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Helmut Beschke: "Aktivist der sozialistischen Arbeit"

Dieser Beitrag wurde von Helmut Beschke (*1919) 2012 in Hanau verfasst.

Nach Krieg und Gefangenschaft wieder fort?

Damit ging ich [im Juli 1950] zum Jenaer Arbeitsamt. Denen war natürlich mein Schicksal völlig gleichgültig. Sie gaben mir Antragsformulare mit, die ich ausfüllen solle. Und was war das? Anträge für die Mitarbeit im Uranbergbau in Aue. Da erfasste mich die Wut. Nach vielen Jahren Krieg und Gefangenschaft, kaum zu Hause angekommen, sollte ich wieder fort? Ich zerriss die Formulare. [...]

Eine Bekannte von Evchen erzählte, dass bei Jenapharm, einem Pharmabetrieb, der bei den Schott-Werken angesiedelt war, Mitarbeiter gesucht wurden. Ich stellte mich vor, schilderte auch meine Lage, und der fragende Chemiker meinte: "Und wie sauber arbeiten Sie?" Meine Antwort: "Ich richte mich nach den jeweiligen Anforderungen." Ich konnte anfangen, im Labor der Vitamin D3-Synthese, und zunächst setzte man mich an einen Labortisch, auf dem zahlreiche Flüssigkeiten abgestellt waren, Mutterlaugen, Rückstände der Synthese.

Zwischendurch war ich natürlich auch im Schichtbetrieb der Synthese. So lernte ich alles kennen. Mit den Rückständen stellte ich allerhand an, lernte mit jedem Handgriff Neues, und am folgenden 1. Mai 1951 wurde ich "Aktivist" und in der Jenaer Zeitung abgebildet. Ich hatte das kostbare Zwischenprodukt in erheblichen Mengen und guter Reinheit isoliert, und das gesamte Verfahren wurde wirtschaftlicher.

Ein „ideologisch vorbildlicher Brief“

Evchen hatte die Nase voll [als Lehrerin an Schulkonferenzen voller "ideologischer Verrenkungen" teilzunehmen], wir beschlossen, den Spieß umzudrehen. Ich war "Aktivist" und "Fernstudent", auch Mitglied der SED. Alles Gründe zu vermuten, dass ich vielleicht einen Draht zu höheren Parteischichten haben könnte. Vor solchen Leuten hatten alle Angst. Dabei war ich ein ganz harmloser Untertan, aber ich schrieb an die Schulleitung einen ideologisch vorbildlichen Brief, in dem ich auseinandersetzte, dass meine Frau mir helfen müsste (mit genauen Zeitangaben) und deshalb für die Konferenzen leider keine Zeit mehr hätte. Das half. Nachmittags blieb meine Frau zu Hause.

Zur Person

Helmut Beschke (*26.8.1919) geht in Weißenfels an der Saale zur Schule. Nach Arbeitsdienst und Wehrdienst kämpft er im Zweiten Weltkrieg von Kriegsausbruch an als Soldat bei Feldzügen in Polen, Frankreich, Italien, der Sowjetunion und in der Ardennenoffensive. Er wird verwundet, studiert ein Semester Chemie in Jena, heiratet und kehrt zurück an die Front. Im März 1945 gerät er zunächst in amerikanische Kriegsgefangenschaft und durchläuft mehrere Lager in Frankreich: Foucarville, Voves und Attichy. Danach wird er in Deutschland der sowjetischen Armee übergeben und u.a. im ehemaligen KZ Sachsenhausen in Oranienburg festgehalten, bis er quer durch die UdSSR bis zum Kaukasus nach Wladikawkas und Kasbek gebracht. Anschließend kommt er in verschiedene Gefangenenlager in Georgien und Abchasien, bis zu seiner Entlassung in November 1949. Zurück bei seiner Familie in Jena arbeitet Beschke bei Jenapharm. 1953 gelingt ihm die Flucht aus der DDR in den Westen. Bis zur Pensionierung 1982 arbeitet er bei Degussa in der Forschung. Nach dem Tod seiner Ehefrau 2009 schreibt er an seinem Wohnsitz in Hanau seine Lebenserinnerungen auf.

Empfohlene Zitierweise:
Beschke, Helmut: "Aktivist der sozialistischen Arbeit", in: LeMO-Zeitzeugen, Lebendiges Museum Online, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, URL: http://www.hdg.de/lemo/zeitzeugen/helmut-beschke-aktivist-der-sozialistischen-arbeit.html
Zuletzt besucht am: 19.09.2018

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