Zeitzeugen > Nachkriegsjahre

Josef Ullrich: Das Kriegsende bei uns

Dieser Eintrag stammt von Josef Ullrich (*1938). Er hat ihn im Jahr 2009 verfasst und 2015 überarbeitet.

"In meiner Familie gab es keine Nazis"

Als Kind einer sozialdemokratischen Arbeiterfamilie in Aussig a. d. Elbe-Schreckenstein (Sudetenland) erlebte ich zwangsläufig sehr früh das politische Geschehen. Schon kurz nach meiner Geburt wurde mein Vater von den Nazis inhaftiert und aus politischen Gründen als Werkzeugmacher fristlos entlassen. Die Schicht-Werke sollten ein nationalsozialistischer Musterbetrieb werden. Da wollte man keine Roten mehr haben. Meine Mutter stand vor einer ungewissen Zukunft, vielleicht ohne Ernährer dazustehen. Zum Deutschtum sollten die Inhaftierten mit SA-Liedern erzogen werden. Es wurden aber auch Leute im Lager geschlagen, wie mein Großvater. Nach Dachau würden sie gebracht werden und sollten sich bereithalten, wurde ihnen einige Male gesagt. Nach 8 Wochen geschah etwas Unwahrscheinliches: Ein Wehrmachtsoffizier erschien im Lager. Was sind das für Leute? fragte er die Lagerleitung - Rote - Sozis und Kommunisten. Seine Entscheidung: Schicken Sie die Leute nach Hause. Als Werkzeugmacher bekam mein Vater sofort wieder Arbeit und wurde uk (unabkömmlich) gestellt.

"Der Widerstand in unserer Familie war vorprogrammiert"

Unsere Familie jubelte nicht, als Hitler 1938 das Sudetenland heim ins Reich holte – im Gegenteil. Der Widerstand in unserer Familie war vorprogrammiert. Mit Heil Hitler grüßte man nur, wenn es unvermeidlich war, und dann nur genuschelt. Wäre ich gerade nicht zur Welt gekommen, wären meine Eltern nach Schweden emigriert wie viele Sozis.

Mein Vater hörte während des Krieges Radio London oder Radio Moskau. Das war strengstens verboten (Zuchthaus, u.U. Todesstrafe). Bei Familientreffen war der Kriegsverlauf immer das Thema. So bekam ich schon früh vieles mit. Von Judentransporten nach Theresienstadt wurde erzählt. Nachts fuhren die Züge an unserer Siedlung vorbei. Auf unserem Bahnhof standen gelegentlich bewachte Güterwagen, aus denen Kinderweinen zu hören war, wie der Großvater erzählte. Mehrmals wurde er von den Wachposten zum Weitergehen aufgefordert. Namen wie Stalingrad, Churchill, Stalin, KZ und schließlich Normandie sind mir damals als Sechsjährigem schon vertraut gewesen. Über den "Führer" und Goebbels wurde nur abfällig gesprochen. An die geheimen Wunderwaffen, die den Endsieg bringen würden, glaubte keiner in unserer Familie. Von den großen Jungs (HJ) hörte ich das und verstand nicht, warum mein Vater das anders sah.

Kriegsende 1945

In den letzten Kriegstagen kam meine Tante ganz fassungslos: Stellt euch vor, der Goebbels hat in Berlin seine sechs Kinder vergiftet und dann seine Frau und sich. Man traute denen alles zu, dass sie aber dazu fähig waren, war unfassbar. Kurz zuvor meldete der Rundfunk, dass unser Führer Adolf Hitler bis zum letzten Atemzug im Kampf gegen den Bolschewismus kämpfend für Deutschland gefallen sei.

Die Widerstandsgruppe

Gegen Ende des Krieges bildete sich eine Widerstandsgruppe, die die geplante Sprengung der Elbestaustufe durch die Wehrmacht verhindern wollte. Mein Vater gehörte dazu. Seine Aufgabe war, Beobachtungen über die Wachmannschaften zu machen. Ein im Kraftwerk Beschäftigter hätte die Zündschnüre zu den Sprengkammern durchgetrennt, bevor die Wachmannschaft die Staustufe verlassen hätte. Der Rückzug erfolgte jedoch zu überstürzt. Noch unter den Augen des Kommandanten warfen zwei Beschäftigte die Sprengladungen in die Elbe, ohne dass ihnen was geschah.

Die Überlegung spielte auch mit, nach Kriegsende ein Alibi zu haben, aktiver Nazigegner gewesen zu sein, denn sie wussten, was Edvard Beneš, der tschechische Präsident, im Londoner Exil vorhatte – die Vertreibung der Deutschen. Über einen nach Schweden emigrierten Genossen kamen die Nachrichten. Der Briefverkehr klappte, wenn auch verklausuliert.

Die Russen besetzen die Stadt

Zum Volkssturm wurde mein Vater in den letzten Tagen herangezogen und baute Panzersperren. Es hieß: Kommen die Amerikaner, ergebt Ihr Euch, kommen die Russen, müsst Ihr kämpfen. Es kamen aber die Russen und es wurde nicht gekämpft. Bis auf die Bombardierungen von Aussig fanden keine Kampfhandlungen statt. Den Angriff auf das 50 km entfernte Dresden erlebten wir von uns aus mit.

Vor den Russen waren Wehrmacht und Waffen-SS auf der Flucht gen Westen zu den Amis. Munition u. Waffen lagen rum. Willkommenes Spielzeug für die ehemaligen Hitlerjungens, die gezündete Handgranaten in die Elbe warfen.

Ich erinnere mich noch gut, wie mich meine Eltern früh weckten, als die ersten Vortrupps bei uns in der Siedlung auftauchten: "Josi, steh auf, die Russen sind da!"

Die Spannung war groß, was passieren würde, aber es passierte nichts. Die Leute hängten weiße Tücher aus den Fenstern und die Frauen versteckten sich in Kellern oder auf Dachböden. Zögerlich ging ich mit meinem Vater zur Landstraße und sah die Sowjetsoldaten auf ihren Panjewagen vorbeiziehen. Die meisten schliefen, andere lächelten. Einige Wagen hatten leichte Geschütze angehängt. Dazwischen überholten Panzer und LKWs. Ein Offizier kam zu uns in die Wohnung und bat um etwas zu trinken. Papa bot ihm Schnaps an. Er sprach etwas deutsch. Meine Mutter hatte sich in unserer Kammer versteckt. Papa meinte zu ihm, jetzt sei doch der Krieg zu Ende und jetzt geht es nach Hause. Er lachte und sagte, das Ziel wäre jetzt Konstantinopel/Istanbul.

Vereinzelt ließen die Russen die größeren Jungs auf ihren Panzern mitfahren. Übergriffe der Rotarmisten an der Bevölkerung blieben bei uns weitgehend aus, denn sie bekamen gesagt, dass sie sich nicht mehr auf deutschem Boden befänden.

"Für unsere Familie war die Befreiung gleich zu Anfang enttäuschend"

Für unsere Familie war die Befreiung gleich zu Anfang enttäuschend. Mit der roten Fahne zur Begrüßung standen die Sozis am Straßenrand, mein Onkel vorneweg, doch die Russen nahmen kaum Notiz von ihnen. Sogleich gingen die alten Schreckensteiner Sozis an den Wiederaufbau der Gemeindevertretung. Sie suchten den Kontakt zu den tschechischen Genossen. Doch merkten sie bald, dass die an einer Zusammenarbeit nicht interessiert waren.

Mein Vater wurde Mitglied im Antifabüro, wo er sogenannte Grüne Karten ausstellte, für Personen, die Nazigegner waren. Die schützte vor der Vertreibung mit 40 kg Handgepäck. Alle Deutschen mussten weiße Armbinden tragen.

Pogrom an den Deutschen in Aussig

Im Sommer 1945 passierte ein Pogrom an der deutschen Bevölkerung, das als das "Massaker von Aussig" in die Geschichte einging. Auslöser war die Explosion des ehemaligen Munitionslagers der Wehrmacht. Es sei ein Anschlag der Deutschen (Werwölfe) gewesen.

Die tschechische Werksleitung, wo mein Vater arbeitete, hatte ihre deutschen Arbeiter rechtzeitig gewarnt, nicht durch die Stadt zu fahren. Es würde der Mob wüten, der nicht aus Aussig war. Noch heute ist ungeklärt, wer hinter dieser Aktion stand.

Die Rache der Tschechen war fürchterlich. Der Mythos Werwölfe diente auch als willkommene antideutsche Stimmungsmache. In diesen Tagen schwammen auch Leichen mit Landseruniform in der Elbe. Übergriffe der Russen, wie sie woanders vorkamen, blieben bei uns weitgehend aus. Mein Vater meinte, sie konnten nicht zwischen Deutschen und Tschechen unterscheiden. Außerdem standen hohe Strafen aus.

Schulzeit während und nach dem Krieg

1944 kam ich in die Schreckensteiner Bürgerschule. Aufgereiht wurden wir auf dem Schulhof vom Schulleiter in brauner Uniform mit Hakenkreuzbinde begrüßt. Wir mussten umziehen, als die Schule eine SS-Kaserne wurde. Mit ihrer Fahne auf dem Schuldach machten sie Schreckenstein erst richtig zur Zielscheibe. Zweimal musste meine Klasse die Schule wegen der ständigen Luftangriffe wechseln. Im Frühjahr 1945 war dann vorerst meine Schulzeit zu Ende. Erst 1947 ging ich wieder in die Schule, ich kam in die zweite Klasse der tschechischen Volksschule. Mit meinem mündlichen Tschechisch, ging es gut, nur nicht mit dem Schriftlichen. Ich sprach einen Dialekt, der in der Gegend um Prag gesprochen wurde. Als der Klassenlehrer meine Nationalität erwähnte, schauten mich alle erstaunt an. Mir konnte auch niemand helfen, denn meine Eltern konnten kein Tschechisch. Lesen, Schreiben und Rechnen hatte ich in der Zeit von 1945 bis 1947 mit meinen Eltern geübt.

Übersiedelung nach Deutschland

Da es in der neuen Tschechoslowakei für die verbliebenen Deutschen, auch als Antifaschisten, keine Perspektiven mehr gab, übersiedelten wir 1948 freiwillig nach Hessen.

Mein Großvater dachte lange, dass dieses Unrecht der Vertreibung nicht bleiben könne und alle bald wieder zurückkommen würden. Meine Mutter wollte nicht ihre Eltern alleine zurück lassen, sonst wären wir schon früher weg. Als der Großvater merkte, so wie vor 1938 würde es nicht mehr werden, resignierte er. Für ihn war die Befreiung vom Naziregime eine doppelte Enttäuschung, denn alle seine Hoffnungen, die mit dem Ende dieser Zeit verbunden waren, erfüllten sich nicht. Zwar erhielt er die tschechische Staatsbürgerschaft, aber sein Haus, das ihm die Nazis genommen hatten, bekam er nicht mehr. Dass man nun auf allen Ämtern tschechisch sprechen musste, gab ihm noch den Rest und schließlich im Februar 1948 als die Tschechoslowakei ein Satellitenstaat Moskaus wurde.

"Mir wäre es hier nie so gut gegangen wie in Deutschland"

Auf einem Flüchtlingstreffen traf mein Großvater einen seiner Peiniger aus dem Lager, der ihn begrüßte, als wären sie beste Freunde gewesen.

1964, auf dem Prager Wenzelsplatz sprach uns ein Tscheche an: Wann kommt ihr Deutschen wieder und befreit uns von diesen Faschisten? Darauf mein Vater: Ich bin Euch dankbar, dass Ihr mich rausgeschmissen habt. Mir wäre es hier nie so gut gegangen wie in Deutschland.

Zur Person

Josef Ullrich wird 1938 im damaligen Aussig an der Elbe (heute Usti nad Labem, Tschechien) geboren. 1948 siedelt er mit seiner Familie nach Friedberg in Hessen über. 1951 zieht Ullrich nach Frankfurt/Main um. Nach der Volkschule und einer Mechanikerlehre wird er auf dem Zweiten Bildungsweg 1962 Diplom-Ingenieur für Feinwerktechnik. Ullrich ist verheiratet, hat einen Sohn und zwei Enkel. Heute engagiert er sich in der Kommunalpolitik.

Empfohlene Zitierweise:
Ullrich, Josef: Das Kriegsende bei uns, in: LeMO-Zeitzeugen, Lebendiges Museum Online, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland,
URL: http://www.hdg.de/lemo/zeitzeugen/josef-ullrich-das-kriegsende-bei-uns.html
Zuletzt besucht am: 21.06.2018

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