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Helmut Becker-Floris: Als Student in den Jahren um 1950

Dieser Eintrag wurde von Helmut Becker-Floris (*1928) im November 2005 in Hamburg verfasst.

Als Student in den Jahren um 1950

Unsere Abiturfeier 1948 verlief ziemlich spartanisch, da wir keinen Wein besorgen konnten, mussten wir mit Pfefferminztee feiern. Ich wollte Jura studieren und bewarb mich deshalb zum Wintersemester 1948/4; von zwölf Universitäten bekam ich eine Absage! Alle Studienplätze waren für die Spätheimkehrer aus der Kriegsgefangenschaft reserviert! Um die Zeit zu nutzen, begann ich ein Praktikum von sechs Monaten in einer Privatbank in Bremen, eine Chance, die nur durch Bekanntschaft mit einem Bankdirektor möglich war, selbstverständlich ohne Bezahlung. Ich war dort als Vollzeitkraft tätig und musste auch an den Überstunden teilnehmen, wenn Fehlbeträge - öfter nur wenige Mark - stundenlang gesucht wurden. Zum Abschluss erhielt ich als Anerkennung 100 DM!

Zimmersuche in Erlangen

Zum Sommersemester 1949 bekam ich von zwölf Universitäten nur eine Zusage für die Uni in Erlangen. Frohen Mutes reiste ich mit zwei Koffern zu Semesterbeginn nach Erlangen mit der Absicht, mir ein möbliertes Zimmer zu mieten. Aber weder in der Stadt noch in der näheren Umgebung fand ich ein Zimmer. Alle Zimmer wurden lieber an die gut zahlenden amerikanischen Soldaten für ihre Freundinnen vermietet. So musste ich in einer kleinen Pension wohnen, die nur deshalb preiswert war, weil die Vermieter einige Zimmer stundenweise an die Amerikaner vermieteten. Wir Studenten waren das seriöse Alibi. Jede Nacht wurden wir mehrmals von der amerikanischen Militärpolizei geweckt, die ihre Soldaten suchte. Außerdem hatte ich jede Nacht einen anderen Bettnachbarn.

Studium

Für das Studium mussten wir jedes Semester eine Studiengebühr von 150 DM zahlen, was ein Jahr nach der Währungsreform für uns viel Geld war. Zum Glück konnte mir mein Vater monatlich einen bescheidenen Wechsel geben, mit dem ich sparsam umgehen musste.

Die Hörsäle waren überbesetzt, so dass wir oft nur vom Flur Vorlesungen hören konnten. In dieser Situation bekam ich nicht viel von den Feinheiten der Jurisprudenz mit, so dass ich mich mehr auf das derzeit beliebte "Studium Generale" konzentrierte. Dieser Studiengang umfasste allgemein bildende Vorlesungen aus verschiedenen Fakultäten. Ich setzt diese Idee in der Form um, dass ich zwar einige kunstgeschichtliche und philosophische Vorlesungen besuchte, aber vor allem meinem befreundeten Medizinstudenten in dessen Vorlesungen begleitete, wo die hübscheren Studentinnen waren als in der juristischen Fakultät.

Studentenleben

Abends mussten wir auf den Straßen aufpassen, dass wir nicht von umherziehenden amerikanischen Soldaten angepöbelt wurden. Vier Jahre nach Kriegsende waren wir für die immer noch die "Verlierer". Wie jüngere Studenten versuchten dennoch ein lockeres Studentenleben zu führen. Manche erschienen in der Uni mit Pflaster im Gesicht. Sie hatten an einer scharfen Mensur teilgenommen, die die sogenannten schlagenden Verbindungen wegen des Verbots nur in den Dörfern durchführen konnten. Die ehemaligen Soldaten und auch wir ehemaligen Luftwaffenhelfer lehnten dieses Verhalten strikt ab.

Studienplatztausch

Um zum ernsteren Studium zu kommen, wollte ich an eine Großstadtuniversität, speziell nach Frankfurt/ Main. Dazu brauchte ich einen Studenten, der von Frankfurt nach Erlangen tauschen wollte, das gelang mir erst zum dritten Semester. Das Studium war nicht nur mühsam wegen der volle Hörsäle und der Seminare, sondern auch, weil es kaum Fachliteratur zu kaufen gab, so dass wir auf unsere Aufzeichnungen angewiesen waren. Natürlich fuhren wir auch nicht mit einem Auto - wie heute vielfach üblich - zur Uni, sondern mit alten Fahrrädern. Modische Kleidung spielte keine Rolle. In meiner Studentenbude stand als einziger Tisch eine alte Nähmaschine, die versenkt werden konnte. Auf dieser kleinen Holzplatte musste ich meine Arbeiten schreiben und auch essen. Außerdem war mein Zimmer mit einem Kanonenofen, einem einfachen Schrank, einer Couch und einer Kommode mit Waschschüssel ausgestattet.

Jazz-Konzerte

Wir Studenten besuchten gerne die Jazz-Konzerte, eine Musik, die wir in den Jahren bis 1945 nicht hören durften. Besonders beliebt waren die Jazz-Keller, die oft unter ausgebombten Häusern lagen. Deutsche und Amerikaner spielten gemeinsam. Hier wurde nicht getanzt, sondern bei Bier und Limonade nächtelang den Musikern zugehört. Unter den Zuhörern waren auch viele Schwarze. Ausländer studierten damals an deutschen Universitäten nur vereinzelt. Meine erste Begegnung mit französischen Studenten war ein deutsch-französischer Marsch von 6.000 Studenten von Paris nach Chartre. Dabei war unter den Teilnehmern keine Feindschaft mehr zu spüren. Allerdings sprachen unsere französischen Gasteltern mit uns kein deutsches Wort, obwohl sie Deutsch beherrschten.

Mitglied in einer katholischen Studentenvereinigung

Ich wurde Mitglied einer katholischen Studentenvereinigung, die noch nicht mit alter Tradition belastet war. Wir setzten uns mit allen Themen auseinander, die in dieser aufregenden Zeit auf uns zukamen. Aufgewachsen waren wir ja in einem Staat, in dem es nur eine Weltanschauung gab. Jetzt mussten wir zu den vielfältigsten gesellschaftlichen Meinungen Stellung nehmen. Jeder musste seinen Weg finden. Freundschaften gingen deshalb auseinander, andere wurden neu geschlossen. Mein bester Freund, zu dem ich heute noch Kontakt habe, ging leider aus beruflichen Gründen mit 20 Jahren in die USA.

Freiheit des Denkens

Ich beendete mein Studium in Frankfurt mit dem 1. juristischen Staatsexamen nach sieben Semestern 1953. Damit ging für mich ein spannender Lebensabschnitt zu Ende, in dem ich zwar ziemlich spartanisch gelebt habe, aber dafür ein breites Spektrum an interessanten Erkenntnissen gewinnen konnte. Nach der weltanschaulichen Einseitigkeit als Hitlerjunge und als Flakhelfer habe ich die Freiheit des Denkens und meines selbst verantwortlichen Handelns intensiv wahrgenommen. Und damit Erfahrungen gesammelt, die mir später beruflich sehr genutzt haben.

Empfohlene Zitierweise:
Becker-Floris, Helmut: Als Student in den Jahren um 1950, in: LeMO-Zeitzeugen, Lebendiges Museum Online, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, URL: www.hdg.de/lemo/zeitzeugen/helmut-becker-floris-als-student-1950.html
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