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Maria Chimirri: Erlebnisse nach dem Krieg

Dieser Beitrag wurde von Maria Chimirri (*1946) aus Berlin im Jahr 2000 verfasst.

Ich bin im Sommer 1946 in Syrakus auf Sizilien geboren. Meine Heimatstadt war ursprünglich eine sehr alte griechische Kolonie und gehörte zur Magna Grecia. Später tummelten sich viele verschiedene Völker und Kulturen auf Sizilien herum: Phönizier, Römer, Araber, Normannen, Schwaben, Franzosen und Spanier. So wurde die Insel zum Schmelztiegel für viele Völker, was den Einwohnern sehr wohl bewußt ist und sie mit Stolz erfüllt. Aber zu den alten Römern hatten die Sizilianer von Anfang an ein zwiespältiges Verhältnis: diese beuteten Sizilien und ihre natürlichen Ressourcen so gründlich aus, dass sich die Insel nie wieder davon erholte. Als Italien gegründet wurde - und sogar bis heute - war die äußere und innere Distanz zur Zentralregierung in Rom für die Insulaner immer sehr stark ausgeprägt. Nur im Ausland bezeichnet sich ein Sizilianer als "Italiener". Auch Mussolini und sein Faschismus konnte an diesem Umstand nichts ändern: was Mussolini sagte und in Rom entschieden wurde, hatte auf Sizilien kaum Bedeutung. Deshalb beorderte er Präfekten und Polizeichefs aus dem Norden nach Sizilien. Aber geholfen hat es kaum.

Ja, tagtäglich. Beim Essen, beim Spazierengehen, bei Familienfesten...eigentlich immer. Gespräche über Politik, die alte und jüngere Geschichte waren ganz selbstverständlich. Man diskutierte gern und hörte sich gern reden. Man durfte auch die Erwachsenen unterbrechen und jede Menge Fragen stellen. Aber so neugierig waren wir als Kinder und Jugendliche nicht. Allerdings kann ich mich gut daran erinnern, dass ich es schon komisch fand, dass alle ältere Verwandten so taten, als wären sie schon immer antifaschistisch gewesen oder - wenn sie im Norden wohnten - sogar in der "Resistenza". Aber wir wussten natürlich, dass es kaum wahr sein konnte oder dass sie zumindest kräftig übertrieben!

Sizilien hat durch den II. Weltkrieg nicht so viel zu leiden gehabt wie andere Gegenden Europas. Der Faschismus war verbreitet, die Mehrheit der konservativen Bürger erhoffte sich wohl eine wirksame Bekämpfung der Mafia, was nicht eintraf. Aber es herrschte eine relative Ruhe. Meine Mutter erzählte mir, wie schön es für sie gewesen sei, als "piccola Italiana" in Uniform zu exerzieren. Das war wohl die einzige kleine Freiheit, die Mädchen damals zugestanden wurde. Mein Vater erzählte ihr wohl als erster von der irren "schwarzen" Musik, die in Amerika herrschte und die man auch toll tanzen konnte. Aber diese Musik war verboten. Zu Hause gab es nur Opern und Klassik. So war das Wichtigste, als die Engländer in die Stadt kamen, dass sie Zigaretten, Süßigkeiten und amerikanische Musik mitbrachten! In Sizilien herrschte keine richtige Not, das Gasthaus meiner Oma war bescheiden, aber die Küche hatte einen guten Ruf, deshalb kamen oft deutsche Offiziere als Gäste. Auch nach dem Krieg blieben die Deutschen wohlgelitten, denn die Kommandierenden widersetzten sich dem Befehl, verbrannte Erde zu hinterlassen.

Erst nach der Befreiung wurde in der Familie bekannt, dass sich Flüchtlinge im Keller des Gasthofs befunden hatten. Fast zwei Jahre später durften diese nach Israel auswandern.

Die Aufbruchsstimmung wurde mir immer wieder sehr plastisch vor Augen gehalten. Es wurde viel gesprochen zu dieser Zeit und auch vorgelesen. Fernsehen hatten wir nicht. Wir hörten viel Radio. Es wurden auch Bücher über "Helden" des Antifaschismus, der Resistenza vorgelesen. Zum Beispiel "Christus kam nur bis Eboli", das war ein Lieblingsbuch von mir, bis heute eigentlich. Es geht um einen Regimekritiker, der "konfiniert" wurde, also in eine Gegend Italiens geschickt wurde, wo er der Regierung nicht schaden konnte. Sobald ich konnte, habe ich mir diese Gegend angeguckt. Außerdem liebten wir in den 50er Jahren die berühmten Filme von Fernandel, basierend auf den Geschichten Guarreschis. Darin werden die tragikomischen Auseinandersetzungen zwischen dem Priester und dem "roten" Bürgermeister eines kleinen Dorfes etwas klamaukartig dargestellt. Die Nachkriegszeit in Italien war gekennzeichnet vom Neo-Realismus als Kunstrichtung und in der Politik von dem Gegensatz zwischen Christlich-Demokraten und Kommunisten. Unsere "Großfamilie" war gespalten, genau so wie fast alle anderen Familien in dieser Zeit. Den Neo-Realismus habe ich erst als fast Erwachsene schätzen und lieben gelernt. Die endlosen politischen Diskussionen gehörten einfach dazu.

Eigentlich nicht. Der Kern der schönen alten italienischen Städte hatte den Krieg viel besser überstanden als ich später hier in deutschen Städten feststellen konnte. Nur eben das Problem mit dem Nord - Süd - Gefälle Italiens ist mir in Florenz schmerzlich bewußt geworden. Der Süden wurde vom reichen Norden ausgebeutet und gleichzeitig verachtet. Dies feststellen zu müssen, war für mich ein Schock.

Italien war das erste faschistische Land in Europa. In der Schule und zu Hause hatten wir schon viel gehört und gelesen: von Mussolinis gesammelten Schriften bis zu "Mein Kampf". Inzwischen hatte ich das Abitur in Südtirol gemacht und war schon mehrfach in den Ferien in Deutschland gewesen.

Trotzdem fragte ich mich immer wieder, wenn ich Leute kennenlernte: "War er/sie dabei gewesen?" Die Mauer des Schweigens, die ich vorfand, irritierte mich sehr. Es wurde mir mit den Jahren immer klarer, dass nur eine Minderheit an einer Demokratisierung des Landes interessiert war. Und dass kritische Minderheiten in Deutschland noch nie beliebt gewesen sind.

Im Übrigen: Vorurteil bedeutet, dass man urteilt, bevor die Sachlage bekannt ist. Wenn diese aber lange genug und gut genug bekannt ist, dann heißt es nicht mehr "Vorurteil".

Zur Person

Maria Chimirri wird 1946 in Siracusa (Syrakus, Sizilien) geboren und geht in Florenz zur Schule. Nach ihrem Abschluss der Oberschule 1964 in Bozen (Südtirol) zieht sie nach West-Berlin, wo sie seitdem wohnt. Sie heiratet 1966, nimmt 1968 die deutsche Staatsbürgerschaft an und absolviert eine kaufmännische Ausbildung. Chimirri arbeitet als Fremdsprachensekretärin und studiert von 1981 bis 1987 Geschichte, Französisch und Italienisch auf Magister. Bereits während des Studiums arbeitet sie als Übersetzerin, Dolmetscherin und Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache. Chimirri hat zwei Kinder. 1991 heiratet sie erneut und ist weiter berufstätig bis zu ihrer Pensionierung im Juli 2006.

Empfohlene Zitierweise:
Chimirri, Maria: Erlebnisse nach dem Krieg, in: LeMO-Zeitzeugen, Lebendiges Museum Online, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland,
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Zuletzt besucht am: 17.01.2018

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