montags zur Arbeit kamen, dann haben wir da "einen auf doof gemacht". Es gab dort große Vorratsräume. Unter der Offiziers- und der Mannschaftsmesse war ein richtig großer Kühlkeller mit Ventilator, in dem lagerten Schinken, Speck, Torte, Kuchen und alles, als Vorrat. Und dann haben wir uns erst einmal richtig satt gegessen. Wir haben das folgendermaßen gemacht. Mein Kollege war oben und ich im Keller. Er hat dann an der Sicherung gedreht: "Brennt?" - "Ja!" - "Nein!" - "Aus!" - "Noch mal!" - "Schalter an!" - "Aus!" Währenddessen aß ich mich satt. Dann ging er runter.

Handel mit Lebensmitteln

Wir gingen auch in die Abfallkammern mit den leeren Dosen. Die hatten da so große Fleischdosen, "Corned Beef", 10 Kilo waren da drin. Die Dosen waren geleert und offen, aber unten drin war dann immer noch so eine dicke Restschicht, die beim Auskippen beim Kochen drin geblieben war. Talg, Fett oder Fleisch. Wir haben das dann in kleine Dosen gefüllt, in unsere Koffer gepackt, und auf dem Markt verscheuert oder nach Hause gebracht. Heute kann wohl kaum einer richtig verstehen, was das für uns damals bedeutete. Wir bekamen pro Kopf und pro Person 125 Gramm Margarine auf dem Bezugschein für den ganzen Monat. Man kann sich ja vorstellen, wenn wir ein Kilo nach Hause brachten, was das für die Familie bedeutete, und erst recht, wenn wir das auf dem Schwarzmarkt verkauften, dann kriegten wir noch mehr dafür. Die haben auch in den Aufenthaltssälen der Offiziersmesse lange Kippen weggeschmissen. Aber Zigaretten waren bei allen knapp. Wir kriegten ja nur 40 im Monat mit der Raucherkarte. Wir sammelten dann einen Haufen Kippen zusammen, schnitten die schön ab und holten den Tabak raus. Den verkauften wir dann in 50 Gramm Dosen auf dem Schwarzmarkt.

Empfohlene Zitierweise:
Bienert Hannes: Alltag und Überlebensmittel 1946, in: LeMO-Zeitzeugen, Lebendiges Museum Online, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland,
URL: http://www.hdg.de/lemo/zeitzeugen/hannes-bienert-alltag-und-ueberlebensmittel.html
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