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Helmut Dix: In sowjetischer Kriegsgefangenschaft in Lettland

Dieser Eintrag wurde von Helmut Dix (*1920) aus Berlin im Jahr 1950 verfasst.

Arbeit bei 50 Grad Kälte im Winter

Bei jedem Wetter mussten wir heraus, wir hatten bis 50 Grad Kälte in dem Winter, bei der menschenunwürdigen Verpflegung, bei der Bekleidung und schweren körperlicher Arbeit. Anfang März 1946 wurden wir mit unserem Kommando in Dauzeva [Daudzese] westl. Mitau [Jelgava] stationiert, wir wohnten weiterhin in unseren Waggons auf einem Abstellgleis. Hier mussten wir jeden Tag Waggons mit Brennholz, Grubenholz, Langholz und geschältem Papierholz beladen. Mit einer Kleinbahn wurden täglich große Mengen Holz verschiedenster Arten aus den 12 km entfernten Wäldern auf dem Holzplatz am Bahnhof angefahren. Hier hatten sie uns nun gefasst; Arbeit am laufenden Band. Die Hälfte von uns fuhr mit der Kleinbahn und holte das Holz aus den Wäldern und die andere Hälfte musste das Holz auf die Waggons der Staatsbahn verladen. Antreibermethoden und Schikane am lfd. Band, 2-3 Tage ohne jegliche Verpflegung, war an der Tagesordnung. Die Verpflegung musste aus Riga geholt werden; wenn diese endlich ankam, hatte sich der Chauffeur so etliche Kilo Brot und Zucker und Tabak unter den Nagel gerissen.

“Wir Plennys“

Die Gelackmeierten waren wir Plennys [russisch: Kriegsgefangene]! Trotzdem diese Gegend nun schon so von den Plennys abgegrast war, bekam man hier und da doch noch mal ein Stück Brot oder eine Handvoll Kartoffeln. Neue Methoden mussten erfunden werden. Kleine Gebrauchsgegenstände, die wir noch gerettet hatten, wurden verkauft. Ich hatte noch deutsche Nähnadeln, die waren von den Letten sehr begehrt, damit fing ich ein ambulantes Gewerbe an. 1 Nadel ein Rubel oder ein Stück Brot. Einmal bekam ich von einer Frau aus Mitleid für 2 Nadeln 10 Rubel ein anderes Mal ein halbes Bauernbrot usw. Bei einem Bauern haben wir eine Stunde Holz gesägt, dafür bekamen wir mit 2 Mann eine Schüssel Pellkartoffeln. Natürlich haben wir uns immer heimlich von unserem Kommando davongemacht. Die Russenposten haben mich nie erwischt; einmal hat es der deutsche Kommandoführer bemerkt, dafür wurde uns 3 Mal der Nachschlag entzogen, den es jede Woche einmal gab. Man musste alles mit in Kauf nehmen, auch den Neid der lieben Kameraden. Einer gönnte dem Anderen bald nichts mehr, umso größer der Hunger umso schlimmer wurde es. Jeder war sich selbst der nächste.

Zur Person

Helmut Dix wird 1920 in Westpreußen geboren und 1939 zur Wehrmacht eingezogen. 1945 gerät er in sowjetische Kriegsgefangenschaft, aus der er 1949 entlassen wird. Danach reist er zu seiner inzwischen nach Berlin geflüchteten Mutter. 1950 schreibt er seine „Erlebnisse in russischer Kriegsgefangenschaft“ in Berlin nieder. Er bleibt dort bis zu seinem Tod im Jahr 2012.

Empfohlene Zitierweise:
Dix, Helmut: In sowjetischer Kriegsgefangenschaft in Lettland, in: LeMO-Zeitzeugen, Lebendiges Museum Online, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland,
URL: www.hdg.de/lemo/zeitzeugen/helmut-dix-kriegsgefangenschaft.html
Zuletzt besucht am: 17.01.2018

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