Zeitzeugen > Geteiltes Deutschland: Gründerjahre

Helmut Beschke: Evchens Lehramtsprüfung und unser Eintritt in die SED

Dieser Beitrag wurde von Helmut Beschke (*1919) 2012 in Hanau verfasst.

Evchens Lehramtsprüfung

Evchen [hatte 1950] ihr 2. [Staats-]Examen mit Eins bestanden [...]. Durch meine Russisch-Kenntnisse hatte ich ihr vielfach helfen können, aber ihr Fleiß war unglaublich und entscheidend. Vor der Prüfung hatte sie eine Riesenangst, ich empfahl ihr Baldrian, sie nahm eine ganze Flasche mit, und weil sie selbst erst ganz am Schluss drankam, hatte sie die Flasche schon leer getrunken, und sie war die Ruhe selbst. Ich weiß nicht mehr, es waren wohl zehn Einzelfächer, in denen sie alles Mögliche gefragt wurde. Am ärgsten war natürlich das Fach Politik, da wurde gefragt, wie der Wortlaut eines Telegramms gelautet hat, das Rosa Luxemburg bei einer bestimmten Gelegenheit abgeschickt hatte. Evchen war natürlich ahnungslos, und sie hat irgendeinen Sermon von "Sieg der arbeitenden Klasse über den Kapitalismus" gesagt, und auch dafür bekam sie eine Eins. Der Pferdefuß am Ganzen kam auch, es wurde erwartet, dass alle, die bestanden hatten, in die SED eintreten würden, da ja die SED das Studium ermöglicht hatte. So wurde Evchen SED-Mitglied. Um Himmels willen, so war meine Reaktion, Du sagst doch immer alles, was Du denkst, Du kommst in Teufels Küche, ich kann Dich nicht allein lassen, wir gehen beide in die SED. Also ich auch. Dann gab es noch eine Aufregung. Die gesamte Ausbildung bestand aus drei Teilen: Vorbereitungskurs, danach Schuldienst, dann 1. Examen, dann Schuldienst, danach 2. Examen. Und nun merkte die Verwaltung, dass Evchen das 1. Examen und die Ausbildung dazu übersprungen hatte, und nun sollte das 2. Examen, das sie ja mit lauter Eins-Noten bestanden hatte, nur als 1. Examen anerkannt werden! Nach einigem Hin und Her beruhigte sich der Amtsschimmel und man ließ diesen Sonderfall gelten, zumal die offensichtlichen Leistungen unübersehbar waren.

Die Schule machte Evchen anfangs Spaß. Bei ihr lernten die Kinder gern Russisch, ihre Ausstrahlung bewirkte einen Arbeitseifer, so dass ein Kollege feststellte: Ihre Kinder können besser Russisch als Deutsch.

Zur Person

Helmut Beschke (*26.8.1919) geht in Weißenfels an der Saale zur Schule. Nach Arbeitsdienst und Wehrdienst kämpft er im Zweiten Weltkrieg von Kriegsausbruch an als Soldat bei Feldzügen in Polen, Frankreich, Italien, der Sowjetunion und in der Ardennenoffensive. Er wird verwundet, studiert ein Semester Chemie in Jena, heiratet und kehrt zurück an die Front. Im März 1945 gerät er zunächst in amerikanische Kriegsgefangenschaft und durchläuft mehrere Lager in Frankreich: Foucarville, Voves und Attichy. Danach wird er in Deutschland der sowjetischen Armee übergeben und u.a. im ehemaligen KZ Sachsenhausen in Oranienburg festgehalten, bis er quer durch die UdSSR bis zum Kaukasus nach Wladikawkas und Kasbek gebracht. Anschließend kommt er in verschiedene Gefangenenlager in Georgien und Abchasien, bis zu seiner Entlassung in November 1949. Zurück bei seiner Familie in Jena arbeitet Beschke bei Jenapharm. 1953 gelingt ihm die Flucht aus der DDR in den Westen. Bis zur Pensionierung 1982 arbeitet er bei Degussa in der Forschung. Nach dem Tod seiner Ehefrau 2009 schreibt er an seinem Wohnsitz in Hanau seine Lebenserinnerungen auf.

Empfohlene Zitierweise:
Beschke, Helmut: Evchens Lehramtsprüfung und unser Eintritt in die SED, in: LeMO-Zeitzeugen, Lebendiges Museum Online, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, URL: http://www.hdg.de/lemo/zeitzeugen/helmut-beschke-evchens-lehramtspruefung.html
Zuletzt besucht am: 21.06.2018

lo