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Rochus Zentgraf: Erinnerungen an die DDR

Dieser Eintrag wurde von Rochus Zentgraf (*1956) im August 2004 verfasst.

Kindheit in der DDR

Ich wurde 1956 in Gotha geboren, lebte aber mit meinen Eltern in Sonneborn, etwa 12 km von Gotha entfernt. Die erste politische Erinnerung, natürlich aus heutiger Sicht, denn damals wusste ich nicht mal, wie man Politik schreibt, war das Erlebnis meines 4. Geburtstages. Ich bekam am 29. Januar 1960 von meiner Mutter einen Teddybär zum Geburtstag geschenkt, der sogar noch heute existiert. Irgendwie, ich weiß nicht, warum, kam meine Mutter damals auf den Krieg zu sprechen. Dabei fielen zum ersten Mal die Namen Willy Brandt und Adenauer (Ja, genau so, Brandt mit Vornamen und Adenauer nur mit Nachnamen!). Von beiden behauptete meine Mutter: "Die wollen Krieg!" Ich stellte mir damals Adenauer als glatzköpfigen alten Mann, der immer nur: "Krieg, Krieg, Krieg" schrie, vor. Nun ja, in den frühen 60er Jahren lernte ich dann erstmals bewusst meine Großeltern, die Eltern meiner Mutter kennen, die im Westen wohnten und uns von da an regelmäßig besuchten.

West-Pakete

Durch die vielen Pakete, die damals zu uns kamen, waren wir immer recht gut gekleidet und gut bestückt mit Dingen des täglichen Bedarfs, meine Eltern mussten z.B. kaum Kaffee kaufen. Aber es ist ja eine Selbstverständlichkeit, wenn Eltern ihr Kind unterstützen, sei es materiell oder finanziell. Das ist ja auch heute noch so. Durch die Kriegsumstände war es sicherlich auch so, dass Kinder im Westen ihre Eltern im Osten mit Paketen und Geldzuwendungen unterstützten.

Umzug nach Gotha

Nun ja, wir zogen im Sommer 1960 nach Gotha in eine Neubauwohnung (wo ich bis heute mit meiner Mutter wohne) der AWG (Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft). Es waren die ersten Neubaublöcke, alles ringsum wurde dann später gebaut. Die Russenkaserne, eine ehemals deutsche Kaserne, war nicht weit entfernt, die Russen hatten auch einen Übungsplatz, nicht weit entfernt. Eines Tages, Anfang der 60er Jahre, ich erinnere mich noch genau, schlug auf dem Hof eines anderen Neubaublocks, etwa 50m entfernt von uns, wo wir als Kinder spielten, eine Übungshandgranate der Russen ein. Von da an wurde ein Zaun um unsere Blöcke errichtet, denn das war für viele ein Schock. Aber, dieses Ereignis blieb mir deshalb haften, weil gerade an diesem Tag ein Paket von dem Bruder meiner Mutter eintraf, wo die ersten Nylon-Hemden für meinen Bruder und mich von meinem Onkel, dem Bruder meiner Mutter, drin waren. Das war trotz des negativen Erlebnisses ein großes Ereignis, hatte ich doch bisher noch nie etwas von einem Bruder meiner Mutter gehört...

Später dann hat mein Onkel uns viel Gutes getan, und da er in diesen Tagen verstarb, denke ich noch mit großem Wohlwollen an die damalige Zeit zurück.

Lehrzeit und GST

Aber weiter. 1972, als 16jährigem, begann meine Lehrzeit. Auch hier wurden wir, wie schon in der Schulzeit, ideologisch geformt. Die sogenannte GST (Gesellschaft für Sport und Technik), eine Organisation, der wir beitreten mussten, um eine vormilitärische Ausbildung zu absolvieren, hat mich schon damals an die Erzählungen meines Vaters über die Hitler-Jugend und an den RAD meiner Mutter erinnert.

Zeit in der NVA

Es ist komisch, aber als ich später dann zur NVA einberufen wurde, der ich 3 Jahre lang diente, musste ich immer an meine Verwandten im Westen denken, vor allem an den Cousin meiner Mutter, der ja eigentlich meine Generation und nur 5 Jahre älter ist als ich, und was der wohl so gedacht hat bei seinem Dienst beim Bund. Heute weiß ich, dass er dem Staat Bundesrepublik Deutschland immer treu verpflichtet war, er konnte dort studieren, ist heute der Chef einer großen Brauerei. Das verdenke ich ihm auch nicht, mag ihn sogar sehr und glaube, auch ich würde nicht anders denken, wäre ich im Westen aufgewachsen.

Unerfüllter Berufswunsch

Eines bedaure ich aber bis heute: Mein größter Wunsch, Funkoffizier der Handelsflotte zu werden, erfüllte sich leider nicht. Ich habe zwar das Abitur an der Seefahrtsschule Wustrow machen können, durfte aber kein Funkoffizier werden, durch meine Verwandten im Westen. Das hat mich damals von der DDR abgekehrt und ich wünsche mir diese DDR nicht zurück. Allerdings, auch das muss ich sagen, kam die "Wende" für mich zu spät. Mein Leben wäre sicher anders verlaufen, wäre die "Wende" schon gekommen, als ich 20 war.

Empfohlene Zitierweise:
Zentgraf, Rochus: Erinnerungen an die DDR, in: LeMO-Zeitzeugen, Lebendiges Museum Online, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, URL: www.hdg.de/lemo/zeitzeugen/rochus-zentgraf-erinnerungen-an-die-ddr.html
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