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Werner Müller: Propagandaphotograph in Nordvietnam

Dieser Beitrag wurde von Werner Müller (1925-1999) aus Kehl (später Thailand) verfasst.

Die deutsche Fremdenlegion in Vietnam

Es wurde schon viel über die französische Fremdenlegion geschrieben, aber noch wenig über die Deutschen, die in Vietnam auf der anderen Seite standen. Verständlich, denn fast alle sind tot - gefallen, durch Krankheiten im Dschungel dahingerafft oder vom Raubwild angefallen und getötet. Auch hier hat der Dschungel längst die Gräber überwuchert. Nur einige wenige der dort kämpfenden Deutschen kehrten 1954 über China in die DDR zurück. Ich konnte erst viele Jahre später in unsere Heimat der Bundesrepublik zurückkehren.

Ein "heißes Eisen"

Die Fremdenlegion war schon immer ein heißes Eisen, die ihr Kanonenfutter aus allen Herren Länder, sei es mit Druck aus den Gefangenenlagern des Weltkriegs oder durch freiwillige Unterschrift, engagierten, und meistens waren es Deutsche, die auf ferner, fremder Erde ihr Blut gaben. Die Totenlisten - Mort pour la France -, herausgegeben vom französischen Kriegsministerium, sind ein beredendes Zeugnis davon. Zu spät hat man dann eingesehen, zu was man ein Teil seines Lebens verkaufte. Viele wurden zum Deserteur, doch wie wenige hatten das Glück durchzukommen.

Beitritt in die Fremdenlegion nach der Kriegsgefangenschaft

Auch ich war in französischer Kriegsgefangenschaft und kam mehr oder weniger freiwillig über den legendären weißen Strich in die Fremdenlegion und so in den Indochina-Krieg. Ich bezahlte dies mit Jahren der Hölle. Als Gefangener der Vietminh trat ich - um zu überleben - in den Dienst der vietnamesischen Armee ein. Ich wurde wieder Soldat, nahm den vietnamesischen Namen Dong Thi Duc an und war als Photograph mehrere Jahre in offizieller Mission für die Nordvietnamesen in ihrem Befreiungskampf gegen die Franzosen unterwegs. War man ein Verräter? Hatte man Gewissensbisse gegenüber der "Grande Nation"? Nein! Höchstens hatte man das eigene Vaterland vergessen.

Keiner der Deutschen wurde gezwungen, gegen seine Landsleute in der Fremdenlegion - manche Einheiten bestanden zu 90 Prozent aus Deutschen - mit der Waffe zu kämpfen. Für die kommunistischen Vietnamesen verkörperte ich Ostdeutschland und niemand wußte, daß ich aus dem sogenannten kapitalistischen Westen komme, was ihnen auch sicherlich egal gewesen wäre; die Hauptsache, ich kämpfte für ihre Idee.

Lieder vom Freiheitskampf

An einem Abend, als unsere Einheit zusammensaß, erwartete man von mir ein Lied. Da mir im Moment nichts besseres einfiel, singe ich von Lilli Marlen "Vor der Kaserne, vor dem großen Tor", ich tituliere es als Lied vom Freiheitskampf der deutschen Jugend. Da der Beifall sehr groß war und ihnen die Melodie gefiel, singe ich noch als Zugabe ein altes Fallschirmjägerlied: "Auf Kreta in Sturm und in Regen".

In dem Glauben, daß niemand diese Lieder je gehört hat und da ich sie als Freiheitslieder deklariert hatte, bin ich mit diesem Abschluss sehr zufrieden. Eine halbe Stunde später werde ich von einem älteren vietnamesischen Soldaten angesprochen, den ich die vier Taschen seiner Jacke als Offizier erkennen kann. Er stellt sich als Arzt dieser Einheit vor, erst im besten Französisch und dann mit einem leidlichen Deutsch. Wie er mir erzählt, war er als Arzt in der französischen Armee in Deutschland, während und nach dem Krieg; er kennt Konstanz, Baden-Baden und Heidelberg. Wir sitzen noch lange zusammen in dieser Nacht und erzählen von meiner Heimat. Ich war glücklich, wieder meine Landessprache sprechen zu können, und er war sichtlich froh, seine Sprachkenntnisse an den Mann bringen zu bringen.

Als wir uns die Hände schütteln und viel Glück für die Zukunft wünschen, sagt er noch: "Dong thi Duc, ich bin den ganzen Abend schon am überlegen, ob ich Ihre Lieder nicht schon irgendwo gehört habe, bei einem Jugendfestival in Moskau, wo ich auch war, oder sonst an einem anderen Ort."

Ich verabschiede mich schnell und schicke ein Stoßgebet zum Himmel, möge dem Mann nie einfallen, wann und wo er meine sogenannten "Freiheitslieder der deutschen Jugend" gehört hatte. Doch läßt mich der Verdacht nicht los, da ich die Vietnamesen und ihre Höflichkeit Fremden, sogar Feinden gegenüber, nur zu gut kenne, daß der Mann vielleicht ganz genau weiß, was ich gesungen hatte.

Viele deutsche Fremdenlegionäre waren Kriegsgefangene

Viele Deutsche, die in Nordvietnam gegen die Franzosen mitkämpften, waren wie ich Kriegsgefangene, die nach dem Zweiten Weltkrieg von den Franzosen in die Fremdenlegion geschickt wurden und dann zu den Nordvietnamesen flüchteten. Eine große Anzahl von Deutschen im Dienst der vietnamesischen Armee sind in Kämpfen mit Franzosen gefallen. Auch viele deutsche Fremdenlegionäre, die in unseren Lagern als Kriegsgefangene waren, kamen durch Bombenabwürfe oder Feindseligkeiten der Franzosen, für die sie gekämpft hatten, ums Leben.

Ich wußte auch von zwei Deutschen, die von Ho Chi Minh adoptiert worden sind und deshalb nach dem vietnamesischen Führer mit Ho Chi Sen und Ho Chi Long benannt wurden. Der Erste war als Kämpfer bekannt, der Zweite als eine Fehlentscheidung Ho Chi Minhs.

"Vietnam moi" - Neuvietnamesen

Alle Europäer, sofern sie sich der Zwangslage entsprechend für die nordvietnamesische Seite entschieden hatten, waren "Vietnam moi", Neuvietnamesen. Jene mit Funktionen waren nach vietnamesischem Gesetz verheiratet und fast alle Frauen waren in der Armee. Jedoch die wenigsten hatten sich mit deren Politik infiziert, was auch vielen das Leben kostete. Für die meisten war der Dschungel und die Küste des Chinesischen Meeres nur ein großes Abenteuer.

Einige Deutsche blieben nach dem Krieg als Dolmetscher für die Handelspolitische Abteilung der DDR da. Zwei Konvois von Deutschen gingen nach dem Krieg über China in die DDR, insgesamt ca. 300 Mann.

Mit dem Bananenschiff nach Hongkong

Nachdem man wußte, was ich für eine Meinung hatte und daß ein Teil von uns Deutschen in die Bundesrepublik zurückkehren wollte, waren unsere Zusammenkünfte immer sehr frostig. Man sagte uns auf dem Konsulat der DDR, daß wir die Politik nicht verständen, doch man brauchte unsere Sprachkenntnisse. Mit Hilfe der Engländer, die dort noch konsularisch vertreten waren, sowie der Waffenstillstandskommission konnte ich das Land mit einem Bananenschiff Richtung Hongkong verlassen.

Als ich Nordvietnam im Jahre 1958 verlassen hatte, verblieben dort noch einige deutsche Staatsangehörige: Schenzi, Pick, Wenzel, Duc Viet genannt, und Cement. Sie alle hatten es bis zum Grade eines höheren Offiziers der vietnamesischen Armee gebracht.

Das Schicksal meiner Freunde

Schenzi, der während der Kampfhandlungen als engster Mitarbeiter und Freund von Ho Chi Minh bekannt war, kam schon einige Jahre vor dem Widerstand gegen die Franzosen in das Land. Man sagte, er wurde von den Japanern gefangen genommen, später befreit und organisierte auf der Seite der Vietminh von Beginn an den Widerstand gegen die Franzosen. Nach dem Waffenstillstand war er verantwortlich für die damals einzige vietnamesische Zeitung "Nhan dan".

Pick, ein Berliner, war an verschiedenen Kampfhandlungen beteiligt. Zuletzt war er Verbindungsoffizier in den Gefangenenlager zu dem Büro Zentral, das für sämtliche Europäer zuständig war.

Cement - er behauptete, Deutscher zu sein, war der Sprache nach aber Wiener - unterlief bei einem Kommandounternehmen ein Fehler. Er sollte den französischen Gouverneur des Sektors Turan erschießen, irrtümlicherweise erwischte er seinen Stellvertreter; trotzdem erhielt er eine der höchsten vietnamesischen Auszeichnungen. Er blieb in Vietnam, war aber in Ungnade gefallen.

Empfohlene Zitierweise:
Müller, Werner: Propagandaphotograph in Nordvietnam, in: LeMO-Zeitzeugen, Lebendiges Museum Online, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland,
URL: http://www.hdg.de/lemo/zeitzeugen/werner-mueller-propagandaphotograph-in-nordvietnam.html
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