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Herbert Engemann: Kriegsgefangenschaft im Hauptlager Brjansk

Dieser Beitrag wurde von Herbert Engemann (1923-2016) in den 1990er Jahren verfasst.

„Was haben sie mit euch gemacht?“

Am 31. Dezember [1945], in der Silvesternacht, bei 20 Grad Kälte ging es auf einem offenen LKW in das so genannte Hauptlager. Das war in Brjansk. Bezhitsa war ein Vorlager. Das Hauptlager war ein riesiger Apparat mit Kasernen, fest gebaut, mit elektrischem Licht. Ich dachte, wir trauen unseren Augen nicht! Wir fahren da ins Lager rein, kommen sofort in die Hand von Ärztinnen, die uns alles sofort abrasierten, was wir an Haaren hatten. Und eine russische Ärztin ging immer um uns herum und schlug die Hände über dem Kopf zusammen und sagte: „O, Bosze moi [„Oh, mein Gott!“], was haben sie mit euch gemacht, dass ihr so runtergekommen seid?“ Das muss man sich vorstellen! Und diese Frau hatte zwei Söhne im Krieg verloren.

Dann wurden wir jeden Tag gebadet, in die Sauna geschickt, ins Krankenhaus mit weißen Betten. Wir bekamen Kascha-Suppe und Brot, das war ein Brei, Erbsenbrei oder Linsenbrei.

Dass es in dem Lager so gut ging, lag daran, dass hier ein großes Industriekombinat wieder aufgebaut werden musste. Die Russen hatten alles in großen Kombinaten organisiert. Dort wurden Überlandlokomotiven gebaut. Die Deutschen hatten natürlich alles zerstört. In so einem Kombinat waren Sägewerke, war ein Hochofen, wurde Stahl verhüttet. Holzfabriken waren da und dergleichen mehr. Es war eine richtige Industriestadt. Und die Gebäude gehörten dazu. Die Kriegsgefangenen bauten das alles wieder auf. Viele waren Spezialisten und bekamen auch entsprechend gut zu essen.

Aber was wollten sie mit uns machen? Ich war Abiturient, das heißt, zu nichts tauglich. Wer da einen praktischen Beruf hatte, als Metallarbeiter, als Metallgießer und vor allen Dingen als Friseur, hatte es leichter. Überhaupt der Friseur, das war der Beruf! Die haben ein Bombenleben gehabt. Sie haben die russischen Frauen frisiert, Haare geschnitten bei den Offizieren, waren wunderbar gekleidet, liebten russische Frauen. Die gingen da wie die Herren, die Friseure. Aber ich war eben Abiturient ...

Abiturient am Schmiedefeuer: das dünnste Blech

Da wurde ich dann also hochgefüttert und bekam ein Kommando an der Bolwa [Fluss]. Da musste ich bei 25 Grad Kälte mit Filzstiefeln im Wasser stehen und musste Stämme lospickeln, die dort angeflößt und eingefroren waren. Das war ganz furchtbar. In kürzester Zeit war alles kalt. Dann steckte man die Füße in Sägespäne, da wurden sie warm, dann ging man wieder ins kalte Wasser. Das habe ich 14 Tage ausgehalten, dann war ich wieder so entkräftet und kam wieder ins Revier.

Ja, und nun kam irgendwie eine Fügung des Himmels. Dieser kleine Sanitäter, dieser Günter Salmann, war auch mit mir gekommen. Der hatte einen älteren Kriegsgefangenen kennen gelernt, den Lagerführer, Kompanieführer Großkurt. Den Mann kann ich nicht hoch genug einschätzen. Er war ein überzeugter Kommunist in der Nazizeit, hatte den Sowjetstern „Proletarier aller Länder, vereinigt euch“ eingebrannt in seiner Hand und wurde nun der größte Nationalsozialist.

„Für dieses Scheiß-System hab ich gearbeitet, bin ich von Strafkompanie zu Strafkompanie gegangen. Und wenn ich hier sehe, dass nichts klappt, die Ausbeutung des Menschen ...“ Ich sag: „Halt den Mund, die verhaften dich!“ Dieser Mann, der sich vom „Saulus zum Paulus“ wandelte, der nahm sich unser an. „Pass mal auf“, sagte er, „das geht so nicht weiter. Du kommst in den Lagerkeller.“ Der Lagerkeller, das war ein riesig großer Keller mit Kraut und Rüben. In diesem Keller hatte ich dann die Funktion, ein Feldschmiedefeuer zu treten. Das tat ich dann. Da kam dann ein so genannter Ingenieur und hat Metall zurechtgeformt zu einem Spaten. Das kam in das Feuer. Dann wurde die Spatentülle heiß, und dann kam der Holzstiel rein. Das wurde abgeglüht und zugeklopft. Dann war ein Spaten fertig.

Wir mussten 25 Spaten schaffen. Damit wir das schafften, haben wir natürlich das dünnste Blech gesucht, was es da gab. Alles lag noch von der Zerstörung da. So haben wir also Blech gesucht. Aus den Platten wurde die Form herausgeschnitten. Ich trat also das Schmiedefeuer mit großer Perfektion, dachte aber: „Mensch, wer mit diesen Spaten arbeiten muss, das ist ja ein armes Schwein!“

Strafdienst auf der Kolchose

Inzwischen war der Sanitäter, der Günter Salmann, krank geworden und sagte: „Ich sehne mich so nach einer frischen Mohrrübe, bringt mir doch mal eine frische Mohrrübe.“ Ich bin dann in den Keller gegangen und habe eine Mohrrübe genommen. Das sah der Unteroffizier, der Kellermeister. Ich bekam am nächsten Tag nicht mehr das Kommando am Schmiedefeuer, weil ich Diebstahl begangen hatte.

Da kam wieder dieser Großkurt mit seinem Sowjetstern und sagte: „Ihr kommt auf die Kolchose.“ Kolchose, dachten wir, Mensch, da gibt es was zu essen. Also, morgens früh um 8 Uhr ging es los. Da kam ein LKW mit einem russischen Posten darauf, der lud 20 Mann auf. Die Wagenklappe wurde runtergeklappt – und was sehe ich? Da liegen unsere Spaten!

Die Fahrt ging über diese schlammigen Wege. Ich sehe ihn noch vor mir: einen richtigen Wolf. Zum ersten Mal habe ich da einen Wolf gesehen, wie er sich durch die Büsche schlug.

Dann hielt der Wagen. Ich sagte: „Gdje Kolchosa?“ Das heißt: Wo ist die Kolchose? Sagt der Posten: „Sjes Kolchosa.“ Hier ist die Kolchose. „Kolchosa budit.“ Die Kolchose soll erst werden.

Dann standen wir da. Wo wir zunächst mal geschlafen haben, weiß ich gar nicht. Jedenfalls, sobald der Morgen losging, standen wir 1 m nebeneinander und mussten 100 m graben, umgraben. Wir standen in langer Reihe. Mit den Spaten! Dann brach wieder einer ab, dann holst du einen neuen Spaten ...

Da hat mich ein Ostpreuße sehr beeindruckt. Der hatte so viel Hunger, dass er die Engerlinge fraß. Frisch wie sie kamen. Wenn er grub und fand einen Engerling, zog er ihn rauf und - ffcht - hat er ihn runtergeschluckt. Das ist ja reines Eiweiß. Aber für mich war das nichts.

Erdhütten decken

Ja und so haben wir also ein paar Tage da gegraben. Kam wieder der Großkurt, sagte: „Was macht ihr hier? Das ist für euch zu schade. Ihr kriegt ein Sonderkommando. Ihr deckt Erdhütten.“ Diese Erdhütten waren solche, wie die Archäologen sie heute ausgraben, Erdhäuser. Sie sollten als Behausungen für Leute dienen, die dann kommen sollten, hunderte. Sie sollten die Kolchose weiter bewirtschaften.

Dazu wurden eben Löcher ausgegraben, etwa 6 x 6 m. Dann wurden Äste dazu gestellt, daraus ein Gestell gemacht. Das wurde mit Rasen gedeckt. Die Zimmermannsarbeiten leitete ein Ingenieur. Er nannte sich Ingenieur, ich weiß gar nicht, was der tatsächlich für einen Beruf hatte. Aber das wurde alles ohne einen Nagel gemacht, so wie in Afrika.

Es gab dann auch wieder einen Unterarzt, der auch operierte, und zwar mit dem Taschenmesser, der vor allem Furunkel schnitt und verband. Der nächste, der kam, kriegte den Verband von dem, wo es schon ein bisschen abgeheilt war.

Wir haben also dieses Kommando gehabt, zu decken, und bekamen dafür Sonderrationen Brennesselsuppe. Es gab nur Brennesselsuppe, und zwar im großen Eimer. Jeden Tag bekamen wir einen Eimer Brennesselsuppe. Oben rein, unten raus, das war ja sehr gesund. Wir gingen auch in den Wald Brennesseln sammeln.

„Da lebten die Russen“

Da sehe ich einen Erdhaufen und gehe darauf zu. Plötzlich grinst mich daraus eine Frau an. Ja, da lebten die Russen! Ihr Dorf war völlig verbrannt, die Häuser alle weg. Das hatten wir ja gemacht, Nacht für Nacht habe ich die ganzen Dörfer brennen sehen, monatelang. Da waren die in den Wäldern und lebten dort und beneideten uns, dass wir sogar noch Suppe kriegten und Brot. In dem Dorf waren Frauen und Kinder. Sie waren freundlich.

Dann erlebte ich da eine furchtbare Sache. Es kamen dann also im Lauf der nächsten Monate wirklich hundert, zweihundert Kriegsgefangene. Sie arbeiteten da recht und schlecht. Es war auch ein Trecker da aus der Stalin-Zeit, der nie lief und meistens kaputt war. Man reparierte den Trecker immer wieder. Aber weil das eben große Spezialisten waren, bekamen sie ganze Eimer voller Kascha, voller Hirsebrei und konnten sich satt essen. Der Trecker lief dann wieder mal. Dann war er wieder drei Tage kaputt.

Die Kolchose fing dann also an zu laufen. Auf einmal war alles voller Rüben, Kraut. Und dann hieß es, versammeln auf dem Appellplatz. Und da versammelten wir uns, standen die hunderte da. Da wurde einer von zwei Leuten reingeführt. Und dieser Großkurt, der zeigte sich dann von der anderen Seite.

„Dieses Schwein hat pfundweise Brot unterschlagen. Brot, das Euch gehört!“ Und dann haben sich alle auf den gestürzt und schließlich wurde er mit der Trage weggetragen. Das war schaurig. Gelebt hat er wohl noch. Kameradendiebstahl.

Zur Person

Herbert Engemann wird 1923 im oberschlesischen Hindenburg (Zabrze) geboren. Nach Abitur und Kriegseinsatz gerät er 1945 in russische Kriegsgefangenschaft, aus der er 1949 entlassen wird. Anschließend studiert er in Göttingen Latein und Geschichte. Das Studium schließt er mit einer Promotion ab. Nach dem Referendariat in Dortmund arbeitet er ab 1958 als Lehrer am Gymnasium Marianum in Warburg. 1974 wird er Schulleiter des Städtischen Gymnasiums Brakel (ab 1982 Petrus Legge-Gymnasium). Neben seiner beruflichen Tätigkeit forscht und publiziert er zu verschiedenen Themen der Stadtgeschichte Brakels, insbesondere zur Geschichte und zum Untergang der jüdischen Gemeinde der Stadt. Er trägt zur Gründung des Stadtmuseums Brakel bei sowie zur Errichtung eines Gedenksteins für jüdische Bürgerinnen und Bürger der Stadt, die während der NS-Zeit ermordet wurden. 1996 wird ihm das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen. Herbert Engemann stirbt im September 2016 in Calden.

Empfohlene Zitierweise:
Engemann, Herbert: Kriegsgefangenschaft im Hauptlager Brjansk, in: LeMO-Zeitzeugen, Lebendiges Museum Online, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, URL: http://www.hdg.de/lemo/zeitzeugen/herbert-engemann-kriegsgefangenschaft-im-hauptlager-brjansk.html
Zuletzt besucht am: 05.10.2022

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