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Karl Deutmann: Zerstörtes Berlin 1945

Aufzeichnungen aus dem Tagebuch von Karl Deutmann aus Adlershof bei Berlin (DHM-Bestand).

Auszüge aus einem Tagebuch

24. Juni 1945

Wir sind heute nach Berlin gefahren, meine Frau und ich. Die Straßen sind, soweit es möglich ist, aufgeräumt, um den Verkehr notdürftig wiederherzustellen. Man hat die umherliegenden Steine vom Mörtel befreit und vor den Häusertrümmern aufgebaut. Zeitweise geht man über einen Teppich von Staub. Am Alexanderplatz lag ein gewaltiger russischer Panzer zerschossen auf der Straße. Nicht weit davon ein deutscher, der hier seinen letzten Kampf gekämpft. Die Stadt ist ein öder, unheimlich wirkender Trümmerhaufen mit gespenstischen Formen ehemaliger Häuser, Straßen, Plätze und Stadtviertel. Wie von der Hand eines Riesen zerschmettert liegt das Trümmerfeld der 4 ½ Millionenstadt in der Sonne, umsäumt von dem grünen Kranz der nicht so schwer mitgenommenen Vororte.

In Berlin herrscht die Ruhr. Große Anschläge fordern die Bevölkerung auf, kein ungekochtes Wasser zu trinken, das Fleisch lange zu kochen oder zu braten. Alle Küchen- oder andere Abfälle tief zu vergraben.

Aber was nützt das alles? Die Toten liegen unter den Trümmern, die Ratten vermehren sich erschreckend und es fehlt an Medikamenten und Alkohol. Vor einem Schlächterladen lud man Fleisch ab. Es waren große Stücke, halbe, angeräucherte Rinder. Aber selbst beim Transport waren die Teile von Hunderten dicker schwarzer Fliegen bedeckt. Auf einem Trümmerfeld, was früher eine Mühle war, wuchs Roggen und Weizen. Auf anderen Geröllhalden stand hohes Gras und wohl auch eine Blume.

Russische Soldaten durchziehen die Trümmerstadt, Autos hupen, Trupps von Nazifrauen beseitigen Trümmer und säubern die Straßen, Kinder buddeln in dem Steingeröll nach Holz und dazwischen malt ein ergrauter Mann an seinem notdürftig zusammengezimmerten Kellerladen. "Damen- und Herrenkonfektion". In einer kleinen Buchhandlung konnten wir Ansichtskarten, Briefpapier und Stahlfedern kaufen. In anderen Läden hingen Schilder wie: "Kartoffeln noch nicht eingetroffen" oder "Brot ausverkauft" oder "Heute kein Fleisch mehr" usw. Man sieht wieder deutsche Polizei, die Frauen tragen wieder bunte Kleider und in so vielen müden Augen glimmt ein Funke der Hoffnung.

26. Juni 1945

Ein Freudentag! Nach acht Wochen erhielten wir heute 150 Gramm Margarine. Es gab abends Bratkartoffeln, Pudding aus Weizengrütze und Rhabarberkompott. Daneben lief heute die Zuteilung an Bohnenkaffee und Zucker. Schön war das! Wunderschön!

9. Juli 1945

Wir sind wieder mal nach Berlin gefahren, meine Frau und ich. Wir landeten infolge einer Straßensperre auf einem kleinen Kirchplatz der vollkommen zerstörten Kirche in der Weberstraße.

Wir standen vor Einzel- und Massengräbern von deutschen Soldaten, vor Gräbern von unbekannten Toten und toten Kindern. An der ausgebrannten Kirche, umgeben von Geröll und Trümmern, begrenzt von zerstörten Häusern, hatten sie alle neben Bombentrichtern auf dem verwüsteten Platz ihre letzte Ruhestätte gefunden. Inmitten der Gräber aber lagen Teile vom Rumpf eines abgeschossenen amerikanischen Jägers. Eine Tragfläche aus Metall, von MG-Kugeln und Splittern durchsiebt, lehnte an einem Grab an der Kirchwand.

Und vor uns, den Augenblick werden wir nie vergessen - ("ist dort ein Bär verendet", fragte meine Frau leise) - lag die verkohlte Pelzkombination des abgeschossenen Fliegers. Vom Kopf, den Händen und Füßen der Leiche war nichts mehr zu entdecken. Aber die Beine und der Rumpf waren noch ausgefüllt. Und hunderte von dicken Fliegen liefen emsig in den verschmorten Fleisch- und Fettresten in dem verkohlten Pelzwerk umher, wo einmal der Rücken eines Menschen gewesen war. Hatte diesen schrecklichen Rest eines Menschen in dem verkohlten Pelz, der aussah wie ein verendetes, verbranntes, wildes Tier nicht auch eine Mutter geboren, hatte er nicht auch jemand geliebt, der auf ihn wartete? Weshalb hatte man diesen Ärmsten aller Armen nicht begraben? Er starb als Feind, aber mit diesem traurigen Rest von einem Menschen haben wir wohl tiefes Erbarmen gefühlt.

11. Juli 1945

Reste von Autos mit Geschoßgarben im Kühler, den Scheiben, den Außenrändern der Karosserie und zertrümmerte Motorräder, Bombentrichter, militärische Ausrüstungsgegenstände, Schutt und Steinhaufen - das war der Pariser-Platz. Vom stark beschädigten Brandenburger Tor hingen die traurigen Fetzen des ehemaligen Siegeswagens. Zu beiden Seiten der Charlottenburger-Chaussee (via triumphalis) standen die zerschossenen, herrlichen alten Bäume mit ihrem spärlichen Grün und ließen den Blick durch auf den riesigen Trümmerblock des Reichstagsgebäudes. Rechts und links des Weges zerschossene Autos, die sich überschlagen hatten, als sie die tödliche Geschoßgarbe erhielten, weil der lenkende Mensch im letzten Kampf mit dem Tode, die Kugeln im Körper, sich aufbäumend gegen die jäh hereinbrechende Nacht, über sich und den Wagen die Herrschaft verlor.

Dazwischen trafen wir immer wieder Gräber an, meistens deutsche, einmal nahe am Weg, einmal wieder entfernt. Einmal mit Kreuz und Namen, einmal nur mit dem Helm oder aber nur den schlichten Hügel.

Überall im Tiergarten verstreut lagen von deutschen Flugzeugen abgeworfene Versorgungsbomben, welche die eingeschlossenen deutschen Soldaten mit Munition, Benzin, Lebensmittel und Verbandszeug versehen hatten. Schwer, bitterschwer war hier gekämpft worden um jeden Baum, um jeden Atemzug. Hier mögen auch viele Russen in Massengräbern schlafen. Das Wasser des Landwehrkanals roch fürchterlich nach Leichen. [...]

Vor dem großen Gebäude des Propaganda-Ministeriums in der Emserstraße hatte man auf einem Erdhügel den abgeschlagenen Kopf einer schwarzen Hitler-Büste aufgestellt. Der Kopf trug einen viel zu kleinen Stahlhelm der SS. Davor im Sande aber lag mit der Scheide gekreuzt ein rostiger SS-Offizierssäbel und darauf lag eine schwarze SS-Offiziersmütze mit Silberkordel und Totenkopf.

Das war das Ende aller Herrlichkeit. Hohn und Spott für einen gemeingefährlichen, anormalen, albernen Narren, der umgeben von größenwahnsinnigen, herzlosen Verbrechern ohne Seele und Gemüt Rassen ausrotten, eine Welt erobern und ausplündern, alles Vernünftige und Gerechte vernichten wollte und namenloses Elend über die Welt brachte. [...]

Wir sahen Autos mit amerikanischen, englischen Soldaten und französischen Offizieren in Begleitung von Wehrmachtshelferinnen im Offiziersrang, die sehr gute und kleidsame Uniformen trugen. In zerschossenen deutschen Offiziersautos auf der Leipzigerstraße lagen leere Sektflaschen. Auf der Potsdamer-Brücke am Lützow-Ufer mußten wir ein Weilchen warten, um eine englische Autokolonne vorbeizulassen. Es war aber unerträglich; das unter uns dahinfließende Wasser des Landwehrkanals brachte einen furchtbaren Leichengeruch mit.

Die Trümmerwüste Berlin, die größte Totenstadt Europas, ist in seiner grauenvollen Einmaligkeit nicht zu beschreiben. Das alles muß ein Mensch mit guten Nerven gesehen haben, um überhaupt zu begreifen, was sich hier abgespielt haben muß. [...]

Trümmer, Hunger, Scherben und Armut - das ist Berlin. Wir möchten es für lange Zeit nicht mehr sehen.

Empfohlene Zitierweise:
Deutmann, Karl: Berlin 1945, in LeMO-Zeitzeugen, Lebendiges Museum Online, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland,
URL: http://www.hdg.de/lemo/zeitzeugen/karl-deutmann-zerstoertes-berlin-1945.html
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