Zeitzeugen > Nachkriegsjahre

Silvia Koerner: So erlebte ich die Nachkriegszeit in Berlin

Dieser Beitrag wurde von Silvia Koerner (*1938) aus Schweden im Jahr 2000 verfasst.

Hamsterfahrten in Berlin

Mutti war in der ersten Zeit, nachdem wir wieder nach Berlin zurückgekehrt waren, oft auf "Hamsterfahrt", um Lebensmittel zu beschaffen. Das bedeutete für meinen Bruder, meine Schwestern und mich (1945 im Alter von 10, 6 und 7 Jahren), daß wir sogenannte "Schlüsselkinder" waren. Mit dem Wohnungsschlüssel an einem Band um den Hals konnten wir nach Hause kommen, wann wir wollten. Wir waren uns selbst überlassen, bis Mutti wieder von der Hamsterfahrt zurück war und, wenn es gut gegangen war, auch etwas zu essen mitbrachte. Wann dies der Fall war, war immer abhängig davon, wie schnell sie bei einem Bauern irgendwo etwas bekam. Bestenfalls dauerte es nur einen Tag, schlimmstenfalls mehrere.

Obwohl Mutti oft unterwegs war, war sie die Einzige, die sich um uns Kinder kümmerte. Die meisten anderen Erwachsenen erlebte ich als große Egoisten, die nur mit sich selbst und ihren eigenen täglichen Problemen beschäftigt waren, wobei wir Kinder ihnen nur im Weg standen und lästig waren. Ihr Egoismus kam am stärksten zum Ausdruck in den langen Schlangen vor den Lebensmittelgeschäften, in denen ich mit den Abschnitten der Lebensmittelkarte in der Hand stand, um beispielsweise unsere tägliche Ration an Brot abzuholen. Dann spielte sich folgendes ab. Ich stellte mich, wie es sich gehört, hinten an. In der Regel dauerte es aber nicht lange, bevor die Frau oder der Mann hinter mir zuerst halblaut zu nörgeln begann, um dann immer lauter zu schimpfen und mich schließlich als freche Göre zu bezeichnen, die sich vorgedrängelt hatte. Schließlich mischten sich auch die anderen ein, und ich hatte alle in der Schlange gegen mich. Also stellte ich mich wieder hinten an.

Nachdem die Schlange zu wachsen begann und sich weiter vorwärts bewegte, ging alles wieder von vorne los. Immer wieder wurde ich zurückgedrängelt. Irgendwann stand ich dann aber doch vor einer Verkäuferin, die mir dann erzählte, daß das Brot alle sei und ich am nächsten Tag wiederkommen solle. Oder ich bekam zu hören, daß man an diesem Tag überhaupt keine Brotlieferung erhalten habe, statt dessen seien aber Sicherheitsnadeln, Schnürsenkel oder Seife eingetroffen!

Wenn ich nach einem derartigen Erlebnis nach Hause kam und Mutti berichtete, wie man mich immer wieder zurückgedrängelt hatte und daß das Brot alle war, ehe ich bedient wurde, oder daß überhaupt gar kein Brot geliefert worden war und ihr stolz ein Paar Schnürsenkel zeigte, dann hatte ich auch bei ihr nichts zu lachen!

Sehnsucht nach dem Vater

Mir wurde immer mehr bewußt, wie sehr die Erwachsenen gegen uns Kinder waren, und ich begann mich immer mehr nach meinem Vater zu sehnen. Diese Sehnsucht nach ihm gründete sich auf die vielen Ungerechtigkeiten der Erwachsenen mir und anderen Kindern gegenüber. So kam es, daß ich heimlich alles aufschrieb und die fromme Hoffnung hegte, ihm in absehbarer Zeit eines Tages meine Liste zeigen zu dürfen und daß er mich ganz bestimmt verstehen würde! Die Liste wurde im Laufe der Jahre sehr lang! Jahrelang stand mein Vater auch an erster Stelle in meinem Abendgebet. Ich bat: "Lieber Gott, mach mich fromm, daß ich in den Himmel komm. Behüte und beschütze bitte meinen lieben guten Papa und mach, daß er bald wieder gesund nach Hause kommt." Es dauerte also seine Zeit, bis ich begriff, daß es sinnlos war, Jahre nach Kriegsende Gott zu bitten, meinen Vater zu "behüten", zu "beschützen" und ihn "bald" und "gesund" wieder aus dem Krieg zurückkommen zu lassen. Als ich so weit in meinen Überlegungen gekommen war, landete die Liste im Mülleimer und mein Abendgebet umfaßte nicht länger meinen Vater.

Heute weiß ich, daß mein Vater an der Ostfront gekämpft hat; zuletzt, d.h. im Februar 1945, soll er in Sommerfeld/Guben eingesetzt gewesen sein. Das belegen Unterlagen vom Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes vom 12. Mai 1954. Seither fehlt jede Spur von ihm - er ist und bleibt vermißt.

Am Mittagstisch

Wir beteten übrigens auch vor jeder Mahlzeit. Diese Gebete leitete Mutti immer ein mit den Worten: "Komm Herr Jesus, sei unser Gast ...". Eines Tages aber, als besonders wenig Essen auf dem Tisch stand, kam sie nicht weiter, denn mein Bruder unterbrach sie vorwurfsvoll und sagte: "Nein, lade den nicht auch noch ein. Das Essen reicht ja nicht einmal für uns!" Am Mittagstisch geschah aber auch sonst so einiges, was sich nicht nur auf himmlische Vorkommnisse beschränkte, sondern sehr reale irdische Formen annahm. Das sah dann so aus: Ich saß neben meinem Bruder, und Mutti hatte das wenige Essen gerecht auf alle Teller verteilt. Wir hatten jeder einen Eierkuchen mit einem Klecks Sirup erhalten. Als wir gerade zu essen beginnen wollten, spuckte Dieter auf meinen Eierkuchen! Erstaunt und angeekelt guckte ich abwechselnd zu ihm und auf meinen Eierkuchen, bis es aus mir herausplatzte: "Den Eierkuchen will ich nicht essen!" Und gerade auf diese Reaktion hatte er ja gewartet. Schnell nahm er den bespuckten Eierkuchen, legte ihn auf seinen Teller und meinte nur: "Danke sehr, das kann ich gerne für dich tun!" Nach diesem Vorfall setzte mich zu den Mahlzeiten immer außer Reichweite für die Spuckattacken meines Bruders!

Wenn die Fenster unserer im Parterre gelegenen Wohnung geschlossen und die Gardinen zugezogen waren, beendeten wir Geschwister normalerweise jede Mahlzeit, indem wir unsere Teller ableckten. Jeder noch so kleine Essenrest wurde verwertet. Im Sommer jedoch, wenn die Fenster offen standen, konnten die Leute, die vorbeigingen, sehen, was und auch wie gegessen wurde. Wenn es dann so weit war, daß die Teller abgeleckt werden sollten, dann verschwanden unsere vier Köpfe und Teller unterhalb der Tischkante. So konnte keiner sehen, was wir taten und Mutti brauchte sich nicht für ihre vier unmanierlichen, unersättlichen Kinder zu schämen!

Hunger

Alle waren wir mehr oder weniger hungrig; einige waren es mehr, andere weniger. Doch da gab es auch noch jene, die extrem hungrig waren. Zu denen gehörte mein Bruder. In seiner Verzweiflung aß er manchmal auch etwas, von dem ich kaum zu träumen gewagt hätte, daß es überhaupt eßbar war! Dies erklärte teilweise auch, daß zu Hause immer wieder gewisse Sachen auf mysteriöse Art und Weise verschwanden und nie mehr zum Vorschein kamen. Wenn irgendetwas verschwunden war, fragte Mutti uns alle vier, aber jedesmal mit dem gleichen Ergebnis. Keiner wußte was, hatte was gesehen oder gehört. So fragte sie uns z.B. auch, ob wir uns wohl erklären könnten, warum die Zahnpastatube immer so schnell leer war. Mir war das schon klar, aber ich zog es vor zu schweigen. Ich tat es aus dem einfachen Grund, weil Dieter mir Dresche angeboten hatte, falls ich etwas verlauten lassen würde; und Dresche bekam ich eigentlich so schon genug, fand ich. Also erzählte ich keinem, daß ich ihn im Badezimmer erwischt hatte, wie er einen dicken Strang Zahnpasta in seinen Mund spritzte. Er aß Zahnpasta! Es war ihm egal, ob sie schmeckte oder nicht. Für ihn war es nur wichtig, daß er etwas in seinen Bauch bekam, was ihm zumindest das Gefühl gab, gegessen zu haben.

Aus Platzmangel in der Küche nahmen wir unsere gemeinsamen Mahlzeiten im Wohnzimmer ein. Das bedeutete, daß alles, was auf dem Tisch stehen sollte, aus der Küche ins Wohnzimmer getragen werden mußte. Manchmal passierte es aber, daß beispielsweise der Salzstreuer vergessen worden war. Unter "normalen" Verhältnissen würde man sagen: "Na und?" Nun muß man sich nur vor Augen halten, daß die Nachkriegsjahre eben nicht "normal" waren! Um einen vergessenen Gegenstand aus der Küche zu holen, wurde einer von uns damit beauftragt. Damit lief Mutti aber gleichzeitig Gefahr, daß derjenige, den sie unbeaufsichtigt in die Küche geschickt hatte, schnell etwas in den Mund stecken und hinunterschlucken konnte, bevor er wieder im Wohnzimmer war. Um dies zu vermeiden, waren viele Mütter auf die Idee gekommen, daß wir, auf dem Weg zur und von der Küche, pfeifen mußten! Da hieß es gehorchen und einzusehen, daß es unmöglich war gleichzeitig zu kauen und zu pfeifen!

Die Speisekammer

Die Speisekammer war ein Platz, der auf uns Kinder große magische Kräfte ausübte. Teils, weil ihre Tür fast immer verschlossen war, teils, weil wir uns gerade aus diesem Grund einbildeten, daß sich hinter der verschlossenen Tür alle möglichen herrlichen Leckerbissen verborgen hielten. Leckerbissen, die nur darauf warteten, daß wir an sie herankamen, und Dieter war in dieser Beziehung sehr erfinderisch, um dies in die Tat umzusetzen. Die Speisekammer besaß ein kleines Lüftungsfenster zum Balkon hin, das meistens immer nur angelehnt war. Durch dieses Fenster steckte er einen Ausklopfer, bis er damit die Innenseite der Tür erreichte. Dort hakte er den Ausklopfer am Riegel ein und zog ihn zurück. Die Tür war geöffnet! - und das Beste war - weder Tür noch Schloß wiesen irgendeine Beschädigung auf, was Mutti immer wieder verdutzte, wenn sie feststellten mußte, daß da etwas in der Speisekammer fehlte!

Eines Tages wurde ich Zeuge, wie Dieter wieder einmal die Speisekammertür auf eben beschriebene Weise geöffnet hatte und wie er etwas herausnahm, um seinen Hunger zu stillen. Ich stand neben ihm und konnte sehen, daß er von einem der unteren Regale ein Einmachglas mit Schraubdeckel genommen hatte. Es war durchsichtig und das, was darin war, leuchtete hellgelb und sah wie Honig aus. Dieter schraubte den Deckel ab, steckte seinen Zeigefinger in die goldglänzende zähflüssige Masse und leckte den Finger ab. Danach ging alles sehr schnell: Dieter begann einen Indianertanz aufzuführen, bei dem er fauchte und spuckte und mit den Armen herumfuchtelte. Erst, nachdem ich ihm ein großes Glas Wasser gegeben und er den Mund mit Wasser ausgespült hatte, kam er langsam wieder zu sich. Was war passiert? Was hatte er da gegessen? Antwort: SCHMIERSEIFE !!! Würde er aus diesem Erlebnis eine Lehre ziehen? Ja, das tat er tatsächlich. Er hatte gelernt, daß Mutti nur Waschpulver, Reinigungsmittel, Schuhputzmittel und ähnliches auf den untersten Regalen in der Speisekammer aufbewahrte. Lebensmittel, falls es nun überhaupt welche gab, befanden sich immer auf den oberen.

Oftmals war es für Mutti nicht einfach herauszufinden, wer von uns vieren etwas angestellt hatte und schuldig war. Wir sagten Halbwahrheiten und Unwahrheiten, führten hinters Licht und stritten alles ab oder erfanden Ausreden. Heute habe ich dafür eine Erklärung, warum wir so waren, damals hatte ich keine. Die Antwort liegt auf der Hand! Die Erwachsenen, die uns im Nachkriegs-Berlin umgaben, waren unsere Vorbilder. Wir taten letzten Endes nicht mehr oder weniger, als daß wir ihr eigenes Benehmen und Betragen nachahmten und folglich nur verkleinerte Spiegelbilder ihrer selbst waren. Sie logen und betrogen sie sich gegenseitig und uns und eigneten sich unrechtmäßig Sachen anderer an, was im Allgemeinen mit "organisieren" umschrieben wurde. All dies ging natürlich nicht unbemerkt an uns vorbei und machte später einen Teil meiner Freunde zu richtigen "Kleinverbrechern".

Das Verhalten der Erwachsenen

Nachfolgend ein Beispiel wie sich die Erwachsenen uns Kindern gegenüber benahmen.

Die Berliner Bevölkerung wurde u.a. zum Sammeln von Schrott aufgefordert. Buntmetall war besonders gefragt, wobei die am besten bezahlten Metalle Kupfer, Messing und Blei waren, die dringend für den Wiederaufbau benötigt wurden.

Nicht weit von unserem Wohnblock entfernt lag der in Schutt und Asche gelegte ehemalige Kasernenhof "General-Pape-Strasse". Er war eine "Goldgrube an Schrott". Dort befanden sich viele verschiedene Sorten Altmetall. Aber das Sammeln von Schrott auf dem Kasernenhof war nicht nur anstrengend, es war auch mit großen Gefahren verbunden, da die Gebäude, wie schon erwähnt, in Schutt und Asche lagen. Das Betreten dieser Ruinen war lebensgefährlich. Ihre noch stehenden Wände, die wie Skelette in den Himmel ragten, konnten einstürzen, und Balken, die aus ihren Befestigungen gerissen worden waren, hingen lose und verdreht herum oder wiesen in alle möglichen Richtungen. Es gehörte nicht viel dazu, um eine Wand einstürzen zu lassen. Manchmal reichte schon ein Wetterwechsel. Es konnte aber auch an uns liegen, wenn wir versuchten ein Stück Schrott herauszuziehen. Dann konnten sich die Steinmassen in Bewegung setzen und, wenn wir nicht aufpaßten oder rasch genug waren, hätten wir unter ihnen begraben werden können. Da der Kasernenhof aber bereits unser "Spielplatz" war, dachten wir nie an die Gefahren, denen wir uns aussetzten, wenn wir an Regenrinnen oder Fensterblechen zogen, die in all dem Gerümpel eingeklemmt waren. Dies galt auch für abgerissene Bleirohre, Kupferrohre oder Türgriffe aus Messing und vieles andere mehr. Alles verstauten wir in unseren Säcken und, wenn diese gefüllt waren, banden wir sie oben zu und brachten sie zu Herrn K. zum Verkauf.

Herr K. wohnte im ersten Stock eines Mietshauses in der Gontermannstraße und beschäftigte sich mit dem Kauf von Schrott. Aus diesem Grunde hatte er sich eine große Waage angeschafft und in der Küche auf dem Fußboden aufgestellt. (Heute denke ich, daß es einem Wunder gleicht, daß der Fußboden das Gewicht der Waage und das des vielen Schrotts ausgehalten hat.) Den aufgekauften Schrott verkaufte er später weiter an einen Händler mit Schrottplatz. Alles wäre so weit bestens gewesen, wenn uns Herr K. nicht übers Ohr gehauen hätte. Es dauerte einige Zeit, bis wir bemerkten, daß er seine Waage falsch, d.h. zu unserem Nachteil, eingestellt hatte. Er bezahlte uns zu wenig für unseren Schrott. Das konnten wir natürlich, nachdem wir es bemerkt hatten, nicht einfach so hinnehmen. Um eine rechtmäßige Bezahlung für das, was wir bei ihm ablieferten, zu erhalten, sahen wir uns gezwungen einen Ausgleich in der Gaunerei herzustellen. Aus Erfahrung wußten wir, daß er unsere Säcke nie öffnete und den Inhalt kontrollierte. Was war da wohl einfacher als Regenrinnen und Rohre mit Sand und Kies zu füllen und Herrn K. dafür ein paar Groschen bezahlen zu lassen?

Als auf dem Kasernenhof kein Schrott mehr zu holen war, machten wir uns daran, Türgriffe und Briefklappen aus Messing von Wohnungstüren abzumontieren. Gefährlich war auch dies, allerdings auf andere Weise als auf dem Kasernenhof, denn in den Wohnungen wohnten ja Leute. Schnappten sie uns, gab es keine Gnade. Dann hagelte es Ohrfeigen und wurde an den Ohrläppchen gezogen, bis es einem schwarz wurde vor den Augen!

Empfohlene Zitierweise:
Koerner, Silvia: So erlebte ich die Nachkriegszeit in Berlin, in: LeMO-Zeitzeugen, Lebendiges Museum Online, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland,
URL: http://www.hdg.de/lemo/zeitzeugen/silvia-koerner-so-erlebte-ich-die-nachkriegszeit-in-berlin.html
Zuletzt besucht am: 17.07.2018

lo